16.06.1997

Das ist wirklich bodenlos

Von Mascolo, Georg und Schumacher, Hajo

Wie die DDR drei norwegischen "Lebensborn"-Kindern ihre Biographie raubte.

"Der nordische Mensch mit seinen hellen siegreichen Augen ist der Schmuck der Erde" (HEINRICH HIMMLER) "Die Kämpfer an der unsichtbaren Front sind und bleiben das Wertvollste eines sozialistischen Staatssicherheitsorgans" (ERICH MIELKE)

Der Mann, der sich Ludwig Bergmann nannte, hatte es seltsam eilig. Kurz besuchte er das Grab seiner Mutter Solveig, die ein paar Wochen vorher im norwegischen Örtchen Haugesund gestorben war. Dann ließ er sich von seinem Bruder Arne das Erbteil, 7068 Kronen und 50 Öre, bar auf die Hand zählen, quittierte und verschwand.

Seit jenem Tag im Sommer 1982 haben die Geschwister Arne, Solveig und Helge Bergman aus Haugesund den Mann, den sie für ihren Bruder hielten, nicht mehr gesehen.

15 Jahre später, an einem sonnigen Maitag dieses Jahres, haben die Kinder der toten Solveig Bergman ein Erlebnis der anderen Art: Am Flughafen von Haugesund umarmen sie einen Unbekannten.

Ludwig Bergmann aus Frankenberg in Sachsen hat seine Geschwister bis dahin nie gesehen, aber er ist ihr echter Bruder. Gemeinsam mit ihnen pflanzt er einen Rosenstrauch mit gelben Knospen am Grab seiner Mutter. "Kjær er minnert" steht auf dem Grabstein: Wir schätzen die Erinnerung. Die vier schweigen und weinen.

Der doppelte Ludwig Bergmann symbolisiert die Unmenschlichkeit zweier deutscher Unrechtssysteme.

Der echte Ludwig wurde als Besatzungskind eines deutschen Soldaten und einer norwegischen Mutter 1941 in Haugesund geboren und wuchs als Opfer der nationalsozialistischen "Lebensborn"-Ideologie in einem Heim bei Altenburg auf.

Der falsche Ludwig Bergmann hieß in Wahrheit Hempel, Heinz Hempel. Er kam 1941 in Trebsen bei Leipzig auf die Welt und schlüpfte 1966 in die Rolle des Lebensborn-Ludwig - um als Kundschafter mit makellosem Lebenslauf an der unsichtbaren Front den Klassenfeind auszuforschen.

Der echte Ludwig Bergmann wußte von seinem Doppelgänger aus dem Labor des militärischen Geheimdienstes des SED-Staates nichts, der Ahnungslose wurde von seiner Vergangenheit isoliert. Die Stasi fing seine Post ab und verhinderte mit perfider Akribie jeden Versuch des DDR-Bürgers Bergmann, seine Mutter in Norwegen ausfindig zu machen. Die sei, so die stereotype Auskunft der Behörden, verschollen oder tot.

Wie Ludwig Bergmann erging es etlichen ehemaligen Lebensborn-Kindern aus Norwegen, Frankreich, Belgien, den Niederlanden oder Dänemark, die nach dem Krieg meist als Staatenlose in der DDR aufwuchsen. Sie alle hatten Anspruch auf einen Reisepaß ihres Herkunftslandes, doch die Pässe holte sich der Geheimdienst.

In ihrer Fälscherwerkstatt entwarfen die Offiziere aufwühlende Schreiben angeblich elternloser Lebensborn-Kinder. "Ich fühle mich als Norweger", heißt es in einem der Schreiben an Botschaften und Paßämter, in einem anderen: "Ich wurde als zweijähriges Kind von meiner Mutter losgerissen und nach Deutschland verschleppt. Ich möchte mehr über meine Eltern in Erfahrung bringen." Als Grund für die beabsichtigte Ausreise aus dem Osten gaben sie fast immer Drangsalierung durch die DDR-Behörden an, die angeblich ihre Einbürgerung verlangten.

"Legale Aussiedlung unter Ausnutzung der Aktion Lebensborn der faschistischen deutschen Wehrmacht" nannte die Staatssicherheit das System. So ergänzten sich Nazi-Staat und DDR-Regime auf geradezu gespenstische Weise: Die Lebensborn-Kinder wurden gleich zweimal um ihr Leben betrogen. Sie wurden von Hitler geraubt, ihre Biographien von Mielke gestohlen.

In Norwegen waren die Nazis mit einer besonders perfiden Gründlichkeit vorgegangen. Aus Angst vor dem Zugriff der deutschen Rassenfanatiker entbanden manche Frauen in Bergwerkstollen. Dennoch erfaßte der Lebensborn zwei Drittel der rund 9000 norwegischen Kriegskinder, etwa 300 wurden ins Reich entführt.

Auch das Baby Ludwig Bergmann wurde als blonder Nordarier requiriert. Um hinsichtlich des Erbgutes Gewißheit zu haben, legte Himmler Wert darauf, daß die Vaterschaft zweifelsfrei geklärt wurde. Am 5. März 1942 beurkundete Marinehilfskriegsgerichtsrat Dr. Stapelkamp, Jurist am "Gericht des 2. Admirals der Ostseestation, Kiel", daß der Gefreite Ludwig Berger, wohnhaft in Pasing bei München, Münchenerstr. 51, Vater des Knaben Ludwig sei.

Das Kind, von dem der Vater nichts wissen will, macht seiner Mutter Solveig Bergman Sorgen. Zwar entwickelt sich ihr Sohn

gut, auch hat Gatte Sven Olof, dem sie den Seitensprung mit dem deutschen Soldaten Berger beichtete, zugestimmt, daß Ludwig in der Familie bleiben dürfe.

