16.06.1997

KOMIK

Die Spaßrevolution frißt ihre Kinder

Von Mohr, Reinhard

Der deutsche Comedy-Star der neunziger Jahre, Wigald Boning, hat seinen ersten Kinofilm gedreht: "Die drei Mädels von der Tankstelle" ist ein Film, den die Welt nicht braucht. Geht der jüngsten Humoroffensive schon die Luft aus? Von Reinhard Mohr

Noch vor drei Jahren war die Lage ernst. Ende März 1994 diagnostizierte Professor Otto F. Best von der University of Maryland die Schwäche des Humorstandorts Deutschland im globalen Wettbewerb der lachenden Völker. Allenfalls Stammtischzoten und "voraufklärerisches Gefolgslachen" wollte er auf den 13. Tutzinger Medientagen der verspäteten Spaßnation attestieren, deren Witzkultur immer noch auf der untersten Stufe der nach oben offenen Gaudimax-Skala rangiere.

Wenige Monate später, wie zur Rache an akademischer Stammtischweisheit, wogte eine beispiellose Comedy-Welle durchs Land, eine lustvolle Revolte des Nonsens gegen die Kultur des vergrämt kritischen Geistes und der notorischen Betroffenheit.

Zum Star der neuen, "grenzenlosen Witzischkeit"(Heinz Schenk) wurde Wigald Boning, 30, Liebling der TV-Sendung "RTL Samstag Nacht", und, an der Seite des Komikerkollegen Olli Dittrich, die andere Hälfte des erfolgreich trällernden Blödelduos "Die Doofen". Durch den Bayerischen Fernsehpreis, den Bambi, den Adolf-Grimme-Preis und die Platinauszeichnung des Albums "Lieder, die die Welt nicht braucht" (1995) in beinah jeder Weise ermuntert, drehte er nun seinen ersten abendfüllenden Spielfilm, der vergangene Woche Premiere hatte: "Die drei Mädels von der Tankstelle".

Die Anspielung auf die legendäre Heinz-Rühmann-Komödie "Die Drei von der Tankstelle" aus dem Jahr 1930 ist grundlos, aber nicht zufällig: Das Beste am Film sind der Titel und die Assoziationen, die er weckt. Im übrigen unterbietet das hanebüchene 82minütige Werklein, das nicht ohne Grund den Kritikern bis zuletzt vorenthalten wurde, mühelos jedes denkbare Niveau cineastischen Kunstschaffens seit dem vorletzten Remake von "Charley''s Tante" - wahrhaft ein Film, den die Welt nicht braucht.

Geht der neuen deutschen Spaßkultur (SPIEGEL 8/1996) also schon die Luft aus? Wird es jetzt wieder richtig ernst, wie die Feuilletonchefin der ZEIT unlängst androhte? Oder sind Maastricht und der Euro schuld am Niedergang, Theo Waigel und das Haushaltsloch, die miese Stimmung am Rande des Koalitionszusammenbruchs?

Das Boning-Opus jedenfalls läßt nichts unversucht und zitiert den frischfrommfreien Frohsinn der Vorkriegs-Ufa aus den Dreißigern, den Verdrängungsklamauk der fünfziger und die Blödelwelle der frühen siebziger Jahre - die neunziger Jahre sind allein in der Softtechno-Version des Uralt-Schlagers "Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt" präsent.

So ähnelt der dünne Aufguß jenen pubertär witzverklemmten Sexfilmchen aus der Frühzeit der Lederhosentetralogie, freilich um die entscheidenden Nacktszenen gekürzt. Selbst der stotternde Dorfpolizist und die dummgeilen Provinzdeppen treten auf.

Sicher ist: Wenn das menschliche Lachen laut Immanuel Kant als "Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts" verstanden werden kann, dann ist es dem Produzenten dieses Nicht-Films, Deutschlands Zelluloid-Zampano Bernd Eichinger, erstmals gelungen, Kant zu widerlegen: Die gespannte Erwartung löst sich in nichts auf - aber das Lachen bleibt aus.

Um peinvolle Längen schlägt das schüttere "Singspiel" (Selbstbezichtigung) noch die mißratensten Versuche anderer Komiker und Kabarettisten - unter ihnen Otto, Loriot, Hape Kerkeling und Gerhard Polt -, das Geheimnis des Witzes, die kostbare Geburt des Augenblicks, auf Breitwand und Spielfilmlänge zu dehnen. Nicht einmal für die Weihen des "White Trash" à la Helge Schneider hat es gereicht.

Während selbst die mäßig lustigen Exempel des neudeutschen Filmwunders wie "Knockin'' on Heaven''s Door" oder "Stadtgespräch" immerhin von Dramaturgie, Timing und Situationskomik zeugen, implodiert die Boning-Operette (Regie: Peter F. Bringmann) bereits nach einer Viertelstunde mit einem durchaus pups-ähnlichen Zischen - trotz der Erfindung eines "Furzveredlers". Ein Trauerspiel fürs lachbereite Publikum.

Schon der kleine Wigald hatte wenig zu lachen. Früh lernte er die Frauen als schnöde kalkulierende Wesen kennen und beruft sich auf Schopenhauer: "Ist eine Frau im Spiel, hat der Mann schon verloren." So verleiht er seinem weißen Pudel den Namen des misogynen Philosophen, bleibt bei der steinreichen Mama und pflegt seine Neurosen bei Freund Volker, dem Psychotherapeuten. Nach dem lustigen Tod der Mutter - sie erstickt beim gewohnheitsmäßigen Geldscheinschlucken - offenbart das Testament eine beinharte Bedingung für Wigalds Erbe: Fristgerecht muß er eine heruntergekommene Tankstelle wieder in Schuß bringen. Die aber wurde gerade von drei jungen, attraktiven Frauen in Beschlag genommen.

