Von Hawranek, und Steingart,
Es las sich wie ein Aufstieg: Kai Diekmann, 33, Politikchef bei BILD, übernimmt den Chefposten beim SAD, dem Springer Auslandsdienst, hieß es in einer kurzen Meldung seines eigenen Blattes.
Doch die Beförderung ist eine Abschiebung. Der SAD kommt seit gut einem Jahr auch ohne Chefredakteur aus, nur noch 27 Redakteure arbeiten für diese hausinterne Nachrichtenagentur.
Die pikante Personalie sorgt nun auch für Streit im Aufsichtsrat. Dort stehen sich seit Jahren zwei Gruppen unversöhnlich gegenüber: Die Mehrheitsaktionärin Friede Springer und Aufsichtsratschef Bernhard Servatius auf der einen Seite, sie unterstützen Vorstandschef Richter. Ihr Widerpart ist der streitlustige Anwalt Joachim Theye, Vertreter von Leo Kirch. Dem Münchner Medienunternehmer gehören 40 Prozent der Springer-Anteile.
Im Kern geht es vor allem um eines: um die Macht im Hause Springer und damit um den Einfluß auf BILD, mit rund elf Millionen Lesern Deutschlands größte Boulevardzeitung.
Diekmann ist zum Spielball der Machtinteressen geworden. Dem Springer-Vorstandschef gilt der Kohl-Biograph als zu regierungsfreundlich. Den Kirch-Leuten ist genau das gerade recht.
Sie laufen Sturm gegen die Entscheidung. Der Gesamtaufsichtsrat sei mit der "Personalie Diekmann überhaupt nicht befaßt gewesen", schreibt Theye in einem Brief an den SPIEGEL, der über den Fall berichtet hatte. Auch der Arbeitsausschuß des Aufsichtsrates habe "nicht schriftlich und einstimmig zugestimmt".
Zwar sei das Thema im Arbeitsausschuß behandelt worden. Aber wie? klagt die Kirch-Seite. Theye zumindest fühlt sich unzureichend und offenbar auch falsch informiert. Dem Arbeitsausschuß sei "nicht eine Versetzung von Herrn Diekmann vorgestellt worden, sondern natürlich ein im Einvernehmen mit Herrn Diekmann geplanter Wechsel in die SAD-Leitung".
Die Personalentscheidung gegen den Willen von BILD-Chefredakteur Claus Larass stößt bei den Kirch-Leuten, aber offenbar auch bei Teilen des Hauses Springer auf Ablehnung. "Dem Arbeitsausschuß war auch nicht bekannt", schreibt Theye, daß "Herr Larass von dem Wechsel erst nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub erfuhr".
Servatius, dem Theye eine Kopie seines Schreibens an den SPIEGEL selbst übergeben hatte, reagierte empört auf die Vorwürfe - und griff ebenfalls zur Feder. Theyes Schreiben bedürfe "der Richtigstellung". Denn, so sagt Servatius: "Selbstverständlich wurde der Arbeitsausschuß des Aufsichtsrates nicht getäuscht."
Nach "mehrfachen Diskussionen über die Neuausrichtung des SAD" sei der Entscheidung des Vorstandes, Diekmann dorthin zu versetzen, vom zuständigen Arbeitsausschuß "im schriftlichen Verfahren zugestimmt" worden, heißt es in seiner Stellungnahme.
Diese Zustimmung habe der "Gesamtaufsichtsrat ausdrücklich und ohne Widerspruch zu Protokoll festgestellt". Nur in einem habe Theye recht: Die Zeitungsmeldungen über einen einstimmigen Beschluß der Gremien seien unzutreffend.
Auf seiner jüngsten Sitzung, am Freitag vergangener Woche, kamen sich die Streithähne im Aufsichtsrat nicht näher. Verzweifelt wird nun nach einem Kompromiß gesucht. Denn längst geht es auch um die Zukunft von BILD-Chef Larass. Wirft er hin? Wie wird er auf die Demütigung reagieren?
Richter fühlt sich seiner Sache sehr sicher. Er bescherte dem Verlag in den vergangenen Jahren hervorragende Bilanzzahlen, auch die ersten Zahlen für 1997 verheißen Großes. In diesem Jahr erwartet Richter einen Gewinn von über 200 Millionen Mark, gut 20 Prozent mehr als im Vorjahr.
Doch die Ruhe an der Kirch-Front ließ sich mit sprudelnden Gewinnen nicht erkaufen. Die Geschichte Kirch/Springer ist eine Geschichte voller Zank. Es begann schon mit dem Einstieg des Film- und Fernsehmoguls beim Springer-Verlag, dessen Gründer Axel Springer ihn einst als "Kriminellen" bezeichnet haben soll.
Kirch, ein persönlicher Freund von Kanzler Helmut Kohl, gab schnell zu erkennen, daß er nicht nur einen Medienverbund anstrebte, in dem die Springer-Zeitungen mit seinen Fernsehsendern eng zusammenarbeiten sollten. Er wollte auch im Verlag die Macht übernehmen. Kirch sagte der Verlegerwitwe Friede Springer: "Irgendwann habe ich die Mehrheit."
Auch ohne Mehrheit versuchte der konservative Filmhändler und TV-Unternehmer, in die Springer-Blätter hineinzuregieren. Als DIE WELT in einem Kommentar das Karlsruher Kruzifix-Urteil verteidigte, forderte er öffentlich die Entlassung des Chefredakteurs Thomas Löffelholz.
Doch Vorstand und Aufsichtsrat teilten Kirch mit, sie sähen "keine Veranlassung für eine Ablösung" des Chefredakteurs.
Auch die Verleger-Witwe Springer entwickelte Stehvermögen gegenüber dem Filmhändler. Sie richtete Kirch per Interview aus, für ihn bestehe "keine Chance, die Mehrheit der Anteile am Verlag zu erwerben".
Der große Plan des Leo Kirch, aus Zeitungen und Fernsehsendern eine unschlagbare Einheit zu formen, hat, zumindest solange Richter mitreden kann, keine Chance. Erst kürzlich hatte der Springer-Vorsitzende angemahnt, "daß dieses Haus seine publizistische Unabhängigkeit für jedermann spürbar unter Beweis stellt".
Mit der Abberufung Diekmanns über den Kopf des Chefredakteurs hinweg hat Richter nun gleich dreierlei bewiesen: die Unabhängigkeit vom Kanzler, von Kirch - und von seinem Chefredakteur.
DER SPIEGEL 30/1997
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