28.07.1997

IRAN

Sprung in die Schlangengrube

Von Maroufi, Abbas

Mohammed Chatami - ein neuer Staatspräsident, der Hoffnung weckt Von Abbas Maroufi

Der Schriftsteller Maroufi, 40, wurde Anfang vergangenen Jahres in Teheran zu 20 Peitschenhieben, sechs Monaten Gefängnis und zwei Jahren Publikationsverbot verurteilt - wegen Herabsetzung der Werte der Religion. Er lebt jetzt als politischer Flüchtling in Deutschland.

Ein Lächeln ziert sein Gesicht, unter der Masse der Menschen benimmt er sich wie einer von ihnen, sie danken ihm seine Natürlichkeit mit Freude.

Es ist das erste Mal in den 18 Jahren seit der islamischen Revolution, daß ich die Menschen meines Landes so heiter erlebe, in einer so engen Tuchfühlung mit einer wichtigen Persönlichkeit. Die Jubelnden sind Menschen, die ihr Selbstbewußtsein eingebüßt hatten, die der leeren Versprechungen müde und gleichgültig geworden waren. Nun aber leben sie wieder auf, weil sie hoffen können - auf den künftigen Präsidenten Mohammed Chatami. Für ihn hatten sie bei der Wahl im Mai ihre Stimme in die "Urne der Freiheit" geworfen. Nun ist Chatami der letzte Pfeil in ihrem Köcher.

Wird dieser Mann ein Präsident zum Anfassen? Sucht er den Dialog? Und wird er wirklich den Willen seiner Wähler respektieren? So wie ich Chatami kennengelernt habe: ja, es gibt Anlaß zum Optimismus.

Bei den Buchmessen von Teheran sah ich ihn gelegentlich, wie er die Messestände besuchte. Er wechselte ein paar Worte, kaufte ein Buch und zog weiter. Er war Kulturminister und hob sich wohltuend ab von der Mullahkratie, die das Volk nur benutzte, um sich selbst zu erhöhen.

Nach den Gepflogenheiten der Führer der Islamischen Republik hätte damals sein Kommen und Gehen bei öffentlichen Auftritten ganz anders ausfallen müssen. Das gesamte Areal hätte für den Minister abgeriegelt werden müssen. Er hätte sich vor unzähligen Kameras nur ganz kurz blicken lassen dürfen.

Chatami aber war nicht wie die anderen. Er kam schlicht und ging auch schlicht wieder fort. Gewiß begleiteten auch ihn Leute, die gern seinen Aktenkoffer getragen hätten. Doch Speichellecker hat er nie nötig gehabt, seine Persönlichkeit hat er bis jetzt nicht verbiegen lassen. Wird er nun auch den Sprung in die politische Schlangengrube überleben?

Sechs Jahre des Schweigens und der Einsamkeit liegen hinter Chatami, der zuletzt in eine kleine Stube in der Nationalbibliothek verbannt war. 1990 hatten ihn die Anhänger des jetzigen religiösen Führers Ali Chamenei auf eine beleidigende Art aus der Geschäftsleitung der Zeitung KAYHAN geworfen. Und KAYHAN war danach keine Zeitung mehr, sondern ein Geschütz des Regimes, das mit bleiernen Worten und mit der Rückendeckung der religiösen Betonköpfe - manchmal auch verstärkt durch Truppen motorradfahrender Schläger - die Menschen zerschmetterte.

Chatami behielt damals zwar das Amt des Kulturministers - noch war der Kampf innerhalb des Apparats nicht entschieden. Den Menschen in Teheran und schließlich auch in der westlichen Welt wurde die Machtprobe aber erst bewußt, als sie fast schon entschieden war. Die Attacken der Schlägertrupps gegen Redaktionsräume der Zeitungen, die Beleidigung von Andersdenkenden und Brandanschläge auf Buchhandlungen machten schließlich aller Welt das Ausmaß dieses brutalen Ringens um die Macht deutlich.

