02.06.1997

LITERATUR

Der Mut der Meschuggenen

Von Seligmann, Rafael

Laura Wacos deutsch-jüdische Nachkriegserinnerungen "Von Zuhause wird nichts erzählt" beschreiben eine Kindheit zwischen Identitätssuche und Selbstverleugnung. Von Rafael Seligmann

Seligmann, 49, wurde in Israel geboren und kam als Zehnjähriger nach Deutschland. Er lebt als Schriftsteller ("Die jiddische Mamme", 1990) in München. Im Herbst erscheint sein Roman "Der Musterjude".

Am 8. Mai 1945 schlossen die Deutschen die Juden ins Herz. Die Liebe währet nun schon länger als ein halbes Jahrhundert. Die Juden Deutschlands konnten und wollten sich dem Begehren nicht entziehen.

Bald nach dem Krieg veröffentlichte die Münchnerin Gerty Spies ihren Gedichtband "Theresienstadt". Quintessenz: "Ich habe Euch verziehn! - Mir ist so leicht". Seither haben unzählige jüdische Schreiber aus Deutschland über ihr Leben während der Nazi-Jahre berichtet. Sie folgten fast geschlossen dem Beschwichtigungsmuster von Gerty Spies: Sie verschwiegen, was ihrem Verzeihen vorausging.

Dagegen wollten jüdische Schriftsteller aus Israel, den Vereinigten Staaten, Polen, Italien, Frankreich und anderen Ländern aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen. Unverbrämt schildern sie ihren spontanen Haß. Auch jüdische Chronistinnen aus Deutschland und Österreich, die schon lange im Ausland leben, wie Cordelia Edvardson ("Gebranntes Kind sucht das Feuer", 1986) oder Ruth Klüger ("weiter leben", 1992) verbergen ihre Gefühle nicht.

Deutschlands Juden dagegen beschränken sich darauf, zu vergeben und zu versöhnen. Denn sie fürchten, sich als "böse Juden", als Shylocks zu demaskieren, die bluten und hassen, wenn man sie sticht und demütigt.

Lediglich eine Handvoll Autoren hat bislang gewagt, ihren Haß herauszuschreien. Die Fähigkeit, dies zu tun, entspringt neben der Persönlichkeit des Schreibers auch der Geographie und einem kontrollierten Wahnsinn. Die Meschuggenen lassen sich glücklicherweise nicht entmutigen.

"Von Zuhause wird nichts erzählt" heißt Laura Wacos Erstlingsbuch. Die Autobiographie hält, was der Untertitel verspricht. Es berichtet von einer "jüdischen Geschichte aus Deutschland". Aber wie! Die Verfasserin konfrontiert uns mit Juden, die politisch korrekte Deutsche tunlichst meiden, weil sie ihr Gute-Juden-Klischee sogleich zerdeppern würden. Die Autorin erzählt von real existierenden Juden in Deutschland. Ihre Eltern waren Überlebende von Konzentrationslagern. Nach Kriegsende fanden etwa 140 000 Juden aus ganz Europa, die den Holocaust überlebt hatten, eine erste Zuflucht in den westlichen Besatzungszonen. Sie brannten darauf, das verhaßte "Mörderland" so schnell wie möglich zu verlassen. Amerika war für die meisten Juden das Gelobte Land.

Lauras Familie wollte ebenfalls in die Vereinigten Staaten auswandern. Ihr amerikanärrischer Vater beherrschte schon ein "englisches" Idiom, mit dem er fortwährend seine Mischpoche traktierte: "Letzgo" (Let's go). Doch die US-Regierung wollte keine jüdische "Einwanderungswelle", die meisten hebräischen Möchtegernamerikaner wurden abgewiesen - so auch Lauras Familie.

In die ungeliebte polnische Heimat, wo selbst nach der Nazi-Herrschaft die Judenverfolgung nicht abbrach, wollten nur wenige Tollkühne zurück. Nach Zion ließen die Briten nur wenige Hebräer. Auch die anderen Einwanderungsländer machten ihre Grenzen schnell dicht - wer mag schon Juden? Was blieb denen also übrig, als sich im Lande ihrer Häscher einzurichten?