Dennoch lastete das Stigma auf Solveig Bergman. Frauen, die sich mit den Besatzern eingelassen hatten, wurden im Krieg von den eigenen Landsleuten oft geschoren, manchmal geteert und gefedert. Einigen wurde ein Hakenkreuz in die Stirn geschnitten oder darauf eingebrannt.

Als Solveig Bergman im Sommer 1942 spürt, daß sie wieder schwanger ist, läßt sie sich auf das Angebot der Nazis ein, sich um Ludwig zu kümmern. Gerade zwei Jahre alt, kommt das Baby ins Heim Godthaab bei Oslo. Die Nazis deutschen ihn ein, indem sie seinem Nachnamen ein zweites "n" anhängen und ihr neues Genreservoir unter der Lebensborn-Nummer 368 registrieren.

Wie fast die gesamte norwegische Babybeute wird Nr. 368 im September 1944 in das Kinderheim "Sonnenwiese" in Kohren-Sahlis nahe Altenburg gebracht. Die Babys kamen mit dem Zug, meist ein ganzer Waggon voll. In Wäschekörben wurden sie auf einen offenen Anhänger geladen, das jüngste gerade drei Wochen alt. Ein Traktor zog sie hinauf zum Heim. "Alles hübsche blonde Kinder, blaue Augen die meisten", erinnert sich Schwester Inge Külbel.

Als Generaloberst Alfred Jodl in Reims die Kapitulation unterschrieben und Heinrich Himmler sich vergiftet hatte, lebten noch 90 Kinder in "Sonnenwiese", keines älter als fünf Jahre. Aus den Super-Ariern waren "SS-Bälger" geworden, die niemand haben will. Auch die norwegischen Behörden suchen nur halbherzig nach ihren kleinen Staatsbürgern.

Mutter Bergman in Haugesund erhält vom 1. Kontor des Sozialministeriums die lapidare Mitteilung, ihr Sohn sei nicht zu finden. Im Oktober 1950 wird die Akte geschlossen: Ludwig Bergman, heißt der abschließende Vermerk, halte sich an einem unbekannten Ort in Deutschland auf.

In den Nachkriegswirren kommt nach vorsichtigen Schätzungen von Historikern nur die Hälfte der Lebensborn-Zöglinge zurück zu ihren Müttern. Allein 150 norwegische Kriegskinder bleiben in der sowjetischen Besatzungszone. Im Heim "Sonnenwiese" erleben die Kleinen das Kriegsende gleich drei Spielkameraden, die sich später nie wiedersehen werden, eint sie eine unheimliche Gemeinsamkeit: Ihre Namen werden später von der Stasi mißbraucht.

Ludwig Bergmann kann sich heute nicht mehr an das Heim in Kohren-Sahlis erinnern. Willy Siegfried Ödegård, Lebensborn-Nummer 3754, hat noch den großen, immer lauten Speisesaal vor Augen. Aud Rigmor Graefe sieht noch heute eine Puppe vom Balkon fallen.

Die drei aus dem Heim "Sonnenwiese" haben zunächst Glück. Fleischersfrau Adelheid Helbig aus dem Nachbarhaus nimmt Aud Rigmor Graefe, das Mädchen mit den weiten Ärmeln und der blauen Zipfelmütze, bei sich auf. Willy Siegfried Ödegård wird von Pflegeeltern aus dem nahen Geithain in Andreas Vogel umbenannt. Und Ludwig Bergmann kommt zu Anna und Viktor Klossek nach Ramsdorf, Dorfstraße 53.

Lebensborn-Kinder machen sich nicht gut im angehenden antifaschistischen Staat. So erklären die Pflegeeltern dem Heranwachsenden, daß sein reales Leben erst bei ihnen begonnen habe.

Nur eine Autostunde von Ludwig Bergmann entfernt wächst in Trebsen an der Mulde nahe Leipzig in einem behüteten sozialistischen Elternhaus ein nahezu gleichaltriger Junge auf: Heinz Hempel, dessen Vater schon 1947 SED-Genosse wurde.

Keiner ahnt, daß in Berlin bereits an jenem Netz gesponnen wird, welches das Norweger-Kind und den Sozi-Nachwuchs fast ein ganzes Leben unfreiwillig zusammenhalten wird.

Noch bevor die DDR den Aufbau des Sozialismus proklamierte, hatte Moskau begonnen, im Besatzungsgebiet Geheimdienste nach sowjetischem Vorbild aufzubauen. Während das KGB an ersten Strukturen für die spätere Staatssicherheit bastelte, kümmerte sich die sowjetische Militäraufklärung GRU um ein Pendant für die ostdeutsche Armee.

Gleich zwei Dienste sollten künftig den Westen des Landes ausspähen. Chef des einen, der späteren Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit, wird wenig später der junge, ehrgeizige Markus Wolf.

Der Konkurrenzdienst geht im Herbst 1952 im Stab der Kasernierten Volkspolizei in Berlin-Adlershof an die Arbeit. Angeleitet von sowjetischen Instrukteuren, übt ein Trupp sprachkundiger Offiziere das Sammeln und Auswerten westlicher Militärinformationen.

Weil die Armeeaufklärer mit den Jahren immer erfolgreicher werden, läßt der chronisch mißtrauische Erich Mielke den militärischen Nachrichtendienst (Mil-ND), der offiziell dem Verteidigungsminister untersteht, systematisch von Stasi-Leuten unterwandern.

