30.07.2012

Scharfe Hauben

ORTSTERMIN: In Hamburg will ein Designer das Kopftuch entpolitisieren.
Die Brisanz sei ihm anfangs nicht bewusst gewesen, sagt Karsten Gollnick. An diese unsexy Islam-Debatte hatte er nicht gedacht. "Ich dachte eher an Cabriolet-Fahrerinnen, Hippie-Frauen, Grace Kelly." An die wahren Kopftuchmädchen.
Er steht in seinem Laden auf der Veddel, einer Insel im Süden Hamburgs, und zupft an Stofftüchern. Leute vom Radio und von der Zeitung sind angekündigt, das Fernsehen war da, alles wegen Gollnicks Tüchern. "Die schönste Kopftuch-Kollektion" ist auf den Plakaten zu lesen, die er überall in der Stadt aufhängen ließ. Das Problem sei, sagt Gollnick, dass das Kopftuch einen schlechten Ruf habe. Es sei angstbesetzt. "Wenn wir Kopftuch hören, dann kriegen wir alle ein P in den Augen." P wie Panik. Kopftuch-Phobie. Das will er ändern.
Es ist nicht so, dass das Kopftuch erst mit muslimischen Einwanderern nach Deutschland kam. Vor allem in ländlichen Gegenden bedeckten ältere Frauen noch vor wenigen Jahren ihre Haare, aus Frömmigkeit, womöglich war auch eine Prise Cabrio-Sehnsucht dabei. Kopftuch war Oma-Style. Heute sieht man es überwiegend an Orten, die in Zeitungsartikeln "sozialer Brennpunkt" heißen. "Leider", sagt Karsten Gollnick.
Er ist ausgebildeter Schneider und Gewandmeister, trägt eine Brille mit schwarzem Plastikgestell, eine karierte Schiebermütze und ein rosafarbenes Hemd. Gollnick sagt Sätze wie: "Ich gehe nicht auf Stoffsuche, die Stoffe finden mich." Sein Laden heißt "Mein Laden auf der Veddel", er verkauft darin Taschen aus Filz und Wachstuch, Schals, Kaffeebecher, Geldbörsen und selbstgebaute Lampen. Vergangene Nacht hat er bis halb drei sein Schaufenster umdekoriert, nun sind darin 30 handgenähte Kopftücher zu sehen, die er über weiße Styroporköpfe gestülpt hat: himmel- und erdbeerfarbene Hauben, teils glänzend, Schnitte im Grace-Kelly-Look und im Leopardenmuster. Für muslimische Frauen hat sich Gollnick einen Trick einfallen lassen. Meistens tragen sie zwei Kopftücher übereinander; ein Bonnet, das Unterkopftuch, und darüber ein weiteres Tuch. Gollnick hat die beiden Tücher miteinander vernäht. "Ein Fertigkopftuch."
Er schaut auf die Uhr. Gleich sollten die Kopftuch-Models kommen, "meine Ladys". Früher entwarf er Kostüme fürs Theater, Mitte der Neunziger wechselte er in die Gute-Laune-Industrie des Fernsehens. Einer seiner ersten Jobs war die ZDF-Serie "Unser Charly", in der ein Schimpanse mitspielte. Erst sollte der Schimpanse unbekleidet sein, aber dann habe das Tier beim Casting den Regisseur angepinkelt und anschließend onaniert. Gollnick musste dem Affen Kinderklamotten nähen. Später arbeitete er als Kostümbildner für das "Traumschiff". Die Idee mit den Kopftüchern hatte er, als er für die ARD-Reihe "Familie Sonnenfeld" eine Muslimin einkleidete.
Er ist jetzt 47 und sagt, er wolle sein eigener Regisseur sein. Noch wirkt er aber wie ein Astronaut, der vom Planeten Fashion im Sonnensystem Happy End auf den Planeten Politik gekracht ist, den unglamourösesten Ort des Alls. Als er sich auf die Bank vor seinem Laden setzt, hält ihm eine Reporterin der Deutschen Welle ein kindskopfgroßes Mikro vors Gesicht.
"Wann kommen die Frauen?", fragt sie.
Gollnick seufzt. "Meine Ladys müssten in wenigen Minuten da sein."
"Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Kopftuchladen aufzumachen?"
"Ich habe keinen Kopftuchladen aufgemacht", sagt Gollnicks Mund. Seine Augen sagen: Baby, wenn überhaupt, arbeite ich im Creative-Bereich.
Später erzählt er, wie er vor Jahren bei Dreharbeiten in München die Ehefrauen arabischer Scheichs sah, edle Wesen aus dem Orient, die über die Straße schwebten und Verhüllung dezent mit Eleganz verbanden. Gollnick staunte. "Es war ein Offener-Mund-Moment."
Eine Dame im lilafarbenen Schal trottet heran. "Marianne! Hallo-ho!", flötet Gollnick. "Darf ich dir helfen? Nein? Ein Traum, ein Traum!" Marianne passt hin und wieder auf Gollnicks Laden auf, sie arbeitete als Krankenschwester und ist jetzt in Rente. Sie beäugt Gollnick mit dem Pragmatismus einer Mutter, deren neunjähriger Sohn ihr eröffnet hat, er wolle Model werden.
Aus der Ladentür treten vier Frauen. Die Kopftuch-Models. Kameras, Blitzlichter, Gollnick lacht. Etwas abseits schaut eine Frau zu. Kein Model, eine Betroffene. Ihr Outfit besteht aus einem erdfarbenen Kopftuch und einem weiten Mantel, sie ist 28 und aus Überzeugung zum Islam konvertiert. Die Plakate hätten sie neugierig gemacht, sagt sie, aber als sie den Laden betrat, kam "dieser Herr da", sie zeigt auf Gollnick, und habe ihr die Hand gegeben. Eine anständige muslimische Frau berühre aber keine fremden Männer. Außerdem seien die Kopftücher viel zu aufreizend.
Als die Fotografen gehen, zündet sich Gollnick eine American-Spirit-Zigarette an. Er wurde interviewt, fotografiert, gefilmt. Der neue Planet ist faszinierender als gedacht. Er bläst Rauch in die warme Abendluft und überlegt, wie er sich steigern könnte. Vielleicht eine Burka aus Latex, sagt er, unten so kurz wie ein Minirock. Er lacht über diesen wahnwitzigen Gedanken. Dann wird er nachdenklich. Eine Latex-Burka.
Warum eigentlich nicht?
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 31/2012
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