23.06.1997

ERNÄHRUNGSturm in der Tasse

Gift vom Schimmelpilz lauert nicht nur in Bier und Kaffee. Gefahr für Leib und Leben?
Wenn die winzigen Kristalle in Säuren oder Laugen gelöst sind, schimmern sie grün oder blau. In großer Hitze setzen sie giftige Dämpfe aus Chlor und Stickoxiden frei. Doch dazu kommt es nur im Labor.
Im Normalfall ist dem Schimmelpilzgift Ochratoxin A (OTA) kaum beizukommen. Es überlebt die Wurstfabrik und die Backstube, den Sudkessel der Bierbrauer und auch die Röstschale bei den Kaffeeherstellern.
Die hohe Widerstandskraft der schädlichen Substanz verdarb den Bundesbürgern letzte Woche den Appetit auf eines ihrer Lieblingsgetränke. "Gift im Kaffee", warnte eine Schlagzeile der HAMBURGER MORGENPOST, und die Verbraucherzeitschrift PLUS verkündete das Ergebnis ihres Kaffee-Tests auf der Titelseite: "Teure Marken mit Schimmelpilz verseucht".
Als "ziemlich überzogen" oder gar "reinen Schwachsinn" bewertete Irene Lukassowitz von Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) die Alarmmeldungen. Dabei war das Berliner Institut alles andere als schuldlos am Sturm in der Kaffeetasse.
Auf seiner Jahrespressekonferenz hatte das BgVV am Mittwoch letzter Woche die Ergebnisse einer Untersuchung vorgelegt, bei der die Belastung ausgewählter Nahrungsmittel mit dem Schimmelpilzschadstoff untersucht worden war. Als Fazit dieser Studie empfahlen die Berliner Verbraucherschützer, künftig im Bereich der EU Höchstmengen von OTA in Lebensmitteln festzusetzen.
Bekannt ist der Schadstoff, der die menschliche Niere schädigt und dessen krebsauslösende Wirkung im Tierversuch nachgewiesen wurde, seit geraumer Zeit. Das Produkt der Schimmelpilze Penicillium und Aspergillus entsteht vor allem unter feuchtwarmen Bedingungen, hauptsächlich bei der Ernte, der Lagerung und dem Transport von Getreide und seinen Nachfolgeprodukten.
OTA, so ergaben Untersuchungen von Roggen- und Weizenproben sowie sogenannte Warenkorbanalysen, ist allgegenwärtig - vorhanden in Brot und Bier, in Haferflocken und Keksen ebenso wie in Gewürzen, Weinen und Fruchtsäften. Aber auch im Gewebe von Schlachttieren, die mit OTA belastete Futtermittel gefressen hatten, ließ sich das Gift nachweisen.
Um diesen Stichprobenstudien höhere wissenschaftliche Aussagekraft zu geben, schob das Bundesgesundheitsministerium, das im Rahmen der Europäischen Union Fragen der Lebensmittelschadstoffe betreut, eine umfassende OTA-Untersuchung an. Ihr Ziel ist es, die OTA-Belastung von Lebensmitteln zu erkunden, die Konzentration des Gifts im menschlichen Blut festzustellen, die dazu notwendigen Analysemethoden zu entwickeln und angemessene Grenzwerte zu empfehlen. Beteiligt an den insgesamt 12 000 Einzeluntersuchungen sind sieben wissenschaftliche Einrichtungen im Bundesgebiet.
Europaweit, heißt es in der BgVV-Mitteilung von Mitte letzter Woche, könne OTA "im Blut nahezu der gesamten Bevölkerung nachgewiesen" werden. Am meisten belastet ist (mit 1,8 Mikrogramm pro Liter) das Blutplasma der Dänen, am geringsten das der Schweden mit 0,18 Mikrogramm pro Liter.
Ähnlich große Abweichungen, mutmaßlich abhängig von den unterschiedlichen nationalen Ernährungsgewohnheiten, bestehen auch bei der täglichen OTA-Gesamtaufnahme. Während ein Italiener seinem Organismus von dem Schimmelpilzgift durchschnittlich 4,6 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag zuführt, scheint der deutsche Durchschnittsbürger gesünder zu leben: Er kommt mit knapp einem Nanogramm davon.
Eine mögliche Erklärung für den hohen italienischen Wert liefern Analysen des Chemischen Untersuchungsamtes Trier. Dort waren insgesamt 144 Rot-, Weiß- und Rosé-Weine auf ihren OTA-Gehalt hin geprüft worden. Danach sind Weine südeuropäischer Provenienz relativ stark belastet. An der Spitze der untersuchten Weine rangierten italienische Rotweine, die mit bis zu sieben Mikrogramm OTA pro Liter belastet waren.
Als Hauptverursacher des deutschen Mittelwerts nennt das BgVV Getreideprodukte. Auf sie gehen mehr als 50 Prozent der täglichen OTA-Aufnahme zurück, den zweiten Rang teilen sich Bier und Kaffee.
Durch Verzicht auf bestimmte Nahrungsmittel die persönliche OTA-Aufnahme steuern zu wollen, bezeichnet BgVV-Sprecherin Lukassowitz als "fixe Idee". Da OTA nahezu in allen Nahrungsmitteln vorhanden sein könne, habe der Verbraucher "null Einflußmöglichkeit".
Denn das unsichtbare Gift ist ein schwer faßbarer Geselle, wie die Untersuchung von insgesamt 800 Kaffeeproben zeigte. Es hat die Eigenschaft, sich nestartig im Kaffeelager zu verstecken. Der Versuch, es aufzuspüren, gleicht, so Lukassowitz, "jedesmal der Suche nach der Bohne im Kaffeehaufen".
Gelassen nahm letzte Woche auch der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Kaffeeverbandes, Frieder Rotzoll, die Giftmeldungen zur Kenntnis. Er verwies auf die von der WHO erklärte "provisorisch tolerierbare wöchentliche Aufnahme" von OTA. Danach gilt eine Tagesmenge von bis zu 16 Nanogramm pro Kilogramm Körpergewicht als unbedenklich.
Um an diesen Wert zu gelangen, meint Rotzoll, müsse der Verbraucher "schon mächtig Brot futtern und viel Wein in sich hineingluckern lassen". Wenn er dann auch noch "vier Tassen garantiert hochbelasteten Kaffees trinkt", betrage der OTA-Anteil in dem braunen Getränk "gerade mal zwei Prozent" der zuträglichen 16 Nanogramm Gift.
Von Rainer Paul und

DER SPIEGEL 26/1997
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