09.06.1997

KORPORATIONEN„Verpißt euch, bitte“

Die Deutsche Burschenschaft wird zum Sammelbecken deutscher und österreichischer Rechter. Liberalere Verbindungen verlassen den Dachverband - und gründen einen neuen.
Silentium", raunt einer der Herren im dunklen Anzug, "silentium für die Kranzniederlegung." 23 Männer mit "Deckeln", den violetten Verbindungsmützen, scharen sich im Halbkreis um das Denkmal von Friedrich Schiller vor der Jenaer Universität.
Es sind Mitglieder der "Wiener Olympia", einer Burschenschaft, deren Gründung "schicksalhaft mit dem 100. Geburtstag des Nationaldichters 1859 verbunden" ist. Mit andächtig gesenkten Blicken lauschen die Olympen der Kranzrede ihres Bundesbruders, während hinter ihrem Rücken der Feierabendverkehr vorbeirauscht.
"Dieser Kranz", klagt der Redner, "wird in seiner Unversehrtheit wohl nicht den nächsten Morgen sehen." Doch selbst, wenn "Chaos ihn zerstören" werde - die "ehernen Prinzipien" würden überleben. Die Oberkörper der Zuhörer straffen sich. "Heil Olympia" - der Abschiedsgruß der Korporierten schallt bis hinüber zu den alten Damen an der Straßenbahnhaltestelle,
die erschreckt nach ihren Einkaufstaschen greifen.
Mit ihrem Einsatz für die Grundwerte steht die Wiener Olympia, die in diesem Jahr den Vorsitz im Dachverband in der "Deutschen Burschenschaft" (DB) hat, nicht allein da. Die DB-Verfassung fordert von jedem Mitgliedsbund, sich für die "historisch begründeten" Prinzipien Ehre-Freiheit-Vaterland einzusetzen. Definiert ist dort auch, was unter politischer Freiheit zu verstehen ist: das "Recht jedes einzelnen und jedes Volksteiles auf seine angestammte Heimat und auf die Selbstbestimmung über seine staatliche Zugehörigkeit".
Welche Auswirkungen diese Prinzipien auf die Politik der Gegenwart haben sollen, ist unter den rund 20 000 Burschenschaftern umstritten. Rund ein Drittel von ihnen, die sich in der straff geführten, fraktionsähnlich organisierten "Burschenschaftlichen Gemeinschaft" sammeln, fordern die "geistige und kulturelle Einheit aller, die dem deutschen Volk angehören und sich zu ihm bekennen". Martin Graf, 37, ein Parteigenosse Haiders und Mitglied im österreichischen Parlament, formuliert es konkreter: "Die heutigen Staatsgrenzen wurden willkürlich gezogen; das deutsche Volkstum muß sich frei in Europa entfalten können."
Solche Töne stoßen bei liberaleren Verbindungen auf Widerspruch. Es gebe eine Grenze zwischen konservativ und rechtsnational, sagt ein Aktiver der "Frisia Darmstadt", "und die ist deutlich überschritten".
Zwar sind auch die meisten liberaleren Verbindungen noch konservativ, lehnen Zivildienstleistende und Langhaarige in ihren Reihen ab, hätscheln die Vorstellung einer "natürlichen Elite" in der Gesellschaft, halten ihre Mitglieder zu "Aufrichtigkeit und Gehorsam" an und lassen den Nachwuchs auf dem Paukboden den "inneren Schweinehund überwinden". Doch Schwierigkeiten mit den deutschen Grenzen von 1997 haben sie nicht.
Eher stören sie sich an den nationalistischen Tönen aus den Reihen der Burschenschaftlichen Gemeinschaft: Drei Verbindungen, die "Arminia Stuttgart", "Frisia Darmstadt" und "Teutonia Karlsruhe", gaben am Rande des Burschentages in Jena ihren Austritt aus der DB bekannt; eine Handvoll weiterer Verbindungen diskutiert derzeit darüber, den Dachverband noch in diesem Jahr zu verlassen - und sich einem neuen Dachverband anzuschließen.
Damit vertiefen sie die Spaltung der DB, die bereits im Januar vergangenen Jahres begonnen hatte. Damals hatten acht Burschenschaften, die es laut Sprecher Carsten Zehm "leid waren, weiterhin mit Rechtsnationalen in einem Boot zu sitzen", in Hannover die "Neue Deutsche Burschenschaft"(NDB) ins Leben gerufen.
Bemühungen, die Abtrünnigen in die eigenen Reihen zurückzuholen, gab es in der DB nicht - im Gegenteil. In der Jenaer Burschentagsitzung brach sich der Volkszorn der Verbliebenen Bahn, die Aussteiger wurden als "Lumpenhunde" beschimpft. Die Burschenschaft "Libertas Brünn zu Aachen" beantragte, "eine klare Trennlinie" zwischen DB und NDB zu ziehen, damit sich "keine Kartelle bilden, die auf die Linie der Deutschen Burschenschaft einwirken".
Die Herren möchten auf völkischem Terrain nicht gestört werden, etwa bei der Forderung nach einem Deutschland in den Grenzen von 1939. Eine Landkarte im Buch "Burschenschafter und nationale Identität" zeigt Deutschland "in seinen völkerrechtlich gültigen Grenzen" - mitsamt Österreich und den böhmischen Grenzgebieten.
