07.07.1997

SCHAUSPIELERBandit und Biederling

Der eine stand für den braven Bürger, der andere für das dunkle Amerika: Die Hollywood-Superstars James Stewart und Robert Mitchum sind tot. Von Barbara Supp
Er war längst ein alter Mann, mit kaputten Knochen, kaputter Leber und kaputter Lunge, aber er tat seinen Job. Robert Mitchum saß in einem Hotelzimmer in Toronto und blinzelte aus schläfrigen Augen, er wünschte sich nach Mexiko, "denn da kann Jesus persönlich vorbeischauen, und das kümmert keine Sau".
Müde war er, 75 Jahre alt und freundlich und professionell, solange es bloß darum ging, eine Vorabendserie für Pro Sieben zu drehen, die "African Skies" hieß und von ihm nur ein bißchen herumsitzen und telefonieren verlangte. Aber er mochte keine fremden Leute. Wenn jemand anfing, ihm Fragen zu stellen, über ihn oder seine Filme, dann sah er drein, als wolle er dem Gegenüber die Fragen in den Hals zurückstopfen, und warum das so war, ging keinen etwas an. "Gehen wir zusammen zum Psychiater", knurrte er. "Und finden wir es raus."
Stur war er bis zuletzt, er haßte große Auftritte in der Öffentlichkeit. "Wenn alle dich anstarren, sie kennen dich, du kennst sie nicht, und sie grabschen nach dir, danke, das brauch' ich nicht", sagte er in Toronto, und dabei blieb er, bis zum Schluß.
Die letzten Bilder zeigen den Schauspieler Mitchum in seinem Sessel, allein in seinem Haus in Santa Barbara. Dort ist er am Dienstag vergangener Woche im Alter von 79 Jahren an Lungenkrebs gestorben. "Wir haben einen großen Freund verloren", meldete Jack Gilardi, sein Agent.
Einen Tag später wurde der Tod von James Stewart bekannt, der zehn Jahre älter war, aber doch Teil derselben Hollywood-Generation: zwei Veteranen, die letzten ihrer Art. Sie lebten ein bißchen untypisch, alle beide, verbrachten ihre Zeit abseits der Hollywood-Society und blieben jeder ein Leben lang mit einer einzigen Frau verheiratet. Mitchum und Stewart hatten denselben Job und erledigten ihn beide fast ihr Leben lang - aber was sie für Amerika bedeuteten, war nicht dasselbe, wie sich spätestens jetzt bei ihrem Abschied zeigt.
Am Mittwoch starb James Stewart in Beverly Hills an Herzversagen, und danach kursierte nicht das übliche müde Agenten-Lob in der Öffentlichkeit. Da sprach der amerikanische Präsident: Amerika, sagte Bill Clinton, habe einen "Schatz der Nation" verloren, einen "großartigen Schauspieler, einen Gentleman und Patrioten".
Mit James Stewart, geboren 1908 in der Kleinstadt Indiana, Pennsylvania, hat sich Amerika leichtgetan. Er war ja Mr. Smith, der arglose Mensch aus der Provinz, der als Senator in die Hauptstadt gewählt wird und die Regierung in Ordnung bringt ("Mr. Smith geht nach Washington", 1939); und vor allem war er Mr. Bailey im alljährlichen Weihnachtsfilm "Ist das Leben nicht schön" - der anständige Amerikaner, der schuldlos in Konflikt mit der unanständigen Wirklichkeit gerät. Als er für Hitchcock den "Mann, der zuviel wußte" spielte, paßte er perfekt an die Seite der keimfreien Blondine Doris Day.
Ein Mittelklasse-Kind, der Vater war Eisenwarenhändler und hat ihm, so sagte James Stewart, "beigebracht, wie wichtig disziplinierte, harte Arbeit ist". Er ging werktags in eine Privatschule und sonntags in die Kirche, liebte Vater und Mutter und lernte nebenbei Akkordeon. Studierte in Princeton, einer Elite-Universität, geriet in eine akademische Theaterproduktion, wo sich der 1,92-Mann mit den überlangen Armen und Beinen und dem schleppenden Provinzler-Slang erstaunlich gut bewährte. Zog nach New York, dann nach Hollywood und blieb, weil man einen wie ihn dort gut brauchen konnte: den sauberen, ordentlichen Kerl.
