16.07.2012

BADEN-WÜRTTEMBERG

Verhängnisvolle Freundschaft

Von Dahlkamp, Jürgen; Hesse, Martin; Kaiser, Simone; Müller, Peter; Pfister, René; Weinzierl, Alfred

Wie eng darf sich ein Regierungschef an einen Banker binden? Die E-Mails zwischen Stefan Mappus und Dirk Notheis belegen die Abhängigkeit des Politikers zu Zeiten des EnBW-Deals. Der Schaden für die CDU ist enorm, er reicht bis nach Berlin.

Der Deal, der Stefan Mappus als Regierungschef mit ökonomischem Weitblick positionieren sollte, war dann doch nicht so gut angekommen. Für 4,7 Milliarden Euro hatte Baden-Württembergs Ministerpräsident den Anteil des französischen Staatsunternehmens Électricité de France (EDF) am Energiekonzern EnBW zurückgekauft, und nun monierten Kritiker die Höhe des Preises. Warum hatte es bei einem solch gigantischen Geschäft keine ordentliche Prüfung des Kaufpreises gegeben? Wie konnte es sein, dass sich Mappus allein auf eine magere dreiseitige "Fairness Opinion" verließ, die ausgerechnet jene Bank geschrieben hatte, die so prächtig an dem Kauf der Aktien mitverdiente?

Es waren lästige Fragen, vor allem für den Mann, der das Geschäft durchgeboxt hatte und der sich nun an der Provision von 12,8 Millionen Euro erfreuen wollte. Und so setzte sich Dirk Notheis, Deutschland-Chef von Morgan Stanley, am 19. Dezember 2010 noch einmal an den Computer und erklärte seinem Freund Mappus in einer Mail, wie der die Dinge zu sehen habe:

"Du brauchst nur eine Fairness Opinion und zwar von uns. Wenn Du weitere nimmst, verwässerst Du unsere Aussage und Dritte werden sich fragen, warum es mehrere bedarf, um das doch angeblich so günstige Angebot zu bestätigen. Wir verursachen dadurch nur Zusatzaufwand und Störungen des Prozesses, was wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht gebrauchen können. Morgan Stanley ist die Nr. 1 in diesem Jahr bei Mergers & Acquisitions in der Welt und die Nr. 1 in Europa. Es gibt keinen Grund zur Verunsicherung! Das muss auch dem FM (Finanzministerium -Red.) klargemacht werden. Nicht, dass die ihrerseits als FM einen Auftrag zur Fairness Opinion vergeben! Das musst Du sicherstellen. (…) Lg, Dirk"

Regierungschef Mappus reagierte wie gewöhnlich, wenn Notheis Instruktionen erteilte. Nach außen spielte der Ministerpräsident den unerschrockenen Machtpolitiker; nun antwortete er folgsam mit einem knappen: "O.K.!"

Die Mails sind brisant. Noch dazu, weil am vergangenen Mittwoch die Staatsanwaltschaft Stuttgart ein Ermittlungsverfahren wegen Untreue gegen Mappus eingeleitet hat und am selben Tag den Bungalow des CDU-Mannes in Pforzheim durchsuchen ließ. Der Schriftverkehr ist ein weiterer Beleg dafür, dass Notheis und Mappus den Kauf der EnBW-Anteile mit den Methoden zweier Gebrauchtwagenhändler abwickelten.

Das Land Baden-Württemberg zahlte am Ende 834 Millionen Euro zu viel, so hat es das inzwischen SPD-geführte Finanzministerium von einem Gutachter ausrechnen lassen. Zu dem finanziellen Schaden kommt der Ansehensverlust für die Politik. Mappus erscheint in den Mails als ein manipulierter Politiker, der sich zum Erhalt der Macht an einen alten Freund klammert, sich ihm ausliefert - und mit ihm abstürzt. In der Endphase des Deals funktionierte der Christdemokrat Mappus wie eine Marionette des Bankchefs Notheis.

Die Politik an den Fäden der Geldjongleure, das ist ein Bild, das viele Bürger im Kopf haben, seit vor vier Jahren die Zocker an der Wall Street die Welt in die größte Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg stürzten. Seither versucht die Politik, die Banker an die Kette zu legen. Vor allem Kanzlerin Angela Merkel will im nächsten Jahr vor die Wähler treten als eine Frau, die das Monster Finanzindustrie gezähmt hat.

