14.07.1997

HOCHSTAPELEI Ein Gaukler, ein Artist

Wieder ist Gert Postel als „Hochstapler entdeckt“ worden, er brauchte nicht einmal einen falschen Namen, um als Psychiater aufzutreten. Von Gerhard Mauz
Gert Postel ist für die Psychiatrie, was Jürgen Schneider für die Banken und das Geschäft mit Immobilien darstellt - ein Alptraum, ein Gespenst. Die Wirklichkeit hat wieder einmal zugeschlagen und jede Erfindung so übertroffen, daß unglaubhaft erscheint, was sich tatsächlich ereignet hat.
Am Freitag vergangener Woche teilte das Gesundheitsministerium in Dresden mit, daß am Tag zuvor im sächsischen Krankenhaus in Zschadraß bei Colditz Gert Postel, 38, "als Hochstapler entdeckt wurde".
Postel ist im November 1995 als Facharzt für Psychiatrie eingestellt worden. Als Oberarzt in einer Klinik mit 140 Betten war er vor allem im Maßregelvollzug tätig, also in der Behandlung und Betreuung von 20 bis 30 Straftätern, die wegen Schuldunfähigkeit oder verminderter Schuldfähigkeit untergebracht sind, weil von ihnen infolge ihres Zustands "erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten" und sie "deshalb für die Allgemeinheit gefährlich" sind.
"Postel hatte sich", so heißt es in einer Mitteilung des Ministeriums, "eine komplette, lückenlose Legende geschaffen. Die verschiedenen Stationen seines Berufsweges einschließlich der ärztlichen Zeugnisse hat er durch Vorlage gefälschter Urkunden belegt." Seit Anfang dieses Jahres baute er eine Tagesklinik in Rochlitz auf.
Ein Betrüger halt, ein Fälscher eben, einer von den Hochstaplern, die es immer wieder geben wird?
Im Februar 1976 bestand Gert Postel in Bremen nach zweieinhalb Jahren Lehrzeit die Abschlußprüfung des einfachen Postdienstes mit "gut". Bis August 1977 arbeitete er danach als Postzusteller. Dann kündigte er und versuchte ein Fernstudium.
In einem Fachkrankenhaus für Psychotherapie bei Oldenburg wagte er es zum erstenmal. Er stellte sich als junger Arzt frisch von der Universität vor. Er machte Eindruck, wurde eingestellt und wies sich mit einer gefälschten Approbationsurkunde aus.
Drei Monate behandelte er und lernte, wie man als Arzt auftritt, ging aber wieder nach Bremen zurück, wo er kurz den leitenden Arzt in einem Rehabilitationszentrum spielte, bis er zufällig erkannt und entlarvt wurde.
Um sich zu erholen, fuhr er an die Ostsee. Dort las er in einem Ärzteblatt, daß die Stadt Flensburg einen Amtsarzt suchte. Er rief an, stellte sich als Dr. Dr. Bartholdy vor und wurde aufgefordert, vorbeizukommen.
24 Jahre alt war Dr. med. und Dr. phil. Clemens Bartholdy, als er eingestellt wurde. Seine Bewerbung trugen gefälschte Urkunden, vor allem aber ein gefälschter Lebenslauf, der alles anbot, was den vom doppelten Titel geblendeten Blick der Behörde verschwimmen ließ. Gegen den Sohn eines Medizinalrats und einer Medizinaldirektorin, als der er sich ausgab, konnte es ohnehin keine Bedenken geben.
Vom September 1982 bis April 1983 war Gert Postel stellvertretender Amtsarzt in Flensburg. Unter seiner Leitung und Aufsicht sank die Zahl der Zwangseinweisungen um 86 Prozent. Legte jemand Beschwerde gegen seine Entscheidung ein, wurde sein Befund vom Landgericht bestätigt. Aber die Arbeit strengte ihn an. Er bewarb sich bei der psychiatrischen Klinik der Universität Kiel und bekam einen Anstellungsvertrag, damit er nicht im Gesundheitsamt versauere.
Da flog er auf. Er verlor seine Geldbörse, und in der fand die Polizei Ausweise auf den Namen Postel. Die waren mit Lichtbildern versehen, die auch die Ausweise des Dr. Dr. Bartholdy schmückten.
Während seiner Zeit als stellvertretender Amtsarzt in Flensburg hatte er einen Ausflug nach Bremen noch überstanden. Dort hatte er sich wegen seines Gastspiels als leitender Arzt im Rehabilitationszentrum verantworten müssen. Er überstand das mit 600 Mark Geldbuße, denn er erklärte, er sehe ein, daß man nicht einfach den Arzt spielen könne. Nun aber war es aus.
