23.06.1997

„Die schießen auf uns alle“

Die 68er (IV): Was als lustiger Aufstand gegen den Obrigkeitsstaat begonnen hatte, schlug nach dem Tod Benno Ohnesorgs um in eine Revolte, als deren bewaffnete Vollstrecker sich Gruppen wie die "Bewegung 2. Juni" mißverstanden - die Ex-Guerrilleros Bommi Baumann, Till Meyer und Anne Reiche erklären ihren Irrweg.
SPIEGEL: Frau Reiche, Herr Baumann, Herr Meyer, Sie erklärten als Mitglieder der "Bewegung 2. Juni" der Bundesrepublik den Krieg. Haben Sie wirklich geglaubt, in diesem Land ließe sich eine Revolution machen?
Baumann: Sonst hätten wir es nicht versucht. Aber wir sind nicht von heute auf morgen auf die Straße gerannt und haben die Revolution ausgerufen.
Reiche: Wir wurden ja auch nicht gewalttätig geboren.
SPIEGEL: Es fing mit Rock''n''Roll, langen Haaren und Drogen an, aber schließlich haben Sie Bomben gelegt. Warum?
Baumann: Weil der 2. Juni ''67 kam. Die Kugel aus der Knarre von diesem Kriminalbeamten Kurras, die Benno Ohnesorg tötete - die hat wirklich alles verändert. Als sich noch in derselben Nacht viele Leute im SDS-Zentrum am Ku''damm trafen, schrie Gudrun Ensslin: "Das ist die Generation von Auschwitz. Damals haben sie die Juden umgebracht, jetzt fangen sie an, uns umzubringen. Wir müssen uns wehren. Wir müssen uns bewaffnen!"
SPIEGEL: Und dieser hysterische Auftritt einer Pfarrerstochter hat Sie überzeugt?
Baumann: Moment mal. Wir waren immer schon angepöbelt worden: "Euch Langhaarige müßte man vergasen." Aber zu einem Rentner, der so einen debilen Spruch abläßt, kann man noch "Idiot" sagen und weitergehen. Am 2. Juni ''67 haben wir gesehen: Die meinen es ernst. Da lag ein Toter, den konnte man nicht mehr wegdiskutieren. Als ich den Sarg sah, bei Ohnesorgs Überführung nach Hannover - da habe ich einen Knacks gekriegt.
Reiche: Ich dachte auch: Jetzt ist es wieder soweit. Die erschießen uns jetzt. Die schießen auf uns alle.
Baumann: Ein knappes Jahr später, Ostern ''68, nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, stand ich vor dem Springer-Haus, sah die Autos brennen und dachte zum erstenmal: Man kann sich wehren. Dieser Dreck wird am nächsten Tag nicht ausgeliefert.
SPIEGEL: Sie, Herr Meyer, waren damals noch Jungarbeiter in Trier.
Meyer: Wir haben den Feuerzauber bei Springer im Fernsehen mitgekriegt und dachten: Das isses! Da fühlten wir uns bemüßigt, bei uns in der Provinz auch etwas zu tun. Die ersten Molotowcocktails flogen. Einer davon ins Rektorat des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums, in dem einst Karl Marx zur Schule ging.
Reiche: Für mich stellte sich irgendwann die Frage: Willst du immer nur in der zweiten Reihe stehen, Beifall klatschen und die anderen die Arbeit machen lassen, oder willst du nicht auch mal was tun?
SPIEGEL: Damals gab es eine Menge junger Leute, die "mal was tun" wollten, auch etwas Illegales, die aber trotzdem nicht gleich Terroristen wurden.
Baumann: Willy Brandt hat uns 1970 mit seiner Amnestie das Wasser abgegraben. Mit ihr waren die Studenten, die Bürgerkinder, die Anklagen wegen Landfriedensbruchs am Hals hatten, plötzlich nicht mehr kriminell. Sie konnten sagen: Vielen Dank, wir gehen zurück zu Papi. Sie sind Professoren geworden, bekamen einen Posten und sagten grinsend: "Ihr wart ja dämlich."
SPIEGEL: Und? Waren Sie dämlich?
Baumann: Vielleicht sind Idealisten immer dumm. Aber wir haben etwas versucht, und das war legitim. Die ganze Welt war Ende der sechziger Jahre im Aufbruch. In Amerika brannten die Ghettos der Schwarzen, in Osteuropa, in Warschau, Prag oder Belgrad demonstrierten die Studenten. Und der Vietcong brachte den US-Imperialismus, die Militärmacht Nummer eins, an den Rand einer Niederlage.
