19.05.1997

GESTORBENMarco Ferreri

68. Auch mit seinen leisen, zärtlichen Filmen sorgte der aus Mailand stammende Regisseur für Aufruhr. Als Ferreris Hommage an eine sexuelle Liebe im Alter, "Das Haus des Lächelns", 1991 auf der Berlinale den Goldenen Bären gewann, spaltete sich das Publikum in fanatische Freunde und lautstarke Gegner des Films. Ähnlich erging es schon Ferreris bekanntestem Werk "Das große Fressen", in dem sich vier Männer willentlich zu Tode saufen, fressen und kopulieren. Die Groteske, die schließlich zum Kultfilm der siebziger Jahre avancierte, war zunächst wegen der alle Geschmacksgrenzen überschreitenden Drastik der Szenen heftig umstritten. Aber der Wilde des italienischen Neorealismus ließ sich auch von scharfer Kritik nicht verschrecken. Er blieb seinem Stil der provokanten Übertreibung treu. Diskretion oder Anspielung waren nicht seine Sache, Ferreri trieb seine Protagonisten konsequent ins Delirium einer unstillbaren Gier und machte sie so zu Prototypen einer Gesellschaft, die sich im Selbstekel erkennt. Marco Ferreri starb am 9. Mai in Paris an einem Herzinfarkt.
Von Kleinau und

DER SPIEGEL 21/1997
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