02.06.1997

Der Erzbischof aus Frankfurt

Die einen verehren den Bundesbankpräsidenten als Hüter der Mark, die anderen hassen ihn als Symbol eines kalten Kapitalismus: Hans Tietmeyer ist die Idealbesetzung eines Amtes, das seinem Inhaber höchste Autorität im Land verleiht. Von Jan Fleischhauer
Natürlich liebt er Beethoven, diesen ernsten, erhabenen Ton. Die leichtfüßigen Kadenzen eines Mozart sind ihm wahrscheinlich zu verspielt, die Wagnerschen Opernwelten mit ihrer aufgeblasenen Mystik zu exzentrisch. Hans Tietmeyer hat es gern tiefgründig und gediegen, richtig schön deutsch eben.
Eines seiner Lieblingswörter ist "Stabilitätskultur", die pflegt er auch im Privaten. Seine Villa im Taunus hat er mit schwerem Holzmobiliar ausgestattet, den Urlaub verbringen Tietmeyers seit Jahren am Chiemsee, stets im selben Ferienhaus. Und wo andere, ganz trendbewußt, Golf oder Tennis als Ausgleichssport wählen, bleibt der Präsident der Deutschen Bundesbank dem Pingpong treu, einer Disziplin, in der er es als Student immerhin zum nordrheinwestfälischen Landesmeister gebracht hat. Der einzig wahre Ausgleichssport ist einem wie ihm eh die Arbeit.
Doch wer will ihm daraus einen Vorwurf machen? Und was darf man anderseits auch Glamouröses erwarten von einem Mann, der sich ungefragt mit einer "westfälischen Eiche" vergleicht, weil ihm "Birke und Weide", beispielsweise, zu "beweglich" erscheinen? Der sich selber die "leichtere Art" abspricht und darauf erkennbar stolz ist?
Hans Tietmeyer jedenfalls, das macht er jedem binnen weniger Minuten klar, ist keiner dieser geschmeidigen, geschniegelten Erfolgsmenschen, deren flinker Opportunismus allenthalben beklagt wird. Mögen andere ihn ruhig für etwas biedermeierlich, ja bieder halten, solche Etikettierungen trägt der Christdemokrat wie Orden - und weiß sich dabei mit seiner Umwelt im Einklang.
Den Deutschen sei das "Bella-Figura-Machen", das etwa die Italiener so meisterlich beherrschten, nun einmal nicht gegeben, bemüht Tietmeyer zum tieferen Verständnis den Nationalcharakter, sich selber gewissermaßen als Prototyp empfehlend: "Wir Deutsche zeichnen uns eben durch Beständigkeit aus. Wir müssen immer hundert Prozent bringen."
Nein, kein Zweifel, Johannes Bernhard Josef Tietmeyer, 65, erfüllt geradezu auftrumpfend alle Klischees, die über den typischen deutschen Leistungsträger im Umlauf sind, und ist vielleicht gerade deshalb die Idealbesetzung eines Amtes, das dem jeweiligen Inhaber nicht nur das höchste, aus öffentlicher Hand bezahlte Gehalt einbringt (620 000 Mark), sondern auch einen Nimbus, der nach allen Umfragen der Sozialwissenschaft den von Bundeskanzler und Bundespräsident übersteigt.
Nicht einmal die Regierung kann es ungestraft wagen, sich - wie jetzt im Streit um die Goldreserven - mit der Bundesbank anzulegen: Der moralische Sieger steht von vornherein fest.
Wer sich als "Hüter der D-Mark" bezeichnen darf, wacht schließlich über ein Symbol, das viel eher als Flagge oder Hymne zum Nationalsymbol der Deutschen taugt. Im europäischen Wechselkurssystem, das nun der Geldunion von Maastricht Platz machen soll, gilt die Mark längst als "Ankerwährung", den Bundesbürgern ist sie dies auch psychologisch.
