07.07.1997

BESCHNEIDUNG„Sieg des Islam“

Der ägyptische Scheich Jussuf el-Badri begründet den Kampf moslemischer Extremisten für die Verstümmelung von Frauen
Scheich Badri, 58, benutzt systematisch die Gerichte, um seine Auffassung vom Islam in Ägypten durchzusetzen. Vor einem Jahr hatte ein Dekret die Beschneidung von Mädchen in öffentlichen Krankenhäusern untersagt. Dagegen strengte Badri eine Klage an - und bekam vorletzte Woche recht. Nach neuesten Schätzungen sind in Ägypten etwa 80 Prozent der Frauen beschnitten; der Eingriff wird meistens zwischen dem vierten und zwölften Lebensjahr vorgenommen, um sexuelle Lustgefühle zu mindern.
SPIEGEL: Sie sind Wortführer einer Gruppe radikaler Moslems, die Intellektuelle und Beschneidungsgegner mit Klagen überziehen. Jetzt hat das Kairoer Verwaltungsgericht das Verbot des Gesundheitsministers vom Juli 1996, Mädchen in öffentlichen Krankenhäusern zu beschneiden, in erster Instanz wiederaufgehoben. Prozessieren Sie weiter?
Badri: Allah sei gepriesen! Mit mir bejubelten viele moslemische Frauen diesen Sieg des Islam über seine Widersacher.
SPIEGEL: Wie kommen Sie dazu, die weltweit verpönte Verstümmelung von Frauen mit dem Islam zu rechtfertigen?
Badri: Die Beschneidung gehört zum gesunden islamischen Empfinden. Der Minister hatte eindeutig seine Kompetenzen überschritten. Er hat sich in eine religiöse Angelegenheit eingemischt, und das darf er nicht. In Ägypten ist der Islam Staatsreligion. Bei uns hat niemand das Recht, den Koran und die Sunna, die islamische Tradition, zu manipulieren oder gar zu ignorieren - kein Minister und kein Präsident.
SPIEGEL: Aber die Beschneidung von Mädchen ist doch kein islamisches Gebot. Dieser Brauch beruht auf einer vorislamischen Tradition, die auf die pharaonische Zeit zurückgeht und in Ägypten auch von Christen praktiziert wird.
Badri: Woher nehmen Sie Ihre Weisheit? Ich kann Ihnen beweisen, daß die Beschneidung islamisch ist.
SPIEGEL: Viele Korangelehrte widersprechen Ihnen. Mohammed Sajjid Tantawi, als Großscheich der Kairoer Azhar-Universität einer der einflußreichsten islamischen Rechtswissenschaftler, hat eindeutig festgestellt, daß die Beschneidung von Frauen mit dem Islam nichts zu schaffen habe.
Badri: Der Koran ist nicht so deutlich, wie manche es sich vielleicht wünschen. Aber es steht außer Frage, daß der Prophet die Beschneidung der Mädchen empfahl. Aïscha, die Lieblingsfrau des Propheten, ließ die Töchter ihres Bruders beschneiden. Wir sind selbstverständlich gehalten, uns nach dem Vorbild des Propheten zu richten. Es gibt Hadithe, überlieferte Aussprüche und Handlungen des Propheten, die alles, was ich sage, belegen.
SPIEGEL: Nicht alle Hadithe können als authentisch gelten. Die Sprüche, auf die Sie sich berufen, werden von den Schriftgelehrten als "daïf", als schwach, klassifiziert, das heißt, ihre Überlieferung gilt als wenig glaubwürdig. Der Großscheich Tantawi sagt das auch.
Badri: Tantawi kann viele Meinungen haben, mich binden nur Koran und Sunna. Ich berufe mich immerhin auf Buchari, den wichtigsten klassischen Hadith-Sammler. Nach meinen Unterlagen ließen bereits Abraham und seine Frau Hagar Mädchen beschneiden.
SPIEGEL: Warum lassen dann islamische Väter und Mütter anderswo, etwa in Marokko und Algerien, ihre Töchter unversehrt?
Badri: Das liegt daran, daß die Klitoris der nordafrikanischen Frauen nicht so groß wächst wie die unserer Mädchen. Es soll ja lediglich der Teil weggeschnitten werden, der über die Norm hinausgeht. Einer französischen Studie zufolge werden beschnittene Mädchen übrigens weniger häufig von Aids befallen.
SPIEGEL: Oft sind diese Operationen primitiv und gefährlich. Die beschnittenen Mädchen leiden schlimme Qualen, viele tragen Gesundheitsschäden davon, manche verbluten. Deshalb wird die Beschneidung als barbarisch empfunden.
Badri: Das ist ein amerikanisches Komplott. Die USA wollen der ganzen Welt, auch den Moslems, ihren Willen aufzwingen. Das hat der Westen auf der Frauenkonferenz der Uno in Peking und auf der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo versucht. Ich gebe den Kampf gegen moralische Aufweichung nicht auf. Ich habe auch den Erziehungsminister verklagt, weil er die Beschneidung in den Schulbüchern als unislamisch ausgibt. Alle Islamfeinde sollen sich vor mir hüten.
SPIEGEL: Nun hat ein Gericht Sie erstmals zu Schadensersatz wegen Verleumdung verurteilt. Der Richter beklagte eine "Epidemie von religiösem Extremismus" und sagte in der Urteilsbegründung, Sie und Ihre Freunde seien geisteskrank und gehörten in die Nervenklinik.
Badri: Die Menschen sind eben bockig und undankbar. Mich interessiert nicht, ob ich eine Million oder nur hundert Anhänger habe. Mir reicht die Gewißheit, den Islam besser zu verstehen als meine Kritiker. Ich werde mit meinen Freunden allen Gottesfeinden auf die Schliche kommen.

DER SPIEGEL 28/1997
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