Ob die Stasi oder ihre Kollegen von der Armee zuerst auf die Idee kamen, die Lebensborn-Kinder für ihre schmutzigen Tricks auszubeuten, ist bis heute ungeklärt. Jedenfalls registrierten die Geheimen den Brief der Bürgerin Graefe mit dem eigenartigen Vornamen Aud Rigmor, in dem sie bei den Behörden in Oslo um eine Geburtsurkunde bat. Sie wollte heiraten. Die Staatsschützer Ost erkannten, daß Aud Rigmor Graefe staatenlos war. Sie erkundeten ihre Lebensborn-Vergangenheit und witterten womöglich die Chance, die eine solche Vita ihnen bot.

Wenig später erlebte auch Ludwig Bergmann etwas Seltsames: Die Volkspolizei zitierte ihn, der sich widerstandslos dem realsozialistischen Alltag angepaßt hatte, auf die Wache. Er mußte unterschreiben, daß er keinerlei Kontakt nach Norwegen aufnehmen werde. Andernfalls setze es empfindliche Strafen.

Bergmann, der schon lange nicht mehr an Haugesund gedacht hatte, verbuchte den Vorgang, so erinnert er sich, als DDR-typischen Unsinn. In Wirklichkeit war dies die Geburtsstunde seines Doppelgängers. Aus zwei Biographien und ein paar Lügen entstand ein neuer stringenter Lebensfaden für eine Agentenlegende.

Die ideale Besetzung für den Job hatten die Offiziere schon gefunden: den jungen Ingenieur Hempel, der darauf brannte, für den Sozialismus alles zu geben.

Hempel gehörte zu jener Sorte eifriger Jungmänner, die der Sozialismus gebrauchen konnte. Er lernte den proletarischen Beruf des Chemiefacharbeiters, trat mit 18 in die Partei ein, rackerte sich auf der Ingenieurschule für Chemie in Leipzig zum Ingenieurökonom empor und bekam sofort einen Job in der Farbenfabrik Wolfen.

Die SED-Betriebsleitung schlägt den Mustergenossen, "der stets vom Klassenstandpunkt ausgeht", sogar für die Parteihochschule vor. Doch die Bezirksleitung hat einen besseren Vorschlag: Sie empfiehlt Hempel dem Mil-ND als Nachwuchskraft. Daß der Jungkader nun Agent lernt statt Funktionär, ficht ihn nicht an. "Ich hatte mich zu dem Standpunkt durchgerungen, mein Leben gemäß den Vorschlägen der Partei zu gestalten", heißt es in einer Kadernotiz. Am 1. April 1964 tritt der Nachwuchsspion, inzwischen 23 Jahre alt, seinen Dienst im Ressort "Spezialaufgaben" an.

Die Verwandlung in den ehemaligen Norweger Ludwig Bergmann verläuft in drei Stufen. Die ersten sechs Monate wird Theorie gebüffelt: das Wesen des imperialistischen Staates, die Strategie der Nato.

Zur Einstimmung sieht Hempel die Agentenfilme "For eyes only" und "Dr. Sorge funkt aus Tokio" und analysiert sie mit dem Ausbildungsoffizier. Er rührt Geheimtinte an, übt Funken und das Fotografieren mit der Minox bei schwierigen Lichtverhältnissen. Mit Hilfe von Schallplatten lernt Hempel Englisch.

In den nächsten acht Monaten wendet er das Gelernte an. Anfangs horcht er in West-Berlin Touristen aus, schon bald folgen schwierigere Aufgaben wie etwa "Kontaktübung mit einer weiblichen Person aus Strausberg".

Hempel, dem seine Ausbilder eine "nicht voll befriedigende Persönlichkeit" anlasten, zweifelt, ob er schon reif für einen Einsatz im Westen ist. Doch der Zeitplan seiner Oberen steht. Unaufhaltsam löst sich Heinz Hempel auf, und das Kunstprodukt, der neue Ludwig Bergmann, wächst.

Hempels zweites Leben beginnt mit dem Pauken seiner neuen Vita: "Ich heiße Ludwig Bergmann, bin geboren in Haugesund und kam mit der Aktion Lebensborn nach Kohren-Sahlis" - soweit stimmt die Vita mit der des echten Bergmann überein.

Aus Hempels Leben wurde die Lehre und der erste Job im VEB Farbenfabrik Wolfen geborgt; hinzugedichtet wird die Abendoberschule an der Volkshochschule Bitterfeld und das Studium an der Technischen Hochschule Leuna-Merseburg. Falsche Zeugnisse sind rasch besorgt.

Als Scheinpflegeeltern wählt der Mil-ND die Familie Berger in Halle, erst Posadowskistr. 10, dann Gagarinstraße 76, aus. In den nächsten 18 Jahren werden die Bergers als Quelle "Sandberg" geführt und leiten all die bemüht heiteren Briefe weiter, in denen der Spion verschlüsselte Nachrichten für die Zentrale unterbringt. Zum Dank bringt der Führungsoffizier mal einen Präsentkorb vorbei, mal eine Flasche Korn.

Zugleich muß der echte Bergmann observiert werden. Das Original macht wenig Probleme. Ludwig Bergmann hat bei der Armee Kraftfahrer gelernt. Inzwischen liefert er für die Frankenberger Firma Lisema (Liegen, Sessel, Matrazen) für fünf Mark die Stunde Polstermöbel im Arbeiter-und- Bauern-Staat aus.

Bergmann gehört keiner Partei an, hält sich politisch heraus. Nicht einmal politische Witze habe er sich zu erzählen getraut, bekennt er. Der Mann wird der Stasi keine Probleme machen. "In seinem Wesen ist er verträglich", notiert ein Leutnant Lindauer, Bergmann sei "nicht der Typ, der sich in den Vordergrund stellen will". Auch den Wunsch, die Familie in Norwegen zu finden, müsse man nicht fürchten: "Er ist in allen Belangen sehr zurückhaltend."

