07.07.1997

ZIONISMUS

Die Herzen entflammt

Nie hat ein erfolgloser Phantast so große Wirkung erzielt: Hundert Jahre nach dem ersten Zionistenkongreß ist die Kontroverse um Theodor Herzls Vermächtnis neu entbrannt.

Am 29. August 1897 inszenierte ein assimilierter Wiener Jude mit Hang zum Deutschtum in der Schweizer Humanistenstadt Basel einen riesigen Bluff: Gut 200 Delegierte versammelte der Jurist und Journalist Theodor Herzl am Rheinknie, um seine Forderung nach einer "gesicherten Heimstätte in Palästina" zu verbreiten.

Er wollte der Welt vorgaukeln, daß er eine mächtige Bewegung anführe, dabei war ihm klar, daß er "nur eine Armee von Schnorrern" hatte: "Ich stehe an der Spitze von Knaben, Bettlern und Schmöcken."

Um der seltsamen Versammlung einen reputierlichen Anschein zu geben, erließ Herzl strenge Kleidervorschriften: Wer nicht im "Frack und weißer Halsbinde" erschien, bekam keinen Zutritt zum prächtig geschmückten Musiksaal des Stadtkasinos.

Mit Feierstunden, Podiumsdiskussionen, einem Symposium, neuen Veröffentlichungen und einer großen Ausstellung*, die vorletzte Woche eröffnet wurde, wird in Basel den ganzen Sommer über des ersten Zionistenkongresses gedacht, der gut

* Bis 7. September. Buch zur Ausstellung: "Der Erste Zionistenkongreß von 1897 - Ursachen, Bedeutung, Aktualität". Verlag S. Karger, Basel 1997; 414 Seiten; 81 Mark.

50 Jahre später zur atemberaubendsten Staatsgründung der Neuzeit führte.

Von der romantischen Utopie des damals als wilder Phantast verspotteten Herzl ist nur der Grundgedanke geblieben; keines der Probleme, die sich schon früh abzeichneten, ist gelöst - vor allem nicht der in seiner Unausweichlichkeit vorhersehbare Konflikt mit den Arabern, aber auch nicht der Kampf zwischen weltlichen und orthodoxen Juden um den Charakter des Staates Israel.

Rund um die Basler Gedenkfeiern ist die Polemik wieder voll entbrannt. Als "menschenverachtende Ideologie" beschimpft der Komponist Elias Davidsson, der sich selbst als "Palästinenser jüdischer Abstammung" betrachtet, den Zionismus. Statt dessen Entstehung zu würdigen, sollte sich Basel lieber der "Förderung eines gerechten Friedens in Palästina" widmen.

"Der Glaube an eine jüdische Rasse", schrieb Davidsson an die basler zeitung, "ist, genauso wie der Glaube an eine deutsche Rasse, ein Mythos. Der Zionismus hat jedoch sein Möglichstes getan, diesen Mythos unter den Juden aller Welt zu verbreiten, nur daß die Bezeichnung ,Volk'' an die Stelle des Begriffs ,Rasse'' getreten ist."

Der Historiker Heiko Haumann, der die umfassende Gedenkausstellung in der Basler Kunsthalle einrichtete, stellt ebenfalls fest, daß sich "das Aufgreifen des Rassegedankens auch auf die Einstellung zu den Arabern" ausgewirkt habe.

Die große Mehrheit der westeuropäischen Juden hielt Herzl seinerzeit für einen gefährlichen Spinner, der ihre Bemühungen um Assimilation bedrohte. Karl Kraus verspottete ihn in der Satire "Eine Krone für Zion". Die Orthodoxen hielten seinen Plan für eine Gotteslästerung. "Die Bestrebungen, in Palästina einen jüdischen nationalen Staat zu gründen", warnten fünf prominente deutsche Rabbiner, "widersprechen den messianischen Verheißungen des Judentums."

Sie sahen auch Loyalitätskonflikte voraus: "Das Judentum verpflichtet seine Bekenner, dem Vaterland, dem sie angehören, mit aller Hingebung zu dienen und dessen nationale Interessen mit ganzem Herzen und mit allen Kräften zu fördern."

