02.06.1997

„Ich bin ein Rebell“

Interview mit dem deutschen Rechten Andreas Strassmeir über seine angebliche Beteiligung am Attentat von Oklahoma
SPIEGEL: Herr Strassmeir, im Prozeß um den Bombenanschlag von Oklahoma City wurden Sie immer wieder als Drahtzieher gehandelt. Sind Sie deshalb unlängst im europäischen Ausland untergetaucht?
Strassmeir: Ich bin nicht untergetaucht. Ich wollte nur meine Ruhe haben. Wo ich jetzt bin, bin ich regulär gemeldet. In Deutschland hat es mir nie sonderlich gefallen. Deshalb bin ich schon 1989 für sieben Jahre nach Amerika gegangen. Heute liegt mir Deutschland noch weniger, es ist mir alles zu eng da. Außerdem fand ich dort wegen der Presseberichte keine Arbeit mehr. Wer nimmt einen, der als Terrorist gilt? Die Wahrheit will keiner hören.
SPIEGEL: Und wieso sind Sie nicht in den Staaten geblieben?
Strassmeir: Dort ist der Rummel um mich wegen des Verfahrens noch größer. Stephen Jones, der Verteidiger des Hauptangeklagten Timothy McVeigh, wollte mich in den Anschlag verwickeln. Von dem kamen die Anschuldigungen gegen mich. Jones wollte beweisen, daß jemand anderes als sein Mandant der Täter war - und das sollte zum Beispiel ich sein.
SPIEGEL: Es gibt die wildesten Gerüchte um Ihr Verschwinden. Version Nummer eins: Das FBI hat Sie in Europa geparkt, um Sie als Zeugen aus der Schußlinie zu halten.
Strassmeir: Reiner Quatsch. Ich habe vor Monaten mit dem FBI gesprochen, zehn Minuten per Telefon. Die sind an mir nicht interessiert. Die wissen, daß ich mit der Bombe nichts zu tun habe.
SPIEGEL: Gerücht Nummer zwei: Sie sind vor den US-Fahndern geflohen, und zwar über Mexiko.
Strassmeir: Ich habe mich über Mexiko abgesetzt, ja. Aber ich bin nicht geflohen. Mich hat keiner gejagt, und auch jetzt jagt mich keiner. Als ich hierhergekommen bin, haben mich Kriminalbeamte befragt. Die wissen, wer und wo ich bin und verschweigen den Amis sicher nichts.
SPIEGEL: Hätten Sie denn vor dem Oklahoma-Gericht ausgesagt?
Strassmeir: Nein, aber darum hat mich auch niemand gebeten. Das FBI glaubt, ich habe mit dem Anschlag nichts zu tun, und McVeighs Anwalt konnte kein Interesse haben, daß ich im Zeugenstand seine hübschen Verschwörungstheorien kaputthaue. Nach seiner Vorstellung war das Attentat von Oklahoma ja wohl eine weltweite Verschwörung des Ku-Klux-Klans, islamischer Terroristen, der IRA und deutscher Neonazis. Ich sollte dabei den Nazi geben, obwohl ich mit denen nie was zu tun hatte. Der Anwalt kam jede Woche mit neuen Theorien. Alle haben an der Bombe gebastelt, nur sein McVeigh nicht.
SPIEGEL: Welche Verbindung gab es denn zwischen Ihnen und McVeigh?
Strassmeir: Ich habe ihn vor vier Jahren auf einer Waffenmesse in Tulsa, Oklahoma, kennengelernt. Ich habe ihm ein altes Kampfmesser verkauft und dabei zehn Minuten lang mit ihm gequatscht.
SPIEGEL: Und ausgerechnet dieser flüchtige Bekannte ruft Sie also zwei Jahre später aus dem Nichts an - ein paar Tage, bevor er laut Anklage das Behördenhaus in Oklahoma City in die Luft jagt. Sie waren damals sogenannter Sicherheitschef von Elohim City, einer Enklave rechter Sektierer in Oklahoma. Warum rief der Mann Sie dort an?
Strassmeir: Keine Ahnung. Ich hatte ihm in Tulsa meine Visitenkarte gegeben. Im übrigen war ich ja beim Anruf gar nicht da. Ich weiß nicht, was er wollte.
SPIEGEL: In Elohim City lebte zeitweise auch Carol Howe, eine Informantin der US-Fahnder. Howe sagt, Sie hätten zusammen mit dem Rechtsradikalen und ehemaligen Ku-Klux-Klan-Führer Dennis Mahon über den möglichen Anschlag auf ein Behördenhaus gesprochen.
Strassmeir: Leider war Carol Howe tatsächlich in Elohim City, gegen meinen ausdrücklichen Rat. Sie ist der typische Spitzel und lügt, wenn sie den Mund aufmacht. Ich hatte ihre Vergangenheit überprüft und wußte vorher, daß die Frau falsch ist. Sie spielte McVeighs Anwalt in die Hände. Aber sie ist eine miserable Zeugin, das konnte doch jeder sofort merken. Nicht mal die Beamten, die sie geführt haben, glauben ihr.
SPIEGEL: Prozeßbeteiligte wollen wissen, Sie selbst seien ein Spitzel des FBI gewesen, ein Agent provocateur. Belegt wird das mit dem Hinweis, daß Sie am liebsten für US-Behörden gearbeitet hätten, zum Beispiel für die Drogenfahnder.
