Von Pfister, Rene und Feldenkirchen, Markus
SPIEGEL: Herr Morlang, empfinden Sie es als Beleidigung, wenn man Sie als Nerd bezeichnet?
Morlang: Nö, ich bin ein Nerd. Es gibt Leute, für die sind Nerds Freaks, arme Würstchen. Aber diesen Leuten mangelt es an Verständnis.
SPIEGEL: In Ihren Worten: Was macht den Nerd aus?
Morlang: Die meisten Menschen sind damit zufrieden, wenn etwas funktioniert. Der Nerd will wissen, warum es funktioniert, und er will es ständig optimieren. Es tut mir weh, wenn ich sehe, dass Leute etwas benutzen, den Computer zum Beispiel, ohne es richtig zu können.
SPIEGEL: Warum interessiert sich ein Nerd wie Sie für Politik?
Morlang: Weil die Politik sich daranmachte, meinen Lebensraum zu zerstören. Sie hat angefangen, komische Urteile und komische Gesetze für das Internet zu machen. Denken Sie an die WLAN-Störerhaftung! Warum sollen Leute plötzlich dafür bestraft werden können, wenn sie ihren Internetanschluss für andere Nutzer freigeben? Oder den Hacker-Paragrafen! Ich habe lange als Systemadministrator, als Admin, gearbeitet. Mit dem Hacker-Paragrafen aber kann man jeden Admin in U-Haft bringen - aufgrund seiner normalen Arbeitswerkzeuge. Das fand ich überhaupt nicht witzig.
SPIEGEL: Da dachten Sie: Jetzt muss ich Politiker werden?
Morlang: Mir wurde klar: Es genügt nicht, nur von außen auf die Politik einzuwirken. Wenn 30 000 Leute auf der Straße für Freiheit im Netz protestieren, beeindruckt das keinen Politiker. Wenn du Sachverständige in die politischen Ausschüsse schickst, interessiert das auch keinen. Erst einem Mandatsträger hören sie zu. Politik ist wie Schlammcatchen mit einem Schwein: Du wirst dreckig, und dem Schwein macht es Spaß. Aber die Wahlergebnisse für die Piraten, die tun den anderen Politikern weh. Jetzt endlich verändert sich etwas.
SPIEGEL: Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass Sie anders sind, dass Sie ein Nerd sind?
Morlang: Mit 13 etwa. Während die anderen Teenager mit ihrem C64-Homecomputer spielten, habe ich ihn programmiert.
SPIEGEL: Wir fanden den C64 auch gut, wegen "Summer Games" und "Winter Games".
Morlang: Stumpfsinnige Spiele, man musste einfach den Joystick schnell hin und her bewegen. Ein Bekannter von mir, auch ein Nerd, hat einfach die Autofeuerfunktion auf die Rechts-links-Steuerung geschaltet, einen Drehregler für die Geschwindigkeit rangehängt und konnte so allen Mitspielern davonlaufen. Der typisch nerdische Ansatz also: verstehen, wie es funktioniert, und dann optimieren.
SPIEGEL: Computerspiele haben Sie nie interessiert?
Morlang: Null. Ich habe mir stattdessen ein Buch über Maschinensprache gewünscht. Irgendwann merkte ich dann, dass es ziemlich schwierig ist, Gesprächspartner zu finden.
SPIEGEL: Wir haben mit 14 Fußball gespielt und fingen an, uns für Mädchen zu interessieren. Was hat Sie so am Computer fasziniert?
Morlang: Der Computer hat mir Erfolgserlebnisse beschert, außerdem erspart er zunächst mal diese anstrengende zwischenmenschliche Interaktion. Es gab für mich nichts Schöneres, als allein zu sein mit der Technik.
SPIEGEL: Was ist so anstrengend an der "zwischenmenschlichen Interaktion"?
Morlang: Alles: Menschen, die komische Dinge erzählen, die völlig uninteressant sind. Menschen, die sich mit Fußball beschäftigen oder sogar selbst Fußball spielen. Menschen, die in einer komischen Welt leben, in der völliger Unsinn wichtig ist.
SPIEGEL: Flirten war demnach auch völlig überflüssig?