Die Affäre Mappus ist deshalb mehr als die Geschichte eines Landespolitikers, der sich von einem Investmentbanker hat dirigieren lassen, der die Rechte des Parlaments gebrochen und der Kasse des Landes geschadet hat. Mit ihren bizarren Details unterhöhlt sie die Versuche der Union, nach den Irrungen der neoliberalen Jahre das Primat der Politik über die Wirtschaft wiederherzustellen.

Die Partei ist wie benommen. "Dass dies alles an der Glaubwürdigkeit kratzt, ist klar", sagt Peter Hauk, Chef der CDU-Fraktion im Stuttgarter Landtag. Nach der Wahlniederlage der Südwest-Union im Frühjahr 2011 gab es noch die Hoffnung, dass der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann eine Episode der Landesgeschichte bleibe. Aber nun dringen aus Dateien ständig neue hässliche Einzelheiten aus der Zeit der Regentschaft Mappus' hervor. Sie könnten die baden-württembergische CDU nicht nur auf Jahre an die Oppositionsbank fesseln - sondern am Ende auch Angela Merkel die Kanzlerschaft kosten.

Der Südwesten war ein sicherer Hafen für die CDU, bis zum Frühjahr 2011 regierte die Partei dort ununterbrochen 57 Jahre lang, und auch für die Wahlsiege im Bund wurde dort das Fundament gelegt. Von den rund 11,8 Millionen CDU-Stimmen, die Merkel im Jahr 2009 holte, kamen allein 1,9 Millionen aus Baden-Württemberg. Scheitert sie dort, dann scheitert ihre Kanzlerschaft - auf diese Formel bringen manche Christdemokraten den Ausblick für das Wahljahr 2013.

Schon machen in der Union Vergleiche mit der Spendenaffäre die Runde. Das ist einerseits übertrieben, denn Stefan Mappus ist nicht Helmut Kohl, und er hat auch nicht versucht, heimlich die Kassen der Partei zu füllen. Aber wie bei Kohl scheint in der Affäre Mappus die Machthybris eines Mannes durch, der glaubte, er könne sich über die Spielregeln der Demokratie hinwegsetzen. "Wir müssen unsere Fehler eingestehen", sagt der neue Landeschef Thomas Strobl. "Wir sind Stefan Mappus zu lange Zeit zu unkritisch gefolgt, das gilt auch für mich persönlich."

Selbst die Kanzlerin scheint sich in den Qualitäten des Stefan Mappus getäuscht zu haben. Sie war es ja, die den Weg freiräumte für seinen Aufstieg. Auch auf Drängen von Unionsfraktionschef Volker Kauder und Bundesbildungsministerin Annette Schavan schickte Merkel nach ihrem Wahlsieg 2009 Günther Oettinger als EU-Kommissar nach Brüssel.

Offiziell war das eine Beförderung. Aber Merkel traute Oettinger nicht zu, die Macht im Südwesten zu sichern, sie setzte auf den konservativen Mappus. Der Mann, der sich gern als neuer Franz Josef Strauß feiern ließ, sollte die Stammwähler der CDU an die Urnen bringen. "Genau diesen Typ wollte man", erinnert sich heute ein CDU-Präsidiumsmitglied, das Mappus der Kanzlerin damals sehr ans Herz gelegt hatte.

Die Hellsichtigeren in der Union machen sich keine Illusionen darüber, dass die Partei an der Affäre Mappus lange tragen wird. "Das kann im Untersuchungsausschuss des Landtages, beim Schadensersatzprozess und bei den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen weit in das Jahr 2013 hineinreichen", sagt Ex-Regierungschef Oettinger.

Eigentlich wollte die Südwest-CDU am kommenden Samstag den Startschuss geben für die Rückkehr an die Macht. Nun wäre die Parteispitze schon froh, wenn die Delegierten nicht übereinander herfielen. Viele in der Partei wollen den endgültigen Bruch mit Mappus, sogar das Wort Parteiausschluss macht bereits die Runde. Doch der ehemalige Parteichef verfügt immer noch über einen harten Kern von Anhängern, die dann wohl auf die Barrikaden gehen würden. Auch deshalb sagt Parteichef Strobl, ein Rauswurf sei "keine Lösung".