Meine Zeitschrift traf es an einem Samstag, dem 10. August 1991. Da überfielen zehn schwarzverschleierte Frauen, die nach eigener Angabe zu den Mitarbeiterinnen der Zeitung KAYHAN und der Organisation für die Islamische Öffentlichkeitsarbeit zählten, die Büroräume von GARDUN. Auf meine Frage, woher sie kämen, antworteten sie, daß sie im Auftrag des Büros des religiösen Führers handelten. Sie holten ihre Revolver heraus und erklärten, daß niemand ihnen etwas anhaben könnte, weil sie zu den Familienmitgliedern der "Märtyrer" zählten. Sie verwüsteten die Redaktionsräume, unterbrachen die Telefonleitungen, rissen alle Bilder und Fotos von den Wänden, zerfetzten sie.

Vor der Polizei wurde ich später vom Kläger zum Beklagten. Man forderte von mir die Einwilligung, die ganze Geschichte ad acta zu legen. Die staatliche Presse spielte den Vorfall hoch, stempelte mich zum "Verräter".

Insbesondere das einstige Chatami-Blatt KAYHAN gab keine Ruhe. Doch Chatami zeigte Standfestigkeit. Zwei Tage nach dem Übergriff auf das Büro der Zeitschrift GARDUN wandte sich der Minister in seiner offiziellen Erklärung an die Öffentlichkeit und verurteilte den Überfall als Versuch, "die Atmosphäre des Presselebens des Landes zu vergiften". Solche "selbstherrlichen und verantwortungslosen Maßnahmen zur Eindämmung der freien Betätigung der Presse sowie die Anstiftung zu solchen Schritten" seien "illegal" und könnten "vom Gesetz nicht geduldet werden".

Und dann ließ Chatami Sätze folgen, von denen seine Wähler hoffen, daß er sie auch als Staatspräsident nicht vergessen wird:

"Die Wahrung einer gesunden kulturellen Atmosphäre in der Gesellschaft, die Festigung einer freimütigen Geisteshaltung sowie die Grundsätze der islamischen und der revolutionären Standhaftigkeit verlangen, daß wir uns mit den Problemen und den Unklarheiten des kulturellen Lebens und der Presse behutsam und frei von künstlich aufgebauschter Empörung auseinandersetzen. Das Ministerium ruft deshalb alle Beteiligten auf, die Presse- und Meinungsfreiheit zu respektieren." Solche Worte mögen im freien Westen selbstverständlich sein - für geknebelte Intellektuelle in Iran waren sie zu jener Zeit ein Hoffnungsschimmer am düsteren Horizont.

Ein vom Regime entfachter Sturm der Entrüstung brach über Chatami herein: Der Minister für Kultur und Islamische Führung wurde mit Anschuldigungen und Beschimpfungen überschüttet.

Doch auch wenn Chatami und GARDUN von den Gegnern der Gedankenfreiheit in einem Atemzug verteufelt wurden, standen wir auf zwei verschiedenen Seiten. Denn als auf Freiheit bedachter Literat sah ich in Chatamis Zensurbehörde meinen natürlichen Gegner: Immerhin hatte sein Ministerium für Kultur und Islamische Führung mein Buch "Der Duft des Jasmins" verboten. Das Verbot wurde niemals aufgehoben.

Chatami sah ich damals als gepflegten, ordentlichen Geistlichen, der immer weiße Hemden trug, hin und wieder eine leichte Zigarette rauchte und mit gewohntem Lächeln so hinter dem großen Arbeitstisch des Ministeriums saß, als habe er Angst, sein Hemd zu beflecken. Chatami mochte keine Flekken. Und das hatte sein Leben entscheidend geprägt. Es war diese Abneigung gegen Flecken, die ihn in das kleine Arbeitszimmer in der Nationalbibliothek führte.

13 Tage nach dem Übergriff auf GARDUN nahm die Staatsanwaltschaft der Revolution auf Drängen der Hardliner in der Presse ihre Arbeit offiziell auf. Elf andere Schriftsteller und ich wurden vorgeladen.

Der Untersuchungsrichter der Staatsanwaltschaft der Revolution schrieb mir offiziell: "Ihr Urteil ist die Todesstrafe." Als Kulturminister äußerte sich Chatami auf einer Sitzung: "Es wäre schade, wenn dieser junge Romanautor einem Komplott zum Opfer fällt." Und damit leitete er seine letzte und beste Maßnahme zur Verteidigung der Meinungsfreiheit ein: die Einrichtung der Schiedskommission der Presse.

"Sie wollten es sehr weit treiben und bestanden sogar auf Ihrer Hinrichtung", sagt er mir, als ich ihn später besuchte. "Ich habe für die Rettung des Autors der ,Symphonie der Toten'' meine ganze Macht einsetzen müssen." Und dabei lächelte er freundlich.

