30.07.2012

Hauptstadt der Korruption

Von Zuber, Helene

Spaniens Bauboom hat viele Abzocker angelockt. An der Costa del Sol begann jetzt der spektakulärste Prozess wegen Bestechung und Geldwäsche im Prominentendorf Marbella.

Auf diese Bilder hatten Spaniens bunte Blätter und die privaten Fernsehsender seit Monaten gewartet: die bekannteste Folkloresängerin des Landes - und derzeit auch seine prominenteste Angeklagte - auf dem Weg zum Prozess. Wie auf einer Bühne schritt sie die Stufen zum verglasten Eingang des Provinzgerichts am Stadtrand von Málaga empor. Eine Justizoperette war angesagt: der Prozess zur Krise.

Ihr Gesicht hielt die Diva hinter einer übergroßen schwarzen Sonnenbrille verborgen, die lange Mähne streng zum Pferdeschwanz gebunden. Ganz in Beige gekleidet, mit weißem Schal über der Schulter, reckte sie den Kopf hoch, lächelte, huldvoll wie eine Königin.

Polizisten aus gleich mehreren Mannschaftswagen sollten die Angeklagte vor zudringlichen Fans abschirmen. "Guapa, guapa", du Schöne, riefen die ihr zu, als hätte sie gerade einen Flamenco vorgetragen. Sie hielten Plakate mit dem Foto ihres Idols hoch, die sie mit Blumen und Medaillen der Jungfrau von Rocío geschmückt hatten. "Unschuldig" steht auf den Plakaten - wie die als "Weiße Taube" verehrte Schutzheilige Andalusiens.

Ob Isabel Pantoja, 55, wirklich unschuldig ist, soll sich nun im Verlauf von 49 Verhandlungstagen erweisen, die sich wohl bis zum nächsten Frühjahr hinziehen werden. Die populäre Sevillanerin muss sich einer Anklage wegen Geldwäsche stellen. Dreieinhalb Jahre Haft und eine Geldbuße in Höhe von 3,68 Millionen Euro fordert die Staatsanwaltschaft.

Die Untersuchungsrichter glauben ihr nachweisen zu können, dass sie für ihren einstigen Lebensgefährten, einen früheren Bürgermeister des Nobelortes Marbella an der Costa del Sol, mindestens 1,84 Millionen Euro mit Hilfe eines halben Dutzends auf ihren Namen eingetragener Tarnfirmen verborgen hat.

Julián Muñoz soll seine Freundin angestiftet haben, so einen Teil der über 3,5 Millionen Euro, die er angeblich an Bestechungsgeldern während seiner Zeit im Dienst der Gemeinde kassiert hat, zu waschen. Ihm drohen siebeneinhalb Jahre Gefängnis und 7,6 Millionen Euro Strafe. Seine inzwischen geschiedene Ehefrau, Maite Zaldívar, die ihm ebenfalls geholfen haben soll, muss mit einem ähnlichen Strafmaß rechnen wie Pantoja. Schon aus formalen Gründen halten die Verteidiger die Anklage für fragwürdig.

Unabhängig vom Ausgang des Prozesses hat das famose Trio längst seinen Teil dazu beigetragen, dass Marbella inzwischen als Hauptstadt der Korruption gilt und als Symbol für die unabweislichen Folgen der spanischen Krankheit: Ein Wachstumsmodell, das fast ausschließlich auf ungehemmtem Bauboom beruhte, lockte auch die Abzocker an - und abzuzocken gab es einiges.

Es waren die Konservativen unter Regierungschef José María Aznar, die der Immobilienbranche zur Blüte verholfen hatten, so dass das Land eine Dekade lang über dem EU-Schnitt wuchs. Nach der Liberalisierung des Baugesetzes 1998 durften Gemeinden nach eigenem Gutdünken Baugrund ausweisen, um sich selbst zu finanzieren. Das kam einer Lizenz zum Gelddrucken gleich. In Spanien entstanden in der Folge mehr Neubauten als in Deutschland, Frankreich und Italien zusammen.

Und natürlich: All die Apartmentkomplexe und Touristenhotels ließen sich leichter, schneller bauen, weil die Unternehmer schmierten. Durch das ganze Land, von Marbella bis Galicien, von Valencia bis auf die Insel Mallorca, zog sich eine breite Spur der Korruption. Lokalpolitiker fast aller Parteien erteilten Genehmigungen und kassierten dafür.

Da gab es Unternehmer, die telefonisch nachfragten, wohin sie die Säcke voller Schmiergeld liefern sollten. Nachts in den Discotheken wurde bei Gin Tonic ausgekungelt, wer in den neuen Urbanisationen, vorbei an öffentlichen Ausschreibungen, die Konzession für die Müllabfuhr erhalten sollte - gegen einen entsprechenden Obolus an die jeweilige Rathaus-Mafia.

Als Gegenleistung für die Errichtung von Traumhäusern am Meer fiel schon mal eine Luxuswohnung für den ab, der die Zuteilung des Grundstücks unterschrieb. Als 2006 die Machenschaften und Durchstechereien rund um den Bauboom von Marbella aufflogen, musste die Madrider Regierung, erstmals in der Geschichte der Demokratie, eine ganze Gemeinde unter Zwangsverwaltung stellen.