Manch Christdemokrat, der nun zerknirscht auf den zweitgrößten Landesverband der Partei blickt, war sogar nichtsahnend Teil einer pompösen Inszenierung. So gab Notheis am 22. November 2010 in einer vierseitigen Übersicht dem Ministerpräsidenten via Mail auf, mit wem gesprochen werden müsse und wann. Die Kanzlerin stand auf der Liste ("Angela M.: Kurz davor. Sie über Deal und Intention informieren und um positive Begleitung bitten. Insbesondere was den Termin bei Nicolas S. anbetrifft") , aber auch Mappus' Ziehvater, Altministerpräsident Erwin Teufel, der ein Jahrzehnt zuvor die EnBW-Anteile des Landes an die Franzosen verkauft hatte. Notheis schrieb: "Erwin Teufel: Kurz vor Bekanntgabe. Ihn werden die Journalisten anrufen und sie werden den Deal als Loslösung des Ziehsohns vom Altmeister interpretieren und als Schlag gegen den Initiator des ursprünglichen Deals. Argument für Dich ist, dass wir es heute mit anderen Zeiten und Rahmenbedingungen nach der Wirtschafts- und Finanzkrise zu tun haben (...). Erwin sollte das auch so unterstützen und kommunizieren, wenn angesprochen."

Ernst Pfister, Wirtschaftsminister von der FDP, der in das Geschäft nicht eingeweiht war, hatte Notheis ebenfalls auf dem Zettel: "Pfister würde ich mit zur PK nehmen und ihm ggfalls einen Aufsichtsratsposten bei der X AG in Aussicht stellen. Das nimmt er bestimmt gerne an :-), zumal er aus der Politik ausscheidet."

"What a movie …", so kommentierte Dirk Notheis den Ablauf der EnBW-Transaktion in einer Nachricht an seinen französischen Kollegen bei Morgan Stanley im Dezember 2010 - und eine Vielzahl von E-Mails belegt, dass der Investmentbanker tatsächlich wie ein Drehbuchautor agierte, der die Dialoge schrieb und Mappus, seinen Hauptdarsteller, mit Regieanweisungen lenkte.

Auch wenn Notheis und Mappus bis heute ihre intensive Freundschaft betonen, so unterscheidet sie in vielen Dingen mehr, als sie verbindet. Weggefährten, die dabei waren, als sich die beiden über die Junge Union (JU) in Baden-Württemberg kennenlernten, hatten das schon damals bemerkt. Mappus stammt aus einem kleinen Ort, aus Mühlacker an der Enz, der Vater ist Schuhmacher, die Mutter Arbeiterin. Notheis' Großvater, ein Unternehmer, war nach dem Krieg Mitbegründer der Karlsruher CDU. Als Zwölfjähriger klebte Enkel Dirk Plakate für Franz Josef Strauß.

Notheis galt in der JU als Kopf-, Mappus als Bauchmensch. Notheis war der Stratege, auch mal der Provokateur, etwa wenn er es für nötig hielt, den Landesvorsitzenden Teufel zu reizen. Mappus war der Pragmatiker, zuweilen von dröhnender Art. Nach dem Studium wurde Notheis Banker, begann mit Mitte zwanzig bei der Südwestdeutschen Genossenschafts-Zentralbank, Mappus verkaufte Firmen Telefonanlagen von Siemens.

Fünf Jahre lang stand Notheis der JU im Ländle vor. "Schon damals bewies er Führungsqualitäten", erinnert sich der damalige Schriftführer des JU-Vorstands, "ein cleverer, ausgleichender Kopf mit besten Verbindungen in die Bundespartei."

Als Notheis 1999 zu Morgan Stanley wechselt und sich plötzlich auf internationalem Parkett bewegt, wird ihm die Doppelbelastung zu viel. Er konzentriert sich auf die Karriere in der Bank. Doch die Nähe zur Politik bleibt.

Seine exzellenten Beziehungen werden zum Motor der Karriere. Notheis bewegt sich auf politischen Bühnen so sicher wie zwischen den Frankfurter Bankentürmen - vor allem das macht ihn für Morgan Stanley wertvoll. Und er hat Erfolg.

