23.07.2012

Kann man Wolken vom Himmel schießen, Herr Kachelmann?

Jörg Kachelmann, 54, ehemaliger Fernsehmoderator, ist Wetterexperte und Verwaltungsratspräsident des internationalen Wetterdienstleisters Meteomedia.

SPIEGEL: Hallo, Herr Kachelmann, wie ist das Wetter bei Ihnen in der Schweiz?

Kachelmann: Hier scheint im Augenblick die Sonne.

SPIEGEL: In Deutschland hat es wochenlang geregnet. Die Leute klagen: Der Sommer ist zu kalt, zu nass, zu dunkel. Können wir die Regenwolken nicht einfach vom Himmel schießen oder irgendwo abregnen lassen, wie die Chinesen das dauernd machen?

Kachelmann: Sie meinen Silberjodid. Das Zeug bringt nur dann etwas, wenn eine Wolke kurz vor dem Abregnen ist. Das Silberjodid hilft der Wolke abzukühlen. Dass die Chinesen ein "staatliches Wetteränderungsamt" besitzen, wie man immer mal wieder lesen kann, ist allerdings Stuss.

SPIEGEL: Was ist denn los mit diesem Sommer?

Kachelmann: Nichts ist los. Wir sind, was die Temperatur angeht, nicht weit entfernt vom statistischen Mittel. Für den Juli gesehen sind weite Teile Deutschlands eher noch etwas zu warm. Was die Sonnenscheindauer angeht, liegen Helgoland und Emden sogar über dem Durchschnitt.

SPIEGEL: Sie wollen damit sagen, dass es keinen Grund zur Klage gibt?

Kachelmann: Es gab in den letzten 20, 30 Jahren etliche Sommer, die noch kälter, schattiger, fieser und nasser waren als dieser hier. Das Ganze ist einfach ein großes Missverständnis. Deutschland liegt halt nicht am Mittelmeer, das Wetter weiß das, viele Deutsche nicht mehr.

SPIEGEL: Erderwärmung heißt also, dass wir hier im Sommer mit Pullover und Regencape herumlaufen müssen?

Kachelmann: Das Klima wird schon wärmer. Nur: Die Erwartungen an ein Land, das auf diesem Breitengrad liegt, sind grotesk. Früher gingen Fürsten und Könige im Sommer irgendwo- hin, wo's kühler war. Deswegen hieß das "Sommerfrische". In extremen Jahren, 2003 etwa oder 2006, ist auch in Deutschland tierisch Sommer. Aber das sind Ausnahmen.

SPIEGEL: Aber die meisten Erwachsenen behaupten doch, dass es früher, als sie Kind waren, ständig richtige Sommer gab.

Kachelmann: Das ist das Wunderbare, dass sich Menschen nur an das Besondere erinnern. Gerade weil heiße Sommer bei uns die Ausnahme sind, haben wir uns die kurzen Hosen gemerkt.


DER SPIEGEL 30/2012
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