23.06.1997

KARRIEREN

Der Paulus von Potsdam

Von Berg,

Vor zehn Jahren wurde Dietrich Garski aus dem Gefängnis entlassen: Aus dem Baulöwen, dessen Bankrott 1981 den West-Berliner Senat stürzte, ist der heimliche Potsdamer Bürgermeister geworden - nur ein eigenes Konto hat er bis heute nicht.

Sein Gang ist federleicht, seine Haut sonnengebräunt. Das hellblaue Hemd und die dunkelblaue Krawatte passen blendend zu den blauen Augen, die so leuchten, als könnten sie nicht nur den Schauspieler Hans Albers, sondern auch die Schatten der eigenen Vergangenheit vergessen machen. Ein Griff zum Funktelefon - schon bringt die Kellnerin den Kaffee an den Konferenztisch im Potsdamer Hotel Voltaire und fragt beflissen: "Noch einen Wunsch?"

Aber Dietrich Garski scheint wunschlos glücklich. Er steht vor der Karte Potsdams und schwärmt. 66 Jahre ist er alt, einen gemütlichen Großvater könnte er abgeben, aber er erzählt von seinen neuesten Potsdamer Projekten: von der Bundesgartenschau, vom Stadtkanal, von der Seniorenresidenz im Zentrum der Stadt.

Kein böses Wort kommt ihm über die Lippen, nicht über die Konkurrenten aus der Immobilienbranche, nicht über den immer traurig dreinblickenden Oberbürgermeister Horst Gramlich. Wenn Garski kritisiert, dann in einem gütigen Grundton, als gebe es da Landeskinder, denen geholfen werden müsse. Wer helfen kann, ist eh klar: natürlich Dietrich Garski, der erfahrene Architekt, der Mann von Welt.

Ist er nicht schon längst der heimliche Bürgermeister Potsdams? Garski dementiert genüßlich.

Nur als der Name Klaus Riebschläger fällt, ist es vorbei mit der Gemütlichkeit, da wird der Tonfall scharf, als gebe es die alte Schlachtordnung noch, in der sich die beiden vor Jahren in West-Berlin gegenüberstanden: Der eine, Garski, als Bankrotteur, der andere, Riebschläger, als Finanzsenator, der über den Baulöwen stürzte.

Es stimme, sagt Garski, daß nach der Wiedervereinigung zunächst Riebschläger Potsdams Bürgermeister beraten hat. Doch das, fügt er spitz hinzu, war "nicht gerade segensreich für die Stadt".

Riebschläger, heute Rechtsanwalt in einer großen Berliner Kanzlei, geht es nicht anders, wenn der Name Garski fällt. Natürlich weiß er, was Garski in Potsdam treibt. Riebschläger bleibt skeptisch: "Im Zweifel würde der sein eigenes Wohl wieder über das der Allgemeinheit stellen."

Mehr als 15 Jahre ist die Geschichte her, die Garski und Riebschläger mehr trennt als verbindet. Ein Skandal erschütterte West-Berlin und läutete das Ende der sozialdemokratischen Vorherrschaft in der Stadt Willy Brandts ein. Weit über 100 Millionen Mark hatte der Bauunternehmer Garski seit 1978 von der stadteigenen Berliner Bank erhalten und vom Senat fast komplett verbürgt bekommen, um damit in Saudi-Arabien Militärakademien zu errichten.

Doch mit dem Wüstenprojekt hatte sich Garski übernommen. Der Bau kam nicht voran, die Saudis zahlten nicht. Garski tauchte ab, für 93 Millionen Mark mußte später der Steuerzahler einstehen. Der "Garski-Skandal" wurde zum Synonym für den Filz in der Bau- und Politszene Berlins und fegte den sozial-liberalen Senat inklusive Finanzsenator Klaus Riebschläger (SPD) aus dem Amt.

Erst im Frühjahr 1983 wurde der Bankrotteur auf der Karibikinsel St. Martin verhaftet, mit Hilfe von vier gefälschten Pässen hatte er sich so lange verstecken können. 1985 verurteilte das Berliner Landgericht Garski wegen Untreue und Kreditbetrugs zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und elf Monaten.

