23.07.2012

KRIMINALITÄTFelix Krull im Netz

Vor dem Landgericht Augsburg endet der Prozess im wohl größten Fall von Online-Betrug. Das Verfahren zeigt, wie leicht Gauner arglose Kunden im Internet täuschen können.
Eine Nacht im Kölner Club Teatro, Karwan M. legt den Arm um seine blonde Begleitung und lächelt in die Kamera. Fotos des Abends zeigen ausgelassene Menschen, die über die Tanzfläche zucken.
Karwan M. war Gastgeber an diesem 9. Mai 2009. "No place for losers" stand auf der Einladung des Abends. Kein Platz für Verlierer.
Drei Jahre später sitzt Karwan M. auf der Anklagebank des Landgerichts Augsburg. Er hat zugenommen, die Haare kleben platt auf der Stirn, das Lächeln ist aus dem Gesicht gewichen.
Karwan M., 23, ist der Hauptangeklagte im wohl größten Fall von Online-Betrug in Deutschland. Gemeinsam mit etwa einem Dutzend Komplizen soll er Internetnutzer in großem Stil abgezockt haben. Laut Anklage bot die Gruppe in Online-Shops wie elektro-geizhals.de oder gold-shop-24.com zum Beispiel Laptops und Goldbarren zu Schnäppchenpreisen an. Arglose Kunden zahlten per Vorkasse, doch die Waren kamen niemals an - weil es sie gar nicht gab.
Ein weitverzweigtes Handelsimperium hatte die Bande im Internet aufgebaut. Es umfasste Dutzende gefälschte Online-Shops, die von 2008 bis 2011 mindestens 1,1 Millionen Euro Umsatz machten - so jedenfalls haben es die Ankläger ermittelt. Kopf der Gruppe, die "Fakeshop-Bande" getauft wurde, soll M. gewesen sein.
In dieser Woche will das Gericht den Prozess gegen die Gruppe abschließen. Für zwei Komplizen von M. forderte die Staatsanwaltschaft Augsburg am vergangenen Mittwoch bereits sechs Jahre sowie dreieinhalb Jahre Gefängnis, unter anderem wegen banden- oder gewerbsmäßigen Betrugs. Das Plädoyer gegen Karwan M. soll am Montag verlesen werden.
Der Prozess hat seltene Einblicke in den digitalen Untergrund (SPIEGEL 27/2011) gestattet, in dem gutgetarnte Kriminelle immer neue Betrugsmaschen ausprobieren. Und in dem Ermittler mit neuen Methoden versuchen, Schritt zu halten. Ihr Wettlauf findet auf technischem und rechtlichem Neuland statt, mitunter kommen umstrittene Instrumente zum Einsatz - in diesem Fall der Staatstrojaner, eine Schnüffel-Software, die im vergangenen Herbst vom bayerischen Innenminister Joachim Herrmann erst mal gestoppt werden musste.
Sichtbar wird durch diesen Fall aber auch die Verführbarkeit der Verbraucher. 85 Prozent der Internetnutzer kaufen Waren heute online. Und der Geiz macht viele Menschen blind für unseriöse Angebote. Kaum eine andere Kriminalitätssparte boomte zuletzt so wie das Geschäft der Online-Ganoven.
Wie sich das Unrecht in Deutschland verändert hat, konnten vor drei Jahren Polizeidienststellen im ganzen Land beobachten. An vielen Orten gingen ähnliche Strafanzeigen ein: Ein Taxifahrer aus Hamburg hatte einen Flachbildfernseher für 406 Euro bestellt, den er nie bekam. Ein Mann aus Mallersdorf in Bayern hatte Gold für 25 000 Euro gekauft, das nicht geliefert wurde, und so weiter.
Bald führten Spuren zu Karwan M. und seinen Komplizen. Nach monatelanger Überwachung wurde M. am 11. Mai 2011 verhaftet, sein Leben zwischen schnellen Autos, hübschen Frauen und Nachtclubs war vorerst vorbei.