Der Fall Postel und der Strafprozeß, der sich anschloß, machten Schlagzeilen. Von dem Psychologen Herbert Maisch wurde der Angeklagte im Gutachten als ein junger Mensch beschrieben, "der auf dünnem Eis atemlos einem Luftballon nachjagt", der sich nicht der Gefahr bewußt ist, "daß entweder das Eis bricht oder der Luftballon platzt". Postel wurde überzeugend als ein Mensch beschrieben, der "stets nach einem falschen Selbst greift, weil er nichts Eigenes entwickelt hat, was ihm wirklich Halt bieten könnte".
Ein Jahr Freiheitsstrafe, zur Bewährung ausgesetzt, ein Urteil, das hilfreich gemeint war. Doch auch dieses Urteil gab Postel keinen Halt. 1986 stand er in Bremen wieder vor Gericht, und diesmal wurde sichtbar, daß er kein Eulenspiegel ist, der die Narrheit der Welt enthüllt und vorführt. Peggy Parnass, Gerichtsberichterstatterin und Schriftstellerin, hatte recht, als sie die Frauen dazu aufrief, gegen Männer wie Gert Postel zusammenzustehen.
Postel, groß und schmal, einfühlsam, aber ein Gaukler, ein Artist der Einfühlung, ist mit Frauen bitterböse umgegangen. Wie viele er beschädigt und zerstört hat - eine endlose, unsägliche Geschichte. In Bremen ging es 1986 darum, daß er eine Staatsanwältin, die sich seiner Annäherung widersetzte, gejagt und bis zum Zusammenbruch verfolgt hatte. In die NEUE JURISTISCHE WOCHENSCHRIFT, die erhabene NJW, lancierte er die Meldung, die damals 30 Jahre alte Staatsanwältin sei zur Generalstaatsanwältin in Bremen ernannt worden, aber das war noch eine von den geringeren Attacken, die er ihr antat. Wer ihn abwehrt, den läßt er nicht in Ruhe, er setzt sich durch. Er hat sogar einmal eine Audienz beim Papst bekommen, eine Privataudienz, behauptet er.
Er ist kein Kämpfer für sozial Benachteiligte, für Entrechtete, er ist einer, der sich um eine Litfaßsäule herumtastet und behauptet, er sei eingemauert. Auch in Bremen bekam er ein Urteil, das helfen sollte, zur Bewährung ausgesetzt. Die Bürger würden das Urteil nicht verstehen, hieß es in der Begründung, doch mit dem Einsperren würde man ihm nicht gerecht werden.
In Sachsen hat er keinen falschen Namen benutzt. Gert Postel bewarb sich, und der Name sagte niemandem etwas. Die Psychiatrie hat das Zeichen an der Wand, das Postels Flensburger Gastspiel gewesen ist, verdrängt, gar nicht zur Kenntnis genommen. Alles, was er als falscher Amtsarzt getan hatte, seine Gutachten, seine Einweisungen - die Gerichte haben es, nachdem er verurteilt war, für in Ordnung befunden.
Und nun heißt es in Sachsen auch schon: "Nach heutigem Erkenntnisstand sind ... keine Patienten zu Schaden gekommen." Postel hat Gerichtsgutachten erstellt und ist in Hauptverhandlungen aufgetreten, weder Ärzten noch Gerichten ist Inkompetenz aufgefallen. Die Prüfung im einfachen Postdienst ist offenbar die beste Voraussetzung für eine Karriere als Psychiater. Wieder hat nur ein Zufall ihn auffliegen lassen. Eine neue Mitarbeiterin kam aus Flensburg. Die dachte zuerst an einen Scherz.
"Die Abenteuer des Dr. Dr. Bartholdy" hieß das Buch mit dem Untertitel "Ein falscher Amtsarzt packt aus", das Postel 1986 vorlegte. Postel deutete in Bremen an, er sei nicht der Verfasser. Der war, wie sich herausstellte, Reiner Pfeiffer. Die beiden waren - damals jedenfalls - Freunde. Und so ist Gert Postel denn auch 1995 vor einen Untersuchungsausschuß in Kiel geraten.
War Postel der Regisseur, der Pfeiffer in Barschels Nähe dirigierte und Fäden zog? Volker Zastrow hat 1995 in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN diese Möglichkeit erörtert und ist gescheitert. Dieser Tage, wieder von einem FAZ-Redakteur, von Udo Ulfkotte, gibt es ein neues Buch (siehe Seite 30), in dem auch Barschels Tod erörtert wird. Der Bundesnachrichtendienst soll mehr darüber wissen. Die Theorie, Postel sei jener "Roloff" gewesen, mit dem sich Barschel in Genf getroffen haben soll, wird wieder aufkommen.
Doch wo Postel ist, entzieht sich alles dem Blick und dem Zugriff, taucht etwas auf und verschwindet wieder, ist nur gewiß, daß da ein Gaukler, ein Artist sein Spiel treibt - einer, der etwa den Psychiater besser spielen kann, als viele Psychiater es sind. Einer, der jede Rolle spielen kann. Hochstapler nennt man die Menschen, die nicht zu fassen sind.
Von Mauz, Gerhard

DER SPIEGEL 29/1997
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