04.08.1997

ZEITGESCHICHTEInfos vom Genossen Wolf

Als junger Diplomat war Markus Wolf kein netter Kollege. Der spätere DDR-Spionagechef, 1949 bis 1951 Rat an der DDR-Vertretung in Moskau, denunzierte in seiner Zeit an der Moskwa gern Vorgesetzte und Kollegen zu Hause in Ost-Berlin. Das belegen Dokumente aus dem Archiv des ehemaligen DDR-Außenministeriums.
An Handelsrat Georg Henke kritisierte Wolf demnach das "absolute Nichtinformiertsein" über wichtige Entscheidungen und riet Staatssekretär Anton Ackermann am 12. Juni 1950, sich mit Henke "einmal eingehender zu unterhalten". An DDR-Botschafter Rudolf Appelt monierte der aufstrebende Jungdiplomat Wolf, der habe nicht am Parteischuljahr teilgenommen. Auch Appelts Frau sei selten gekommen. Ihre "mit der Haushaltsführung zusammenhängende Entschuldigung" könne "nicht als stichhaltig gelten". Andere ostdeutsche Genossen schwärzte Wolf bei der Kaderabteilung an - wegen "völliger Unterschätzung der Sowjetunion". Über den großen Bruder wußte Wolf hingegen nur Gutes zu berichten. Er bejubelte den "großen künstlerischen Erfolg" des sowjetischen Puppentheaters und übergab Memoranden zum "Weltgeflügelkongreß".
Wolfs Kollegen revanchierten sich ihrerseits mit Indiskretionen über den Genossen. Missions-Sekretär Josef Schütz berichtete ans Ost-Berliner Außenministerium, Wolf habe während des Sommers 1950 auf der DDR-eigenen Datscha bei Moskau umsonst gewohnt und sich zusätzlich die Wohnung in der Stadt aus der Staatskasse bezahlen lassen. Zudem nutze Wolf, der gerade den Führerschein gemacht habe, den BMW der Botschaft, "wann er will". Und schließlich decke der Nachwuchskader auch noch seine Schwägerin Lilly Stenzer, die als Sekretärin an der DDR-Vertretung arbeitete. Die habe "mit einem Sowjetbürger Verbindung" und schon "einige Male nachts nicht zu Hause" geschlafen.
Wolfs Karriere schadete das Petzen nicht. Zwei Jahre später wurde er zum Chef der Auslandsspionage im Ministerium für Staatssicherheit befördert.
Von Wiegrefe und

DER SPIEGEL 32/1997
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