Begonnen hatte seine Karriere in der Spinozastraße in Essen, einer trostlosen Gegend, in der viele schon morgens mit einem Hansa Pils vor der Trinkhalle stehen. Hier verbrachte M. einen Teil seiner Jugend, seine Familie war aus dem Irak geflohen. Mit 15 Jahren begann er zu arbeiten, mal in einer Autowaschanlage, mal in einem Internetcafé. Dort stieß er auf ein Geschäftsmodell, das gute Renditen versprach. Auf Ebay ersteigerte der Junge gefälschte Markenjeans und verkaufte sie mit Gewinn an Kunden im Internetcafé weiter.
Karwan M. gefiel sich in der Rolle des Kaufmanns, und er hatte den Schneid, in großen Kategorien zu denken. Mit 18 Jahren meldete er beim Patentamt eine Marke namens Jil Fierely an und verkaufte über das Internet importierte Billigmode aus China. In neun Monaten erlöste er eine halbe Million Euro.
Bald expandierte er in einem Geschäftsfeld, das noch mehr Gewinn versprach - dem Handel mit Produkten, die gar nicht existierten. Über das Netz suchte M. Kontakt zu zwielichtigen Händlern bei Ebay. Dabei lernte er auch Ahmet D. kennen, der jetzt in Augsburg neben ihm auf der Anklagebank saß. Schon 2007 unterstützte er D. beim Verkauf von Elektroartikeln, die sie gar nicht auf Lager hatten. Der Betrug flog auf, das Landgericht Duisburg verurteilte Karwan M. zu einer Jugendstrafe von einem Jahr auf Bewährung. Im Urteil heißt es, M. habe die Taten "glaubhaft eingeräumt und erkannt, sich falsch verhalten zu haben".
Doch die Reue war wohl nur von kurzer Dauer. Folgt man der Anklage in Augsburg, so verfeinerten Karwan M. und Ahmet D. nun ihr Geschäftsmodell. Vor Gericht erzählt D., wie er eine eigene Verkaufsplattform programmiert habe: elektro-geizhals. de. Statt auf Ebay bot die Bande jetzt dort Laptops oder Küchengeräte an - Hunderte Kunden fielen darauf herein. In nur sieben Wochen soll elektro-geizhals.de den Ermittlern zufolge 138 000 Euro eingespielt haben.
Später erweiterte die Bande ihr Sortiment um Autos und Goldbarren. Um nicht selbst als Adressat aufzutauchen, soll die Bande sogenannte Finanzagenten angeheuert haben, die ihre Konten für das Geschäft zur Verfügung stellten. Sobald das Geld bei den Agenten eintraf, leiteten sie den Betrag nach Abzug einer Provision an die Bande weiter. Wichtig dabei war, die eigene Identität zu verschleiern. Karwan M. soll Pseudonyme wie "Ali" oder "Hansi" sowie die E-Mail-Adresse ilovejenny01@yahoo.de genutzt haben, um Komplizen anzuwerben.
Der Krankenpfleger Nikolas R., ebenfalls in Augsburg angeklagt, programmierte Dutzende Online-Shops. Die Lehramtsstudentin Julia A. pflegte Produkte in diese Verkaufsplattformen ein. Auf der Website usa-auto-kaufen.de wurden erfundene Rechtsanwaltskanzleien präsentiert, die dem Angebot Seriosität verleihen sollten. Auf Bewertungsportalen hinterließ die Bande positive Noten für ihre Shops, damit Kunden keinen Verdacht schöpften.
Zugleich vermied es Karwan M., öffentlich mit den Geschäften in Verbindung gebracht zu werden. Auf einer Wikipedia-ähnlichen Website heißt es, M. betreibe eine Cocktailbar, ein Textilgeschäft, sei Party-Veranstalter und Manager der Band Musical Healing. "Sein Traumauto, ein BMW 6er Cabrio, hat er sich im frühen Alter schon erfüllt", steht auf der Website marjorie-wiki.de.
Nicht alles davon hält einer Überprüfung stand - das Management von Musical Healing erklärt, Karwan M. sei ihm nicht bekannt. Sein Vater sagt bei einem Treffen in Essen, der BMW sei nur geleast gewesen, und von einer Cocktailbar habe sein Sohn zwar gesprochen, er glaube aber nicht, dass sie je eröffnet wurde. Über die Herkunft der Einnahmen von Karwan kann oder will er wenig sagen: "Er hat diese Partys organisiert."
Der mutmaßliche Bandenchef war offenbar ein Hochstapler aus Gewohnheit - ein Felix Krull des Internets.
