26.05.1997

TERRORISTEN„Ich habe dieses Land gehaßt“

In Zürich versammelten sich über Pfingsten ehemalige Terroristen zum Nostalgietreffen. Auch nach zusammen 65 Jahren Knast gab es nur verhaltene Selbstkritik, wurde die Gewalt zu rechtfertigen gesucht. Von den Opfern sprach niemand.
Auf dem Podium sitzen adrett gekleidete Mittvierziger - eine Frau, drei Männer - und diskutieren über Politik. Sie sind redegewandt, manchmal auch witzig, sie kennen sich in der Geschichte aus, und sie sind sich nicht immer einig.
Sie könnten Lehrer sein oder Hochschulassistenten, vielleicht auch Sachbearbeiter bei einer Versicherung. Ihr Umgangston ist von ausgesuchter Höflichkeit: Keiner fällt dem anderen ins Wort, jeder darf ausreden.
Scheinbar eine Talkrunde wie tausend andere. Das Wort "Politik" geht den vieren flott und locker von den Lippen: Mal ist von "persönlicher Politisierung" die Rede, mal von der "notwendigen Aufarbeitung politischer Geschichte", dann wieder von "fehlenden politischen Konzepten".
Ungewöhnlich sind allerdings die Mittel, mit denen die Diskussionsteilnehmer ihre politischen Ziele einst durchzusetzen versuchten - mit Maschinengewehren, Handgranaten, Revolvern und selbstgebastelten Bomben.
Was da über Pfingsten in der Schweizer Metropole ablief, war ein Nostalgietreffen der besonderen Art: Einstmals steckbrieflich gesuchte Terroristen aus Deutschland betrieben auf Einladung des Zürcher Kulturvereins "Rote Fabrik" Vergangenheitsbewältigung.
"Ich habe dieses Land gehaßt", begründet Karl-Heinz Dellwo, heute 45, warum er sich Mitte der siebziger Jahre dem bewaffneten Kampf der Roten Armee Fraktion (RAF) anschloß. "Wir wollten die Nervenknoten der Herrschenden treffen", ergänzt Roland Mayer, 43, ebenfalls ehemaliger RAF-Aktivist, der inzwischen in einer Frankfurter Weinhandlung arbeitet.
Knut Folkerts, 45, Ex-RAF-Mann, legt Wert auf den Hinweis, er habe "die Angriffe auf Buback, Ponto und Schleyer" mit vorbereitet. Gabriele Rollnik, 47, früher organisiert in der Bewegung 2. Juni, heute Betreuerin für verwahrloste Kinder, bezeichnet den bewaffneten Kampf noch immer "als Mittel, das benutzt werden mußte in dieser geschichtlichen Phase".
Applaus. In der "Roten Fabrik", die von der Stadt Zürich bezuschußt wird, haben die Gäste aus Deutschland ein Heimspiel. Das Schweizer Publikum, vorwiegend jung, überwiegend streng links, ist mit großen Erwartungen zur Podiumsdiskussion über das Thema "Der Aufbruch war berechtigt" gepilgert.
Manche Besucher haben sich ausstaffiert, als sei die Zeit 1970 stehengeblieben: Sie tragen lange, wallende Gewänder oder abgewetzte, uniformähnliche Jacketts. Einer sieht genauso aus wie der junge Bob Dylan in dem Western über den Revolverhelden "Billy the Kid".
Von Schußwaffengebrauch wurde an den Pfingsttagen viel geredet in der früheren Seidenweberei am Zürisee, die von einem riesigen Schornstein überragt wird. "Schickeria und Schleimer raus", haben Sprayer an eine Außenwand gesprüht.
Zur zehn Tage andauernden Debatte über die "bewaffnete und militante Politik der Linken" reisten auch ehemalige Terroristen aus Italien an, sogar den "militanten linken Gruppierungen in der Schweiz", von deren Existenz außerhalb der Alpenrepublik bisher kaum jemand wußte, war eine Veranstaltung gewidmet.
Beim Auftritt der vier Deutschen reichen die Stühle nicht aus. Etliche der über 500 Zuhörer wollen von den legendären Kadern genau wissen, wie die damals das Ding mit dem bewaffneten Kampf gewuppt haben, ob nicht so manche der alten Erfahrungen für eine neue revolutionäre Praxis taugen. Zu Unruhe, ja Unmut kommt es prompt dann, wenn auf dem Podium statt dessen Begriffe wie "Niederlage" oder "Scheitern" fallen, wenn sich die ehemaligen Militanten bei ihrer Nabelschau dem Verdacht aussetzen, zu schlappen, resignierten Veteranen verkommen zu sein.
"Nicht nur wir sind gescheitert, sondern die gesamte Linke", verteidigt sich Gabriele Rollnik. Pfiffe, ein einzelnes "Buh". "Was ist denn als positives Ergebnis eures Kampfes geblieben?" fragt ein erboster Zuhörer.
Die Antwort fällt nicht ganz leicht. "Vielleicht das Beispiel unserer Kompromißlosigkeit", vermutet Dellwo nach längerem Zögern. "Schlimmer wäre, es nicht wenigstens versucht zu haben", druckst Mayer, die drei anderen nicken. Und, ergänzt Mayer, "es war ein berechtigter Versuch".