Nach ähnlich harmlosen Intermezzi - hier reicht es nicht einmal zum halbwegs professionellen Slapstick - trifft das Happy-End des Pudels Kern: "Schopenhauer" besteigt eine läufige Hündin; die schöne Lena (Franka Potente) befreit Wigald von seiner langgehegten Frauenphobie - und alle zusammen singen das Hohelied vom Pudel.

Befinden wir uns also mitten in einer ernsten Anpassungskrise an die Herausforderungen des globalen Unsinns? Führt der neue Konsenszwang des Dauerlachens zu ersten Lähmungserscheinungen am deutschen Humormarkt? Ist Wigalds Welt womöglich nur dann komisch, wenn es draußen, in der anderen großen bösen Welt, stets bitterernst zugeht?

Es scheint, als beginne das Säurebad der allesfressenden Ironisierung aus Mangel an ernsthaftem Widerstand sich selbst zu zersetzen: Die Spaßrevolution frißt ihre Kinder. Wo nichts mehr ernst ist, lacht auch keiner mehr. Wo alles auf lustig lackiert wird, verliert der Witz den Widerpart, verschwindet das Absurde im Versuch, einfach alles grotesk erscheinen zu lassen. Der Sättigungsgrad für Fastfood-Nonsens scheint erreicht. Das TV-Comedy-Flaggschiff "RTL Samstag Nacht" jedenfalls schlingert seit geraumer Zeit, und die Nachahmungsversuche anderer Sender verlieren sich im puren Schwachsinn.

War in den Siebzigern alles irgendwie politisch, in den Achtzigern das meiste coole Pose und Zeitgeist, so verwandelte sich in den Neunzigern die öffentliche Sphäre mehr und mehr in eine permanente Spaßarena - zum Ort des munteren Chaos. Der Entpolitisierung großer Teile der Gesellschaft folgte konsequent das Satyrspiel, die Parodie und Persiflage von Sinn, Vernunft und tieferer Bedeutung: Jetzt war alles lächelnde Oberfläche, grinsende Häme im Angesicht des Scherbenhaufens der Jahrhundert-Utopien.

Während ehedem das Kabarett versuchte, intellektuelle Ordnung ins Weltschlamassel zu bringen, präsentiert die Comedy nun triumphierend die Unordnung in Zeiten geistiger Verwirrung: Unsinn als tägliche Impfdosis gegen blutleere Rituale der Politik, die zugleich selbst hilflos und chaotisch agierte - da half nur Gaga bis zum Anschlag. Doch nicht nur berufsmäßige Komiker sorgen seither für Fun und gute Laune, sondern auch Moderatoren von TV-Nachrichtenmagazinen, Kultur- und Unterhaltungssendungen. Wie die Petersilie auf die Suppe, so werden kabarettistische Einlagen, Gags und Gimmicks in die Abhandlung ernster Themen eingestreut - ob zur Gesundheits- oder Rentenreform, zur Matthäus/Klinsmann-Dauerfehde oder zur Nato-geführten Friedensmission in Bosnien. "Hauser & Kienzle und die Meinungsmacher", "Frontal" und "Voll erwischt": Verstehen Sie Spaß?

Der geistig-moralische Gewinn liegt auf der Hand: Wer (fast) alles ironisiert, hat nichts mehr zu verlieren, schon gar keinen angreifbaren, also verteidigenswerten Standpunkt. Wer an nichts glaubt als an die eigene Schlagfertigkeit, ist vor philosophischem Weltschmerz gefeit. Deshalb ist Infotainment das Format der Zeit. Es macht die prinzipielle Indifferenz zur Waffe, die sämtliche Differenzen ausräumt, ohne daß es weh tut. Alles ist möglich, wenn nichts möglich ist.

Die Welt wird Wigalds Welt - nur die TV-Kanäle wechseln. In ihnen kann selbst für die FDP des Guido Westerwelle ohne Reue und Begleitschutz geworben werden, wie es Boning bei seinen zahllosen PR-Auftritten für "Die drei Mädels von der Tankstelle" mit Verve tat - ob in Friedrich Küppersbuschs altlinker Infotainment-Laube "Privatfernsehen", in Günther Jauchs "Stern TV", im "ARD-Morgenmagazin" oder bei "III nach Neun".

Hier lümmelte der Mann mit der AOK-Brille und dem Outfit eines Kakadu ostentativ schlaftrunken vor sich hin, bis er seinen peinlichen Pflichtauftritt absolvieren durfte: Ein Markenartikel sitzt sich durch.

Am Ende aber mag der kluge junge Mann, der in stillen Augenblicken bekennt, Brecht und Adorno gelesen zu haben, vielleicht doch übersehen, daß Wigalds schräge Kunstwelt zum Laufstall für ihn selber wird, zum Gefängnis des reinen Wigaldismus: Die Karikatur der Karikatur wird zur unfreiwilligen Selbstkarikatur. Dialektik der Abklärung: Die attackierte Ödnis der Verhältnisse, der Zwang zum Immergleichen, klebt am Komiker; das Publikum aber wartet sehnlichst auf die nächste deutsche Humoroffensive, die endlich Ernst macht mit der Forderung von Professor Best nach einer deutschen Witzkultur, einer nachhaltigen "Humanisierung des Lachens zur selbstverständlichen Form von Kommunikation".

* Axel Milberg, Franka Potente, Carol Campbell, Anya Hoffmann, Wigald Boning.

DER SPIEGEL 25/1997
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