1965 startet der Mil-ND die Aktion Bergmann: Doppelgänger Hempel beantragt in der norwegischen Botschaft in Bonn die Bestätigung seiner Staatsbürgerschaft und einen Paß. Der skandinavische Reisepaß RP B 0268224 wird ausgestellt und geht per Einschreiben an die Bergers nach Halle. Seiner Familie erzählt Hempel von einem Studienaufenthalt in der Sowjetunion. Dann wird er als einer der ersten DDR-Spione mit Lebensborn-Legende ins "Operationsgebiet ausgesiedelt".

Gefaßt verläßt Heinz Hempel alias Ludwig Bergmann Ende April 1966 die DDR über den Berliner Bahnhof Friedrichstraße. Er tauscht Geld und meldet sich bei der norwegischen Militärmission in West-Berlin.

Dort wird er erst einmal geschockt: Der diensthabende Offizier äußert unumwunden den Verdacht, er sei ein Spion. Hempel verneint tapfer. Um nicht weiter aufzufallen, macht er sich umgehend auf in die neue Heimat. Über Hamburg und Kopenhagen fliegt er nach Oslo, wo er bald einen Job als Akkordarbeiter im Lager der Farbenfabrik Alf Bjerke findet. Im Juli zieht er als Untermieter zu einem kinderlosen norwegischen Paar und beantragt einen neuen Paß, in dem es keinen Vermerk über seine DDR-Vergangenheit mehr geben wird.

Um seine Legende zu festigen, nimmt Hempel im Oktober Kontakt zur Familie Bergman auf, schickt einen Brief. Die alte Dame schwankt nach all den Jahren ohne Nachricht zwischen Liebe und Ablehnung. Sie fragt ihren Mann Sven Olof um Rat. Der Patriarch ruft die Familie zusammen, hört die Meinungen an und entscheidet schließlich: Ludwig gehört zur Familie. Er darf kommen.

Zu Weihnachten schickt Hempel ein Päckchen. Die Mutter ruft daraufhin in seiner Firma an und lädt ihn ein, Sylvester in Haugesund zu feiern.

Hempels erster Besuch bei der angeblichen Mutter wäre beinahe schon sein letzter gewesen. Offenbar ist ihm der norwegische Geheimdienst bereits auf der Spur - ausgereiste DDR-Bürger gelten automatisch als verdächtig.

Die Haugesunder Polizei lädt den vermeintlichen Bergman-Sohn vor - Verdacht auf Spionage. Die Mutter begleitet Hempel aufs Revier. Die Vernehmer berichten, ein polnischer Spion habe sich gestellt und seine gefälschte Lebensborn-Herkunft gestanden. Dann bluffen sie: Wenn er auch auspacke, drohe ihm keine Strafe.

Hempel bleibt gelassen, bestreitet den Verdacht. Die aufgewühlte Mutter, glücklich über die vermeintliche Heimkehr des verlorenen Sohnes, kommt zu Hilfe. Sie beteuert, Hempel sei ihr Sproß, und verweist auf die Ähnlichkeit mit seinem "Bruder" Arne. Niemandem fällt auf, daß er Details aus dem Familienleben kennt, die er in den Jahren der Trennung nicht hatte erfahren können.

Stolz erstattet Hempel im Juli 1967 bei einem Treff in der Ost-Berliner Zentrale Bericht. "Mit festem fragenden Blick" habe ihm die Familie den Spionageverdacht der norwegischen Behörden vorgetragen. Er sei "ruhig, überzeugend und tröstend" aufgetreten. Triumphierend notiert der Mil-ND: "Die ,Mutter'' und seine ,Geschwister'' erkannten ihn als ,Sohn'' und ,Bruder'' an."

Doch mit der Arbeit ihres Spitzels sind die Chefs daheim nicht immer zufrieden. Er habe, so monieren sie, nicht einmal die Reaktionen der Osloer Regierung auf den Sechstagekrieg zwischen Israel und den Arabern im Juni 1967 mitgeteilt.

Noch im selben Jahr wird Hempel von Oslo nach Münster kommandiert. Die Stadt im Westfälischen war für die Aufklärer des Warschauer Pakts von großem Interesse. Hier waren der Stab des I. Armeekorps stationiert, die Luftwaffengruppe Nord sowie große Teile der britischen Rheinarmee.

Der Auftrag ist komplex und langwierig: Hempel soll beruflich und gesellschaftlich Karriere machen und sich eine Frau suchen - für eine perfekte bürgerliche Tarnung. Er wird Abteilungsleiter bei einem Chemiegroßhandel. Doch das Anbandeln fällt dem Spion schwer. Zwar hat er bereits von Oslo aus ein Heiratsinstitut beauftragt, aber die richtige Kandidatin ist schwer zu finden. Eine Dame aus Bramsche erweist sich als unpraktisch, da vom Einsatzort zu weit entfernt. Der Flirt mit der Tochter eines Münsteraner Finanzamtsdirektors endet schnell: Die Eltern können sich Hempel nicht als Schwiegersohn vorstellen.

So recht taugt der Spion wohl nicht für den Job an der unsichtbaren Front. Er fühlt sich überfordert. Die Leute vom Mil-ND versuchen geduldig, ihren zaudernden Mann anzutreiben. Sie verleihen ihm die Verdienstmedaille der NVA in Bronze und Gold, zugleich verlangen sie von ihm mehr Kontakte und bessere Informationen.

Doch es hilft alles nichts. Nicht mal einfache Aufgaben wollen Hempel gelingen. Da wohnt er schon mit Brigadegeneral von Wangenheim in einem Haus, bringt es aber bis zu dessen Pensionierung nicht einmal zu einem Besuch in dessen Wohnung.