Nur mit Mühe brachte Herzl den konservativen Basler Rabbiner Arthur Cohn dazu, im Plenum einige wohlwollende Worte zu sagen. Als Gegenleistung versicherte er, nichts vorzuhaben, "was die religiösen Überzeugungen irgendeiner Richtung innerhalb des Judentums verletzen könnte". Um seinen guten Willen zu unterstreichen, nahm der selbst ganz und gar ungläubige Herzl am Gottesdienst teil. Im Tagebuch notierte er: "In den Tempel gehe ich nur in Basel. Dort grüße ich auch mehr den Gott meiner Väter als meinen eigenen."

In einem Buch beschreibt Pierre Heumann, Israel-Korrespondent der Zürcher weltwoche, wie "der Wiener Dandy" - gemäß seinem eigenen prophetischen Wort - den "Judenstaat in Basel gründete" (Weltwoche-ABC-Verlag Zürich; 276 Seiten; 41 Mark).

Palästina war dabei zuerst nur eine von mehreren Möglichkeiten. Ohne alle religiöse Emotion suchte Herzl, der zuvor auch Massentaufen für Juden im Wiener Stephansdom erwogen hatte, ein Siedlungsgebiet - in Argentinien, in Kenia, in der Sinai-Wüste und auf Zypern, wo immer er genug unbewohntes Land vermutete, um sein Utopia zu gründen.

Weil er sich nicht vorstellen konnte, daß jemand "auf hebräisch ein Bahnbillett kaufen" könnte, sollte in seinem Judenstaat deutsch gesprochen werden. Er trug sogar Kaiser Wilhelm II. die Schutzherrschaft an, wollte Wiener Kaffeehäuser und Stadttheater nach europäischem Vorbild bauen lassen, um den Auswanderern das gewohnte Ambiente zu bieten. Gleichzeitig hoffte er, daß die bürgerliche Ausstattung des neuen Landes den rückständigen Ostjuden europäischen Schliff beibringe - eine "Assimilation unter jüdischem Regime sozusagen", wie Heumann schreibt.

Es sei seine "heilige Einfalt" gewesen, meint die israelische Historikerin Anita Shapira, die Herzl die "Unmöglichkeit seiner Mission" ignorieren und eine imaginäre Wirklichkeit schaffen ließ, "welche die Herzen von Männern und Frauen entflammte".

Das Volk, das er dorthin führen wollte, mußte er sich erst erfinden. Herzl und viele seiner Anhänger bedienten sich dabei ganz selbstverständlich der in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aufkommenden antisemitischen Klischees. Gedankenlos sprachen sie von der "Judenfrage", die es zu lösen gelte, holten sich bei Antisemiten Ermunterung und nutzten Rassentheorien, um die traditionelle Vorstellung von einem jüdischen Religionsvolk ins Völkisch-Ethnische umzudeuten.

Gleichzeitig schrieb er seinem Mitstreiter und Freund Max Nordau, daß "wir die nordafrikanischen Juden schon wegen des Colorits unbedingt auf dem Congress haben müßten". Und einen russischen Zionisten fragte er, ob er nicht "zwei oder drei Originaljuden aus dem Kaukasus" mitbringen könne.

Als idealen Zionisten und als Gegenstück zu "den unbeholfenen und ausgemergelten, hustenden Jammerzwergen des östlichen Ghettos" entwarf der Arzt und Publizist Nordau den "Muskeljuden". Der Industrielle Walther Rathenau verlangte 1897, die Juden sollten dafür sorgen, daß sie sich, "inmitten einer militärisch straff erzogenen Rasse, durch verwahrlost schiefes und schlaffes Einhergehen nicht zum Gespött" machten. Er forderte eine "Anartung", deren Ziel "nicht imitierte Germanen, sondern deutsch geartete und erzogene Juden" sein sollten.