In der 165jährigen Geschichte der Presse Irans war es das erste Mal, daß eine Schiedskommission eingerichtet wurde. Ein Jahr später rettete mich diese Kommission vor dem Gefängnis, ohne sie hätte ich kaum ausreisen können. Doch für den Minister Chatami gab es keinen Schutz.

Die politische Schlinge um Chatamis Hals zog sich immer enger. In einem scharfen Ton sprach der religiöse Führer und Chomeini-Nachfolger Chamenei bei einer Rede 1991 von der angeblichen "kulturellen Invasion" - die der lasche Kulturminister begünstigt habe. Chatami hatte sich nicht beschmutzen wollen, wurde zum Rücktritt gezwungen.

Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani, der im Westen ja immer als gemäßigt galt, tat nicht das geringste, um ihn zu retten. Er ließ stillschweigend zu, daß sein bester Minister dem Wüten der Revolutionsfanatiker geopfert wurde. Er verbannte ihn aus der Politik - und machte ihn zum unbedeutenden Leiter der Nationalbibliothek. Das Pressegesetz hatte seinen einzigen Beschützer verloren.

Wodurch unterschied sich der Kulturminister Chatami von seinem Staats- und Regierungschef Rafsandschani?

Chatami hielt die wirtschaftliche und technologische Entwicklung ohne die gleichzeitige kulturelle Lockerung und Freiheit für unmöglich. Die mächtigen, bei den Revolutionswächtern ausgebildeten Theoretiker des Regimes sahen das anders. Sie vertraten den Standpunkt, daß eine radikal-islamische Kulturpolitik die Voraussetzung für die Ankurbelung der Wirtschaft und Technologie des Landes sei. Staatschef Rafsandschani war von diesen Aussichten angetan - und beging damit den größten Fehler in der Zeit seiner Präsidentschaft.

Nur selten noch traute sich Chatami aus der Stille seiner Nationalbibliothek hinaus: An einem Abend sahen wir ihn erstaunlicherweise bei einer Fernsehgesprächsrunde. Er sagte, daß man mit Musik zur Freiheit und selbst zu Gott gelangen könne. Meine Verblüffung schlug in Bewunderung um, als Chatami verkündete: "Die Kunst ist die höchste Gabe, die Gott den Menschen anvertraut hat." Die Verantwortlichen des Regimes hatten stets die Religion als das höchste Geschenk Allahs angesehen. Aber Chatami erhob mit seinem gewohnten ruhigen Lächeln die Kunst über alles. Dieser Auftritt bestimmte lange die gesellschaftliche Diskussion - zumindest in dem kleinen Kreis der iranischen Intellektuellen.

Meine erste intensive persönliche Begegnung mit Chatami fand 1995 statt. Chatami saß in der Nationalbibliothek hinter seinem Schreibtisch in einem kleinen Arbeitszimmer. Ich hatte gerade sein jüngstes Buch gelesen, ein erstaunliches Plädoyer für die Freiheit der Gedanken. Es behandelte den Liberalismus, die Renaissance, Voltaire, Montesquieu, Rousseau sowie die Errungenschaften der westlichen Zivilisation. Doch meine Komplimente heiterten ihn nicht auf.

Er war betrübt über die Atmosphäre der Repression, klagte, daß er die Entwicklung nicht hatte zum Besseren führen können. Nun schien er sich ganz in seine Bibliotheksarbeit zu flüchten, während draußen die "kulturelle Tollwut" herrschte, wie er es nannte. Er lächelte und zeigte mit dem Finger zu seinem Arbeitstisch. "Ich mag die Ruhe hier. Ich schreibe, lese, denke. Es ist ein friedliches Eckchen - ruhig und ohne Lärm."

Doch so menschlich beeindruckend diese Begegnung auch war - ich fürchte, gerade an seiner Menschlichkeit, seiner intellektuellen Redlichkeit könnte Chatami jetzt als Präsident scheitern.

Dieser feinsinnige Mann, der so penibel auf die Reinheit seiner frisch gestärkten Hemden achtet, der die Ruhe und die Klarheit der Gedanken liebt, dieser kluge Kopf hat womöglich wenig Chancen gegen die Mullah-Maschinerie Teherans. Oder sollte er den schlechtesten aller Wege wählen und sich nur irgendein Präsidentengewand überstreifen wie andere Möchtegernhelden der Geschichte - und seine sensible Seele für ein Amt verkaufen?