Für den die Akteure schwer büßen mußten: Die vier auf dem Podium haben insgesamt 65 Jahre hinter Gefängnismauern verbracht. Dellwo saß über 20 Jahre wegen des Überfalls auf die deutsche Botschaft in Stockholm, bei dem im April 1975 vier Menschen starben, Folkerts 18 Jahre wegen der Morde an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seinen beiden Begleitern im April 1977. Mayer verbüßte wegen Banküberfällen in Köln, Hamburg und Wien 12 Jahre. Gabriele Rollnik mußte unter anderem wegen der Entführung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz 1975 für 15 Jahre hinter Gitter.
Die lange Haft, teilweise in strenger Isolation, hat die Bereitschaft zur Selbstkritik nicht gefördert. "Ich werde mich nicht schäbig von meiner Geschichte distanzieren", verkündet Folkerts unter Beifall. Er nahm an mehreren Hungerstreiks teil, lag einmal auf der Intensivstation, wäre fast gestorben, wurde erst vor eineinhalb Jahren entlassen. "Ich bereue auch nichts." Jetzt ist er arbeitslos.
Karl-Heinz Dellwo, schon seit über zwei Jahren draußen, wirkt weit weniger versteinert. Er wagt, offen auszusprechen, woran es den selbsternannten Revolutionären stets fehlte: am Rückhalt in der Bevölkerung und an konkreten Vorstellungen, wie die neue Gesellschaft nach Zerschlagung des verhaßten Staates aussehen sollte.
"Wir haben uns zu wenige Gedanken gemacht, warum so viele Leute mit den Zielen des Kapitalismus übereinstimmen, mit Kaufen, mit Verkaufen, mit Konkurrenz", gesteht er. "Die Verhältnisse waren für den revolutionären Kampf nicht reif."
"Wir hätten mehr nach dem Bewußtsein der Leute gucken müssen", räumt auch Gabriele Rollnik ein. Die Strategie sei jedoch eine andere gewesen: "Wir wollten erst mal handeln. Durch unsere Taten, sagten wir uns, ändert sich dann auch das Bewußtsein."
Diese Rechnung ging seinerzeit auf - wenn auch nicht so, wie die Untergrundkämpfer hofften: Die Morde und Attentate brachten selbst solche Linke, die den Widerständlern anfangs mit Sympathien begegnet waren, gegen die Militanten auf.
"Die Linke hat sich seit damals zurückentwickelt", konstatiert Folkerts verbittert. "Schon Ulrike Meinhof wurde von einem linken Lehrer verpfiffen, nachdem ein linker Professor zum Verrat aufgerufen hatte. Später waren ehemalige Genossen als Minister im Fernsehen zu sehen."
Den Zeitsprung von den siebziger Jahren in die Neunziger haben die Ex-Extremisten noch nicht verarbeitet. Die neue Realität - Wiedervereinigung, Digitalisierung, Massenarbeitslosigkeit - finden sie noch unerträglicher als die alte, gegen die sie Bomben legten.
"Alles ist schlimmer geworden", klagt Gabriele Rollnik. "Die Ausbeutung ist noch brutaler, die Spaltung der Gesellschaft noch viel tiefer als früher."
Aber weil der bewaffnete Kampf passé ist und die Linke so gut wie tot, herrscht Ratlosigkeit, was gegen diese Zustände zu tun sei. "Wir würden ja weitermachen, wenn wir etwas finden würden", orakelt Dellwo. Zur Zeit sucht er einen Job.
Manches war tabu in der Kulturfabrik. Kein Wort fiel über den gewaltsamen Tod der RAF-Häftlinge Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin im Stammheimer Hochsicherheitstrakt 1977. Die Ex-Terroristin Irmgard Möller, einzige Überlebende des Dramas, beharrte erst vor kurzem im SPIEGEL (17/1997) auf ihrer Darstellung, es habe sich um staatlich befohlenen "Mord" gehandelt.
Doch obwohl im Zuhörerraum längst nicht mehr alle an die Mordversion glauben, sondern von Selbstmord ausgehen, wurde zu Stammheim keine einzige Frage gestellt. Irmgard Möller, die ursprünglich kommen wollte, hatte abgesagt.
Nach den Opfern des Terrorismus, nach den Toten und ihren Angehörigen, fragte ebenfalls niemand. Die Gewaltdiskussion wurde nur abstrakt geführt: "Es war Teil unserer Konzeption, herausragende Repräsentanten in ihrer Existenz anzugreifen."
Das klang fast so, als wären nicht Menschen aus Fleisch und Blut gestorben, sondern Figuren in einem imaginären Spiel verschoben worden. Karl-Heinz Dellwo wurde als einziger konkret: "Wir haben in Stockholm zwei Menschen erschossen."
"Noch Fragen an die Referenten?" forscht die Diskussionsleiterin, die grüne Feministin Halina Bendkowski aus Berlin. Ein junger Schweizer meldet sich: "Sagt mal, woher hattet ihr eigentlich eure Waffen?"
* Brennende deutsche Botschaft, am 24. April 1975.
Von Bruno Schrep und

DER SPIEGEL 22/1997
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