16.07.2012

KARRIERENDas Phantom der Kommissarin

Seit einem halben Jahr ist Karl-Theodor zu Guttenberg offizieller EU-Berater in Digital-Fragen. In Brüssel bekommt man davon wenig mit.
Seine letzten Worte waren launig: "Beim nächsten Mal dann gerne Käsesahne!" Es war die Facebook-Antwort von Karl-Theodor zu Guttenberg auf eine Schwarzwälder Kirschtorte, die ihm ein Internetaktivist in einem Berliner Café ins Gesicht gedrückt hatte.
Seit jenem 2. Februar ist der Freiherr, Ex-Wirtschafts- und Ex-Verteidigungsminister, virtuell nahezu verstummt, was doch etwas wenig Output ist, gemessen an dem, was man vom Online-Beauftragten im Dienst der Europäischen Kommission erwarten könnte. Nur: Was macht der Hoffnungsträger a. D. in diesem Job tatsächlich?
Im Dezember erst hatte Neelie Kroes, Vizepräsidentin der EU-Kommission und zuständig fürs Digitale, ihn überraschend zu ihrem Berater in Fragen der Internetfreiheit ernannt. Guttenberg sollte helfen, Netzaktivisten in autoritären Ländern zu unterstützen. Die Berufung amüsierte viele Deutsche, weil es ja insbesondere Blogger gewesen waren, die den damaligen Dr. jur. als Abschreiber enttarnt hatten. Und sie irritierte das, weil Guttenberg als CSU-Wirtschaftsminister für Internetsperren und Vorratsdatenspeicherung eingetreten war.
Er selbst macht sich rar im Netz. Seine persönliche Website wirkt wie selbstgebastelt und besteht aus den Adressen seiner Büros im heimischen Kulmbach ("für regionale Anliegen") und in Berlin. Dort erklärt man seine digitale Zurückhaltung damit, dass er ja jetzt in den USA wohne - und, anders als zu Ministerzeiten, nicht mehr in der Öffentlichkeit stehe. Auch bei Twitter sei er nur privat. Mit einem Tarnnamen.
Unklar ist bis heute, was sein EU-Beraterjob bringt. Und wem er nutzt.
"Merkwürdig" und "willkürlich" findet zum Beispiel Werner Langen, langjähriger Chef der EU-Unionsfraktion, die Personalie. Der Netzpolitiker Alexander Alvaro, Vizepräsident des EU-Parlaments, sagt, bei den wichtigen Internettagungen der vergangenen Monate sei ihm Guttenberg nie begegnet. "Ich hatte seine Beratertätigkeit schon völlig verdrängt." Stephan Urbach, ein Netzaktivist und Piraten-Politiker, mit dem Guttenberg friedlich zusammensaß, als jener Störenfried ihn mit der Tortenattacke überraschte, hat von dessen Arbeit seit Monaten nichts mitbekommen.
Nachdem der SPIEGEL sich nun bei der EU-Kommission nach Guttenbergs Arbeit erkundigt hatte, traf bei Urbach eine schnelle Mail aus Brüssel ein: Herr zu Guttenberg würde sich freuen, wenn man wieder in Kontakt käme.
Glaubt man EU-Kommissarin Kroes, ist es nicht verwunderlich, dass die Öffentlichkeit von Guttenbergs Wirken so wenig vernimmt. "Viele seiner Erkenntnisse stammen aus privaten Gesprächen mit Regierungen und der Wirtschaft und müssen vertraulich bleiben. Aber genau für diese hochwertigen Zugänge brauchte ich jemanden von seiner Statur", so Kroes.
Für einen, der ehrenamtlich arbeite, sei Guttenbergs Einsatz "sehr beträchtlich", heißt es aus ihrem Büro. Er pflege Kontakte zu Nichtregierungsorganisationen, Universitäten und Firmen. Bislang seien lediglich etwa 20 000 Euro Reisekosten entstanden, hauptsächlich durch "drei oder vier" Transatlantikflüge.
In der Regel agiert Guttenberg aus seiner neuen Heimat in den Vereinigten Staaten. In Greenwich nahe New York, Heimat vieler Hedgefonds-Milliardäre, bezog er im Spätsommer vorigen Jahres ein rund drei Millionen Euro teures Anwesen. Von dort aus versucht er seither, auf Augenhöhe mit den Mächtigen zu bleiben. Hier eine Spendengala, dort ein Essen mit Wirtschaftsgrößen, zwischendurch der Besuch einer Sicherheitskonferenz im kanadischen Halifax. Am Center for Strategic and International Studies (CSIS), einer Denkfabrik in Washington, ließ er sich zum "Angesehenen Staatsmann" küren. Als solcher soll er prominent besetzte Veranstaltungen leiten und die Verständigung zwischen Amerika und Europa fördern.
Doch nachdem sein Buch "Vorerst gescheitert" ihm vor Weihnachten mittelmäßige Verkäufe und eine schlechte Presse eingebracht hatte, mied er auch in der US-Hauptstadt das Scheinwerferlicht.
Als Guttenberg im April mit Jörg Asmussen, Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank, am CSIS zur Lage Europas debattierte, war der Auftritt nicht einmal angekündigt.
Hinter den Kulissen agiert er derweil weiterhin staatsmännisch. Bei einem exklusiven Abendessen im kleinen Kreis - mit Gästen wie Ex-US-Außenministerin Madeleine Albright und einem Richter vom Obersten Gerichtshof - erklärte Guttenberg gewohnt eloquent die Weltläufe.
Dass seine Internetmission bislang so wenige sichtbare Erfolge zeitigt, wird in der Szene nicht als dramatisch empfunden. Aktivist Urbach sagt: "Ich hatte mir von ihm nichts erwartet, deshalb bin ich auch nicht enttäuscht. Haken wir es ab."
Guttenbergs Büro teilt derweil mit, im Dezember wolle er eine Bilanz seiner einjährigen Arbeit vorlegen. Ob er seine Tätigkeit danach fortsetzen werde, gilt in der Europäischen Kommission als offen.
Von Alexander Kühn und Gregor Peter Schmitz