Sie steht für den Aufstieg aus den Ruinen Nazi-Deutschlands, politisch und moralisch, sie ist Garant des Wohlstands und Vermächtnis an die Nachgeborenen. In der starken Mark materialisieren sich alle deutschen Tugenden: die Ordnungsliebe, der Arbeitseifer, die Verläßlichkeit.
Wer wäre da wohl besser geeignet, den Verlustängsten der Euro-skeptischen Bürger Rechnung zu tragen, als ein Mann, der diese Tugenden selbst perfekt zu verkörpern scheint; der über 30 Jahre die ökonomische Erfolgsgeschichte der Republik mitgeschrieben hat, zu Beginn seiner Karriere unter Ludwig Erhard im Wirtschaftsministerium und später dann als Finanzstaatssekretär bei Gerhard Stoltenberg und Theo Waigel.
Seit Oktober 1993 steht Hans Tietmeyer der Deutschen Bundesbank vor, und wer mit ihm in Frankfurt enger zu tun hat, kann sich kaum noch vorstellen, es könne je einen anderen Bundesbankpräsidenten als ihn gegeben haben. Geradezu undenkbar scheint bei näherer Betrachtung, daß der Sozialdemokrat Karl Otto Pöhl einer seiner Vorgänger war, im Vergleich mit Tietmeyer ein wahrer Bruder Leichtfuß, ein Lebemann, der bereits am Vormittag mit dem Sektglas in der Hand posierte, über den deutschen Bienenfleiß spottete und ein gerngesehener Gast auf den Klatschseiten von BILD bis BUNTE war.
Tietmeyer ist nicht BUNTE-tauglich. Das ist an sich ja noch kein Manko und ließe sich leicht verschmerzen, wäre da nicht der begründete Verdacht, daß ihn gerade die Verbindung aus Beethoven, Chiemsee und Eiche, die ihm diese für einen Staatsdiener beispiellose Aura der Unnahbarkeit verschafft, zugleich für Angriffe geeignet macht, denen sich keiner seiner Amtsvorgänger je zu erwehren hatte.
Wenn es einen international ausgelobten Medienpreis für den bestgehaßten Notenbankchef der Welt gäbe, auch den würde Tietmeyer mühelos gewinnen. Das Image des prinzipienfesten Geldaufsehers, hierzulande mit Bewunderung, ja Verehrung quittiert, existiert im Ausland gleichermaßen - in seiner Nacht-Version.
Den Lesern, zumal italienischer und französischer Blätter, muß der Präsident der Deutschen Bundesbank als Inbegriff des gefühllosen Finanztechnokraten erscheinen: Fast durchweg wird dort das Bild eines fanatischen D-Mark-Ideologen gezeichnet, der ganz Europa unter das Diktat einer ausschließlich an der Geldwertstabilität orientierten Währungsbehörde zwingen will.
Tatsächlich sind ja vor allem die Mittelmeerstaaten noch immer von der Hoffnung beflügelt, sie könnten sich im Zuge der Währungsunion endlich von der deutschen "Zinsherrschaft" befreien. Daß über die Leitlinien der europäischen Währungspolitik seit Jahren zumeist nicht in Paris, Madrid oder Rom entschieden wird, sondern im Frankfurter Stadtteil Ginnheim, bedeutet schließlich weit mehr als nur den Verzicht auf monetäre Souveränität.
Wenn Tietmeyer und seine 16 Kollegen im Zentralbankrat auf einer ihrer Donnerstags-Sitzungen mal wieder eine Anhebung der Leitzinsen beschließen, hat dies gerade in Volkswirtschaften, die eine strenge Haushaltsdisziplin weniger hoch schätzen als die Deutschen, nicht selten Konjunktureinbrüche und steigende Arbeitslosenzahlen zur Folge.
