16.07.2012

KONSUM

Kostbare Kinder

Von Bauer, Antonia

Die Spielwarenbranche boomt - trotz sinkender Geburtenraten. Grund: In Patchwork-Familien werben Erwachsene um die Gunst des Nachwuchses.

Mia wirbelte überdreht durch Lagen von Geschenkpapier. Der leibliche Vater, der neue Stiefvater, die echten Großeltern samt den neuen Stiefgroßeltern - alle wollten kurz nach der Scheidung nur das Beste für das Mädchen.

"Das war verrückt und viel zu viel", sagt Mias Mutter Nicola Nagel. Die Bilanz der 36-Jährigen: "In Patchwork-Familien ist das Überschenken ganz klar ein Problem."

Des einen Leid, des andern Freud: Ausgerechnet in Deutschland, dem kinderärmsten Land Europas, boomt der Spielzeugmarkt gegen jeden demografischen Trend (siehe Grafik). Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik kamen so wenige Babys zur Welt wie 2011, noch nie wurde so viel Geld für Spielwaren ausgegeben.

Und die Läden brummen längst nicht mehr nur zu Weihnachten oder Ostern: Laut Bundesverband des Spielwaren-Einzelhandels werden über ein Drittel aller Spielwaren bereits ohne jeden Anlass gekauft.

Fünf Wachstumsjahre in Folge mit einem Rekordumsatz von 2,7 Milliarden Euro 2011 lassen die Branche jubeln - wenn auch eher ungläubig.

Denn durch den demografischen Wandel drohen dem Milliardengeschäft um Baukästen und Barbie-Puppen zunächst mal echte Einbußen. Andererseits kämpfen aufgrund neuer, bunt zusammengewürfelter Familienmodelle immer mehr kaufkräftige Erwachsene um die Gunst des rar werdenden Nachwuchses.

Mia und Paula beispielsweise, die beiden leiblichen Töchter von Nicola Nagel, haben neben den geschiedenen Eltern nunmehr einen Stiefvater, eine Stiefmutter, sechs Großeltern, zwei Uromas und einen Uropa, dazu eine Stiefschwester und den zahnenden Halbbruder. Ähnlich wie die beiden zappeln immer mehr Kinder in einem bunt gestrickten Netz aus vielerlei unterschiedlich verantwortlichen "Erziehungsberechtigten". Rund 3,1 Millionen Kinder wachsen mittlerweile in sogenannten alternativen Lebensmodellen auf.

Seit Scheidungen in Deutschland zum gesellschaftlichen Massenphänomen geworden sind, leben immer weniger Jugendliche ganz traditionell bei den verheirateten Eltern. Allein seit dem Jahr 2000 sank die Zahl von 81 auf nur mehr 76 Prozent.

Wie dieser Wandel auch das Geschäft ums Kind antreibt, zeigt sich nicht mehr nur in szenigen Berliner Kinderboutiquen, sondern eben auch am Küchentisch der Patchwork-Familie von Nicola Nagel und ihrem neuen Mann Björn Kowol im Neubaugebiet von Unna-Afferde: Der siebensitzige Minivan parkt vor dem Haus, in dem Björn Kowol auch für seine Tochter Sina aus erster Ehe ein Extrazimmer eingerichtet hat. Die Wände sind pinkfarben gestrichen, Bett und Schrank nagelneu. Das gemeinsame Zuhause ist ganz darauf ausgerichtet, das Pendeln der Kinder zwischen Mama und Papa so leicht wie möglich zu machen.

"Wenn ich meine Tochter schon so selten sehe, will ich, dass sie sich hier vollkommen zu Hause fühlt", sagt der 40-Jährige. Die Infrastruktur für das Leben mit der Tochter steht - doch der Raum bleibt meistens leer.