Zur Überraschung aller hatte der Architekt ein umfassendes Geständnis abgelegt. "Ich hatte die Wahl", sagt er heute in Siegerpose, "zwischen einem endlosen Prozeß und einem schnellen Urteil." Garski entschied sich für das schnelle Urteil.

Es war eine clevere Entscheidung. Schon ein Jahr nach der Verurteilung wurde Garski Freigänger, arbeitete tagsüber im Büro eines Geschäftsfreundes. Als ihn am 26. März 1987 seine Frau Claudia und die Kinder vor der Justizvollzugsanstalt Moabit abholten, erklärte der bußfertige Bankrotteur, sich künftig vor allem der Familie widmen zu wollen. Ansonsten werde er nur noch "kleinere Brötchen backen."

Zehn Jahre nach der Entlassung sind die Brötchen des Dietrich Garski wieder größer geworden. In Brandenburgs Landeshauptstadt Potsdam hat er seinen ganz persönlichen Aufschwung Ost geschafft. Längst schütteln ihm wieder Politiker die Hand, als wäre nichts gewesen.

Ein wenig ungelenk versucht der Potsdamer Baudezernent Detlef Kaminski zu demonstrieren, wie er Garski 1991 zum erstenmal begrüßte: mit angewinkeltem Arm, nicht so geradewegs zupackend, wie es sonst die Art des selbstbewußten Mannes ist. Noch ehe Garski persönlich in Potsdam auftauchte, waren Warnungen vor dem Berliner "Spekulanten" im Büro des Baudezernenten eingetroffen. "Logisch", sagt Kaminksi, "daß ich in jedem Wort Garskis die Fußangel suchte."

Inzwischen interessiert Kaminski nicht mehr, was in West-Berlin war. Auf Garski sei Verlaß, jede Absprache habe er bisher eingehalten. "Aus dem Saulus ist ein Paulus geworden."

Auch andere strahlen, wenn der Name Garski fällt. Cornelius van Geisten, früher Sanierer in West-Berlin, dann Geschäftsführer der Gesellschaft der behutsamen Stadterneuerung, welche die Sanierung der Potsdamer Altstadt betreibt, schwärmt geradezu vom geläuterten Garski: "In Potsdam ist er der solideste Investor."

Während es andere Bauherren auf die grüne Wiese zog, reizte Garski die Innenstadt Potsdams. Garskis spektakulärstes Projekt ist der Bau einer Seniorenresidenz nach dem Vorbild der einstigen Heiliggeistkirche am Havelufer, wo vor 1000 Jahren die ersten Hütten der späteren Stadt Potsdam standen.

Gleich mehrere potentielle Investoren hatten in den vergangenen Jahren an die Tür des Potsdamer Pfarrers Dietmar Beuchel geklopft. Seine Gemeinde hat die Rückübertragung des Bodens beantragt, auf dem früher ihr Gotteshaus stand. Die Kirche wurde nach dem Krieg auf Druck der SED abgerissen, Grund und Boden zwangsweise an die Stadt Potsdam verkauft.

"Die wollten die irrsten Projekte", erinnert sich Beuchel an die vielen Interessenten. "Garski war der erste", sagt der Pastor, "der sich auf alle drei Bedingungen eingelassen hat: Am zukünftigen Bau soll kirchliches Engagement sichtbar werden, ein Turm muß wieder her, der Neubau muß sich an die alten Mauern halten."

Garski brachte alle Beteiligten an einen Tisch und schrieb einen Wettbewerb aus. So entsteht nun an historischer Stelle eine Art Kirchbau mit Wohnungen für Senioren samt einem rund 90 Meter hohen Turm mit Aussichtscafé. Dank Garski wachse ein Symbol des Wiederaufbaus, schwärmen Lokalpatrioten etwas übertrieben, "wie die Frauenkirche in Dresden".