Erst sehr viel später, in Western-Filmen der fünfziger Jahre, darf er ein bißchen düsterer sein, getrieben, ein Rächer wie in "Winchester '73". Aber dann blinzelt er wieder mit seinen wäßrigen Augen, so als ob das alles nur ein böser Traum sei, aus dem er gleich aufwachen wird, und dann ist alles vorbei. Es braucht Hitchcock, um dieses Bündel Durchschnittlichkeit glaubhaft in einen zwielichtigen Charakter zu verwandeln: als nekrophiler Ex-Polizist Scottie, der in "Vertigo" seine obsessive Sehnsucht zu einer toten Frau auslebt.
Ziemlich unamerikanisch, so ein Verhalten, aber es wird ihm verziehen. Für das Publikum bleibt er der geliebte Durchschnittsmensch, der amerikanische Jedermann; der Patriot, der als Pilot in den Zweiten Weltkrieg zieht und Bomben auf Nazi-Deutschland wirft; der beim Militär bleibt, bis er als Brigadegeneral der Reserve den Abschied nimmt, und der auch dann nicht an seinem Land zweifelt, als einer der beiden Söhne im Vietnamkrieg stirbt: "Seine Mutter und ich", erklärt Stewart, "sind stolz, daß er seinem Land gedient hat. Wir haben das nicht als Tragödie betrachtet. Die Tragödie war, daß unser Junge geopfert wurde, ohne ein vereinigtes Land hinter sich zu haben."
Robert Mitchum: Das ist die andere, die dunkle Seite von Amerika, und wenn man ihn häufig mit Stewart zusammen besetzt hätte, wären die Rollen festgelegt gewesen: der Brave und der Bandit. Und Stewart hätte kaum den Banditen gespielt.
Wenn James Stewart für den Glauben steht, daß letztlich doch noch alles gut wird, daß man den amerikanischen Traum noch ein bißchen weiterträumen darf, dann ist Mitchum derjenige, der längst nicht mehr an solche Lügen glaubt: der Verlorene, der Trinker, der die Ängste in sich trägt, der nur einen Schritt vom Abgrund entfernt ist, und oft fällt er, weil es nichts gibt, an dem er sich festhalten will. Der Mann, kurz vor dem Abgrund.
Bob Mitchum war der Junge vom falschen Ende der Stadt, und wenn er damals in den dreißiger Jahren dem jungen Jimmy Stewart begegnet wäre, dann hätte er ihn wohl verachtet, diesen braven Burschen, der so amerikanisch ist wie "Wonder Bread" und genauso weich.
Das Leben ist nicht wunderbar, wenn man wie Mitchum aus Bridgeport, Connecticut, stammt und der Vater tot ist, seit man zwei Jahre alt ist - von Eisenbahnpuffern zerquetscht. Man wird zum Streuner und Tagedieb. Und verrät keinem, daß man Gedichte schreibt. Mit 15 verschwindet er von zu Hause und wird in Georgia von einem Greifkommando eingefangen und vor Gericht gestellt, das Urteil: 180 Tage Zwangsarbeit, in Ketten.
Seine Muskeln hat er sich als Boxer und Rausschmeißer in Nachtklubs erworben, die hängenden Augenlider mit einem Job in der Werkhalle von Lockheed, der ihn so fertigmacht, daß er später, wie er sagt, "nie wieder richtig schlafen kann". So wird er der Mann mit dem müden Blick, der die Massen fürchtet und einen "gierigen Lynchmob" vor sich sieht, wenn fremde Leute nach ihm greifen. Aber mit der Kamera kommt er gut klar.
