02.06.1997

LITERATURWeltgeschichte auf Tape

Zerwürfnisse sind das tägliche Salz im Zusammenleben der Großfamilie Lasar. Vater Assaf, um die 40, so intelligent wie unstet, kassiert Vorschüsse für Stücke, die allerdings kein Theater in Tel Aviv aufführt, er schlägt sich zeitweise durch als Ghostwriter der Geschichten von Holocaust-Überlebenden, betrügt seine Frau, die er liebt, mit Jüngeren, in die er sich wie unter Zwang verliebt, und ist bei jeder Rückkehr weniger glücklich.
Während Assafs Leben darin besteht, über das Leben erfolglos zu schreiben, verbringt seine Frau Alma, eine Architektin, die der Folter argentinischer Generäle knapp entkommen ist, die meiste Zeit damit, zu warten; sie wartet nachts, daß ihr Mann von seinen One-night-Stands zurückkommt, sie wartet, daß er ihr Geld gibt, damit sie den Gerichtsvollzieher - bisweilen Dauergast im Hause - bezahlen kann.
Zusammengehalten wird diese ganz normale, unglückliche Familie durch die Sederabende an Pessach mit festlichen Mahlzeiten, bei denen sich der weitverzweigte Familienclan friedlich versammelt. Aber auch hier lassen sich die psychologischen und politischen Gegensätze innerhalb der Generationen nicht besänftigen; zwischen dem polnischen Großvater, einem zionistischen Pionier, der Juden aus der Diaspora nach Erez Israel führte und Anhänger der Likud-Partei ist, und seinen drei Söhnen, die sich zur linken Friedensbewegung, zu den Ultra-Orthodoxen und zu "Jesch Gwul" bekennen, einer Bewegung, die den Reservedienst in den besetzten Gebieten verweigert.
Chronist des unaufhaltsamen Zerfalls innerhalb der Familie ist der zehnjährige Jotam, der mit seinem Sony-Recorder einfach alle Gespräche aufnimmt, damit die traurigen und wunderschönen Dinge nicht verlorengehen. Der Romanautor Benny Barbasch, 45, bedient sich in "Mein erster Sony"einer raffinierten Erzählstrategie: Scheinbar ungeordnet und atemlos zeichnet der Recorder wechselnde Stimmen und Geschehnisse auf, im Nebeneinander von Weltgeschichte und Einzelschicksalen. Was dabei herauskommt, ist eine Comédie humaine, ein Kolossalgemälde der Zerrissenheiten in der jüdischen Geschichte, aus denen sich die Konflikte im heutigen Israel begreifen lassen. "Mein erster Sony" ist eines der beeindruckendsten zeitgenössischen Bücher über die Tragödie Israels.
Benny Barbasch: "Mein erster Sony". Aus dem Hebräischen von Vera Loos und Naomi Nir-Bleimling. Berlin Verlag, Berlin; 384 Seiten; 39,80 Mark.
Von Pinkerneil und

DER SPIEGEL 23/1997
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