Meyer: Moralisch war der Widerstand für uns damals völlig legitim. Die Amerikaner wurden uns mit der Parole "Die Freiheit Berlins wird in Vietnam verteidigt" als Freunde verkauft. Die westdeutsche Politik hat sich ohne jedes Wenn und Aber hinter deren dreckigen Krieg in Vietnam gestellt, und wir sahen im Fernsehen täglich die Massaker. Das war nicht zu ertragen.
SPIEGEL: Im "Programm der Bewegung 2. Juni" aus dem Jahr 1972 wird zum "revolutionären Kampf" gegen das "Regime der Schweine" aufgerufen - und angekündigt, daß der "revolutionäre Tod zunehmen wird". Opfer waren offenbar einkalkuliert.
Meyer: Es war uns klar, daß es Tote geben würde. Auf beiden Seiten. So dachten wir damals. Und manches davon kommt einem heute zynisch vor.
Baumann: Man darf auch nicht vergessen, daß die Mollies bei Springer und die ersten Knarren von Peter Urbach stammten, der im Dienst des Verfassungsschutzes stand.
SPIEGEL: Die "Bewegung 2. Juni" war anarchistisch und weniger elitär als die RAF. Trotzdem fanden Sie genausowenig die "Massenbasis", die Sie gesucht haben, wie Baader, Ensslin, Meinhof und Co.
Baumann: Wir haben uns schon bemüht, mehr mit der normalen - linken - Szene Kontakt zu halten als die RAF. Wir waren noch in Kreuzberg unterwegs, Anfang der siebziger Jahre, als die ersten Hausbesetzungen losgingen. Wenn du dich als Illegaler, der auf dem Steckbrief steht, am 1. Mai auf den Mariannenplatz stellst und Würstchen brätst, ist das ein bißchen vermessen. Wir haben es trotzdem gemacht.
SPIEGEL: Daß die Proletarier nicht mitziehen würden, war Ihnen als Proletariern nicht klar?
Baumann: Den deutschen Arbeitern ging es damals ja noch prächtig. Die freuten sich über ihre Urlaubsreise nach Spanien, ihre schönen Autos und die neue Couchgarnitur. Von der Revolution haben sie nicht unbedingt geträumt.
Meyer: Was ziemlich ernüchternd war.
Baumann: Obwohl wir auch nette, volksnahe Aktionen organisiert haben. Als zum Beispiel 1971 mal wieder in West-Berlin die Fahrpreise erhöht wurden, sind wir losgezogen, haben Hunderte Tuben mit Metallleim geholt und gesagt: Schmiert die Fahrscheinautomaten zu. Das hat Spaß gemacht. Es gab passende Aufkleber, und die Band von Rio Reiser, Ton Steine Scherben, machte einen schönen Song dazu.
SPIEGEL: Gleichzeitig ist die "Bewegung 2. Juni" auch mit Toten verknüpft ...
Baumann: ... zunächst mit Benno Ohnesorg. Der Name wurde auf einer Sitzung im Jahr 1972 gewählt. Peter-Paul Zahl schlug "Bewegung 14. Mai" vor, den Tag der Befreiung von Andreas Baader durch ein ziemlich dilettantisches RAF-Kommando. Anne und ich sagten, so ein Schwachsinn, und plädierten für den 2. Juni. Damit immer klargestellt war: Der Staat hat zuerst geschossen. Und: Immer, wenn von uns die Rede war, mußte erklärt werden, daß ein deutscher Polizist einen Studenten getötet hat.
SPIEGEL: Schon bald hat die "Bewegung 2. Juni" auch eine Blutspur hinter sich hergezogen: Sie hat den Bootsbauer Belitz auf dem Gewissen, der im britischen Jachtklub einen Feuerlöscher fand, der in Wirklichkeit eine Bombe war. Als er sie untersuchte, explodierte sie. Den Richter Günter von Drenkmann, der bei einer mißglückten Entführung erschossen wurde; Ulrich Schmücker, den ein Exekutionskommando liquidierte*.
Baumann: Es sind Dinge geschehen, die im nachhinein in keiner Weise zu rechtfertigen sind, für die man sich bei den Angehörigen entschuldigen muß - was wir hier in aller Form noch einmal tun sollten.
