23.06.1997

WEHNERSchwach und schwankend

Herbert Wehner - ein Bewunderer Walter Ulbrichts? Stasi-Protokolle aus dem Kalten Krieg geben neuen Anlaß zu alten Spekulationen.
Die Gauck-Behörde war wieder fündig geworden. Sie veröffentlichte am vergangenen Freitag 117 Seiten mit Stasi-Protokollen, die einen Verdacht nähren, der immer wieder kursiert - daß Herbert Wehner allzu große Sympathien für die DDR und deren führende Genossen hegte.
Die Stasi-Aufzeichnungen stammen tief aus dem Kalten Krieg. Sie waren 1957 entstanden, als ein alter Kampfgenosse Wehners aus den gemeinsamen Tagen der Emigration namens Kurt Vieweg wochenlang verhört wurde.
Er plauderte unter Druck aus, was ihm Wehner beim Wiedersehen kurz zuvor in Westdeutschland angeblich erzählt hatte: Walter Ulbricht, der kommunistische Konkurrent aus den dreißiger Jahren, sei heute der "größte deutsche Arbeiterführer seit Karl Liebknecht". Wehner bedauere es sehr, so steht es in den Stasi-Protokollen, daß er sich mit Ulbricht nach Kriegsende nie habe aussprechen können. Denn dann "wäre manches anders verlaufen, und er würde heute sicherlich nicht im Parteivorstand der SPD sein".
Die Aufregung über die Memoiren des Ex-Spionagechefs Markus Wolf ("Wehner hat sich immer weiter dem sozialistischen Lager angenähert") war kaum abgeklungen, da schienen die Funde aus dem Arsenal der Wolf-Truppe den alten Spekulationen neuen Auftrieb zu geben: einmal Kommunist, immer Kommunist.
Vieweg war in den fünfziger Jahren Bauernfunktionär der SED, nebenbei arbeitete er auch für die Stasi. 1956 fiel der Einheitssozialist in Ungnade, weil er die Zwangskollektivierung der Bauern rückgängig machen wollte. Vieweg mußte alle Ämter niederlegen und ging, in der DDR gab es ja keine Zukunft mehr für ihn, in den Westen.
Herbert Wehner kannte er aus den vierziger Jahren, als beide von der KPD nach Schweden geschickt worden waren. Er suchte den Genossen von damals auf. Wehner erwies sich als Helfer beim Versuch, im Westen heimisch zu werden: Er bot Vieweg an, bei ihm zu wohnen und für ihn zu arbeiten. Dessen Freundin verschaffte er einen Job in München.
Plötzlich aber muß Vieweg seinen Entschluß bereut haben, er wollte zurück in den Osten. Ein Freund in der Stasi nahm Kontakt zu ihm auf, Markus Wolf versprach ihm Straffreiheit bei Rückkehr.
Am 19. Oktober 1957 reiste der Abtrünnige wieder in die DDR ein. Und natürlich war Wolfs Zusicherung, Vieweg bleibe von Konsequenzen für seine Republikflucht verschont, hinfällig. Die Stasi nahm ihn sofort fest, er landete im Untersuchungsobjekt "Kolonie". Vieweg sollte eine "eindeutige Erklärung gegen seine Republikflucht" abgeben. Und, daran war die Stasi noch viel mehr interessiert, er sollte alles Wissenswerte über Wehner preisgeben.
Wochenlang nahm ihn der Stasi-Oberstleutnant Herbert Weidauer und dessen Stellvertreter Alfred Kleine ins Verhör. Vieweg redete, erlitt einen Zusammenbruch, durfte sich einige Tage erholen und mußte dann weitererzählen. Am Ende stand in den Protokollen auf 117 Seiten, was die beiden Offiziere hatten hören wollen: Rühmliches über den SED-Chef Ulbricht, Abträgliches über den SPD-Vorsitzenden Erich Ollenhauer ("ein schwacher und schwankender Mensch").
Der erzwungene Freimut half Vieweg wenig. Am 1. Oktober 1959 wurde er zu zwölf Jahren Zuchthaus wegen "schweren Staatsverrats" verurteilt. Zu Weihnachten 1964 brachte ihm ein Gnadenakt Ulbrichts, der mittlerweile zum Staatsratsvorsitzenden aufgestiegen war, die Freiheit.
Zu den Merkwürdigkeiten in Viewegs Leben gehört, daß er fortan wieder für die Stasi, die ihn getäuscht und gepeinigt hatte, als IM "Nordland" arbeitete. Auf diese Weise kam er in der DDR zu einer späten Karriere als außerordentlicher Professor an der Universität Greifswald.
Für die Stasi blieb der Professor Vieweg in seiner Eigenschaft als Wehners Kampfgefährte weiterhin interessant. Im Jahr 1966 vernahm sie ihn erneut zu den Vorgängen von 1957. Jetzt drohten Vieweg keine Repressalien, die Stasi nannte ihre Vorladung vornehm einen Anlaß zur Aussprache und verlangte einen schriftlichen Rapport.
Was Vieweg diesmal von seiner Begegnung mit dem Sozialdemokraten Wehner berichtete, klang vergleichsweise harmlos: Wehner habe über "führende Persönlichkeiten der SED manchmal fast positive Äußerungen" gemacht. Der SED habe er vorgeworfen, es sei "äußerst primitiv, ihn einfach als ,Renegaten'' abzustempeln". Aus diesem Bericht läßt sich für den alten Argwohn gegen Wehner wenig gewinnen.
Vieweg schrieb ihn im Juni 1966, als sich in Bonn schon die Große Koalition aus SPD und CDU/CSU abzeichnete. Wehner zählte zu den wichtigsten Befürwortern des neuen Bündnisses. Im Dezember 1966 wurde er Gesamtdeutscher Minister in der Regierung Kurt Georg Kiesingers. Die Stasi, die so lange beharrlich Material gegen Wehner gesammelt hatte, stellte ihre Bemühungen ein.
* Beim Parteitag der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands in Eisenach mit dem Parteivorsitzenden Ernst Goldenbaum.
Von wiegrefe spörl und

DER SPIEGEL 26/1997
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