Vor diesem Hintergrund lassen sich mit dem Versuch, den Euro-Klub als eine Art erweiterter Ausgabe der deutschen Stabilitätsgemeinschaft zu definieren, bei den europäischen Nachbarn schwerlich Sympathiepunkte erzielen. Gleichwohl bleibt erklärungsbedürftig, warum ausgerechnet ein Staatsdiener, dessen Name normalerweise allenfalls in den Finanzdiensten Erwähnung findet, derzeit jeden deutschen Politiker oder Wirtschaftsführer in der Auslandspresse als Negativfigur überragt.
Und was macht der "Nachfahre der Hunnen" (LA STAMPA), der "Hohepriester der D-Mark" (LE MONDE), der "graue Gnom aus Markopoli" (CORRIERE DELLA SERA)? Der sitzt entspannt in seinem Arbeitszimmer im zwölften Stock des Frankfurter Bundesbankhochhauses und blickt erwartungsfroh auf sein Gegenüber, das ihm sicher gleich die größten Gemeinheiten und Verunglimpfungen vorhalten wird.
Er kennt sie selbst ja nur allzugut, die unzähligen Schmähungen, die ihm seine Art der Amtsführung einträgt, dafür sorgt zuverlässig schon der Ausschnittdienst seiner mit über hundert Mitarbeitern großzügig besetzten Pressestelle. "Penetrant" sei er, ist über ihn zu lesen, "monoman", "arrogant", "unerbittlich", ein Mann von "unbestreitbarer Brutalität".
Ach Gott, ja, diese "Übertreibungen der Medien", diese Überzeichnungen. Der Präsident lehnt sich nun weit in seinem Ledersofa zurück, die Schuhspitzen lässig auf der Kante des vor ihm stehenden Glastischchens balancierend, und läßt abtropfen. Sollen sie ihn ruhig dämonisieren, die Herren und Damen Redakteure, sollen sie ihn, wenn''s der Auflage dienlich ist, "zu einer Figur aufbauen, die sie anschließend ordentlich piken können". Dafür hat er, der Ökonom, sogar ein gewisses Verständnis. "Die Welt ist eben viel einfacher, wenn man einen Sündenbock hat."
Herausfordernd unbekümmert sagt er das, fast heiter, so, als wolle er dazu ermuntern, seine fabelhafte Gelassenheit auf die Probe zu stellen. Hier geht es schließlich ums Amtsverständnis, um die moralische Unterfütterung seines Handelns möglicherweise, da will Hans Tietmeyer gar nicht erst den Verdacht aufkommen lassen, er könnte sich von den diversen Attacken auch nur im entferntesten berührt fühlen.
Tietmeyer, der Steher. Tietmeyer, die deutsche Eiche - so sieht er sich, so will er gesehen werden. Daß der zur Schau gestellte Gleichmut einem zu eng geschnürten Stützkorsett gleicht, das viel Lebendigkeit aus seinem Träger preßt, kommt ihm gar nicht in den Sinn.
Gefühlsbetonte Reaktionen sind dem deutschen Zentralbankchef fremd. Wut, Empörung, ja selbst verhaltene Erregung kann er lediglich als Eingeständnis von Schwäche deuten. Nicht einmal ein grimmiges "genug" gestattet er sich, schon gar keinen auffahrenden Widerspruch. Nur die Beharrlichkeit, mit der er die Klagen über seine angebliche Roheit selbst zum Thema macht, läßt erkennen, wie sehr sie ihn irritieren.
Zweifellos ist sein Ausdrucksvermögen auch durch die "verbale Disziplin" begrenzt, der sich Tietmeyer "in besonderer Weise" unterworfen fühlt. Wer ständig gewärtig sein muß, daß jede seiner Äußerungen auf versteckte Botschaften an die Finanzwelt abgeklopft wird und milliardenschwere Kursbewegungen auszulösen vermag, hat das unbedachte Wort sogar im Selbstgespräch abgeschafft. Diese Form der Abstinenz empfindet Tietmeyer als Last.
Noch mehr muß ihn freilich wurmen, daß er sich die Heftigkeit der Vorwürfe nicht wirklich zu erklären vermag. Warum die öffentliche Wahrnehmung seiner Person auf eine Art Schattenriß verkürzt ist, bleibt ihm ganz und gar unverständlich. Da ist er sich selbst ein Rätsel.