Auch die Versuche, sich in Kneipen an Bundeswehrsoldaten heranzumachen, schlagen fehl. Schließlich rufen die Leute vom Mil-ND weiblichen Beistand zu Hilfe: Sie stellen Kontakt zur Agentenkollegin "Hummel" her. Die hat es zur Sekretärin des Kommandeurs des Jagdfliegergeschwaders in Rheine gebracht.

Doch Hempel will nicht, er hat sich anderweitig verliebt, in eine junge Münsteranerin namens Annerose Pietzner.

Schließlich, im Herbst 1970, gibt der Mil-ND auf. Hempel wird in das badische Örtchen Blumberg abgeschoben. Der neue Job kommt seiner eigenbrötlerischen Art entgegen: Er baut Funkverbindungen im deutsch-schweizerischen Grenzgebiet auf, legt Depots an, tüftelt Treffsysteme und Grenzschleusen aus, vergräbt Funkgeräte für den Ernstfall. Bei seinem Arbeitgeber, einem Chemiebetrieb, übt er sich in Industriespionage für die rückständige DDR. Selbst in der Frühstückspause vergißt Agent Hempel die Tarnung nicht: Er liest eine norwegische Zeitung.

Zum Verhängnis wird ihm schließlich die Liebe. Der unter Einsamkeit leidende Spion nimmt einen Kontakt wieder auf, den ihm seine Oberen strikt untersagt hatten: zu seiner Münsteraner Freundin Annerose Pietzner. Hempel verstößt gegen das strengste Tabu des Gewerbes: Er offenbart sich der Geliebten und heiratet sie. Die Chefs in Ost-Berlin toben, doch sie akzeptieren.

Zur Hochzeit am 26. März 1971 reist auch Mutter Solveig Bergman mit ihrer Tochter an. In der Blumberger Gaststätte "Auf dem Eichenberg" trägt sich die alte Dame, zu der Ludwig mit skrupelloser Zärtlichkeit "Mama" sagt, ins Gästebuch ein: "Vi takker for os, og höper pa gyensyen. Med mangen hilsen fra Norge" (Wir bedanken uns und hoffen auf ein Wiedersehen. Viele Grüße aus Norwegen).

Im Duett mit seiner Annerose fühlt sich Spion Hempel gleich sicherer. Aber er hat schon den Militärischen Abschirmdienst (MAD) der Bundeswehr auf sich aufmerksam gemacht. Den MADlern waren bereits die ungelenken Annäherungsversuche des Spions an Bundeswehrsoldaten in Münsters Kneipen aufgefallen. Als sie ihn beim Nato-Manöver Wintex ''71 in einem gemieteten VW-Käfer herumkurven sehen, werden die westdeutschen Dienste aktiv.

Hempel funkt Ost-Berlin an. Umgehend kommt der Befehl: Abtauchen. Via Dänemark knattert das Paar im Käfer gen Norwegen. In Oslo wird Hempel "vollständige Konservierung" verordnet. Er wird wissenschaftlicher Mitarbeiter im Biologie-Institut der Universität und in seiner Mietskaserne Hausmeister.

Der stillgelegte Agent hegt sein Familienglück, echtes wie falsches. Annerose ist schwanger, und der Weg nach Haugesund nicht weit. Die Familie Bergman hat sich an den verlorenen Sohn gewöhnt, der gern vorbeischaut, um auszuspannen.

Hempels Rückzug in das Umfeld seiner angeblichen Familie dient nicht nur seinem eigenen Wohlergehen, sondern auch dem seiner Kollegen. Denn im Westen spionieren noch etliche andere DDR-Agenten im Schutz der Lebensborn-Legende.

So heiratet ein Herr Peiser in Köln im März 1970 eine gewisse Aud Rigmor Graefe, wenig später verliert sich ihre Spur in der Nato-Stadt Brüssel. Peiser ist Ostagent. Um seine Tarnung zu stützen, hat der Geheimdienst eine Hochzeit mit einer Ausländerin angeordnet und ihm eine falsche Skandinavierin aus der DDR geschickt - getarnt mit der Graefe-Legende.

Die echte Aud Rigmor Graefe jedoch war niemals in Köln oder Brüssel. Sie hatte damals gerade ein neues Eigenheim gebaut, gleich neben dem Haus, in dem sie aufwuchs, in direkter Nachbarschaft des einstigen Kinderheims "Sonnenwiese".

Wenige Tage nachdem sie in einer kleinen Feierstunde die Einbürgerungsurkunde überreicht bekommen hat - von Willy Stoph, dem Vorsitzenden des DDR-Ministerrats, selbst unterschrieben -, stapft ein untersetzter Mann durch den Schlamm vor ihrem neuen Haus.

Er komme von "der Behörde", sagt er, zeigt einen kleinen blauen Ausweis vor und verlangt ihre norwegische Geburtsurkunde. Aud Rigmor stutzt, gibt dem Mann aber die Urkunde. Acht Wochen später kommt sie per Einschreiben zurück, ein Dankschreiben ist auch dabei.

Auch Andreas Vogel, der als Willy Siegfried Ödegård zusammen mit Ludwig Bergmann und Aud Rigmor im Lebensbornheim "Sonnenwiese" aufwuchs, reist nie in den Westen. Nur einmal, 1964, schreibt er, damals Physikstudent in Leipzig, einen Brief nach Norwegen. Bei der Domkirche in Kristiansand bittet er für seine Heirat um eine Geburtsurkunde.

Daß fünf Jahre später ein anderer Ödegård erneut die Unterlagen beantragt, fällt Pfarrer Sörensen nicht auf. Auch der falsche Ödegård bekommt das Dokument zugesandt, nach Frankfurt (Oder) in die Wildenbruchstr. 14b. Damit beantragt der Doppelgänger am 6. Juli 1969 einen norwegischen Paß bei der Botschaft in Bad Godesberg.