Das geschiedene Ehepaar Muñoz-Zaldívar sitzt nun auch auf der Anklagebank im großen Saal 4 - in gebührendem Abstand zu La Pantoja. Mit einem kühlen Wangenkuss hatte die ihren früheren Geliebten begrüßt. Muñoz, herausgeputzt mit gegeltem Haar, breiter Krawatte und weißem Einstecktuch im dunklen Jackett, machte sich drei Stunden lang Notizen. Während die Ex-Gattin im schrill pinkfarbenen T-Shirt immer wieder zu ihm hinüberblickte, schaute Pantoja still sitzend auf ihre Hände im Schoß.

Sie gab die gefasst Leidende. Ihr Verteidiger verlangte, die Anklage gegen sie aufzuheben. Dem Untersuchungsrichter warf er vor, "ohne jeden Verdacht" im Mai 2007 eine "Inquisition" gegen seine Mandantin sowie deren Familie entfesselt und ihre Grundrechte verletzt zu haben.

Der Fall Pantoja ist eigentlich nur ein Mosaikstein, ausgegliedert aus dem schon seit zwei Jahren laufenden Großprozess gegen die Baumafia von Marbella. Im selben Saal 4 der "Justizstadt" von Málaga wird bereits gegen 85 ehemalige Stadträte, als Strohmänner fungierende Anwälte, Polizisten und Beamte sowie einige der wichtigsten Bau- und Immobilien-Unternehmer Andalusiens verhandelt. Hauptangeklagter ist der frühere Leiter des Planungsbüros und spätere Baudezernent von Marbella, Juan Antonio Roca. Demnächst soll das Urteil gegen ihn fallen. Er hatte eine wahre Goldmine erschlossen, seit Beginn der neunziger Jahre entstanden in dem schnell wachsenden Badeort jährlich 7000 Wohnungen - und bei jedem Verwaltungsakt wurde kassiert.

Auch seine Anwältin plädiert auf Freispruch: Ihr Mandant habe als erfolgreicher Unternehmer nichts anderes getan, als von der spanischen Immobilienblase zu profitieren. "Manchmal erzielte er einen undezenten Gewinn." Spekulation könne "amoralisch sein, aber sie ist legal". Mit diesen Worten rechtfertigte sie einen Vermögenszuwachs von 125 Millionen Euro innerhalb von 14 Jahren seines Aufenthalts in Marbella.

Doch im vierten Jahr der Krise, bei europäischer Rekord-Arbeitslosigkeit von fast 25 Prozent, fehlt den Spaniern inzwischen das Verständnis für solche Exzesse. Auf die täglich von den Medien mit neuen Details enthüllten Korruptionsaffären aus Politik, Wirtschaft, sogar aus der Umgebung des Königs, reagieren die Bürger inzwischen mit unbändiger Empörung.

Die Wut all derer, die in der gegenwärtigen Immobilienkrise Gefahr laufen, ihre Wohnung zu verlieren, richtet sich nun gegen die, die sich in den Boomjahren die Taschen gefüllt haben. Vor den Gerichtsgebäuden von Palma de Mallorca oder Valencia versammeln sich Protestierende, die die Angeklagten voller Verachtung als "chorizos" beschimpfen, nach der landestypischen fetten Dauerwurst. Ihre Wut kleiden sie in den Ausruf: "No hay pan para tanto chorizo" - es gibt nicht genug Brot für so viel Wurst.

Nur ihrer Heldin Pantoja würden viele eigentlich lieber verzeihen, die Sängerin ist ein Nationalheiligtum, eine Art Verkörperung von großem Leid und großen Gefühlen.

Bereits als 13-Jährige hatte die Tochter eines Flamenco-Künstlers und einer Tänzerin aus dem Sevillaner Zigeunerviertel Triana ihre Bühnenlaufbahn begonnen. Seit ihrer Hochzeit mit dem Matador "Paquirri" aus der legendären Stierkämpferfamilie Rivera wichen die Paparazzi nicht mehr von ihrer Seite: Die beiden waren das spanische Traumpaar schlechthin, die schöne Gitana und der Torero, mit den beiden identifizierte sich die Nation. Als der gefeierte Stierkämpfer 1984 verblutete, nachdem ihm ein Horn des schwarzen Ungeheuers "Avispado" in der Arena nahe dem andalusischen Córdoba die Beinader zerrissen hatte, wurde "die Witwe Spaniens" endgültig zum Mythos. Von ihrem privaten Lieben und Leiden handelten fortan Pantojas Songtexte, und das ganze Land fühlte mit ihr.