Notheis schmiedet mit seinen Leuten große Deals und bringt Konzerne an die Börse, oft kommen sie aus Staatsbesitz wie die Postbank und der Flughafenbetreiber Fraport. Ob Schwarz, Rot, Gelb oder Grün - in Berlin nimmt man seine Dienste gern in Anspruch. Eloquent, geschmeidig, aber auch forsch, so wirbt Notheis für seine Geschäfte. Er versteht es, das Wall-Street-Englisch der Finanzjongleure in die Sprache der Politiker zu übersetzen. Fusionsberater sind auch Handlungsreisende. Verkäufer einer Idee, wie ein Coup am besten zu gestalten ist, wie man Aktionäre oder Politiker davon überzeugt, viel Geld auszugeben.

Wie flapsig, ja abfällig sich Notheis im Mail-Verkehr mit Mappus äußerte, wie er die Kanzlerin als "Mutti" bezeichnete, das hat auch Leute schockiert, die ihn zu kennen glaubten. Es ist eine Seite, die er nicht zeigt, wenn er in kleinem Kreis die Folgen der Finanzkrise analysiert oder bei einem edlen Rotwein über den Lauf der Welt sinniert. Oft spricht Notheis, der neben Betriebswirtschaft auch Politik und Philosophie studierte, mit einem Raunen in der Stimme, das den Eindruck verstärkt, es gehe im Investmentbanking um etwas besonders Geheimnisvolles.

Notheis findet Bilder, die jeder versteht. "Man muss erst mal den Mais auslegen, damit das Schwein aus dem Wald kommt", sagt er 2008, um zu erklären, wie er Investoren für den Börsengang der Bahn gewinnen wolle.

Der Börsengang platzt jedoch. Und seitdem verlässt den erfolgsverwöhnten Banker öfter mal das Glück. 2010 soll Morgan Stanley Käufer für die angeschlagene WestLB finden. Zusammen mit Notheis zieht ausgerechnet Friedrich Merz die Fäden, Christdemokrat und Wirtschaftsanwalt. Als der Verkauf der Landesbank nach monatelangem Gezerre scheitert, werden die hohen Honorare für Merz' und Notheis' Mannschaft kritisiert.

Das Geschäft der Fusionsberater hängt oft von Dingen ab, die sie nicht beeinflussen können: von den Launen der Börsen, dem unwägbaren Verhalten der Investoren, von politischen Entscheidungen. Vielleicht war es deshalb so verlockend für Notheis, bei dem EnBW-Deal offenbar alles kontrollieren zu können.

Dass Investmentbanken Leute beschäftigen, die Erfahrung in der Politik haben und in Berlin Türen öffnen können, ist nicht ungewöhnlich. Lothar Späth, einer von Mappus' Vorgängern, verdingte sich bei Merrill Lynch, der SPD-Politiker Martin Bury saß einst im Deutschland-Vorstand von Lehman Brothers. "Doch Notheis hat sein Netzwerk wie kein anderer für seine Interessen eingesetzt", sagt ein Bankmanager. Nach dieser Lesart ist der Fall EnBW nicht der einmalige Ausrutscher eines ehrenwerten Bankers, sondern das logische Ende einer Karriere.

Mappus war nicht der einzige Kumpan aus JU-Zeiten, mit dem Notheis Geschäfte machen wollte. Stefan Wolf, Vorstandschef des schwäbischen Automobilzulieferers ElringKlinger, saß mit dem Banker drei Jahre lang im Vorstand der CDU-Nachwuchsorganisation. Der Kaufmann führt ein Unternehmen mit 6500 Mitarbeitern an 41 Standorten, da kommt es mehrmals im Jahr vor, dass eine Firma zugekauft wird. Und so wurde Notheis auch bei Wolf vorstellig, ob man so eine Übernahme nicht mal gemeinsam abwickeln könne. Beim zweiten Kontaktversuch, berichtet Wolf, habe er dem alten JU-Gefährten erklärt, dass er keine Geschäfte mit Bekannten machen werde: "Ich will in solchen Dingen Distanz wahren, ich will mich nicht angreifbar machen."

Ein 4,7-Milliarden-Geschäft ohne eine umfängliche Wertermittlung durchzuziehen, hält Wolf für einen unfassbaren Fehler, den er Notheis nicht zugetraut hätte: "Mir ist absolut unverständlich, was da passiert ist."