Deutsche Minderheiten in großdeutschen Regionen erfahren durch DB-Kämpfer freundliche Unterstützung: Jahr für Jahr wird ein Zug von Freiwilligen nach Südtirol und Schlesien entsandt, um Deutschstämmigen bei der Ernte zu helfen, um Schulen aufzubauen oder Spenden zu überreichen.
Finanzielle Unterstützung will man auch Altgedienten zugute kommen lassen: In Jena sprachen sich die Delegierten dafür aus, dem Bundestag zu empfehlen, die geplante Haftentschädigung für Wehrmachtsdeserteure lieber an Frontkämpfer auszuzahlen. Und wenn das Bier die Zungen löst, drängt es einige Burschen scheinbar unwiderstehlich nach rechts. Bei einer Zusammenkunft von Mitgliedern der "Arkadia-Mittweida Osnabrück", "Franconia Münster" und Libertas Brünn zu Aachen, wurde auf dem Haus der Osnabrücker das Horst-Wessel-Lied intoniert, wobei Textpassagen anhand eines alten SS-Gesangbuchs überprüft wurden.
Angesichts solcher Ereignisse halten deutsche Politiker mit ihrer DB-Vergangenheit lieber hinter dem Berg. Eberhard Diepgen (CDU) jedenfalls lasse es in der Öffentlichkeit am "Bekenntnis zu seinem Verband fehlen", klagt der designierte DB-Pressesprecher, der Berliner Karsten Rausch.
Auch die Baden-Württemberger Gerhard Mayer-Vorfelder (CDU) und Rezzo Schlauch (Grüne), der inzwischen seine Mitgliedschaft gekündigt hat, sprechen nicht gerade mit gelöster Zunge über ihre Aktivenzeit. "In Deutschland", sagt Burschenschaftsforscherin Alexandra Kurth, "ist eine DB-Mitgliedschaft nicht gerade karrierefördernd."
Anders sieht es in Österreich aus: Dort gilt die Deutsche Burschenschaft derzeit als Sprungbrett für ein Parteiamt bei den "Freiheitlichen" oder gar in den Nationalrat. "Wer sich unter Burschen bewährt", lobt Nationalratsmitglied Graf, "der schafft es auch in der Politik."
Das Pfund, mit dem die österreichischen Burschenschafter in der DB wuchern, ist ihre Geschlossenheit. In Abstimmungen vertreten sie in der Regel nur eine Meinung, ihre Rhetorik klingt geschliffener als die der meisten deutschen Burschenschafter.
"Früher", erzählt ein Bonner Burschenschafter, der aus Angst vor einem Ausschluß aus seiner Verbindung seinen Namen nicht nennen will, "hat man die Ösis nicht für voll genommen. Heute stecken die die Deutschen glatt in den Sack." Die Liberalen hätten resigniert, "die kriegen einfach keine Geschlossenheit zustande wie die anderen".
Der Fackelzug der DB durch die Jenaer Altstadt gerät dennoch zur Demonstration. Die Reihen fest geschlossen, marschieren 600 Burschenschafter an dem kleinen Grüppchen Protestler vorbei, das die Fackelträger mit "Nazis raus"-Rufen empfängt. Bursche um Bursche fällt in den Chor ein, bis die Nazis-raus-Stimmen vom Straßenrand verstummen. Burschenschafter mit "Ordner"-Armbinden sorgen dafür, daß keiner der mit dem "Schläger", der studentischen Fechtwaffe, bewehrten Herren aus den eigenen Reihen vorprescht und den Demonstranten seine "Wehrhaftigkeit unter Beweis stellt".
Ein wenig scheint es, als sei die Stimmung der Marschierer durch die Erinnerung an einen alten Vorfall angeheizt. Im Januar 1993 hatten Demonstranten aus dem Umkreis der Jungen Gemeinde Jena das "Volkshaus" blockiert, in dem sich die Mitglieder des "Ausschusses für burschenschaftliche Arbeit" zu einer Arbeitstagung versammelt hatten. In einem Rundbrief hatte der DB-Ausschuß später dazu aufgerufen, dem "gesunden Volkszorn" seinen Lauf zu lassen. Und damit der auch die richtige Adresse erreichen konnte, wurden Name und Anschrift des aktiven Gemeindepfarrers gleich mitgeliefert.
Der hat in diesem Jahr von Protestaktionen Abstand genommen, eine "Vereinbarung mit Polizeipräsident Schnaubert", wie er sagt. Lediglich ein löchriges Stoffplakat, vor dem sich immer wieder Burschenschafter stolz fotografieren lassen, weht vor dem Eingang zu seinem Jugendzentrum: "Burschen, verpißt euch, bitte".
So sind es überwiegend Jugendliche von außerhalb, die am Rande des Fackelzuges protestieren. Aus einem der versprengten Grüppchen löst sich ein Junge in Bomberjacke. "Gegen die verdammten Zecken ham wir ja auch was", flucht er, "aber die völkische Show, die die Typen hier abziehen - das is'' zuviel."
* Auf dem Burschentag im Mai in Jena.
Von Hilbk und

DER SPIEGEL 24/1997
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