Tatsächlich ist ja auffällig, daß beiden Präsidenten-Bildern, dem des nationalen Helden und dem des internationalen Finsterlings, alle Graustufen und Schattierungen fehlen. Doch wie sollen die anderseits auch entstehen bei jemandem, der alle Emotionalität, die weichere Linien schaffen könnte, am liebsten wegretuschieren möchte?
Wer immer mit Tietmeyer näher zu tun hatte, lobt seinen Fleiß, sein Detailwissen, seine Fähigkeit, sachbezogen zu argumentieren. Dahinter, so scheint es vielen seiner Weggefährten, herrscht eine eigentümliche Leere.
Obwohl der ehemalige Ministerialbeamte seit über zwei Jahrzehnten zu den Hauptakteuren der deutschen Wirtschaftspolitik zählt, sind mit seinem Namen keine Anekdoten oder Histörchen verbunden, in denen ja immer auch Persönliches kondensiert. Privates scheint aus seinem Berufsleben fast vollständig ausgeblendet.
Das sei schon seltsam mit dem Kollegen, sagt Helmut Hesse, der seit nunmehr sechs Jahren neben dem Bundesbankpräsidenten im Zentralbankrat sitzt: "Von Herrn Tietmeyer wissen wir eigentlich im wesentlichen nichts, außer den Aufgaben, die ihm in seinem Leben übertragen wurden, und der Intensität, mit der er diese Aufgaben jeweils erfüllt hat."
Der Präsident kann im kleinen Kreis durchaus gewinnend wirken, keine Frage. Seine hemdsärmelige, manchmal etwas poltrige westfälische Art kommt gut an bei seinesgleichen. Doch immer bleibt bei seinen Gesprächspartnern der Eindruck einer befremdlichen Distanziertheit, nie entsteht eine gelöste, gar vertraute Atmosphäre.
Gut möglich, daß Tietmeyer das ganz anders empfindet. Schließlich kann er sich über einen Mangel an Sympathiebeweisen nicht beklagen, wie er mit Stolz anmerkt: "Sie ahnen ja nicht, wie viele Staatspräsidenten und Premiers hier bei mir zu Besuch kommen." Und wie viele Freunde hat er erst in der Welt der Notenbankchefs. "Mein Gott, den Greenspan, den kenne ich seit 1974, ich kann gar nicht sagen, wie oft wir miteinander telefonieren." Ciampi, Dini, Trichet - "alles gute alte Freunde". Er - kontaktarm? Absurd.
Doch wie soll eigentlich auch jemand die Distanz zu seiner Umwelt als störend empfinden, dem gerade diese Distanz Schutz bietet? Vermutlich gibt es keine effektivere Möglichkeit, die eigene Person unangreifbar zu machen, als sie vollständig hinter dem Amt verschwinden zu lassen, das man bekleidet.
Und so ist es vielleicht nur folgerichtig, daß Tietmeyer gar nicht erst den Versuch unternimmt, der Schablone des etwas gemütsarmen Arbeitstiers mehr Tiefe zu verleihen. Brüsk verschließt er sich allen Vermutungen, die Angriffe gegen ihn hingen vielleicht auch mit seinem Werdegang und den daraus resultierenden Wertvorstellungen zusammen. Auskünfte zu Kindheit und Jugend gibt er nur unwillig. Und wo er einmal, ausnahmsweise, über Elternhaus und Heimatort spricht, bleiben die Angaben blaß.
Dabei könnte Tietmeyer getrost für sich in Anspruch nehmen, als Musterfall dafür zu gelten, wohin einen Disziplin und Ausdauer bringen können. Besondere Empfindsamkeit jedenfalls durfte sich einer wie er nicht leisten, wollte er nach oben kommen.
