Seit Freitag voriger Woche gibt es ein Loch im Zaun der Schengen-Union: Russland und Polen testen erstmals den freien Grenzverkehr. Künftig brauchen Bewohner der russischen Exklave Kaliningrad (Königsberg) und der angrenzenden polnischen Woiwodschaften von Danzig bis Masuren kein Visum mehr, um die Grenze zu überqueren - Russen können nun 50 Kilometer weit hinein ins EU-Europa. Es genügt der Nachweis, dass sie bereits seit drei Jahren in der Region leben. Der Kreml versteht die Entscheidung als ersten Schritt zum kompletten Wegfall der Visapflicht - nur deswegen stimmte er auch der Öffnung seiner Ostseeprovinz zu. Das Gebiet, etwa so groß wie Schleswig-Holstein, wird von knapp einer Million Menschen bewohnt und war in der Vergangenheit eher als kriminelle Krisenregion in Verruf. Die vier großen russisch-polnischen Kontrollpunkte der Königsberg-Provinz stellen sich auf einen Ansturm ein: Der visafreie Verkehr wird vor allem Benzintouristen anlocken - Sprit ist in Kaliningrad um fast die Hälfte billiger als in Polen. Das polnische Grenzland wiederum will von den Russen profitieren: In Kaliningrader Zeitungen werben Masuren-Hotels mit Sonderangeboten, und in Braniewo, dem früheren ostpreußischen Braunsberg, wächst im Eiltempo ein neues Einkaufszentrum - in ihm sollen die Russen günstiger als zu Hause Lebensmittel kaufen können. Der polnische Grenzschutz kündigte verstärkte Kontrollen am Rand der visafreien Zone an: Russen, die zu weit ins Land hineinfahren, drohen bis zu fünf Jahre Einreiseverbot - in der gesamten EU.
DER SPIEGEL 31/2012
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