Meyer: Zur Zeit von Drenkmann und Schmücker, 1974, warst du, Bommi, schon ausgestiegen und saßest wahrscheinlich kiffend in Afghanistan, und du, Anne, warst im Knast. Ich hab'' das draußen erlebt und hatte wegen Schmücker Krach mit Teilen der Gruppe. Diesen Mord hat nicht die "Bewegung 2. Juni" zu verantworten, sondern eine Sympathisanten-Truppe namens "Schwarzer Juni". Ich habe gesagt: "Blödsinn! Wo fangen wir an, und wo hören wir auf, wenn wir jetzt Verräter erschießen?" Das habe ich auch nach außen vertreten und bin dafür schwer kritisiert worden. Der Tod von Drenkmann war auch nicht geplant.
SPIEGEL: Die Guerrilla kreiste schon bald nur noch um sich selbst: Der Berliner CDU-Chef Peter Lorenz wurde entführt, um fünf Genossen freizupressen; Sie, Herr Meyer, wurden aus der Untersuchungshaft
in Moabit rausgeholt - das war eine "Be-
* Der Student Ulrich Schmücker, der sich mit dem Verfassungsschutz eingelassen hatte, wurde am 4. Juni 1974 in Berlin von Sympathisanten der "Bewegung des 2. Juni" erschossen.
freit-die-Guerrilla-Guerrilla", die ihren Privatkrieg gegen den Staat geführt hat.
Meyer: Nein, und nochmals nein.
Baumann: Doch, das war die Auseinandersetzung, "wir und die Justiz", sonst nichts. Wir haben in den frühen siebziger Jahren mit Andreas Baader diskutiert, Hanns-Martin Schleyer zu entführen, um die Forderungen der streikenden Mercedes-Arbeiter durchzusetzen. Da hat die RAF abgelehnt und gesagt: Das sollen die Arbeiter doch selber machen! Als es dann darum ging, Baader, Ensslin und andere aus dem Stammheimer Knast zu holen, hat man Schleyer entführt - da ging es plötzlich.
Meyer: Du darfst nicht vergessen: Wir waren Mitte der siebziger Jahre schon ziemlich isoliert und hatten einen unheimlichen Fahndungsdruck im Nacken. Wir hatten aber auch andere Pläne, beispielsweise eine Kampagne gegen Gerichtsvollzieher, die in Berlin reihenweise Wohnungen räumten und die Leute auf die Straße setzten.
SPIEGEL: Ein kleiner Gerichtsvollzieher ist ja wohl eher ein Mann aus dem Volk.
Meyer: Nein, ein Gerichtsvollzieher war für uns erst mal ein skrupelloses Schwein, das eiskalt die Leute rausschmeißt.
Baumann: Vom Definieren: "Der ist Mensch, und der ist Schwein" sollten wir uns ein für allemal verabschieden.
Reiche: Früher haben wir uns das einfach angemaßt.
Baumann: Aber das war ein krasser Fehler. Damit geht die Menschschlichkeit den Bach runter, und in Deutschland sollte man so was schon gar nicht machen. Selektiert hat die SS auf der Rampe in Auschwitz. Damit habe ich nichts am Hütchen.
Reiche: Ich hatte eigentlich schon 1972 eine Phase, in der es mir gedämmert hat, daß es mit dem bewaffneten Kampf nicht so läuft, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich wollte neu überlegen, was ich tun will. Aber dann kam ein neuer Haftbefehl gegen mich, und ich kam wieder in den Knast. Ich habe festgehalten an dem, was wir hätten neu überdenken und diskutieren müssen, um die Haft zu überleben.
SPIEGEL: Wenn die Justizverwaltung Sie früher in den Normalvollzug geschickt hätte - wäre dann für Sie früher Schluß gewesen mit der Guerrilla?
Meyer: Ich glaube nicht. Es waren politische Erkenntnisse, die dazu führten, daß ich mir Anfang der achtziger Jahre gesagt habe: Das waren jetzt fast 15 Jahre Guerrilla - und was kam dabei heraus?
SPIEGEL: Als Bommi Baumann schon 1974 zum Ende des bewaffneten Kampfs aufrief, wurde ihm das sehr übelgenommen.
Meyer: Stimmt. Über dieses berühmte SPIEGEL-Interview - "Freunde, schmeißt die Knarre weg" - waren wir gar nicht glücklich. Wir haben gesagt: Der Drecksack, jetzt fängt der an zu diffamieren und zu erzählen. Er ist ein Verräter.
Baumann: Wer kämpft, kann natürlich nicht akzeptieren, daß jemand sagt: "Hört auf". Andererseits wäre es ganz günstig gewesen, wenn nicht nur ich das so gesehen hätte. Dann wären ein paar Leute, die heute auf dem Friedhof liegen, noch unter uns.
