26.05.1997

DIKTATORENKönig der Diebe

Der gestürzte Präsident Mobutu hat sein Vermögen, das er in 32 Jahren zusammenraffte, rund um den Erdball versteckt.
Der kranke Mann, der Ende voriger Woche in Marokko ankam und darauf wartete, für sich und seine Entourage Asyl in Frankreich zu bekommen, verkörperte wie kein zweiter Korruption und Kleptokratie in Afrika. Der amerikanische Geheimdienst CIA veranschlagte Mitte der achtziger Jahre Mobutus Vermögen auf ungefähr vier Milliarden Dollar (6,8 Milliarden Mark).
Doch danach ging es bergab. Weil die Rohstoffpreise fielen, die Erträge der Kupfer- und Kobaltminen in Shaba und der Diamantenminen in Kasai zunehmend von Ausländern abgeschöpft wurden, figurierte er auf der inoffiziellen Liste der reichsten Männer von Zaire zum Schluß nicht einmal mehr unter den ersten zehn. Nur, die 50 Millionen Dollar, mit denen er sich selbst veranlagte, sind gewiß um zwei Nullstellen zu niedrig angesetzt.
Der "König der Diebe" gab in den letzten Jahren ständig mehr aus, als er zusammenraffen konnte. Den aufwendigen Hofstaat (elf Paläste allein in Zaire), die 10 000 Mann starke Präsidentengarde, die Loyalität von Stammesfürsten und Politikern ließ er sich Milliarden kosten. Das meiste Geld verschwendete er für seinen Protzpalast im Dschungelort Gbadolite ("Versailles im Busch") und für die Gründung Dutzender Scheinparteien, mit denen er die Opposition zersplitterte.
Mindestens anderthalb Milliarden Mark hatte Mobutu ursprünglich unter seinem eigenen Namen und unter denen von Strohmännern auf Konten in der Schweiz angelegt. Stattliche Summen werden heute noch in Monaco vermutet. Der Oppositionspolitiker Etienne Tshisekedi will wissen, daß Mobutu zwei Milliarden Dollar in Südamerika investiert hat. Angeblich ist Kapital in unbekanntem Ausmaß auch nach China geflossen, zu dessen Regierung Zaire beste Beziehungen unterhielt.
Um guten Willen zu zeigen, hat die Schweizer Regierung gleich am Tag des Machtwechsels in Kinshasa der Forderung Präsident Laurent Kabilas nachgegeben und den greifbaren Besitz des gestürzten Diktators eingefroren. Die Beschlagnahmeanordnung erstreckte sich zunächst nur auf die 30-Zimmer-Villa in Savigny bei Lausanne am Genfer See, die Mobutu schon in den siebziger Jahren erworben hat; inzwischen wurde sie auf alle Vermögenswerte erweitert.
Viel Bares wird in der Schweiz nicht mehr zu holen sein. Branchenkenner vermuten, daß Mobutu seine Depots in Genf und Zürich längst geräumt und die Einlagen an sichereren Finanzplätzen untergebracht hat. Seit der Affäre um die schwarzen Schweizer Konten des ehemaligen philippinischen Diktators Ferdinand Marcos hat die Eidgenossenschaft als Fluchtgeldbunker bei Drittweltpotentaten keinen so guten Ruf mehr.
Hendrijk van Dijk, der stellvertretende belgische Botschafter in Luxemburg, erklärte, Mobutu habe - wie Libyens Muammar el-Gaddafi und Iraks Saddam Hussein - große Beträge auf Konten bei luxemburgischen Banken eingelagert.
Weil sich seine Beziehungen zur Regierung in Brüssel drastisch verschlechterten, begann Mobutu Anfang der neunziger Jahre, sein Investment in Belgien abzubauen und nach Südafrika zu transferieren. Im Familienbesitz blieben immerhin neun belgische Liegenschaften im Wert von mindestens 50 Millionen Mark, darunter ein Bürohaus an der Avenue de Tervuren in Brüssel und ein Schloß bei Namur.
Darüber hinaus gehören Mobutu Immobilien in neun weiteren Ländern:
* ein Landhaus mit großem Weinkeller (14 000 Flaschen) und ausgedehnten Ländereien an der portugiesischen Algarve;
* eine Villa im südspanischen Marbella und ein Landhaus bei Madrid;
* ein Palast und eine Touristenanlage in Marokko;
* eine Residenz in der senegalesischen Hauptstadt Dakar;
* eine Villa im kenianischen Badeort Mombasa;
* Grundbesitz an der Elfenbeinküste;
* eine Kaffeefarm in Brasilien;
* eine Residenz mit Meerblick sowie zwei Häuser, Hotels und ein Weingut in Südafrika;
* eine 800 Quadratmeter große Wohnung an der Avenue Foch in Paris.
Die letzten Monate verbrachte der schwer krebskranke "Leopardenmann" überwiegend in seinem Luxusanwesen "Villa del Mare" in Roquebrune-Cap-Martin an der Côte d'Azur. Dort fühlt er sich offenbar am wohlsten, und dort wird er wohl auch hinziehen, wenn die Franzosen ihn lassen.
Der Zeitungsmann vom Kiosk in der Nähe der "Villa del Mare" erzählt, daß selbst die Kinder der Familie Mobutu aus dem vollen schöpften: "Achtjährige, die die Taschen voll 500-Francs-Scheinen hatten und wahllos einkauften."
Der Nachwuchs wird sich einschränken müssen. Mitglieder des Familienclans, die sich nach dem Machtwechsel am vorletzten Wochenende über den Fluß nach Brazzaville retteten, hatten jedenfalls nicht genug Bares dabei, um Treibstoffkosten und Startgebühren für eine Sondermaschine ins Exil zu bezahlen.
Von Erich Wiedemann und

DER SPIEGEL 22/1997
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