28.07.1997

LEICHTATHLETIK

Vadda, du lernst dat noch

Von Ludwig,

Zehnkampf als Familienbetrieb: Im Zeitalter der Marketingagenten und Trainingswissenschaftler vertraut Frank Busemann lieber den Eltern. Nächste Woche soll er Weltmeister werden.

Sybille und Franz Josef Busemann haben es zu einigem Wohlstand gebracht. Das Lehrer-Ehepaar aus Recklinghausen bewohnt ein rotverklinkertes Reihenhaus, in dem der große Wohnraum üppig möbliert ist: Ein massiver Eichenschrank dominiert das Zimmer, die beigefarbene Sitzgarnitur steht auf feinem Teppichwerk, und über der eichenen Eßgruppe hängt ein schwerer Leuchter.

Im nachhinein, sagt die Hausherrin, sei es wohl "ein Glücksfall", daß sie für dieses Inventar vor 20 Jahren noch kein Geld gehabt hätten: "Damals stand hier alles leer."

Frank und Lars, die beiden Kinder der Busemanns, konnten deshalb im Wohnzimmer so lange Flickflack und Salti mit Abrollen üben, bis die Rauhfasertapete schwarz von Fußabdrücken war. In der Mitte des elf Meter langen Raumes diente ein Sessel als Hindernis zum Hürdenlauf.

Mit der freien Spielfläche brachten die Busemanns frühzeitig die Sportkarrieren ihrer Söhne auf die Bahn. Lars schaffte es als Stabhochspringer bis in den Jugend-Nationalkader. Frank wurde Schulmeister im Bodenturnen, Stadtmeister im Schwimmen, ein guter Tennis- und Fußballspieler und irgendwann, dank des Sitzmobiliars, Junioren-Weltmeister im Hürdensprint.

Im vorletzten Winter baute Vater Franz Josef - "heimlich", wie er verschmitzt bemerkt - Übungen für den Zehnkampf ins Leichtathletiktraining ein. Aus diesem Kniff entwickelte sich die erstaunlichste deutsche Sportkarriere des Jahres 1996: Frank Busemann gewinnt Zehnkampf-Silber bei den Olympischen Spielen in Atlanta.

Beinahe über Nacht wird aus dem schüchternen und zuweilen linkischen Schlaks der "König vom Kohlenpott" (BILD) und für BRAVO SPORT ein "Teenieschwarm". Recklinghausen vereinnahmt ihn als "unseren Silberling", und die Fachpresse wählt den Aufsteiger noch vor Henry Maske und Michael Schumacher zum "Sportler des Jahres". Er muß bald für alles herhalten, steht Pate für die BILD-Aktion "Ein Herz für Kinder", treibt im ZDF Spenden ein für Michael Gorbatschows "Green Cross". Auf dem Titel des STERN erscheint Busemann als Symbol der Leistungsgesellschaft.

Und so kriecht die nationale Aufregung bald bis ins Wohnzimmer des Recklinghäuser Eigenheims. Sie stört dort nicht nur die Sonntagsidylle, in der man sich einst so gern "zum Quatschen und zum Doppelkopp" um den Eßtisch versammelt hatte. Sie verändert das Leben aller Familienmitglieder.

Denn die Busemanns kontern die öffentliche Vereinnahmung, indem sie ihren Alltag ganz um die Karriere des Sohnes organisieren. In einer Zeit, da sich gemeinhin wissenschaftlich ausgebildete Trainerstäbe um einen einzigen Athleten kümmern und international operierende Agenturen die Vermarktung übernehmen, wirkt das Modell der Busemanns wie schrulliger Anachronismus: Zehnkampf als arbeitsteiliges Familienunternehmen.

Im Busemann-Betrieb hat Frank die Aufgabe, sportliche Leistung zu produzieren. Vater Franz Josef kümmert sich als Trainer um die Fitneß, gleichzeitig regelt er das Geschäftliche mit Sponsoren und Sportveranstaltern. Mutter Sybille führt den Schriftverkehr mit den Anhängern und hält "den ganzen Laden zusammen" (Frank).

Mit Franz Josef, dem ehemaligen Zehnkämpfer, und Sybille, die einst in der deutschen Schwimm- und in der Leichtathletiknationalmannschaft stand, hätten sich eben, wie die Mutter sagt, "zwei Verrückte gefunden". Von jeher sind die Busemanns in den Ferien mit der Jugendgruppe des LAC Recklinghausen oder der Leichtathletikabteilung von Schalke 04 ins Trainingslager nach Texel gefahren, statt sich an spanischen Stränden zu sonnen. Auch auf eine Musikanlage habe man lange verzichtet - jede Mark, die übrigblieb, so Sybille Busemann, "haben wir ohne großartig darüber nachzudenken in Hochsprungstäbe und Speere gebuttert".