Ihre Romanze mit dem Bürgermeister von Marbella, dem ehemaligen Kellner Julián Muñoz, begann um die Jahreswende 2003, als der die andalusische Sängerin zur Imagewerbung für sein Millionärsdorf engagierte. Damals, so die Ermittlungen der "Spezialeinheit im Kampf gegen Drogen und organisiertes Verbrechen", wiesen ihre Konten ein Minus auf. Während der drei Jahre ihrer Beziehung bis zur Verhaftung des Liebhabers im gemeinsamen Haus in Marbella gingen auf Pantojas persönlichen Konten und denen ihrer Gesellschaften mehr als 1,1 Millionen Euro ein. Meist wurden Kleinbeträge von etwa 3000 Euro bar eingezahlt, um die Kontrollen der Bank nach dem Anti-Geldwäsche-Gesetz zu vermeiden - innerhalb von zwei Wochen im April 2004 allein 293 000 Euro. Davon habe sie nichts gewusst, behauptet Pantoja.

Die Staatsanwaltschaft dagegen ist überzeugt, dass sie den "illegalen Ursprung" der Zuwendungen aus Bestechungsgeldern an ihren Lebensgefährten genau kannte. Der habe mit ihr in Marbella das 650 Quadratmeter große Chalet "Mi Gitana" in der noblen Siedlung La Pera für mehr als drei Millionen Euro erworben. Dazu soll er ihr auch 350 000 Euro für eine Wohnung im Komplex des Luxushotels Guadalpín gegeben haben. Als Beweis gilt der Anklage ein orange-farbener Ordner mit den Initialen I. P., J. M. und M. Z. - für Isabel Pantoja, Julián Muñoz und Maite Zaldívar -, in dem der notariell beglaubigte Vertrag über den Kauf dieses Apartments durch eine Gesellschaft von Pantoja lag. Die kompromittierenden Papiere wurden im Büro von Roca, dem Capo des Marbeller Bestechungskartells, gefunden.

Die Verteidiger von Pantoja präsentierten jetzt Rechnungen, die belegen sollen, dass sie mit einem Restaurant und einer von ihrem Sohn Kiko gemanagten Bar hohe legale Einkünfte hatte. An einem Apriltag 2003 wurden angeblich 100 Menüs mit der Spezialität, dem "Huhn Pantoja", zu je 120 Euro serviert. Am folgenden Tag kostete das identische Menü schon 150 Euro. Die Tische, so erzählen Einheimische allerdings, seien meist unbesetzt geblieben. Anfang 2005 musste sie den Laden schließen.

Die Sängerin will für ihre Gala-Auftritte daheim und in Amerika fast immer Bargeld kassiert haben. Insgesamt habe sie 19 Millionen Euro zwischen 1999 und 2010 eingenommen. Warum also, so ihre Anwälte, hätte sie Geld ihres Geliebten waschen sollen?

Auf das bunte Treiben des Bürgermeisters und seiner Freundin war die Sonderstaatsanwaltschaft für Korruption aufmerksam geworden, nachdem Maite Zaldívar, die eifersüchtige Ehefrau, in einer Fernsehshow geplaudert hatte. Von Müllsäcken, randvoll mit Schwarzgeld, die häufig am Familiensitz abgegeben worden seien, erzählte die Betrogene. Erst ein knappes Jahr nach ihrem Geliebten wurde im Mai 2007 auch die Pantoja nachts von der Polizei aus ihrem Chalet geholt und dem Untersuchungsrichter in Málaga vorgeführt. Nachdem sie dort eine Nacht in der Zelle zugebracht hatte, kam sie gegen eine Kaution von 90 000 Euro frei.

Der seither multimedial geführte Kampf um ihren guten Ruf treibt die Bewunderer in ihre Konzerte. Und viele möchten jetzt mit eigenen Augen sehen, ob der Prozess mit ihrem Geliebten und der Rivalin auf der Anklagebank ihr zusetzt.

Die Pantoja werde nicht ins Gefängnis gehen, davon sind die Zuschauer im Gericht ebenso wie die Mehrheit ihrer Mitbürger an der Costa del Sol überzeugt. "No pasa nada", nichts wird ihr geschehen, tuscheln Chauffeure, die vor den monumentalen Zweckbauten der Justizstadt in Málaga auf Kunden warten. Prominente kämen hier in Spanien immer ungeschoren davon. Wenn ihr Strafmaß knapp unter drei Jahren bleibe, unken ortsansässige Journalisten, werde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt.

Unterdessen - Krise hin, Krise her - geht die Fiesta weiter in Marbella. Dort hat der italienische Unternehmer und frühere Formel-1-Magnat Flavio Briatore gerade die erste spanische Dependance seines "Milliardärs-Club" eröffnet. Der Komplex mit Bar, Restaurant und Discothek liegt an der goldenen Meile zwischen dem Ortskern und dem Yachthafen Puerto Banús. An Reichen, die bereit sind, bis zu tausend Euro für eine Tischreservierung hinzulegen, scheint kein Mangel. Doch die Cocktails werden heute von Nordeuropäern getrunken, vor allem aber von Arabern und Russen. Die verarmenden Spanier müssen draußen bleiben.

Und die Lokalpolitiker, die früher so schön abgesahnt haben, dürfen heute auch nicht mehr mitspielen.


DER SPIEGEL 31/2012
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