Auch die Prüfer des Landesrechnungshofs mochten kaum glauben, wie sehr der Ministerpräsident seinem Beraterfreund bei der Preisfestlegung folgte. "Ein wesentliches Manko der Fairness Opinion besteht darin, dass sie nicht von einem neutralen Sachverständigen gefertigt wurde", heißt es in dem Gutachten zum EnBW-Deal vom 26. Juni 2012, das dem SPIEGEL vorliegt. Die Prüfer verweisen auf ein "starkes Interesse am Zustandekommen der Transaktion" auf Seiten der Bank Morgan Stanley: "Deren weiteres Interesse an einem möglichst hohen Kaufpreis steht im Spannungsverhältnis zum Interesse des Landes an einem möglichst niedrigen Kaufpreis."

Der Zielkonflikt schreckte Mappus offenbar nicht, er wollte keine weiteren Mitwisser, schon gar nicht aus der Politik. Mit leichter Süffisanz heißt es im Bericht des Rechnungshofs: Es sei nicht davon auszugehen, "dass ein Minister und die zuständigen Beamten Dienstgeheimnisse weniger wahren können als etwa 30 Berater in einer Rechtsanwaltskanzlei, ähnlich viele Mitarbeiter der beratenden Investmentbank sowie eine nicht näher bekannte Zahl von Beschäftigten einer Unternehmensberatung für Kommunikation".

Viele Vertreter aus dem Investmentgewerbe sehen das ähnlich. Notheis habe gegen alle guten Sitten verstoßen, die bei solchen Deals gelten, sagt ein Wettbewerber, und Mappus habe ihn gewähren lassen. "Sie haben sich berauscht an dem Gefühl, alles kontrollieren zu können, und alle Sicherheitsmechanismen ausgeschaltet", sagt einer, der Notheis gut kennt. Geradezu surreal sei es, einen Kaufpreis aufzurunden, als ginge es um eine Tasse Kaffee am Kiosk um die Ecke.

Insider sagen, Notheis sei eben nie ein echter Banker gewesen. Selbst wenn da unter Investmentbankern jetzt manch offene Rechnung beglichen wird: Notheis ist fraglos ein Grenzgänger, einer, der sich stets auf dem schmalen Grat zwischen Politik und Wirtschaft bewegt hat.

Was Notheis in Wahrheit von seinem Freund Mappus hielt und wie im Hause Morgan Stanley über den Top-Kunden geredet wurde, das lässt eine E-Mail ahnen. Notheis hatte Mappus im Herbst 2010 empfohlen, als "Medienberater" einen Mitarbeiter der Kommunikationsfirma Hering Schuppener zu beauftragen: "Er wird den richtigen Spin bei FAZ, Handelsblatt, FTD etc. erzeugen und Dich aufs Titelblatt bringen."

"Sprechzettel" nannte Mappus die Argumentationshilfen von Hering Schuppener, und es gab Phasen, da schien er von ihnen abhängig. Zu viel mochten die PR-Profis ihrem Mandanten indes nicht zumuten. In einer E-Mail zwischen einem Morgan-Stanley-Banker und einem PR-Berater der Agentur heißt es: "Herr Mappus wird und soll nicht über Multiples reden, das wäre nicht authentisch."

Für Inhalte, sagen Wegbegleiter, habe sich Mappus auf seinem Weg an die Macht nie besonders interessiert. Im Landtag war er in seinen Reden für die Attacke zuständig, nicht für Argumente. Er war nicht zimperlich, wenn er sich in Stichwahlen durchsetzen musste, er nahm keine Rücksicht, wenn ihm die Rücksicht keine Vorteile brachte. Für Mappus zählten Posten und Positionsverbesserungen, zählten politische Siege gegen andere, für das eigene Vorankommen.

So wurde er Staatssekretär mit 32, Minister mit 38, Fraktionschef mit 39, und dann, mit 43, Ministerpräsident.

Noch heute gibt es Christdemokraten, die es für einen reinen Zufall halten, dass Mappus den konservativen Flügel in der Partei besetzte, nicht den liberalen: Der konservative Ministerpräsident Teufel förderte ihn und beförderte ihn ins Amt des Staatssekretärs; Oettinger, damals Fraktionsvorsitzender, wollte Teufel beerben und stand damit für Mappus auf der anderen Seite, auf der Gegenseite.

Mit der Wahl zum Ministerpräsidenten änderte sich für den Aufsteiger Mappus der Horizont. Vor ihm lag nun die Weite des Regierens, Gestaltens, der inhaltlichen Arbeit. Das kannte er nicht. Plötzlich wirkte er verloren, unschlüssig, schwankend. Er sah nicht rechtzeitig, wie sich der Proteststurm gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 und damit gegen seine Regierung aufbaute.