Morlang: Ja, natürlich. Man konnte sich mit den Mädels ja nicht über Computer unterhalten. Heute gibt es zum Glück viele Nerdinen, damals aber gab es keine Mädchen mit Computern.
SPIEGEL: Waren Sie nicht einsam als Jugendlicher?
Morlang: Meistens schon. Irgendwann habe ich dann andere Nerds und Freaks getroffen. Da konnte man sich austauschen, es gab ein System gegenseitiger Anerkennung. Mein liebster Partner aber war der Computer, niemand kann dir ein positiveres Feedback geben. Ich schreibe etwas, und es funktioniert - das ist phantastisch. Die Maschine betreibt eindeutige Kommunikation. Das ist ganz toll im Vergleich zu Menschen, gerade in der Pubertät.
SPIEGEL: Fanden Sie es frustrierend, dass Jungs, die keine Ahnung von Computern hatten, bei den Mädchen viel erfolgreicher waren?
Morlang: Ich habe mich manchmal gewundert, mit was für Idioten sich die Mädels abgeben. Dadurch wurden die Mädels für mich natürlich noch unattraktiver.
SPIEGEL: Hatten Sie vielleicht auch Angst, sich in Gruppen behaupten zu müssen? In der Schule, beim Sport, beim Ausgehen abends?
Morlang: Abends weggegangen bin ich nicht. Schule war irgendwie anstrengend. Komische Leute. Und Sport fand ich schon immer furchtbar.
SPIEGEL: Wie sahen Sie damals aus?
Morlang: Ich trug den Haarschnitt, den Mama mir vorgab. Irgendwann sagte ich dann: Scheiß drauf! Ich lasse die jetzt wachsen. Seitdem habe ich lange Haare. Was Klamotten betrifft, bin ich irgendwann auf den Klassiker Jeans und T-Shirt
gekommen. Somit musste ich mich mit den nervigen Modefragen nicht mehr beschäftigen. Heute brauche ich: Schuhe, eine Jeans, ein T-Shirt und ein Haargummi. Wunderbar. Damit ist das Thema abgeschlossen. Warum gucken Sie eigentlich so komisch?
SPIEGEL: Wir sind fasziniert.
Morlang: Wissen Sie, es gab noch viel krassere Nerds als mich. Ich habe Freunde, die mit 30 noch Jungfrau waren. Einige sogar. Es gab da so ein Informatikerwohnheim an der Uni Hamburg, da sind die alle reingezogen. Es war nah am Fachbereich Informatik, das Wohnheim hatte einen schnellen Internetanschluss. Das war das Paradies. Na ja, und wenn erst mal so viele Nerds zusammen auf einem Haufen wohnen, dann lassen die sich auch gehen und dann … also, da gab es schon krasse Gestalten.
SPIEGEL: Wie beeindruckt ein Nerd Mädchen?
Morlang: Häufig erfolglos. Aber inzwischen gibt es zum Glück auch richtig viele Nerdinen, die auf einer Wellenlänge funken. Das macht es leichter.
SPIEGEL: Stehen Sie persönlich auf Nerdinen?
Morlang: Also wenn ich die Wahl hätte zwischen einer top aussehenden Nichtnerdine und einer durchschnittlich aussehenden Nerdine, dann würde ich immer der Nerdine den Vorzug geben.
SPIEGEL: Weil es da wenigstens etwas zu besprechen gibt?
Morlang: Ja, klar. Uns Nerds zeichnet diese Craziness aus, diese Leidenschaft, die Dinge ganz genau zu verstehen. Das schätze ich auch an Frauen. Das größte Sexualorgan ist ja das Hirn. Wenn eine Frau doof ist, kann sie noch so gut aussehen - sexy finde ich sie trotzdem nicht.
SPIEGEL: Wann haben Sie als Jugendlicher zum ersten Mal gemerkt, dass es Gleichgesinnte gibt, Nerds wie Sie?
Morlang: Das war irgendwann Ende der achtziger Jahre. Ich bin damals zum Treffen des Chaos Computer Clubs im Eidelstedter Bürgerhaus in Hamburg gefahren. Das war für mich eine Offenbarung. Endlich normale Leute! Wenn ich von meinen Problemen beim Programmieren erzählte, dann sagten die nicht: "Sorry, ich verstehe nur Bahnhof." Da waren Leute, die mir etwas beibringen konnten. Es war so aufregend, dass ich mich während des viertägigen Treffens nur ein paar Stunden aufs Ohr gelegt habe. Am Ende war ich so fertig, dass ich 38 Stunden am Stück pennen musste.