Die Gegend rund ums westfälische Metelen, in der Hans Tietmeyer zusammen mit zehn Geschwistern aufwächst, gehört bis weit nach Kriegsende zu einer der ärmsten Regionen Deutschlands. Vater Tietmeyer bekleidet in der tiefkatholischen Gemeinde als sogenannter Amtsrentmeister zwar einen der wenigen Autoritätsposten und bleibt mit Rücksicht auf die hohe Kinderzahl auch vom Dienst bei der Wehrmacht befreit. Doch das Gehalt reicht lange Zeit kaum aus, die Familie hinreichend zu ernähren.
Der junge Hans bekommt von klein auf eingebimst, daß eine korrekte Buchhaltung die Grundlage eines gedeihlichen Zusammenlebens bildet und nichts mehr zählt im Leben als die unbedingte Pflichterfüllung gegenüber Eltern, Staat und jeder anderen gottgewollten Ordnung.
Der Vater ist dafür das lebende Beispiel, wie Verwandte übereinstimmend berichten. Mit der ihm eigenen Akribie wacht er nicht nur über das öffentliche Haushaltsbuch, sondern auch über das private. Wenn die Kinder ein neues Schreibheft für die Schule oder einen Radiergummi benötigen, müssen sie bei ihm vorstellig werden und erhalten dann, nachdem sie den entsprechenden Betrag quittiert haben, die erbetenen Münzen. Der Vater treibt die Pedanterie so weit, daß er Privatpost, die er während der Dienstzeit empfängt, nur mit einem eigens mitgeführten "Privatstift" quittiert, weil die Tinte des "Dienststiftes" die Gemeinde bezahlt hat.
Schon früh fällt Hans durch hohe Intelligenz und starken Ehrgeiz auf, der sich zunächst darauf richtet, der Enge des Elternhauses zu entkommen. Eigentlich will er Priester werden, aber dann verlegt er sich, ein Stipendium des katholischen Cusanuswerks im Rücken, aufs Studium der Volkswirtschaft. 1962 tritt er als Hilfsreferent im Bonner Wirtschaftsministerium an, Abteilung Grundsatzfragen.
In der Ökonomie findet Tietmeyer die wissenschaftliche Legitimation und das Erfolgsversprechen für den unermüdlichen Arbeitseinsatz, der ihn bis heute auszeichnet. Das marktwirtschaftliche System belohnt die Leistungsfähigen und hält die Leistungswilligen dazu an, ihr Bestes zu geben. Im Schweiße seines Angesichts kann jeder es schaffen, lautet Tietmeyers katholisch grundierte Kurzfassung des Wettbewerbsgedankens.
Und an die hält er sich eisern. Tietmeyer ist als erster an seinem Schreibtisch und verläßt als letzter das Haus. Wo er Mittelmäßigkeit erkennt, versucht er sie zu nutzen, indem er sich in das fremde Arbeitsgebiet einliest und dann die dort anfallenden Aufgaben gleich miterledigt.
Das macht ihn bei seinen Kollegen nicht gerade beliebt, aber auch damit hat der energiegeladene Beamte "auf großartige Weise gelernt, sich abzufinden", wie einer spottet, der damals unter ihm gedient hat. Tietmeyer unternimmt nicht einmal den Versuch, im Mitarbeiterkreis Sympathie zu erwecken. Dem gelegentlichen Umtrunk nach Feierabend bleibt er schon aus Prinzip fern. Reine Zeitverschwendung. Und selbstverständlich ist er auch der einzige im Ministerium, dem an Weiberfastnacht keine Sekretärin den Schlips abschneidet.
Wer sich wie Tietmeyer beinahe ausschließlich über Leistung und Aufstieg definiert, der kann Gefühlsduselei und Selbstzweifel nur als Störung seiner Funktionsfähigkeit begreifen. Persönliche Anfechtungen gehören erst weggeharkt, dann untergepflügt - am besten durch noch mehr Arbeit.