Es gab reichlich Arbeit für diesen mächtigen Brocken Mann mit einem Brustumfang, der so groß war wie der von Jane Russell (nur anders verteilt); mit dem Baßbariton, der tief aus dem Körper kam, und einem Blick, der mit 25 schon von so vielen verlorenen Illusionen erzählt wie Jimmy Stewarts mit 75. Er erwartet nicht viel, nicht von Amerika, nicht von sich selbst, und nur manchmal ein wenig von einer Frau, und auch das wird wieder schiefgehen, sagt der Blick, aber das ist egal.
Er tat seinen Job "wie ein Klempner", behauptete Mitchum, weil schauspielern "immer noch besser als arbeiten" sei, und manchmal fand er, es gebe in einem Film überhaupt nichts zu tun: "NAR" schrieb er dann ins Drehbuch. "No acting required". Aber das stimmte nie. Er fuchtelte und zappelte nicht wie Stewart, er war einfach da, füllte den Raum, in schlechten Filmen wie in guten. "Wenn Mitchum wollte", sagte der Regisseur David Lean, "dann war jeder andere ein Loch in der Leinwand."
James Stewart erhielt 1940 einen Oscar, für seinen spirrligen Verführer in "Die Nacht vor der Hochzeit", und 1985 noch einen für sein Lebenswerk. Mitchum hatte 1945 eine Nominierung als bester Nebendarsteller, für "Schlachtgewitter am Monte Cassino", doch einen Oscar bekam er nie: Nicht 1967 für den versoffenen Sheriff in "El Dorado", wo er so eindrucksvoll saufend und schwitzend durch den Westen stolpert, daß der Kinozuschauer glaubt, die Leinwand stinke nach Fusel und Schweiß, und nicht einmal für seinen grandiosen, finsteren Priester in "Die Nacht des Jägers", 1955, dieses apokalyptische Monstrum, das zwei Kinder durch einen Alptraum verfolgt - gnadenlos präsent.
Er war nicht der Typ, dem ein US-Präsident Patriotismus nachsagt oder dem man in seiner Heimatstadt ein Ehrenmuseum baut, wie James Stewart. Aber das war ihm egal. Und seine Filme waren eben ein paar Streifen Zelluloid, die er "nie gesehen hat", sagte er. Bloß nicht erwischt werden bei etwas, das nach Ehrgeiz klingt, er spielte ja "alles, solange das Geld stimmt, vom schwulen Polacken bis zum Zwerg". Er sagte viel, damit ihn keiner mit Fragen belästigte. In einem schwachen Moment hat er eingestanden, daß er für "Die Nacht des Jägers" sein Bestes gegeben habe. Das muß wohl ein Versehen gewesen sein.
Einmal, 1978, haben Mitchum und Stewart gemeinsam vor der Kamera gestanden, in einem fürchterlich schlechten Film, einem Remake von Howard Hawks' "The Big Sleep", das unsinnigerweise in England spielt. Keiner von beiden konnte dieses blasse Konstrukt retten, Stewart nicht als greiser General Sternwood und Mitchum nicht als Philip Marlowe, der herumsteht wie im falschen Film.
Mehr als 130 Filme hat Mitchum gedreht, rund 50 mehr als Stewart, darunter eine Menge miserable Streifen und ein paarmal ganz großes Kino. Mindestens eine Rolle war darunter, die hätte er besser James Stewart überlassen sollen. In "Ryans Tochter" muß er einen irischen Dorfschullehrer geben, ein verhuschtes Wesen, verzweifelt unsinnlich, der über diesem Manko seine Frau an einen Engländer verliert. Da schrumpft er und verkriecht sich in sich selber und spielt gegen seinen Körper an, doch es will nicht klappen: Mitchum war sexy. Stewart war es nicht. Niemals.
James Stewart war der Mann zum Heiraten, der mit den Kindern in den Zoo geht und ihnen Cola kauft und erklärt, was für ein großer Mann Thomas Jefferson war - ein Langweiler eben, dessen Kuß nach Kaugummi schmeckt. Und Mitchum war der Typ, mit dem ihn seine Frau dann betrügt.
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 28/1997
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DER SPIEGEL 28/1997
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