Meyer: Damals wurde über Bommis Interview nicht einmal diskutiert.
Baumann: Ich war schon nicht mehr in Deutschland. Es war mein Abschied, und ich habe es als meine Pflicht angesehen, nicht still und heimlich aufzuhören, sondern das öffentlich zu erklären. Schließlich habe ich ein paar Leute für den bewaffneten Kampf angeworben. Till Meyer zum Beispiel, Inge Viett oder Verena Becker. Anne nicht, die war sowieso von Anfang an dabei.
Meyer: Wir haben ein harsches Flugblatt gegen Bommi verbreitet. Aber erschießen wollten wir ihn natürlich nicht.
Baumann: Sehr freundlich.
SPIEGEL: Bommi Baumann hat zehn Jahre früher als Till Meyer festgestellt ...
Meyer: ... daß der bewaffnete Kampf gescheitert ist. Und das ist er auf der ganzen Linie. Wir hatten keinen Rückhalt. Wir haben an den Massen vorbeiagiert.
Reiche: Mir ist inzwischen klargeworden - und das war ein langer Prozeß -, daß du Krieg nicht mit Krieg bekämpfen kannst und Gewalt nicht mit Gewalt.
Baumann: Das ist eine Voraussetzung für eine zivile Gesellschaft.
Meyer: Aber der Kapitalismus ist eine Gewaltherrschaft. Er baut auf Gewalt, und es gibt das legitime Recht, von unten Gegengewalt anzuwenden. Mit Wattebällchen kann man keine Revolution machen.
Reiche: Aber ''ne Knarre überzeugt auch nicht. Was richtig ist, kann nur durch menschliche Auseinandersetzung rausgefunden werden, nicht durch bewaffnete. Alle Rüstungsproduktion sollte eingestellt werden.
Meyer: "Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen", hat Mao Tse-tung gesagt. Das bleibt historisch richtig.
Reiche: Ich will keine Macht über andere.
Baumann: Ich bin jedenfalls nicht der Meinung, daß wir eine neue Guerrilla gründen sollten. Natürlich bereichern sich hier wenige immer hemmungsloser und immer widerlicher. Aber du brauchst eine breite Bewegung. Gewalt übt immer nur eine Handvoll aus.
Reiche: Ich habe inzwischen die Erfahrung gemacht, daß es viel mehr bringt, wenn sich die Leute zu Interessengruppen zusammentun. Ich lebe seit 1984 in der Hafenstraße in Hamburg, und wir haben es geschafft, unser Projekt zu verteidigen. Es ist hart erkämpft worden, aber jetzt haben wir die Häuser, als Genossenschaft. Es ist ein Beispiel, daß ein selbstbestimmtes Leben heute möglich ist. Aber du kriegst es natürlich nicht nachgeschmissen.
SPIEGEL: Sie sind offensichtlich bescheidener geworden.
Reiche: Wir sind auch klüger geworden. Ich ärgere mich, daß ich früher einfach nicht genug gewußt habe. Beispielsweise physikalische Gesetze wie e=mc2 - warum war mir das nicht früher klar? Schnelligkeit allein genügt nicht. Du mußt die Masse haben.
Meyer: Mit einem solchen Laisser-faire kann ich nichts anfangen. In den USA essen vielleicht 50 Millionen Amis sauberen Joghurt und leben alternativ, aber dadurch ändert sich nichts an dem Rassismus und der Ausbeutung in ihrem Land.
Reiche: Ich bin nicht für ein Laisser-faire, so lebe ich nicht. Hast du was gegen Leute, die sauberen Joghurt essen?
Baumann: Moment mal, in Deutschland geht es um etwas mehr als um sauberen Joghurt. Es gibt immer noch eine faschistische Gefahr in diesem Land. Und wir haben noch ein paar andere Probleme wie die Massenarbeitslosigkeit und den daraus resultierenden sozialen Abstieg von Millionen. Da reicht es nicht zu sagen: Die Hafenstraße haben wir gekriegt, und da hinten setzen sie noch einen neuen Fahrradweg durch. Das ist mir ein bißchen zuwenig.
Reiche: Das sage ich nicht. Aber ich finde dich überheblich. Was machst du denn?
Baumann: Im Moment bereite ich ein Buch über Drogen vor. Davon verstehe ich ein bißchen, schließlich war ich auch 25 Jahre Junkie. Aber worum es mir jetzt geht: Mir erscheint dieses Land wie in der Leichenstarre. Kohl sitzt auf seinem Thron, und nichts tut sich. Er muß weg. Ich bin schon soweit, daß ich SPD wählen würde.