SPIEGEL: Empfinden Sie es als Genugtuung, dass die Nerds nun, nicht zuletzt mit den Piraten, in die Mitte der Gesellschaft rücken?
Morlang: Wir Nerds wären gern unter uns geblieben. Wären die Massen nicht ins Internet geflutet, dann hätten wir immer noch unser friedliches Netz. Aber dann kam AOL und hat Millionen Menschen einen Internetzugang verschafft. Es war, als hätte man einen schönen Urlaubsort gefunden, und plötzlich trampeln da Neckermann-Touristen durch. Viel schlimmer aber war, dass die Politik unser Netz zu regulieren begann. Unser Netz! Leute wie ich haben die Provider aufgebaut, das ganze Gedöns, und dann wollte die Politik das plötzlich alles kontrollieren, mit der Vorratsdatenspeicherung, mit Acta. Es war doch klar, dass wir Nerds uns wehren mussten. Das Netz ist etwas so Wunderbares, es kann Menschen auf der ganzen Welt innerhalb von Sekunden zusammenbringen. Das lassen wir uns nicht von der Politik kaputtmachen.
SPIEGEL: Von dem Programmierer Max Winde stammt der Twitter-Spruch: "Ihr werdet euch noch wünschen, wir wären politikverdrossen."
Morlang: Ein toller Satz. Ich bin in die Politik gegangen, um das Netz vor den Politikern zu schützen. Aber jetzt merke ich: Wir brauchen eine umfassende Redemokratisierung der Demokratie. Unser System ist völlig veraltet. Wir brauchen ein Update.
SPIEGEL: Wie wird die Welt aussehen, in der die Nerds das Sagen haben?
Morlang: Eigentlich wollen wir nur, dass alle Menschen glücklich sind.
SPIEGEL: Süß. Das wollen die Linke und die FDP auch.
Morlang: Aber wir haben einen anderen Weg. In der Vergangenheit haben wir festgestellt, dass ein Mehr an Mitbestimmung die Menschen zufriedener macht. Es war ein Fortschritt, als die Monarchien in Europa von Demokratien ersetzt wurden. Genauso wird es ein Fortschritt sein, wenn die parlamentarische Demokratie von der liquiden Demokratie ersetzt wird.
SPIEGEL: Im Moment sind die Piraten eine Partei, die in vier Landtagen mit ein paar Abgeordneten vertreten ist. Woher nehmen Sie die Hoffnung, dass Sie das ganze politische System in Deutschland umkrempeln können?
Morlang: Wir sind da, allein das hat schon viel verändert. Schauen Sie sich die Grünen an. Am Anfang war das eine Partei, die kaum jemand ernst nahm. Heute steht der Umweltschutz in jedem Parteiprogramm, im ganzen Land stehen Windräder, und die Autos fahren mit Kataly-
sator. Genauso werden wir Nerds die Republik verändern.
SPIEGEL: Woher nehmen Sie den naiven Glauben, dass die meisten Nerds das Gute wollen, eine bessere Gesellschaft?
Morlang: Viele Nerds haben noch so etwas wie ein Gewissen.
SPIEGEL: Es waren Ihrer Definition nach Nerds, die die Atombombe gebaut haben.
Morlang: Ich will ja gar nicht bestreiten, dass sich Nerds auch kaufen lassen. Manche arbeiten in der Rüstungsindustrie. Da wird nicht nur gut bezahlt, die haben auch die besten Computer. Für einen Nerd ist das extrem anziehend. Ein Satz noch zur Atombombe: Es waren Politiker, die den Befehl zum Einsatz gegeben haben. Heute gibt es viele Nerds, die sagen: Darauf haben wir keinen Bock mehr. Wir wollen nicht länger Instrumente der Politik sein. Wir wollen selber Politik machen.