Lang ist die Liste von Garski-Projekten: das Hofgarten Karree mit dem Hotel Voltaire im Stadtzentrum Potsdams entstand in seiner Regie, Plattenbauten einer früheren Sowjetkaserne auf dem Bornstedter Feld und mehrere Häuser im Holländischen Viertel saniert er, das Werner-Alfred-Bad in der Nähe vom Schloß Sanssouci wird er instand setzen, in der Stadt Brandenburg hat er gleich ganze Straßenzüge übernommen. Die Potsdamer Bundesgartenschau 2001 plant er mit, den Stadtkanal will er wenigstens teilweise wieder freilegen.

Beim Bauen allein beläßt es Garski nicht mehr. Als in der Landeshauptstadt der Krieg zwischen den Investoren ausbrach, holte er alle an einen Tisch, um "da zu moderieren". Als die Unesco wegen der Baupläne für das gigantisch geratene Potsdam-Center damit drohte, Potsdams Kulturerbe auf die "Rote Liste" der gefährdeten Welterbestätten zu setzen, drängte er den Investor zum Kompromiß

Die Öffentlichkeit hat vom Wirken des heimlichen Potsdamer Bürgermeisters bisher wenig erfahren. Denn bis heute meidet Garski die großen Auftritte. Der Schrecken, der mit seinem Namen verbunden war, sei verflogen, erklärt er erleichtert, als sei ihm ein zweites Leben geschenkt worden. "Wenn ich hier durch die Stadt gehe, dann spüre ich, daß die Leute mir vertrauen."

Doch so ganz hat der scheinbar beispielhaft resozialisierte Straftäter Garski die Vergangenheit nicht hinter sich gelassen. Einer seiner Geschäftsfreunde ist der "bauskandalgehärtete" (TAGESZEITUNG) Helmuth Penz, der schon im berüchtigten Subventionsparadies West-Berlin von sich reden machte.

In der Berliner Firma Pega Bau - Generalübernehmergesellschaft für schlüsselfertiges Bauen mbH & Co. Wohn- und Gewerbebauten KG wurden neben Penz Garskis Ehefrau und seine Tochter Kommanditisten. In Brandenburg projektierte Garski für Penz, der mit Hotels und Asylbewerberheimen Geld macht, ein Hotel.

Der neugeborene Garski lebt bis heute nach den ungeschriebenen Regeln jener Hundertschaften kleiner und großer Pleitiers, die für den Rest ihres Lebens die Gläubiger abwimmeln müssen. "Die Ansprüche der Berliner Bank gegenüber Herrn Dietrich Garski werden von der Bank weiter verfolgt", erklärt ihr Sprecher knapp. Auch der Senat ist noch heute hinter den verschwundenen Millionen her. Regelmäßig erklärt Garski deshalb in "eidesstattlichen Versicherungen", daß er nichts besitzt, was es zu pfänden gäbe.

In den Firmen, für die er rastlos rackert, ist offiziell seine Frau Geschäftsführerin oder Gesellschafterin. Das Familienoberhaupt wird derweil als "Berater" geführt. Dabei weiß jeder seiner Verhandlungspartner, daß Garski in der Berliner GWF-Grundwert-Gesellschaft und in der Immobiliengesellschaft CBN Projektconsult das Sagen hat. Er ist es, der die Projekte plant und vertritt, der von Projekt zu Projekt unterschiedliche Immobilienfonds zusammensammelt.

Auch Garski selbst läßt keinen Zweifel daran, wer der Herr im Hause Garski und Co. ist. Der Berater habe eben "großen Einfluß, allein aufgrund der Lebenserfahrung". So hat Dietrich Garski nicht nur ein neues Kapitel Baugeschichte, sondern ein weiteres Kapitel Sittengeschichte geschrieben.

Wie viele Zinsen häufen sich denn auf seinen Schuldenberg? Garski belustigt die Frage. Muß er Bank und Senat regelmäßig Kontoauszüge vorlegen? "Nein", sagt er und lächelt wieder so vertrauenerweckend, "ein eigenes Konto habe ich nicht."

Dann wirft er sich das Jackett über die Schulter, läuft locker die Treppe hinunter und schwingt sich in den Firmenwagen, einen schwarzen Mercedes, in dem bereits ein Fahrer wartet. Fast geräuschlos entschwindet der Mann mit den Millionenschulden.


DER SPIEGEL 26/1997
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