Als der ehemalige Dachau-Häftling Majer Steger, Lauras späterer Vater, ein Jahr nach der Befreiung zufällig eine Bekannte aus seiner Heimatstadt trifft, die zuletzt im KZ Bergen-Belsen dahinvegetierte, heiraten sie kurz entschlossen. Hela Mandelbaum ist keineswegs in ihren Freier verliebt. Aber Vertrautheit zählt in ihrer Situation mehr als Romantik.

Beide ahnen, daß der Aufenthalt im verhaßten Exil länger dauern wird. Also "entjudet" Majer Steger seinen Namen. Er nennt sich von nun an "unverfänglich" Max Stöger.

Ein Jahr später, im April 1947, wird die erste Tochter geboren. Sie soll, nach der ermordeten Mutter des Vaters, Leie heißen. Wiederum tarnt man den Namen, nennt das Mädchen Laura - die Antisemiten sollen nicht mit der Nase auf sie gestoßen werden.

Die Mischpoche lebt im Städtchen Freising bei München, nicht weit von Dachau entfernt. Man wohnt zur Untermiete. Majer-Max bringt die Seinen mit kleinen Schwarzmarktgeschäften über die Runden, doch die Währungsreform bereitet diesen Geschäften ein Ende. Max Stöger verliert sein Auskommen.

Da wird Anfang 1949 die zweite Tochter, Berta, geboren. Die Stögers sind nolens volens auf die Hilfe von Deutschen angewiesen.

Vermieter, Ärzte, Nachbarn, bei denen Laura und ihre Schwester um Brot schnorren, Bekannte des Vaters aus der Vorkriegszeit, Kindermädchen und eine gemeinnützige Wohnungsstiftung sorgen dafür, daß die jüdische Familie sich über Wasser halten kann. Mutter Hela kuriert ihre angegriffene Gesundheit, die Stögers finden ein preiswertes Heim in München, deutsche Kindermädchen ziehen die Töchter groß. Derweil pachtet Max Stöger in Freising ein Restaurant mit Bar, in dem hauptsächlich amerikanische Besatzungssoldaten verkehren. Bald verdient er gut.

Ihre Erfahrungen hätten die Autorin zu einer rührenden deutsch-jüdischen Versöhnungsgeschichte verleiten können. Laura Waco tapst nicht in die Falle. Sie liefert vielmehr einen gnadenlos ehrlichen Bericht über das selbstzerstörerische Leben einer gewöhnlichen jüdischen Familie im Nach-Auschwitz-Deutschland.

Ein Goj hat in diesem jüdischen Refugium nichts zu suchen - selbst wenn er Juden das Leben rettet. Als ein Bäckerlehrling die kleine Laura vor dem Ertrinken bewahrt, bedankt sich der Vater bei ihm. Tatsächlich rast Stöger jedoch vor Zorn und Haß: "Am Abend will mich der Papa totschlagen", berichtet Laura. Kein Wunder: "Ein Deutscher rettet mein Kind ... so eine Schande."

Die Mutter Hela agiert subtiler. Ihre schärfste Waffe ist die gezielte Erzeugung von schlechtem Gewissen. Als Laura die rundliche Mamme davon abhalten will, sich in einem Bikini lächerlich zu machen, drischt diese mit der Holocaust-Waffe auf sie ein: "Wenn man im Konzentrationslager war, kann man keine gute Figur machen."

Die besondere Fürsorge des Familientyrannen gilt seiner Gattin. Hela wird, sooft es geht, zur Kur und Erholung geschickt. Denn "die Mutti ist das Teuerste auf der Welt". Max Stöger berauscht sich an seiner Liebe. "Die Sentimentalität ist das Alibi der Grausamen", wußte der jüdische Sohn Arthur Schnitzler.

