28.07.1997

ÄRZTEMedizinisches Wunder

Staatsanwälte ermitteln gegen einen Chefarzt in Hannover. Der Vorwurf: Wissenschaftsbetrug und illegale Eingriffe bei Patienten.
Thomas Lenarz, Professor für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), hat einen ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung. Er sei "schnell und in jungen Jahren zu medizinischem Ruhm gekommen", läßt er Zuhörer gern wissen. Deshalb habe er "auch viele Neider".
Für seinen Ruhm tut der 40jährige Hals-Nasen-Ohren-(HNO-)Arzt Lenarz mehr, als unter Medizinern hierzulande üblich ist. Den Reportern des Fernsehsenders RTL gewährte er schon mal Einblick in den heimischen Fitneßraum, wo er - der Retter "hoffnungsloser Fälle" (RTL) - sich angeblich morgens für die schweißtreibende Arbeit an Steigbügel, Schnecke und Trommelfell präpariert. Vor laufender Kamera demonstrierte der Spezialist für Hälse, Nasen und Ohren sein Können an mehreren Patienten, die kaum oder gar nicht mehr hören konnten.
Am Ende der Sendung präsentierte der von RTL als "bester HNO-Arzt Deutschlands" vorgestellte Professor dem staunenden Publikum ein Medizinwunder: "... unsere neueste Forschungsentwicklung - ein total implantierbares Hörgerät, was von außen nicht mehr sichtbar sein wird".
Das Gerät gibt es noch gar nicht. Zwar arbeiten Wissenschaftler daran, aber nicht an der Medizinischen Hochschule Hannover, sondern an der Universitätsklinik in Tübingen. Das geheimnisvolle Stück Plastik, das der hannoversche Professor beim Fernsehauftritt präsentierte, war nichts weiter als ein gewöhnliches Hörschneckenimplantat.
Nach der Sendung protestierten zahlreiche Ärzte aus Hannover und Umgebung beim Präsidenten der Ärztekammer Niedersachsen, Heyo Eckel, gegen die Selbstdarstellung des Kollegen.
Der Fernsehauftritt von Lenarz war kein einmaliger Ausrutscher. Im September vorigen Jahres verbreitete der umtriebige Mediziner in einer Pressemitteilung, ihm und Madjid Samii, Ordinarius für Neurochirurgie an der MHH, sei es erstmals gelungen, bei drei Patienten erfolgreich eine sogenannte Hirnstammprothese zu implantieren. Mittels dieses Implantats ist für Patienten ein differenziertes Hören wieder möglich.
Die Sache hatte einen Schönheitsfehler: Bereits im Herbst 1992 war ein solcher Eingriff an der MHH zwei anderen Medizinern geglückt. Professor Samii distanzierte sich von der PR-Aktion des Kollegen Lenarz: Er habe von der Pressemitteilung nichts gewußt.
Derlei fehlgeleiteter Geltungsdrang kommt unter bundesdeutschen Wissenschaftlern häufiger vor. Anfang Mai erst flog in Berlin, Ulm und Lübeck ein Fälscherskandal auf: Der Ärztliche Direktor für Onkologie und Hämatologie an der Universitätsklinik in Ulm, Friedhelm Herrmann, soll zwischen 1992 und 1996 zusammen mit einer Assistentin systematisch Laborergebnisse und Studien gefälscht und abgekupfert haben, um seine Reputation zu mehren und Forschungsaufträge zu ergattern (SPIEGEL 26/1997).
"Zweifellos", so der Leiter des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, Georg Kreutzberg, stünden Wissenschaftler "heute viel stärker unter Druck". Die Kürzungen staatlicher Forschungsgelder zwängen immer mehr Mediziner, ihre Etats durch Zuwendungen aus der Pharmaindustrie und von privaten Stiftungen aufzustocken.
Die Qualität der Bewerber wird dabei meist an der Zahl ihrer Veröffentlichungen gemessen. Folge: Publiziert wird, soviel es eben geht, oft knapp an der Grenze zur Hochstapelei.
Dem HNO-Spezialisten Lenarz haben seine medienträchtigen Auftritte nach eigenen Angaben seit 1993 acht Millionen Mark Forschungsgelder beschert. Die angeblichen Erfolgsmeldungen seiner HNO-Klinik stoßen allerdings inzwischen auf wachsenden Unmut im Kollegenkreis.
So brüstete sich der Professor im vergangenen März anläßlich eines HNO-Kongresses in Sydney in einem international publizierten Forschungsbericht, er habe seit Mai 1996 zwölf Hirnstammimplantate eingesetzt.
Auf dem Kongreß in Sydney, so erinnern sich Kollegen, habe die Nachricht nur Heiterkeit und Kopfschütteln erregt. "Derartige Operationen", so Lenarz' Kollege Ernst Lehnhardt, "werden bundesweit allenfalls ein dutzendmal pro Jahr durchgeführt."
Nachweislich hat Lenarz in Hannover im genannten Zeitraum gerade mal fünf solcher Implantate eingesetzt. Lehnhardt: "Wer so plump fälscht, fällt schnell auf die Nase."
Inzwischen beschäftigt sich auch die Justiz mit Lenarz. Anfang Juli hat die Staatsanwaltschaft Hannover ein Ermittlungsverfahren gegen den Ordinarius eingeleitet (Az. 350JS 46 330/97). Die Ermittler verdächtigen den Arzt, nicht nur Forschungsergebnisse verfälscht, sondern sich auch bei Operationen über gängige Vorschriften hinweggesetzt zu haben.
Bei mindestens fünf Patienten soll der Mediziner nach der Entfernung eines Tumors am Hörnerv den Übergang des Nervs in den Hirnstamm freigelegt und elektrisch gereizt haben. Über das Verfahren hätten sowohl die zuständige Ethikkommission als auch die Patienten vorher informiert werden müssen. Das, so der Vorwurf, habe Lenarz unterlassen und sich damit der vorsätzlichen Körperverletzung schuldig gemacht.
Lenarz bestreitet dies: Er habe mit der umstrittenen Reizung lediglich den Erfolg der Operation prüfen wollen.
Wahr sei dagegen ein weiterer Vorhalt der Staatsanwaltschaft: Um eine von ihm erfundene Prothese für erkrankte Hörschnecken im Innenohr weiterzuentwickeln, habe er das klinisch weder erprobte noch zugelassene Implantat bei fünf Patienten eingesetzt, ohne diese zuvor zu informieren. Das ist in solchen Fällen ebenfalls Vorschrift.
Während der Operation, so Lenarz, habe er vor dem "ethischen Konflikt" gestanden, das übliche Implantat zu verwenden oder sein eigenes. Der ehrgeizige Mediziner entschied sich, natürlich, für sein Produkt.
Von Vehlewald und

DER SPIEGEL 31/1997
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