Aus der langjährigen Trainingsgemeinschaft von Vater und Sohn hat sich eine fast telepathische Beziehung entwickelt, von der das Unternehmen Goldmedaille heute profitiert. "Ich weiß genau, wie der Kerl tickt", sagt Busemann senior. Während der Wettkämpfe sitzt er, verkleidet mit seinem "Erkennungszeichen", einem blauen Sonnenhut aus Jeansstoff, auf einem Campingstuhl am Rand und dirigiert den Sohn mit sparsamsten Fingerzeigen. Im Training kann er sich bisweilen die Kommentare sparen, Frank liest die Reaktionen von seinem Gesicht ab.

Daß er als Zehnkampf-Neuling, der sich erst noch "in die Materie reinknien mußte", gleich einen Athleten in die Weltklasse hieven konnte, führt Trainer Busemann auf die besonderen Fähigkeiten seines Sohnes zurück. Zum einen sei Frank ein "Bewegungsgenie", das mit der Gabe ausgestattet sei, "mental trainieren zu können". Bewegungsabläufe, die dieser von Topathleten oder vom Video abschaut, kopiert er in seinem Kopf mit solcher Intensität, "daß er dabei ins Schwitzen kommt" - nur auf diese Weise ist es ihm möglich, Disziplinen wie Speerwerfen oder Hochsprung auf dem Sportplatz monatelang nicht trainieren zu müssen. Zum anderen sei der Junior mit extremem Ehrgeiz gesegnet, der stets gebremst werden müsse. Denn wenn er mehr als den für einen Zehnkämpfer lächerlichen Aufwand von täglich zwei bis drei Stunden trainiere, sagt Franz Josef Busemann, "dann hängt er in der Wurst".

Viel schwieriger als den Athleten Busemann auf jenem Kurs zu halten, der nächste Woche bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften zur Goldmedaille führen soll, war die Aufgabe, den Medienstar Busemann zu positionieren. Daß sich ihr Lebensrhythmus radikal ändern würde, ahnten Busemanns schon nach der Rückkehr aus den USA. Als er im Cabrio zum Rathaus kutschiert wurde, war der Olympia-Zweite erschrocken über die Menschenmassen: "Kommt hier Michael Jackson?"

Über 50 Einladungen, Empfänge und Ehrungen ließ Frank Busemann über sich ergehen. Und weil sie "anfangs bei keiner Anfrage nein sagen konnten", tourte bald ein kauziges Gespann durch Deutschlands Fernsehstudios: Vater Franz Josef mit der fast haarfreien Kopfhaut und der großen Goldrandbrille kalauerte munter über "Geschichten aus unserer kleinbürgerlichen Welt, nicht darüber, was wir für tolle Hechte sind", während der Filius spontanen Applaus erhielt für rührende Sätze wie: "Wenn du ganz oben stehst, dann heulst du ohne Rücksicht auf Verluste. Bei Silber kam schon ein bißchen."

Doch als er sich nach der tausendsten Interviewfrage dabei ertappte, "nur noch leere Phrasen zu dreschen", wurde ihm der Talk-Tourismus unangenehm. Mutter Sybille öffnete eines Tages einem Mädchen die Tür, das eigens aus dem Rheinland angereist war und sich als glühende Verehrerin ihres Sohnes ausgab. Die Mutter erklärte, daß Frank nicht da sei. Doch weil zufällig gleich danach ein Reporter anrief, dem sie die Geschichte als Beispiel für den Kult um ihren Sohn erzählte, stand am nächsten Tag in BILD: "Mama Busemann: ,Bei uns rufen nur noch Miezen an.'"

"So wat daafste eben nich machen, Mutta", erklärt Franz Josef Busemann seiner Frau nach nunmehr elfmonatiger Lehre im Mediengeschäft. Daß Franks Körper auf den Rummel schon mit schweren Hautausschlägen reagierte und er vor Streß "Vaddas" geliebten Volvo zu Schrott fuhr, hat die sportliche Family mit einem Ausdünnen des Terminkalenders beantwortet. Um den Sohn zu entlasten, verteilt die Mutter bei Wettkämpfen vorher unterschriebene Autogrammkarten und läßt sich der Vater geduldig von Kamerateams begleiten.