Besonders wichtig ist den Eltern ihr Judentum. Die Kinder sollen den Religionsunterricht besuchen, hebräisch lernen, an Feiertagen in die Synagoge gehen und koscher speisen. Doch Laura weiß, daß die Mutter Schweinefleisch ißt. Am Jom Kippur, dem höchsten Feier- und Fastentag, ertappt sie den Vater bei einer heimlichen Vesper.

Warum zelebrieren die Eltern diese verlogene Schmiere? Warum bestehen sie darauf, daß Laura und ihre Schwestern nur mit jüdischen Jugendlichen umgehen sollen? Warum verbieten sie ihnen den vorehelichen Sex? Weil ihr Judentum zum Popanz degeneriert ist. Sie haben spätestens im KZ ihren Glauben an den Judengott verloren. Dennoch klammern sie sich an ihr Judentum - antisemitischer Mord und Verfolgung sollen nicht umsonst gewesen sein.

So macht man Hitler unbewußt zum Goldenen Kalb. Der Oberantisemit wird an Gottes Stelle zum Schöpfer postmoderner jüdischer Identität.

Einmal schleppt der Vater die Tochter zu einer Gedenkfeier der israelitischen Kultusgemeinde zum Andenken an den Aufstand im Warschauer Ghetto. Die Teilnahme an der Veranstaltung zeitigt prompt die erwünschte Wirkung: "Ich hasse die Deutschen", ruft das erschütterte Mädchen. Max Stöger ist's zufrieden.

Bald findet Laura jedoch wieder Gefallen an ihrer deutschen Umgebung. Sie schwärmt für den Sänger Peter Kraus und für Petticoats. In ihren deutschen Lehrer ist sie verliebt. Als der Pädagoge die Nazis mit den üblichen Schlagworten "Autobahn" und "weniger Arbeitslose" verteidigt, ist Laura enttäuscht. Doch sie behält den Lehrer lieb, besucht ihn noch Jahre später.

Die Eltern können sich mit der inneren Nähe Lauras zu ihrer deutschen "Heimat" nicht abfinden. Sie sehen keinen anderen Ausweg, als sie zur Tante nach Kanada abzuschieben. Wider Willen gehorcht die 18jährige. Die Eltern haben sie erfolgreich zur "guten jüdischen Tochter" dressiert.

Zuvor bereits hat sie von einem französischen Adonis, von einem italienischen Galan sowie von einem südafrikanischen Geschäftsmann abgelassen, wie es Mamme und Papa geboten: Eine jüdische Frau muß unberührt in die Ehe gehen. Ihre Enthaltsamkeit wird später vom jüdischen Gatten "belohnt", der Laura ruck, zuck in "dreißig Sekunden im Hotelzimmer entjungfert".

Laura Waco hat die bislang ergreifendste deutsch-jüdische Gegenwartsgeschichte geschrieben. Warum gerade sie? Weil die Autorin seit mehr als 30 Jahren in Nordamerika lebt.

Die wenigen, die es schafften, über das meschuggene Judenleben im heutigen Deutschland zu schreiben, schöpfen ihre Kraft woanders: Irene Dische wuchs in den Vereinigten Staaten auf, Robert Schindel bei Christen in Österreich, Maxim Biller verbrachte seine Kindheit in der Tschechoslowakei. Laura Waco schrieb ihr Buch in den Vereinigten Staaten.

Sie kam trotz Ehe, Kindern, Studium und Arbeit in Amerika nicht von Deutschland los. Je länger sie dort lebte, desto stärker fühlte sie ihre Bindung an Deutschland. Sie mußte über das Leben in ihrer Heimat schreiben.

Die deutsch-jüdische Versöhnung wird nicht durch das Hinausschreien und -schreiben des Hasses gefährdet. Umgekehrt! Ein jüdischer Gegenwartsroman über Deutschland muß sich mit dem Haß auseinandersetzen - oder er ist keiner. Nur so kann der Haß verarbeitet und überwunden werden. Nur auf diese Weise können Juden bei Deutschen Verständnis finden, denen daran liegt, die Juden als Mitmenschen zu begreifen und nicht als Opfer zu stilisieren und abzuschreiben.


DER SPIEGEL 23/1997
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