DER SPIEGEL 29/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 29/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KARRIEREN:
Das Phantom der Kommissarin

Video 01:05

Hoverbike-Testflug Was einem so vorschwebt

  • Video "Hoverbike-Testflug: Was einem so vorschwebt" Video 01:05
    Hoverbike-Testflug: Was einem so vorschwebt
  • Video "Krake jagt Krabbe: Unterwasserduell mit überraschendem Ausgang" Video 01:25
    Krake jagt Krabbe: Unterwasserduell mit überraschendem Ausgang
  • Video "Unglück in Australien: Flugzeug stürzt in Shoppingzentrum" Video 01:14
    Unglück in Australien: Flugzeug stürzt in Shoppingzentrum
  • Video "Videobilanz zu Donald Trump: So viele Pannen, solches Chaos" Video 02:46
    Videobilanz zu Donald Trump: So viele Pannen, solches Chaos
  • Video "Mutmaßlicher Giftanschlag: Video soll Angriff auf Kim Jong Nam zeigen" Video 00:47
    Mutmaßlicher Giftanschlag: Video soll Angriff auf Kim Jong Nam zeigen
  • Video "Nachschub für die ISS: Falcon 9 gelingt sichere Landung" Video 01:03
    Nachschub für die ISS: "Falcon 9" gelingt sichere Landung
  • Video "US-Präsident klärt auf: Trump und der Anschlag in Schweden" Video 01:08
    US-Präsident klärt auf: Trump und der "Anschlag" in Schweden
  • Video "Vor laufender Kamera: Autos stürzen in Riesenloch mitten in L.A." Video 00:44
    Vor laufender Kamera: Autos stürzen in Riesenloch mitten in L.A.
  • Video "Überwachungskamera filmt Explosion: Bombenanschlag neben Stierkampfarena" Video 00:56
    Überwachungskamera filmt Explosion: Bombenanschlag neben Stierkampfarena
  • Video "Unbezahlte Rechnungen: Weltgrößte Segeljacht A in Gibraltar festgesetzt" Video 00:55
    Unbezahlte Rechnungen: Weltgrößte Segeljacht "A" in Gibraltar festgesetzt
  • Video "Schnellzugstrecke in Australien: Rettung in letzter Sekunde" Video 00:39
    Schnellzugstrecke in Australien: Rettung in letzter Sekunde
  • Video "Webvideos der Woche: „Wo geht´s bitte zur nächsten Stadt?“" Video 03:04
    Webvideos der Woche: „Wo geht´s bitte zur nächsten Stadt?“
  • Video "Yildirim in Oberhausen: Das Einzige, was die Türkei retten kann" Video 03:33
    Yildirim in Oberhausen: "Das Einzige, was die Türkei retten kann"
  • Video "Filmstarts im Video: Berufskiller mit Backenbart" Video 07:17
    Filmstarts im Video: Berufskiller mit Backenbart
  • Video "Trumps befremdlicher Auftritt: Läuft doch alles bestens" Video 01:41
    Trumps befremdlicher Auftritt: Läuft doch alles bestens