Strassmeir: Ich wurde mal von einem Ex-Agenten angesprochen, ob ich für US-Drogenbekämpfer arbeiten würde. Ich habe das auch erwogen. Daraus ist aber nichts geworden.
SPIEGEL: Sieben Jahre lang waren Sie fast ausschließlich in den USA - wohl nicht immer legal. Das ist doch kaum möglich, ohne von US-Behörden gedeckt zu werden.
Strassmeir: Es gibt Millionen illegaler Mexikaner in den Staaten. Nach Ihrer Logik müßten das FBI-Spitzel sein. Quatsch. Ich bin immer rein in die USA und wieder raus. Man darf sich sechs Monate in den Vereinigten Staaten aufhalten, dann geht man drei Wochen lang nach Mexiko.
SPIEGEL: Elohim City ist nicht gerade eine Urlaubsadresse für durchschnittliche Touristen. Was hat Sie in die Einöde Oklahomas geführt?
Strassmeir: Ein Normalbürger bin ich nicht. Ich habe etwa eine Zeitlang in einem Kibbuz in Israel gelebt und ging dann nach Houston. Mein Hobby war dort das Nachstellen von Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs, mit Uniformen, Waffen und Verpflegung wie damals. Dabei habe ich meinen jetzigen Anwalt getroffen, und der hat mir auch von Elohim City erzählt.
SPIEGEL: Was haben Sie denn am liebsten gespielt - einen Unionssoldaten oder einen der Abtrünnigen aus der Konföderation der Südstaaten?
Strassmeir: Natürlich war ich immer Konföderierter. Die kämpften für Unabhängigkeit und gegen einen starken Staat. Dazu stehe ich. Ich bin im Herzen ein Rebell.
SPIEGEL: Bisher haben Sie über Ihre Zeit in Elohim City geschwiegen. Wie haben Sie dort gelebt?
Strassmeir: In einer starken christlichen Gemeinschaft mit der Kirche im Mittelpunkt - wie in den frühen Zeiten Amerikas. Das Herz der Gemeinde ist die Familie des Dorfpatriarchen und Pastors Robert Millar. Mir liegt das, ich habe während meiner Bundeswehr-Zeit unter anderem Theologie studiert und war in Berlin auch mal Mitglied einer charismatischen Gemeinde. Wir glauben in Elohim City, daß wir biologische Nachfahren der verlorenen alttestamentarischen Stämme Israels sind. Das ist genauso wie die Jungfrauengeburt der Katholiken wissenschaftlich nur nicht zu beweisen.
SPIEGEL: Aber Sie waren doch nicht zum Beten in Elohim City?
Strassmeir: Nein, ich habe mir dort mit einer Erbschaft ein Haus gekauft und die Leute in Sicherheitsfragen beraten. Ich war ja nach meinen sieben Jahren Bundeswehr der einzige Ex-Soldat mit Offiziersrang in der Stadt. In Elohim City leben liebe Leute - die aber etwas naiv sind, wie viele religiöse Menschen. Meine Hauptaufgabe war es, die Gemeinde vor dem Einsickern von Provokateuren zu schützen. Wir hatten Angst vor amerikanischen Bundesbehörden, die Andersgläubige und Freiheitsliebende unterdrücken wollen.
SPIEGEL: Haben Sie Elohim City auch aufgerüstet?
Strassmeir: Nein, aber in meiner Zeit dort steigerte sich, weil die Geschäfte gut gingen, das Einkommen der Leute. Und so konnten sie sich bessere Autos kaufen und eben auch bessere Waffen, ganz normal also.
SPIEGEL: Aber Elohim City ist ja nicht nur ein Heim frommer Sektierer. Dort hat sich so ziemlich alles getroffen, was in der amerikanischen Rechtsextremisten-Szene Rang und Namen hat - wie etwa Mahon, der zeitweise in dem Dorf lebte.
Strassmeir: Elohim City ist offen für alle. Mahon war ein gerngesehener Gast. Leider hat er mir viel Ärger gemacht. Der tut sich dicke und erzählt falsche Sachen. So will er mit mir in den Wäldern von Oklahoma für eine rechte Miliz trainiert haben. Wenn der Mann im deutschen Fernsehen vor einer Hakenkreuzfahne sitzt und solch einen Stuß erzählt, dann ist das meinem Ansehen nicht gerade zuträglich. In Amerika lacht man darüber, aber in Deutschland erschrecken sich die Leute ja bei so etwas.
SPIEGEL: Ihr Hang zu politischen und religiösen Sektierern hat Ihnen im Leben nicht sehr geholfen - Sie schlagen sich derzeit als Bauarbeiter durch.
Strassmeir: Ich bin jetzt 38 und muß einen Neuanfang machen, das stimmt. Aber ich habe ein interessantes Leben gehabt, wenn es in der letzten Zeit wegen Oklahoma auch etwas zu stressig war. Immerhin, ich habe die Welt gesehen.
Von Gamerschlag, , Höges und

DER SPIEGEL 23/1997
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