26.05.1997

Jagd im Untergrund

Immer noch auf der Fahndungsliste der Justiz: SS-Schergen, Ärzte, Nazi-Mörder
Nach Kriegsende tauchten Tausende NS-Verbrecher unter. Sie gingen, unterstützt von Fluchthilfeorganisationen und der katholischen Kirche, ins Ausland oder lebten als Illegale in Deutschland unter falschem Namen. Viele werden immer noch mit Haftbefehl gesucht - wie etwa:
ARIBERT HEIM, Jahrgang 1914, befindet sich seit September 1962 auf der Flucht. Dem früheren SS-Hauptsturmführer und Mediziner wird vorgeworfen, als Revierarzt im KZ Mauthausen "in einigen hundert Fällen" Häftlinge ermordet zu haben - mittels "sofort tödlich wirkender" Injektionen in die Herzkammern oder durch operative Eingriffe "bei vollem Bewußtsein" der Patienten. Einem an schwerer Entzündung am linken Unterschenkel erkrankten KZ-Insassen habe Heim den "Bauch in ganzer Länge aufgeschnitten und daraus Gedärme, die Leber und die Milz entfernt, worauf das Opfer unter entsetzlichen Qualen verstorben" sei. Für Heim sei "bereits die erkannte jüdische Herkunft eines Häftlings ein ausreichender Grund für dessen Tötung" gewesen, formulierte der Staatsanwalt in seiner Anklageschrift.
Heim, ein gebürtiger Österreicher, arbeitete nach dem Krieg als Gynäkologe in Mannheim und Baden-Baden. Anfang 1958 erwarb er ein großes Mietshaus in West-Berlin. Der Arzt tauchte unter, als er von den Mordermittlungen gegen sich erfuhr. Bis 1978 kassierte er über dunkle Wege die Mieten für sein Haus, dann zog die Justiz das Eigentum ein.
Geheimdienstler wähnten Heim 1967 als "Polizeiarzt in Ägypten". Kriminalisten glauben, daß er "irgendwo im Grenzgebiet von Deutschland, der Schweiz und Österreich lebt, unter Falschnamen". Der Haftbefehl des Landgerichts Baden-Baden gegen Heim stammt vom 26. Februar 1980.
GERHARD THIELE, Jahrgang 1909, war Lehrer und Kreisleiter der NSDAP. Er soll für die Ermordung von 1016 KZ-Häftlingen bei Gardelegen (Altmark) verantwortlich sein. Am 13. April 1945, nur wenige Stunden, bevor damals die Amerikaner in die Altmark einmarschierten, wurden die Häftlinge aus dem über 100 Kilometer entfernten KZ-Nebenlager Rottleberode in einer Feldscheune zusammengepfercht. Angeblich sollten sie aus der Kampfzone herausgebracht werden. In Wirklichkeit lautete der Befehl: Liquidierung.
"In der Mitte der Scheune war loses Stroh aufgeschichtet", erinnerte sich der Zeuge Stanislaw Majewicz. "Ich nahm sofort Benzingeruch wahr." Ein Komplize Thieles entzündete das Stroh, lief aus der Scheune, die Tore wurden geschlossen, durch Dachluken flogen Handgranaten ins Innere. Wer zu fliehen versuchte, wurde erschossen. Nur 33 Männer überlebten das Massaker. Die Opfer stammten aus elf Nationen.
Gegen Thiele ermittelten in den sechziger Jahren die Staatsanwaltschaften Magdeburg und Göttingen. Seine 1970 vernommene Ehefrau Rosemarie erklärte, ihren Mann "seit dem 14. April 1945 nicht mehr wiedergesehen" zu haben - dem Tag nach dem Massaker. Das Kreisgericht Gardelegen hat am 7. Oktober 1991 erneut gegen Thiele Haftbefehl erlassen, seither ist er zur Festnahme ausgeschrieben.
ROLF GÜNTHER, Jahrgang 1913, fungierte als Stellvertreter Adolf Eichmanns in der Abteilung IV B 4 ("Judenreferat") des Berliner Reichssicherheitshauptamts (RSHA). Der SS-Sturmbannführer sei, so ein NS-Papier, "maßgebend an dem Aufbau der ersten Zentralstelle für jüdische Auswanderung beteiligt" gewesen und in der Folgezeit "bei allen übrigen neuen Einrichtungen der in der Judenfrage tätigen Dienststellen herangezogen" worden. Zeitweise organisierte er zusammen mit dem ebenfalls immer noch gesuchten Eichmann-Vertrauten Alois Brunner (SPIEGEL 49/1996) die Deportationen der Juden aus Saloniki ins Vernichtungslager Auschwitz.
Günther soll sich, so die vage Aussage eines Zeugen, Mitte August 1945 im US-Kriegsgefangenenlager Ebensee vergiftet haben. "Über die Identität", berichtet der Zeuge in einer eidesstattlichen Versicherung, habe "für mich kein Zweifel" bestanden. Für andere schon: Günther soll in den sechziger Jahren in Argentinien gesehen worden sein, in München und in Dänemark, sein Deckname: Nils Ohlsen. Der jüngste Hinweis auf Günther, gegen den seit 1973 ein Haftbefehl wegen seiner verbrecherischen Tätigkeit für das RSHA besteht, datiert vom 15. Januar 1990.
* Opfer des Nazi-Massakers in einer Scheune bei Gardelegen in der Altmark.
Von Bönisch und