Sinnfragen, Lebenskrisen? "So etwas ist bei Tietmeyer undenkbar", sagt der Hallenser Wirtschaftsprofessor Alois Wenig, der seit 40 Jahren mit dem ehemaligen Cusanus-Stipendiaten befreundet ist. "Tietmeyer ruht in einem Wertesystem, in dem Gut und Böse genau festgelegt sind, da gibt es keine Verunsicherung."
Dieses System, das Leben mit Arbeit gleichsetzt und vielleicht gerade dadurch eine besondere Geborgenheit vermittelt, hilft Tietmeyer offenbar, selbst extreme Notlagen auszubalancieren. Als sich seine erste Frau, die an schweren Depressionen leidet, das Leben nimmt und ihn mit zwei minderjährigen Kindern allein läßt, bittet Tietmeyer um eine Woche Sonderurlaub. Dann erscheint er pünktlich wieder zum Dienst, "etwas beeinträchtigt", wie sich ein damaliger Mitarbeiter erinnert, "aber wie immer voll einsatzfähig".
Auch den Mordanschlag eines RAF-Kommandos, dem er auf einer morgendlichen Dienstfahrt im September 1988 nur knapp entkommt, steckt Tietmeyer anscheinend ungerührt weg. Er hat Glück, die Maschinenpistole der Attentäter klemmt. Um neun Uhr sitzt der Finanzstaatssekretär am Schreibtisch und bittet um Aktenvortrag statt Schreckbekundungen. Anteilnehmende Briefe von Kollegen sind ihm eher unangenehm.
Tietmeyer verarbeitet den Vorfall auf seine Weise: Er liest sich ins Thema ein, um zu erkennen, was diejenigen, die ihm nach dem Leben trachten, "für ein Leitbild haben". Und dann? Dann hat er die "Positionen dieser Leute" möglichst unvoreingenommen geprüft und für "nicht seriös" befunden: "Ich habe sie, offen gestanden, nie als wirklich ernste intellektuelle Herausforderung an unseren Staat betrachtet."
Noch immer ist dem Bundesbankpräsidenten das Unverständnis anzumerken, wie man ausgerechnet auf ihn als Feindbild verfallen konnte. Und geradezu gespenstisch muß es ihm vorkommen, daß er nun, knapp zehn Jahre später, wieder zur Zielscheibe ziemlich grobgestrickter Kapitalismuskritik wird, diesmal freilich nur verbalradikal.
Seit der Pariser Soziologe Pierre Bourdieu im Herbst letzten Jahres eine wüste Polemik veröffentlichte, in der er den deutschen Notenbankpräsidenten als Vollstrecker der internationalen Finanzmärkte zu outen versuchte, gilt der Mann aus Frankfurt weiten Teilen der linken Öffentlichkeit als Galionsfigur des antisozialen Wirtschaftsdarwinismus schlechthin.
Selbstredend ist das "System Tietmeyer" bereits Lehrstoff an deutschen Hochschulen. Über Pfingsten konnten Interessierte an der Berliner Humboldt-Universität dazu einen Vortrag hören, Überschrift: "Gegen den Neoliberalismus - für eine menschliche Gesellschaft". Tietmeyer nimmt das zur Kenntnis, verstehen kann er es nicht.
Hat er etwa jemals behauptet, daß es "nicht ein gewisses Moment von Konjunkturpolitik" geben müsse? Hat nicht Alfred Müller-Armack zu seinen Lehrern an der Universität gehört, der Erfinder des Begriffs soziale Marktwirtschaft? Muß er wirklich daran erinnern, daß ihm, dem überzeugten Katholiken, die kirchliche Soziallehre bestens vertraut ist?
"Man kann mir viel vorwerfen", sagt der Präsident der Bundesbank, "aber sicher nicht, daß ich die Ökonomie an sich hinreichend und ausreichend finde. Ich bin selber vielleicht sogar das schlechteste Beispiel für einen Repräsentanten des kapitalistischen Systems."