Reiche: Wie bitte? Ankreuzen und die Verantwortung abgeben?
SPIEGEL: Horst Mahler sagt, er fürchte, daß es bald wieder eine Stadtguerrilla gebe.
Baumann: Das könnte auch eine Stadtguerrilla von rechts sein, und was ist dann, Herrschaften? Millionen hätten gute Gründe, auf die Straße zu gehen. Ich habe erlebt, daß Bauingenieure für 1300 Mark Steine schleppen sollten und Tränen der Freude darüber vergossen haben, daß sie überhaupt noch einen Job bekamen.
Reiche: Der Staat ist bankrott, auf der ganzen Linie, nicht nur finanziell. Es kann alles besser organisiert werden - ohne Staat - oder erst mal mit viel weniger Staat. Und jetzt tu doch nicht so, als würde nirgends etwas passieren. Ich muß doch nicht auf Leute runtergucken, die auf Jesuslatschen stehen. Laß anderen ihre Freude!
Meyer: Anne, du weißt doch: Das Kapital kann sich allerhand Spielplätze und Schmuddelecken leisten - solange man ihm nicht wirklich auf die Füße tritt.
Baumann: Du meinst, mit Jesuslatschen kann man nicht gut auf die Füße treten?
Meyer: Sicher nicht - aber wenn wenn du es tust, kriegst du die geballte Macht des Staats zu spüren. Das passiert nicht, solange du um Grünanlagen kämpfst.
Reiche: Ich will aber gar nicht die geballte Macht des Staats zu spüren kriegen. Ich will eine andere Gesellschaft, sicher. Eine Gesellschaft ohne Knäste zum Beispiel.
Meyer: Träumerin.
SPIEGEL: Sie, Herr Meyer, haben es schon immer mehr mit dem Realsozialismus gehalten, sind in jungen Jahren in die DKP eingetreten und haben 1986, nach 13 Jahren Haft, wieder heimgefunden.
Meyer: Ich habe sogar überlegt, in die DDR überzusiedeln ...
SPIEGEL: ... so wie Viett und neun andere RAF-Kollegen. Statt dessen haben Sie dann in West-Berlin für die Stasi gespitzelt.
Meyer: Quatsch, ich habe niemand persönlich bespitzelt. Nein, ich habe aus zwei Gründen mit denen zusammengearbeitet: Die Bundesrepublik weiter angreifen und die DDR verteidigen.
Reiche: Als ich mir Mitte der sechziger Jahre Ost-Berlin und ein bißchen die DDR angeguckt habe, hielt ich das absolut nicht für den besseren Staat. Ich denke, wenn ich dort geboren worden wäre, wäre ich genauso in der Kiste gelandet.
Baumann: Richtig. Ich bin aus beiden deutschen Staaten getürmt, habe in beiden im Knast gesessen, mein Buch "Wie alles anfing" haben beide deutsche Staaten verboten. Darauf bin ich stolz.
Meyer: Und mir ist zum zweitenmal im Leben eine Bastion weggebrochen; erst die Guerrilla, dann die DDR. Jetzt sitze ich da und schaue, was ich tun kann: ein bißchen politische Arbeit, weil ich finde, daß die letzten elf RAF-Gefangenen aus dem Knast müssen, jetzt, da der Krieg vorbei ist. Und als Journalist versuche ich, dafür zu sorgen, daß die Herrschenden wenigstens ihre eigenen Gesetze einhalten. Zur Zeit gibt es ein Vakuum, und man muß darauf achten, daß es nicht von rechts gefüllt wird. Falls die aber mal auf Tritt sind, wissen wir, was wir zu tun haben.
Baumann: Wenn eine faschistische Machtergreifung droht, greife ich auch wieder zur Waffe. Darf ich noch etwas sagen?
SPIEGEL: Bitte.
Baumann: Ceterum censeo, Kohl muß weg. Und jetzt will ich noch Ihr Ceterum censeo hören.
SPIEGEL: Frau Reiche, Herr Baumann, Herr Meyer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Im nächsten Heft
Die Tage der Kommune 1 und ihr Einfluß auf die bundesdeutsche Alltagskultur
Das Gespräch führten die Redakteure Michael Sontheimer und Barbara Supp. * Der Student Ulrich Schmücker, der sich mit dem Verfassungsschutz eingelassen hatte, wurde am 4. Juni 1974 in Berlin von Sympathisanten der "Bewegung des 2. Juni" erschossen.
Von Michael Sontheimer und Barbara Supp

DER SPIEGEL 26/1997
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