Solche Ansichten bewirkten, daß die deutsche Vorstellung vom "Herrenvolk" die zionistische Utopie von Anfang an infizierte. 1934 notierte der jüdische, deutsch-national gesinnte Romanistik-Professor Victor Klemperer, Kriegsfreiwilliger des Ersten Weltkriegs, in sein Tagebuch:
* Mir sind die Zionisten genauso ekelhaft wie die Nazis. In ihrer
Blutschnüffelei, ihrem geheuchelten, teils bornierten
Zurückschrauben der Welt gleichen sie durchaus den
Nationalsozialisten. Der Witz, man habe Hitler in Haifa ein
Denkmal errichtet mit der Inschrift "Unserem Herführer", hat
eigentlich eine tiefe und unwitzige Berechtigung.

Daß Palästina kein leeres Land war, wie Herzl zuerst geglaubt hatte, stellte er selbst

auf zwei Reisen ins Heilige Land fest. Anders als Nordau, der darüber erschrak ("Dann begehen wir ja ein Unrecht"), dachte Herzl 1898 über die Möglichkeit nach, die störenden Araber "mit Zartheit und Behutsamkeit" loszuwerden: "Die arme Bevölkerung trachten wir unbemerkt über die Grenze zu schaffen, indem wir ihr in den Durchzugsländern Arbeit verschaffen, aber in unserem eigenen Land jede Arbeit verweigern."

Fünf Jahre später rührte ihn aber das Elend, das er sah: "Man kann doch nicht arme, arabische Bauern von der Scholle treiben ... Ich nehme mir vor, auch an die Fellachen zu denken, wenn ich einmal die Macht habe."

Jizchak Epstein, 1886 aus Rußland nach Palästina ausgewandert, riet 1905 auf dem siebten Kongreß zu einem Bündnis mit den Arabern. Die einwandernden Juden müßten den Stolz der Palästinenser in Rechnung stellen und sich bescheidener aufführen.

Doch die antikolonialistische Linie konnte sich nicht durchsetzen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde etwa der Prager Historiker Hans Kohn als Ketzer bezeichnet, als er warnte: "Wäre unser ganzes Pathos gegen unsere Unterdrücker nicht lächerlich, wenn wir - nicht mehr unterdrückt, sondern zu Macht gelangt - die Araber zu entrechten und zu entnationalisieren trachten würden? Kein Land gehört einem bestimmten Volke, es gehört den Menschen, die dort leben und friedlich arbeiten - und das werden in Palästina immer nicht nur Juden, sondern auch Araber sein." Präziser könnte auch die israelische Friedensbewegung das Dilemma nicht beschreiben, in dem Israel sich unauflöslich verstrickt hat.

Ein Symposium, das der Basler Theologe Ekkehard Stegemann mit Kollegen aus Jerusalem und Tel Aviv leitet, soll nun die Frage debattieren, ob es vielleicht einen neuen Zionismus braucht, um Herzls Vision zu vollenden. Denn der Mehrheit der Juden in Westeuropa und den USA erscheint der Zionismus wieder als etwas, was sie eigentlich nicht betrifft - wie vor dem Zweiten Weltkrieg ihren Vorfahren.

"Was ist Zionismus?", fragte damals im Witz der Prager Kohn. "Zionismus", antwortete sein Freund Roubicek, "das ist, wenn ein Jud einem zweiten zuredet, Geld zu spenden, mit dem man einem dritten die Reise nach Palästina bezahlen kann."

Mir sind die Zionisten genauso ekelhaft wie die Nazis. In ihrer

Blutschnüffelei, ihrem geheuchelten, teils bornierten

Zurückschrauben der Welt gleichen sie durchaus den

Nationalsozialisten. Der Witz, man habe Hitler in Haifa ein Denkmal

errichtet mit der Inschrift "Unserem Herführer", hat eigentlich

eine tiefe und unwitzige Berechtigung.

* Bis 7. September. Buch zur Ausstellung: "Der Erste Zionistenkongreß von 1897 - Ursachen, Bedeutung, Aktualität". Verlag S. Karger, Basel 1997; 414 Seiten; 81 Mark. * Bei der Unterzeichnung der Proklamation des Staates Israel im Mai 1948 in Tel Aviv.

DER SPIEGEL 28/1997
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