Als spürten sie die Zeitenwende, die Chatamis Wahlsieg eingeleitet hat, bäumen sich die Chomeinisten jetzt auf. Die Zeitung KAYHAN droht den Schriftstellern, daß ihnen das Schicksal des Autors Saïdi Sirdschani widerfahren könnte, der im Gefängnis an den Folgen von Folterungen starb - offizielle Todesursache: Herzattacke. Dieser Beitrag ist in einer Rubrik erschienen, die unter der Federführung des Sicherheitsapparates verfaßt wird.

Der scheidende Staatschef Rafsandschani erklärte bei einer Ansprache, daß der Präsident nur das dritthöchste Amt im Lande bekleidet. Wen außer dem religiösen Führer Chamenei mochte Rafsandschani da entgegen allen Verfassungsgrundsätzen noch vor Chatami gesetzt haben? Vielleicht sich selbst, weil Rafsandschani auch nach seinem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt weiter die Fäden in der Hand halten will? Als Vorsitzender des gewichtigen Vermittlungsrates zwischen Parlament und Regierung hat er tatsächlich außergewöhnlichen Einfluß.

Wacker entgegnete ihm Chatami bei seiner Rede, daß der Präsident immer noch die zweithöchste Persönlichkeit des Landes sei. Der öffentliche Konter, ein Vorgeschmack auf die Machtproben, die Chatami noch drohen, läßt mich bei aller Skepsis hoffen. Über 20 Millionen Chatami-Wähler, vor allem Frauen und Jugendliche, haben die religiöse Bevormundung satt, wollen die Diktatur der Geistlichkeit abschütteln.

Chatami will offensichtlich kämpfen, nicht nachgeben. Er hat sich nicht nach dem Amt gedrängt, sondern wurde von seinen Freunden - und dann von einer überwältigenden Stimmenmehrheit (69 Prozent!) - ins Amt gehievt, geradezu als Erlöser ersehnt. Doch die Ultras wer- den nicht nur versuchen, Chatami durch Drohungen auf ihre Seite zu ziehen, sie werden auch versuchen, ihn zu umgarnen. In offensichtlich weiser Voraussicht hatte der religiöse Führer Chamenei den ihm politisch verhaßten Chatami schon vor dem Wahlkampf zu einem persönlichen Gespräch zu Hause aufgesucht.

Doch gesetzt hat der Ajatollah auf einen anderen Kandidaten: den erzkonservativen Parlamentspräsidenten Ali Akbar Nategh Nuri.

Auch Chatami selbst hatte wohl nicht an seinen Sieg geglaubt - sonst hätte er nicht solche Schwierigkeiten, überhaupt sein Kabinett zusammenzustellen. Ob "seine" Regierungsmannschaft, der voraussichtlich auch Frauen angehören werden, vom konservativen Parlament bestätigt wird, ist immer noch offen.

Ich erinnere mich daran, daß ich mich bei dem Gespräch mit Chatami über das unmenschliche Vorgehen des Regimes gegen die Schriftsteller und Journalisten beklagte und ihn fragte: "Herr Chatami, sind diese Lügen und Betrügereien die Botschaft des Islam?" Er legte seine Hand auf meine Hände und tröstete mich. "Ich verstehe Sie, und es tut mir leid. Sie sollten dies alles aber nicht dem Islam zuschreiben. Haben Sie Geduld! Seien Sie stark."

In seiner jüngsten Botschaft an die Iraner rief Chatami dazu auf, ihm zu Hilfe zu kommen und ihn wissen zu lassen, wo es Unzulänglichkeiten und Probleme gebe. Er fügte hinzu, daß er nach der Wahl keine Gelegenheit hatte, länger unter das Volk zu gehen und sich direkt an die Menschen zu wenden. Er erklärte aber trotzdem in aller Deutlichkeit, daß er sich Minister aussuchen werde, die das neue Denken und die neuen Ideen vertreten.

Das Volk hat lange genug Geduld gehabt. Nun ist es an Chatami, stark zu sein.

* Vor einem Bild des Revolutionsführers Chomeini.

DER SPIEGEL 31/1997
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