DER SPIEGEL 22/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 22/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Jagd im Untergrund

Video 03:43

Frauen ans Steuer Wahrer Fortschritt in Saudi-Arabien?

  • Video "Webvideos der Woche: Das könnte teuer werden...." Video 02:32
    Webvideos der Woche: Das könnte teuer werden....
  • Video "Audio-Aufnahme von weinenden Kindern: Das amerikanische Volk muss das hören" Video 01:19
    Audio-Aufnahme von weinenden Kindern: "Das amerikanische Volk muss das hören"
  • Video "Seine Frau ließ ihn nicht: Mexikaner schleifen Kumpel zur WM (als Pappfigur)" Video 01:32
    Seine Frau ließ ihn nicht: Mexikaner schleifen Kumpel zur WM (als Pappfigur)
  • Video "Geheimdienst bedrängt Moskauer Studenten: Sie wollen, dass wir Angst haben" Video 02:58
    Geheimdienst bedrängt Moskauer Studenten: "Sie wollen, dass wir Angst haben"
  • Video "Russische Hooligans: Dieses brutale Image" Video 02:57
    Russische Hooligans: "Dieses brutale Image"
  • Video "Freigelassene Sexualstraftäter: Tausende Spanierinnen protestieren voller Wut" Video 02:19
    Freigelassene Sexualstraftäter: Tausende Spanierinnen protestieren voller Wut
  • Video "Umfrage zu Strafzöllen auf Harleys: Ich würd's trotzdem kaufen" Video 01:38
    Umfrage zu Strafzöllen auf Harleys: "Ich würd's trotzdem kaufen"
  • Video "Melania Trumps #Jacketgate: Sie verhält sich wie ein Teenager" Video 01:45
    Melania Trumps #Jacketgate: "Sie verhält sich wie ein Teenager"
  • Video "US-Polizeivideo: Mutiger Cop befreit Bären aus Auto" Video 00:34
    US-Polizeivideo: Mutiger Cop befreit Bären aus Auto
  • Video "Fährunglück: Schiff kracht in Pier" Video 00:46
    Fährunglück: Schiff kracht in Pier
  • Video "Ehrgeizige Vision: Norwegen will Inlandsflugverkehr elektrifizieren" Video 01:23
    Ehrgeizige Vision: Norwegen will Inlandsflugverkehr elektrifizieren
  • Video "Leben in Russland: Meine Kinder haben hier keine Zukunft" Video 03:33
    Leben in Russland: "Meine Kinder haben hier keine Zukunft"
  • Video "Wolkenbruch im Video: DAS ist ein Regenguss" Video 00:51
    Wolkenbruch im Video: DAS ist ein Regenguss
  • Video "Versteigerung Ferrari 250 GTO: Gebrauchtwagen für 39 Millionen Euro" Video 01:29
    Versteigerung Ferrari 250 GTO: Gebrauchtwagen für 39 Millionen Euro
  • Video "100-Tage-Bilanz der GroKo: Gibt es noch eine Union in 100 Tagen?" Video 03:17
    100-Tage-Bilanz der GroKo: "Gibt es noch eine Union in 100 Tagen?"
  • Video "Migranten vor der US-Grenze: Ich habe Angst" Video 02:17
    Migranten vor der US-Grenze: "Ich habe Angst"
  • Video "Standpauke von Macron: Du sprichst mich bitte mit 'Herr Präsident' an!" Video 00:55
    Standpauke von Macron: "Du sprichst mich bitte mit 'Herr Präsident' an!"
  • Video "Frauen ans Steuer: Wahrer Fortschritt in Saudi-Arabien?" Video 03:43
    Frauen ans Steuer: Wahrer Fortschritt in Saudi-Arabien?