Bewohnt ist das Zimmer ganz nach gerichtlicher Vorschrift nur jedes zweite Wochenende. Björn Kowol und seine frühere Frau teilen sich das Sorgerecht, genau wie 94 Prozent aller Paare, die nach 1998 geschieden wurden. In jenem Jahr vereinfachte eine Gesetzesreform die Besuchsrechte, das war zugleich der Start für das doppelte Zuhause zahlloser Scheidungskinder.

Die Paragrafen bedeuten für Mia und Paula: Jede tobt in zwei Kinderzimmern, schläft in zwei Betten, besitzen zwei CD-Player, bekommen zweifach Taschengeld und feiern zweimal Geburtstag. Die doppelte Haushaltsführung bedeutet vielfache Mehrausgaben - und damit Wachstum für die Industrie rund ums Kind: vom Möbelhaus über das Mode-Label bis zum Spielzeugladen.

Wenn Vater Björn Kowol von Geburtstagen seiner Tochter erzählt, wirkt es, als sei der Gabentisch die Bühne einer Casting-Show und das Kind die Jury: "Es gibt ganz klar das A-Geschenk und das B-Geschenk. Die Frage ,Wer schenkt dem Kind das Tollste?' gehört zu den Machtkämpfen nach einer Scheidung. Man möchte natürlich selbst den größten Wunsch erfüllen." Gerade an Geburtstagen werde ihm immer wieder klar, wie groß nach einer Trennung die Konkurrenz um die Gunst des Kindes sei, sagt Kowol nüchtern.

Entsprechend hat auch billiges Spielzeug aus Fernost ausgedient. Verkaufsschlager sind Spielwaren wie Mias überdimensionales Holzpferd mit Mähne und Schwanz, so hoch wie ein echtes Pony - kostspielig, schadstoffarm und pädagogisch wertvoll.

"Wir bemerken deutliche Veränderungen, die auch gesellschaftlich bedingt sind", sagt Andreas Schäfer vom Spielwarenverband idee+spiel. "Die Ramschartikel aus dem Niedrigpreissektor sind weggebrochen. Die Elterngeneration ist älter, und die Großeltern sind kaufkräftig", so Schäfer. Deswegen könne die Oma dem Enkel heute locker den Kaufmannsladen ermöglichen, den sie selbst sich womöglich noch vergebens gewünscht hat.

Die aktiven und wohlhabenden Großeltern von heute mussten lange genug auf die Enkel warten. Jetzt wollen sie auch die Zeit genießen mit den Kindern, denen sie zahlenmäßig längst überlegen sind. "Es gab noch nie so viele Großeltern auf so wenige Enkel wie heute", sagt Kerstin Ruckdeschel vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. "Deswegen ist einfach mehr da - an Zeit wie auch an Geld."

Bei Zuwendungen unterscheiden die Großeltern offenbar nicht zwischen leiblichen und nichtleiblichen Enkeln. Für Patchwork-Mutter Nagel ist das verständlich, aber schwierig. Denn sie muss der neuen Großfamilie klarmachen, dass das Kind nicht von jedem Einzelnen etwas Exklusives bekommen kann: "Am liebsten ist jeder live beim Auspacken dabei und holt sich die Freude vom Kind als Dank selbst ab."

Seit der Sache mit dem Überschenken wird ihr Telefon jetzt regelmäßig in den Wochen vor jedem Geburtstag der Kinder zur Kommandozentrale Geschenkkoordination. Ein Block, ein Taschenrechner und an jedes Mitglied der großen Familie die Fragen: Wer schenkt was? Legen wir vielleicht besser zusammen? Und wie vermeiden wir, dass es wieder zu viel wird?

"Den Kindern ist oft total egal, womit sie spielen", resümiert die Mutter, "es sind ja die Erwachsenen, die es übertreiben." Der einjährige Joost klappert derweil mit seinem Lieblingsspielzeug - einem Schneebesen.


DER SPIEGEL 29/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 29/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon sonntags ab 8 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KONSUM:
Kostbare Kinder