Im Jahr 2010 mietete Karwan M. eine Doppelhaushälfte in Essen-Stoppenberg. Sein Heim ließ er sich von einer Innenarchitektin einrichten, M. habe auch ein Wasserbett für etwa 5000 Euro bestellt, sagt ein Ermittler vor Gericht aus. Vor der Tür standen teure Autos, abends holten ihn Freunde zum Feiern ab. Die Leute hätten sich das Maul über den Mieter zerrissen, sagt eine Nachbarin heute. "Wieso zieht ein junger Mann in so eine Spießersiedlung?"
Ein Leben in Luxus jedenfalls verschlingt viel Geld. Und Fakeshops haben nur eine geringe Halbwertszeit, weil geprellte Kunden in Verbraucherforen vor den Seiten warnen.
Ein renommierter Webhoster, über dessen Rechenzentren Websites betrieben werden, nahm elektro-geizhals.de vom Netz, als sich die Beschwerden häuften. Auch andere Online-Läden der Bande verschwanden oft so schnell, wie sie aufgetaucht waren.
Früher besprachen sich Ganoven in Hinterzimmern, bewacht von Bodyguards, die das Treffen absicherten. Heute bietet das Internet genügend Rückzugsorte. Online-Shops, die in Deutschland sofort geschlossen werden müssten, können bei ausländischen Vermietern von Rechnerkapazitäten oft problemlos weiterbetrieben werden.
Ein solcher Provider war die Firma Heihachi. Betrieben wurde sie aus Österreich von Dominik Sascha B., die Server standen in Russland und später in der Ukraine - und waren damit weit weg von deutschen Behörden. Entsprechend schwierig gestalteten sich die Ermittlungen.
Sogar jenen umstrittenen bayerischen Staatstrojaner, die Schnüffel-Software, setzte das LKA ein, um Karwan M. zu überwachen. Hinter der sogenannten Quellen - Telekommunikationsüberwachung ("Quellen-TKÜ") verbirgt sich ein kleines Programm, das auf den Rechner des Beschuldigten aufgespielt wird und so unter anderem das Abhören verschlüsselter Skype-Telefonate ermöglicht.
Am 10. November 2010 genehmigte das Amtsgericht Augsburg auf Antrag der Staatsanwaltschaft, den Laptop von Karwan M. für die Dauer von drei Monaten "mittels einer noch anzubringenden speziellen Software" zu verwanzen, um auch verschlüsselte Telefonate mitzubekommen. Später wurde die Überwachung auf andere Laptops ausgeweitet und sogar um drei Monate verlängert. Trotzdem gaben die LKA-Ermittler vor Gericht an, es hätten sich bei der Quellen-TKÜ keine verfahrensrelevanten Erkenntnisse ergeben. An diesen Widerspruch will M.s Münchner Rechtsanwalt Frank Eckstein nun ansetzen. "Sollte sich erweisen, dass Software rechtswidrig eingesetzt worden ist und beispielsweise Screenshots vom Rechner meines Mandanten gefertigt wurden, werde ich gegen die Verwertung aller daraus resultierender Erkenntnisse Widerspruch einlegen", kündigt Eckstein an.
Sein Mandant Karwan M., der von den Mitangeklagten Nikolas R. und Ahmet D. schwer belastet wurde, hat im Gerichtssaal lange geschwiegen. Erst an den letzten Verhandlungstagen stand er mehrfach auf, stellte mit lauter Stimme Beweisanträge und befragte Zeugen. Der Hauptbeschuldigte wollte offenbar Zweifel säen, dass er hinter den Pseudonymen im Internet stand, die das Geschäft der Fakeshop-Bande führten.
Tatsächlich könnte es weitere Hintermänner geben. Ein Drahtzieher aus dem früheren Verfahren in Duisburg befindet sich auf der Flucht. Und ob Ahmet D., wie er selbst behauptet, nur Befehlsempfänger von M. war oder selbst Anweisungen gab, muss das Gericht entscheiden.
Aus seiner Zelle im Augsburger Gefängnis, berichtet der Vater, schreibe Karwan zwei- bis dreimal pro Woche an die Familie. In den Briefen bitte er seine Eltern darum, sich keine Sorgen zu machen. Im August sei alles vorbei, dann komme er wieder zurück nach Hause.
Von Sven Becker und Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 30/2012
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