Dies ist nun wiederum ein sehr überraschendes Selbstbekenntnis. Denn natürlich hält Tietmeyer eine Absenkung des Rentenniveaus für "zwingend geboten". Und natürlich muß der Sozialstaat nach seiner Ansicht "in wichtigen Teilen umgebaut und durchforstet werden". Kündigungsschutz, Tarifrecht? Alles dringend reformbedürftig.
Ja, darf er denn etwa nicht mehr an ein paar grundlegende ökonomische Prinzipien erinnern, seufzt Tietmeyer. Gut, einige glauben, "alles sei im Prinzip finanzierbar". Da kann er, der Doktor der Volkswirtschaft und Professor ehrenhalber, nur an die Einsicht appellieren, daß spätestens der Markt denjenigen bestraft, der die "Gesetze des Marktes" außer acht läßt.
Tietmeyer spricht im Zusammenhang mit dem Wirtschaftsleben gern und oft von "Naturgesetzmäßigkeit". Da weiß er sich Adam Smith ganz nah, dem Begründer der Nationalökonomie, der im Wirtschaftsgeschehen die "unsichtbare Hand" Gottes entdeckt zu haben glaubte: Wer sich der "natürlichen Ordnung" gemäß verhält, wird mit Einkommenszuwachs belohnt. Wer sich gegen sie versündigt, indem er etwa das Prinzip von Angebot und Nachfrage mißachtet oder aber übermäßige Schulden anhäuft, erleidet Bankrott.
Es ist diese Kombination aus Marktwirtschaft und Religion, die Tietmeyer eine Selbstgewißheit beschert, die auf Ungläubige mitunter anmaßend wirkt. Sein Dogma heißt Stabilität, das ethische Fundament liefert ihm die Bibel. Stabiles Geld schützt die Schwachen und bewahrt die soziale Ordnung. Es ist die Grundvoraussetzung für eine "funktionsfähige und gerechte Wirtschaftsordnung" - so hat es jetzt sogar der Papst in seiner jüngsten Sozialenzyklika dekretiert, und daran hat der deutsche Bundesbankpräsident, im Ehrenamt Mitglied der päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften, maßgeblichen Anteil.
Deshalb betreibt Tietmeyer nach eigener Einschätzung auch keine Politik, wenn er sich regelmäßig zu Fragen der Sozial-, Finanz- und Lohnpolitik äußert. Er genügt dabei ausschließlich seiner "weiterreichenden stabilitätspolitischen Wächterrolle". Die ergibt sich zwar nicht aus dem Bundesbankgesetz, wohl aber aus der selbstattestierten "Unabhängigkeit von tagespolitischen Einflüssen".
Wie jeder Vertreter eines feststehenden Lehrgebäudes hält Tietmeyer seine Überzeugungen längst nicht mehr für Glaubensfragen. Seine Urteile fußen auf unumstößlichen Regeln,
seine Forderungen erwachsen aus Gewißheiten.
Glaubenszweifel kennt er nicht, wie denn auch? Er ist mit sich zu Rate gegangen, hat alle Bedenken ernsthaft geprüft, auch Einwände abgewogen, "ob da ein bedenkenswerter Kern drinsteckt". Tietmeyer gehört nach eigenem Bekunden schließlich "nicht zu denjenigen, die Argumente von anderen nicht aufnehmen", das will er vermerkt wissen.
So teilt sich das Lager der Kritiker für den Bundesbankpräsidenten in zwei Hälften: in die Unwissenden, deren Vorhaltungen lästig, aber entschuldbar sind, und in die Böswilligen, die ihrem Publikum suggerieren, man könne sich "gegen den Lauf der Dinge stemmen".
Wo Tietmeyer öffentlich auftritt, redet er nicht, er predigt. Die Bühne weitet sich zum Altarraum, das Rednerpult wird zur Kanzel.