SPIEGEL: Sie waren, so heißt es zumindest, auch nicht nur ein friedliebender Nerd. Vor einiger Zeit sollen Sie auf einen Mitarbeiter der Piratenpartei mit einem LAN-Kabel losgegangen sein. Stimmt das?
Morlang: Das ist Humbug. Der Herr hat ein sehr eigenartiges Verhältnis zur Wahrheit.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich eigentlich nackt ohne Computer?
Morlang: Nackt? Keine Ahnung. Wissen Sie, der Computer hier ist meine große Antwortmaschine. Früher musste man in Bibliotheken gehen, wenn man etwas wissen wollte. Heute kann ich über das Netz recherchieren, diskutieren, Leute kennenlernen. Warum sollte ich das ausschalten? Diese Vorstellung ist grotesk.
SPIEGEL: Die ehemalige politische Geschäftsführerin der Piraten, Marina Weisband, hat mal gesagt: "Das Internet war die Rettung für sozial Gestörte wie mich." Ging es Ihnen genauso?
Morlang: Ich war nie so ein krasser Nerd, dass ich nur über das Internet Leute kennengelernt hätte. Aber das Netz hat vieles für mich leichter gemacht.
SPIEGEL: Eines der meistgegoogelten Wörter im Netz heißt Sex. Glauben Sie, dass die virtuelle Erotik bald die reale ablöst?
Morlang: Nein, ganz im Gegenteil. Sie führt zu realer Erotik.
SPIEGEL: Wie das?
Morlang: Bei der virtuellen Erotik muss man unterscheiden. Da gibt es auf der einen Seite das bloße Konsumieren, YouPorn und so. Aber ich kann über das Internet auch wunderbar mit Frauen in Kontakt treten. Es gibt Mails, man telefoniert über Skype, und irgendwann trifft man sich. Insofern führt die virtuelle Erotik irgendwann zu realer.
SPIEGEL: Über das Netz kommen Jugendliche mit einem Klick an Seiten, auf denen Hardcore-Pornos gezeigt werden. Beunruhigt Sie das nicht?
Morlang: Als ob wir in der Schule nicht heimlich Pornohefte getauscht hätten! Die Verfügbarkeit hat zugenommen, das stimmt. Wenn ich Kinder hätte, dann würde ich sie bis zu einem bestimmten Alter nicht allein im Netz rumsurfen lassen. Aber mehr Schaden als das Internet richten meiner Meinung nach die klassischen Medien an. Schaut euch nur schwachsinnige Castingshows wie "Germany's Next Topmodel" an. Da werden den Mädchen Rollenmodelle und ein Körperkult eingetrichtert, dass es einen gruselt.
SPIEGEL: Hat das Netz das Flirten leichter gemacht?
Morlang: Klar. Früher schrieb man einander Liebesbriefe oder benutzte das Telefon, heute gibt es das Netz. Vor einiger Zeit guckte mich ein Nerd völlig entgeistert an, als ich erzählte, dass ich einen Account für den Microsoft Messenger habe. Microsoft, das müssen Sie wissen, hat unter Nerds einen ganz schlechten Ruf. Aber ich sagte: Guck mal, das ist ganz einfach. Wenn ein 23-jähriges Unterwäsche-Model den Microsoft Messenger nutzt, dann tust du das auch und erklärst dem Model nicht, dass es Scheiße ist, den Messenger zu benutzen.
SPIEGEL: Herr Morlang, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Ein Leben für den Rechner
Lange war "Nerd" die wenig schmeichelhafte Bezeichnung für kontaktgestörte Computerfreaks. Nerds, das waren bleiche Gestalten, die mit einer Hand Befehle in ihren Rechner eingaben und mit der anderen nach einem Stück Pizza griffen. Mit dem Erstarken der Piratenpartei traten die Nerds in das Licht der Öffentlichkeit, so auch Alexander Morlang, 37. Schon während seiner Schulzeit brachte sich Morlang die Programmiersprachen Basic und Assembler bei, nach dem Realschulabschluss arbeitete er als Systemadministrator. Morlang ist Mitglied der Hackervereinigung Chaos Computer Club und engagierte sich als sogenannter Freifunker für kostenlose Internetzugänge. Seit Herbst 2011 sitzt er für die Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus.
DER SPIEGEL 30/2012
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