Mit diesem Paß verläßt er am 30. Januar 1970 die DDR, läßt sich in Aachen in der Nordhofstraße 12 nieder und schreibt an die norwegische Vizekonsulin Marcussen: Zwar danke er für die Mühe, doch er wolle nun doch lieber Bundesdeutscher werden. Daher werde er seinen norwegischen Paß gegen einen deutschen tauschen. So wird aus dem falschen Norweger ein falscher Deutscher.

Ödegård verbringt die nächsten Jahre an der Technischen Hochschule (TH) Aachen und interessiert sich vor allem für Triebwerkstechnik. Die TH hat seit 1919 einen Lehrstuhl für Aerodynamik und gilt bei Forschern als erstklassige Adresse.

Spion Ödegård ist von den Profi-Fälschern mit erstklassigen Papieren versorgt worden. Er trägt das Reifezeugnis ("ordnete sich gut ins Kollektiv ein") und einen Beleg über die Diplomvorprüfung der TU Dresden im Gepäck.

Der Mann hat nur Einsen und Zweien gesammelt. Lediglich in "Grundlagen des Marxismus-Leninismus" hat er, zur Freude der konservativen Aachener Professoren, gerade mal eine Drei geschafft.

Im Frühjahr 1972 besteht der falsche Ödegård die Diplomprüfung und beginnt als Mitarbeiter bei Professor David, einer Kapazität in Sachen Strahlantrieb. In den nächsten Jahren besorgt der Computerfachmann gleich sackweise Wissenswertes für die DDR-Industrie.

Plötzlich jedoch, am 2. Juli 1976, setzt sich Ödegård samt Familie ab. Im Kofferraum seines Wagens verstaut das Ehepaar noch einen Karton Unterlagen der TH. Als die Uni zehn Tage später Vermißtenanzeige erstattet, schaltet die Polizei den Staatsschutz ein. Die Beamten finden verräterische Papiere und zwei Speziallampen mit je 500 Watt zur Dokumentenfotografie.

Der weitere Weg des Paares verliert sich im Nichts. Die Akten sind vernichtet - anders die von Heinz Hempel.

Eigentlich will Ost-Berlin seinen in Oslo zwischengelagerten Spion 1973 heimholen, endgültig überzeugt, daß aus Hempel kein Ost-Bond mehr zu machen sei.

Doch Hempel will noch ein Weilchen im Westen bleiben. Er warnt die Ost-Berliner vor übereilten Entscheidungen: Er habe seiner Frau Annerose nur Teile seines Doppellebens verraten. Bei einem überstürzten Rückzug könne sie womöglich nervös werden und sich dem Westdienst offenbaren.

Hempel und Gattin Annerose, inzwischen als Kurier unter dem Decknamen "Wolga" unterwegs, bekommen eine letzte Chance in Österreich. Der Mil-ND ernennt Hempel zum "Reserveelement" für den "Spannungs- und Kriegsfall" (SKF). Seine Aufgabe: Er soll im Ernstfall hinter den Linien Sabotage treiben. Doch Hempel ist die Karriere nicht mehr so wichtig, das bürgerliche Leben hat auch seinen Reiz. Er beschränkt sich auf den Ankauf von Landkarten, abonniert Militärzeitschriften wie SPIND oder SOLDAT und erwirbt den Bildkalender des Bundesheers im Schreibwaren- und Bürogeschäft Schubert in der Kremser Gasse zu St. Pölten.

Der echte Bergmann führt währenddessen in der DDR ein bescheidenes Dasein. Er malocht inzwischen als Gabelstaplerfahrer in der Eisengießerei "Rudolf Harlaß" und hat sich damit abgefunden, daß er ein armer Mann bleiben würde, der seine Familie mit Kleinkrediten im Bekanntenkreis und Tanzmusik auf dem Schifferklavier durchbringen muß.

Zwei Höhepunkte markieren sein DDR-Leben. 1976 wird er, inzwischen sechsfacher Vater, zum Brigadebesten erklärt. Die Kollegen schleppen ihn in öliger Montur ins Parteizimmer für ein Jux-Foto unter roten Bannern. Als Prämie gibt es eine Eisenbahnfahrt nach Moskau.

1978 gewinnt er 89 000 Mark im Lotto. Für 9000 Mark kauft er einen gebrauchten Trabi und bestellt sich gleich für 12 000 Mark einen neuen. Der wird kurz vor der Wende im Herbst 1989 geliefert.

An sein Geburtsland Norwegen wird das Lebensborn-Kind nur einmal erinnert, als er Anfang der sechziger Jahre verbotenerweise Radio Luxemburg hört. In einer Suchsendung des Roten Kreuzes glaubt er auch seinen Namen gehört zu haben. Forscht etwa seine Mutter nach ihm? Bergmann entscheidet sich, die Sache zu vergessen.

Das Aus für den Agenten Bergmann kommt im Juni 1983. Hempel muß zweimal zum Verhör in die Gendarmerie St. Aegyd. Bei den Verhören erfährt er, daß er bereits seit fünf Jahren im Visier der Österreicher ist. In Ost-Berlin wird man nervös. "BRD-Organe" hätten Hempel "unter Nutzung von EDV" enttarnt, mutmaßt die Zentrale des Mil-ND. Seine Verhaftung müsse mit Rücksicht auf "die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Österreich" auf jeden Fall vermieden werden.

Anfang November 1983 wird die Familie telefonisch nach Budapest bestellt, angeblich zum Routinetreff. Im neuen Audi 100 reisen Hempels an.