Seine Vorträge folgen einer schlichten Dramaturgie: Der Teufel erscheint in Gestalt der Inflation, die Erlösung aus den Fängen des großen Geldvernichters verspricht allein eine unabhängige Notenbank. Und natürlich darf auch die mythologische Höllenfahrt nicht fehlen: das deutsche Trauma von 1923, die Erinnerung an eine Zeit, als eine Schachtel Zigaretten soviel kostete wie zuvor ganze Industriegelände.
Ausgerechnet dem "Erzbischof aus Frankfurt", wie Tietmeyer sich selbst mitunter halb scherzhaft nennt, ist nun die Aufgabe übertragen, erst die eigene Kirche in fremde Hände zu geben und dann den ganzen Sprengel.
Wenn alles nach Plan läuft, tritt der Präsident der Bundesbank am 1. Januar 1999 seine Machtbefugnisse an den Präsidenten der Europäischen Zentralbank ab. Im Jahr 2002 verlieren dann auch die deutschen Geldscheine ihre Gültigkeit, auf denen seit 1993, links unten, der Name Tietmeyer für Werterhalt steht.
Der Präsident gibt wenig Anlaß zu der Vermutung, er halte die Währungsunion für eine besonders segensreiche Idee. "Der Euro kann, der Euro muß eine stabile und erfolgreiche Währung werden", sagt er und läßt in solchen Sätzen alle Zweifel an der dröhnenden Euro-Propaganda nachschwingen, die ein Gelingen als gesichert ausgibt.
Daß die Deutschen gerade auf dem besten Weg sind, mit den Franzosen und Italienern eine Inflationsgemeinschaft zu begründen, ist für Hans Tietmeyer weit mehr als nur eine vage Möglichkeit. Doch wer nun erwartet, der deutsche Bundesbankpräsident werde offen gegen die Abschaffung der Mark und die Selbstauflösung seiner Behörde zu Felde ziehen, sieht sich, vorerst zumindest, enttäuscht. "Ich kann nur Ratschläge geben, die Entscheidung trifft die Politik", verkleinert er die eigene Rolle ins Bedeutungslose, wenn er um ein klares Urteil gebeten wird. Vielleicht hoffte die Regierung auch deshalb, die Bundesbank und ihr Chef würden den Bonner Goldplänen am Ende die Zustimmung nicht verweigern.
Tietmeyer ist ein Fundamentalist, aber er ist mit Sicherheit kein Eiferer. Seine Überzeugungen haben der eigenen Karriere nie im Weg gestanden. Anders wäre wohl auch nicht zu verstehen, wie ein CDU-Mitglied die entscheidende Wegstrecke seines Aufstiegs unter einer sozialliberalen Koalition zurücklegen und in seiner bewegten Dienstzeit insgesamt sieben Minister überleben konnte.
Zwar reklamiert der Aufsteiger zu Recht, seinen Vorgesetzten bei Bedarf energisch widersprochen zu haben - "ich war nie ein Anpasser". Aber Hans Tietmeyer hat eben auch alle Entscheidungen der Ministeriumsspitze ungerührt exekutiert, darin ganz der pflichtergebene Staatsdiener.
So beschränkt sich Tietmeyer nun einstweilen darauf, überall Fußnoten zum Maastricht-Vertrag zu hinterlassen. Niemand soll ihm später vorwerfen können, er habe nicht rechtzeitig vor den Konsequenzen einer Währungsunion gewarnt.
Im bekannten Fragebogen des FAZ-Magazins hat Tietmeyer als einen seiner "liebsten Romanhelden" Zuckmayers General Harras genannt, einen deutschen Offizier, der sich zwar nie den Mund verbieten läßt, aber eben auch als Widerstandskämpfer nicht zu gewinnen ist. Letzter Akt: Flug in den Tod, Vorhang.
"Ich will kein Held sein", sagte Tietmeyer kürzlich in einem Interview. Aber da konnte er noch nicht ahnen, daß es seine Parteifreunde wagen würden, die Souveränität der Bundesbank anzutasten.
* Als Geschäftsführer des Cusanuswerks um 1960 mit Kanzler Konrad Adenauer.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 23/1997
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