Auf der Höhe der Macht fehlte ihm das Gespür für das Angemessene so sehr, dass er den Einsatz von Wasserwerfern nicht verhinderte, am 30. September 2010, dem "Schwarzen Donnerstag". Die Szenen aus dem Schlossgarten, mit blutenden Stuttgart-21-Gegnern, bebilderten die Ratlosigkeit eines Mannes, der ein Ziel erreicht hatte, ohne zu wissen, wofür überhaupt.

Der Versuch, als fürsorglicher Landesvater zu punkten, war mit dem Schwarzen Donnerstag gescheitert; und so wollte er sich neu erfinden, als Manager in den Zeiten der Wirtschaftskrise. Ein Überraschungserfolg musste her, der EnBW-Deal.

Schon in weniger wichtigen Fragen war Mappus dafür bekannt, dass er sich auf ein Küchenkabinett im Staatsministerium verließ, und so kam für den großen Befreiungsschlag auch nur einer in Frage, einer seiner ältesten Freunde: Dirk Notheis. Mit ihm in der Seilschaft hatte Mappus seinen Aufstieg gemacht, es war dabei nicht ganz klar gewesen, wer wen gezogen hatte. Aber viel spricht dafür, dass es zunächst Notheis war, der vorangegangen war.

Bevor Notheis zu Morgan Stanley ging und den JU-Vorsitz abgab, sagen die Gerüchte, soll er dafür gesorgt haben, dass Ministerpräsident Teufel Mappus als Staatssekretär ins Verkehrsministerium holte. Es sah damals so aus, als sei Mappus an Notheis vorbeigezogen. Oder hatte er ihn in Wahrheit nur vorbeiziehen lassen? Und wer zog nun an den Fäden von wem?

Am Tag, an dem Mappus zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, saß sein Freund auf der Besuchertribüne des Landtags. Später reiste Mappus nach Italien und machte Papst Benedikt seine Aufwartung; auf dem Foto, das die Delegation zeigt, steht Mappus rechts neben dem Papst, links davon die Ehefrau von Notheis mit Kind, außen Notheis selbst.

Im EnBW-Deal sollte sich die Freundschaft für Mappus in höchster Not bezahlt machen. Es ging nicht um das Land, es ging um ihn, seine Wiederwahl, und für Notheis ging es um ein Geschäft, seine Provision. Das wurde ihnen nun zum Verhängnis - den beiden damaligen Ministern, Helmut Rau und Willi Stächele,

die am EnBW-Kaufvertrag mitgewirkt hatten und deshalb nun auch Mitbeschuldigte sind.

Während Mappus vorige Woche - detailliert gebrieft von seinem Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner - in gewohnt kämpferischer Manier jede Schuld zurückwies, trägt Notheis schwer an seinem Fall. Das schmale Gesicht ist noch ein bisschen eingefallener als sonst, die blasse Haut spannt sich über die Wangenknochen. Notheis scheint überrascht von der Wucht, mit der die Wogen der Empörung über ihm zusammenschlagen. Der Mann, der die Mächtigen der Republik beriet, wirkt nun selbst ratlos.

Er ist weit entfernt von jenem selbstbewussten Banker, der für Mappus Mitte Dezember 2010 per E-Mail noch "Formulierungen für die Regierungserklärung" verschickte, mit der sich der enge Freund ins rechte Licht rücken wollte: "Hinzu kam, dass ich mit Herrn Dr. Notheis, wie Sie ja nunmehr alle aus den Zeitungen wissen, seit vielen Jahren befreundet bin und ich ihm fachlich uneingeschränkt vertraue. Er ist ja nicht von ungefähr zum Deutschland- und Österreich-Chef einer der weltbesten Adressen der Branche aufgestiegen, sondern er gilt eben auch in Fachkreisen als hoch vertrauenswürdige und kompetente Person."

So schrieb Notheis über Notheis. Mappus nahm die Hilfe ausnahmsweise nicht in Anspruch.

(*1) Um 1995.(*2) Mit Dirk Notheis (l.) und Stefan Mappus (rechts neben Papst Benedikt XVI.) am 23. September 2010 in Castel Gandolfo.

DER SPIEGEL 29/2012
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