Im Hotel Szabadsag teilt der Führungsoffizier dem Spion kühl das Ende des Einsatzes mit und befiehlt die sofortige Rückkehr in die DDR. Gattin Annerose ist verärgert, dennoch "leistete sie tapfer den Weisungen der Offiziere Folge", wie der Mil-ND notiert. Die Ost-Berliner haben alles vorbereitet. Sie schrauben DDR-Kennzeichen an den Audi, nehmen den Hempels die österreichischen Pässe ab und händigen ihnen ostdeutsche aus. Eskortiert von einem Volvo des Mil-ND, geht die Fahrt nach Ost-Berlin. Der Audi wird dem Ministerium für Staatssicherheit übergeben und mit 25 000 Mark West taxiert.

Jetzt endlich, da Agent Hempel den Dienst beendet hat, wird er auch berühmt, erstmals in 20 Jahren. "Voest-Chemiker mit Familie in den Osten abgesetzt", titelt die KRONEN-ZEITUNG und fragt: "Gehirnwäsche für die Frau des DDR-Spions?"

Die Bergmans in Haugesund sind konsterniert, als sie in ihrer Zeitung VERDENS GANG lesen: "Ein Norweger Spion?" Als Polizisten anrücken, zerreißen sie Fotos und Briefe des Mannes, von dem sie sich hintergangen fühlen. Für ihren Bruder aber halten sie ihn noch immer.

Hempel schreibt einen letzten knappen Brief an seinen Nicht-Bruder Arne, der nicht beantwortet wird. Dann wird dem Spion a. D. eine neue Identität verordnet, seine dritte.

Um den wahren Bergmann loszuwerden, wird er geschieden. Gleich darauf heiratet er unter dem tatsächlichen Namen Heinz Hempel erneut seine Annerose. Bei der Heirat nimmt Hempel den Namen seiner Frau an, die für die DDR-Behörden offiziell - wenn auch rechtswidrig - Bergmann heißt. Hempel bekommt sein altes Geburtsdatum zurück und den Vornamen Ludwig dazu. Seitdem lebt er als Ludwig Heinz Alfred Bergmann, geborener Hempel.

Im sozialistischen Alltag funktioniert der Ex-Hempel prächtig. Er glänzt auf der Parteischule und bewährt sich beim Chemiehandel Dresden.

Allein Frau Annerose leidet. Vorwurfsvolle Briefe ihrer Familie aus Münster beantwortet sie mit dem klagenden Hinweis: "Die Jahre schweißten uns eben zusammen."

Aufklärerchef Arthur Franke bittet beim Ministerrat der DDR persönlich darum, Ludwig Hempel alias Heinz Alfred Bergmann ein monatliches Zubrot anzuweisen und der treuen Gattin mit Erreichen des Rentenalters "eine Ehrenrente in Höhe von 600 Mark".

Drei Jahre kontrolliert die Stasi den Ex-Agenten auf verdächtige Westkontakte, dann wird seine Akte geschlossen. Einem ruhigen Leben in relativem Wohlstand und in der Gewißheit eines erfüllten sozialistischen Lebens steht nichts mehr im Wege.

Da plötzlich fällt die Mauer, hinter der sich Hempel-Bergmann sicher und geborgen fühlte.

Die Männer vom Mil-ND fürchten, daß die Bürgerrechtler ihre Zentrale in der Oberspreestraße 61-63 stürmen. Als weißer Rauch aus dem Schlot des Heizhauses quillt, klopfen die ersten Aufgeregten an. Die Offiziere beschwichtigen: Hier würden keine Akten vernichtet, und mit der Stasi habe man ohnehin nichts zu tun. Die Aufständischen ziehen ab.

Nicht einmal den letzten Verteidigungsminister der DDR, den ehemaligen Staatsfeind und notorischen Pazifisten Rainer Eppelmann, müssen die Militärs fürchten. "Arbeiten Sie so ehrlich und fleißig weiter", hatte der Mann mit der Schiffermütze die Geheimdienstler ermuntert, als er sein Amt übernahm.

In aller Ruhe lösen die Dienste ihr "agenturisches Netz" im Ausland auf. Am 23. Mai 1990 grölt ein Männerchor auf Kurzwelle, 3258 Kilohertz, einen eigenwilligen letzten Zapfenstreich: "Köpfchen in das Wasser, Schwänzchen in die Höh''!" - das Signal an alle Agenten, daß es an der Zeit ist, endgültig abzutauchen.

Wenig später gelingt es dem neuen Chef des Mil-ND, Alfred Krause, den arglosen Eppelmann zu überzeugen, daß die Akten verschwinden müssen. An einem Freitag im August fahren NVA-Soldaten 250 Kisten auf sechs Lastwagen, darunter die Dossiers von Ludwig Bergmann, Willy Siegfried Ödegård alias Andreas Vogel und Aud Rigmor Graefe in die Zentrale, wo Reißwölfe stehen.

Heinz Hempel ist beruhigt. Was spricht dagegen, in der neuen Welt als Ludwig Heinz Alfred Bergmann weiterzuleben? Warum sollte er sich dem feindlichen Dienst offenbaren? Was würde es juristisch bedeuten, daß er unter falschem Namen heiratete, erbte, Vater wurde, Konten eröffnete, Verträge unterschrieb?

Hempel will nichts riskieren, dafür geht es ihm zu gut. Er findet einen Job als Außendienstler bei einer Dresdner Lackfabrik, Dienstwagen und Handy inklusive. Das Ehepaar verläßt die graue Doppelhaushälfte im Dresdner Süden, um sich im malerischen Radebeul in einer Neubauwohnung niederzulassen, an der Elbe, mit Blick auf die Weinberge.