So haben sich die Busemanns eine Professionalität der bauernschlauen Art zugelegt und tapsen nach dem Try-and-error-Prinzip durch die große Sportshow - immer wieder verblüfft, wie ein 22jähriger Sparkassenlehrling mit sauber gelegtem Mittelscheitel die deutsche Bevölkerung dermaßen in seinen Bann ziehen kann. Weil die eigenen Verwandten telefonisch nicht mehr zu ihnen durchdrangen, schafften sie sich drei Monate nach Atlanta wenigstens eine Geheimnummer an.

Im Kern aber haben sich der Hauptschullehrer und seine wegen eines Hüftleidens frühpensionierte Frau kaum verändert. Der Heldenvater empfängt Gäste weiterhin am liebsten in seinen Lederpantoffeln. Und wenn er dem Besuch Kaffee anbieten will, muß die Gattin schnell rüber zur Nachbarin, denn in der Borkumstraße 13a trinkt man Milch und Tee.

Frank findet das gaffende Volk inzwischen derart störend, daß er sich eine neue Haltung angewöhnt hat. Außerhalb des Stadions, sagt er, "gucke ich keinen mehr an".

Wenn sie zu Hause über diese Situation reden, hilft ihnen die Hoffnung, "daß alles mal ein bißchen sackt". So wie sich die anfängliche Irritation gelegt hat, als es so aussah, als würde der "ganze Zauber" nichts abwerfen. Nach Atlanta hatten sich zwar 57 vorgebliche Manager als Geldeintreiber angeboten, doch der Familienrat konnte sich für keinen entscheiden. "Das schlimmste", sagt das Oberhaupt, sei gewesen, daß alle angaben, in dem Geschäft der einzige Seriöse zu sein und "alle anderen Geier".

Als Geschenk für seine Medaille wünschte sich Frank von seinem Arbeitgeber einen Anrufbeantworter mit Faxanschluß - der Grundstein für den Einstieg des Vaters ins Marketinggeschäft.

Befeuert durch die Auftritte von Gottschalk bis Schmidt, versandte Neu-Manager Busemann 50 Briefe an potentielle Werbepartner - "doch es tat sich nix". 40 Firmen antworteten gar nicht, der Rest sagte ab.

"Vadda, du lernst dat noch", munterten ihn Lars und Frank immer wieder auf, wenn Franz Josef Busemann wieder einmal unschlüssig über der Höhe der auszuhandelnden Startgagen brütete - ständig im Zweifel, ob er mit seinen Forderungen nun als Absahner oder Naivling gelten könnte.

Inzwischen gibt es feste Tarife: Zwischen 4000 Mark (im Winter) und 20 000 Mark (im Sommer) müssen Sportfestveranstalter heute für einen Hürdensprint überweisen. Auch bei der Akquise der mittlerweile sieben Werbepartner war der Vater so erfolgreich, daß er seinen Rücken zufrieden in die Polster schmiegt, wenn er sagt: "So schlecht war ich dann ja wohl doch nicht." Die erste Werbemillion ist nicht mehr fern.

Natürlich könne ein Manager, räumt der Sohn ein, der als Sparkassen-Azubi ein durchaus nüchternes Verhältnis zum Geld besitzt, "vielleicht 20 Prozent mehr rausholen - aber wären wir dann glücklicher?"

Noch immer steht der Familienbund über Renditen, und eine Kosten-Nutzen-Rechnung, wie Peter Graf sie einst bei seiner tennisspielenden Tochter aufstellte, verbittet man sich. "Vielleicht sind wir etwas altmodisch", sagt Franz Josef Busemann, "aber wir glucken eben gerne zusammen." Wenn der Vater mittags aus der Schule kommt, macht er zunächst "zwei Stunden Telefondienst", sondiert Angebote und Anfragen. Abends, nach dem Training, treffen sie gemeinsam die Entscheidungen. Und müßte "der Frank" in drei Jahren wegen einer Verletzung seine Karriere beenden und hätte bis dahin nicht ausgesorgt - "was soll's", sagt Franz Josef, "ein Maurer muß auch irgendwie weitermachen, wenn er sich'n Finger platt kloppt".

Auch die neueste Personalentscheidung der Firma Busemann diene dem Zweck, daß "Frank auf der Laufbahn und nicht auf dem Laufsteg gut werden soll". Vom 1. August an arbeitet Franz Josef nur noch auf halber Lehrerstelle. Frank hat ein Gewerbe als Leistungssportler angemeldet - und den Vater als Trainer eingestellt, halbtags.

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Deutschlands Zehnkampf-Legenden

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DER SPIEGEL 31/1997
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