Anders als Bergmann und Vogel will Aud Rigmor Graefe, die inzwischen Harzendorf heißt, alles über ihre Vergangenheit in Erfahrung bringen. Gleich nach der Wende macht sie sich auf die Suche. Als Helmut Kohl in Leipzig zu seinen neuen Untertanen spricht, traut sie sich, mit ihrem Bekannten Arno Kaube, der ebenfalls im Heim "Sonnenwiese" aufgewachsen ist und nun als Trompeter der Feuerwehrkapelle von Kohren-Sahlis dem Vereinigungskanzler aufspielt, ein skandinavisches Fernsehteam anzusprechen. Die TV-Leute empfehlen einen Brief an das Reichsarchiv in Oslo.

Ein guter Tip. Aud Rigmor erfährt zum erstenmal Näheres über ihren Vater, den Flieger Rudi Graefe. Er starb 1965 im sächsischen Schwarzenberg, nicht weit entfernt von ihr. Ihre Mutter lebt noch. Sie telefonieren. Aud Rigmor fährt nach Norwegen, gerade noch rechtzeitig. Wenig später stirbt die Mutter.

Die Frau aus Kohren-Sahlis wird zur Anlaufstelle für andere Lebensborn-Kinder. Sie gründet einen Verband, der sich um die Klärung der Lebensborn-Schicksale kümmert. Daß die DDR ihre Lebensdaten für ihre schmutzigen Tricks ausgebeutet hat, ahnt sie ebensowenig wie die anderen Opfer des Regimes.

Die westdeutschen Behörden sind schon seit Jahren dem Biographienschwindel auf der Spur, doch sie handeln nach den internationalen Regeln des Milieus: Sie schweigen.

Zwar nehmen die Fahnder aus den Altländern am Tag der Einheit die Jagd nach ehemaligen Ostagenten auf. Hunderte Ermittler schwärmen aus, verhören und verhaften. Beim Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln werden Sonderstäbe gebildet, Akten gewälzt und Fragenkataloge ausgearbeitet.

Doch die Kriegskinder schaffen es auf keine Prioritätenliste. Dabei hätte ein Hinweis an die Gauck-Behörde, an den Suchdienst des Roten Kreuzes oder nur ein Blick in das Zentrale Personenregister der DDR genügt.

Andreas Vogel, geborener Ödegård, erfährt erst Mitte Mai dieses Jahres vom SPIEGEL, daß seine Mutter in Norwegen lebt. Nur die Adresse fehlt noch. Der Physiker, der jetzt eine Eisdiele betreibt, ist fassungslos: "Wir haben diesen Brüdern ja viel zugetraut", sagt er bitter, "aber das ist wirklich bodenlos."

Warum er nie selbst nach seiner Mutter gesucht hat? "Ich war verbittert, weil ich denken mußte, daß sie sich auch nicht um mich gekümmert hat." Hätte er damals, Mitte der sechziger Jahre, die Chance gehabt, nach Norwegen auszuwandern, er hätte es vielleicht versucht. Doch die Chance seines Lebens hat ihm der Geheimdienst verbaut.

Auch der echte Ludwig Bergmann kann kaum glauben, daß seine Biographie 30 Jahre lang mißbraucht wurde und noch heute in weiten Teilen ein zweites Mal existiert. Er hat nie nach seiner Familie gesucht, weil er davon ausging, daß seine Mutter ihn habe vergessen wollen. Seinen Doppelgänger, "diesen Verbrecher", will er nicht sehen.

Heinz Hempel will gerade zu Abend essen, als der SPIEGEL klingelt. In lila Trainingshose und grünem Polo-Hemd öffnet er die Tür. "Schuhe aus", ruft Gattin Annerose aus dem Wohnzimmer. Der Agent im Ruhestand hat es sich gemütlich gemacht: ein furniertes Radio von Saba, an der Wand ein Setzkasten voller Nippes, der überaus akkurat gedeckte Tisch und davor drohend Gattin Annerose in Gesundheitslatschen: "Gehen Sie! Los! Gehen Sie!"

Hempel bittet sie mit nervös hüpfendem Kehlkopf um Ruhe. Dann weist er scheinbar gelassen den Besuchern die Tür: "Ich möchte dazu hier jetzt keine Angaben machen."

Aufgeregt und ängstlich geht der echte Ludwig Bergmann an einem sonnigen Dienstag in diesem Mai über das Vorfeld des Flughafens von Haugesund. Er hat sich in Frankenberg den ersten Reisepaß seines Lebens ausstellen lassen.

Bergmann hat eine Krawatte umgebunden und die gute blaue Windjacke angezogen. Nach kurzem Suchen erkennt er in der Menge der Wartenden seinen Bruder Helge und seine Schwester Solveig, die ihn vor 53 Jahren in dem gelben Holzhaus am Hafen von Haugesund im Arm wiegte.

Wortlos fallen sie sich in die Arme, sie weinen und lachen und beginnen, in ihren Sprachen aufeinander einzureden.

Bei Kaffee und Käsebrötchen durchstöbern die Geschwister Fotoalben. Die Bilder vom falschen Bergmann übersieht Ludwig absichtsvoll. "Das ist meine Mutter", schluchzt er plötzlich, als er das ovale Bild sieht mit der Frau im Blümchenkleid. Seine Brille beschlägt.

Auf dem Friedhof nimmt er Abschied von Solveig Bergman, die ihn nur als Säugling sah.

Wenig später bekommt auch Andreas Vogel Nachrichten aus Norwegen. Die eine: Man hat die Adresse seiner Mutter Signe Ödegård gefunden. Die andere: Die alte Dame ist am 14. Mai verstorben.

* 1997 in seinem Geburtszimmer in Haugesund. * 1976 in seinem Betrieb bei einer Ehrung als Brigadebester. * Bei einer Familienfeier in Haugesund, neben ihm Ehefrau Annerose. * Mit Geschwistern Helge und Solveig.

DER SPIEGEL 25/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 25/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Das ist wirklich bodenlos