DER SPIEGEL



REISEN

Der tote Elefant ist nützlich

Von Miersch, Michael

Der Massentourismus zerstört die Natur und die kulturelle Vielfalt der Urlaubsländer - so die Legende. Immer mehr Kritiker dieser Legende melden sich zu Wort und halten neuerdings dagegen: Die Ökobilanz des Tourismus ist positiv. Von Michael Miersch

Sie schlurfen auf Tennissocken durch Hindutempel, recken alberne Schlapphüte aus zebragestreiften VW-Bussen und debattieren beim schönsten Sonnenuntergang über die richtige Blende. "Der Einfall touristischer Horden", klagte der Schöngeist André Heller, "führt zur Ausrottung des Schönen." Wie Schwärme hungriger Heuschrecken fallen sie über den Erdball her und begehen so ziemlich jeden denkbaren Umweltfrevel. Touristen verpulvern fossile Brennstoffe und verpesten die Luft. Sie hinterlassen eine Schmutzspur aus Verpackungsmüll, zapfen der Natur das Wasser ab, verschandeln Landschaften, zertrampeln Strände und schleifen Berghänge. Im blindwütigen Urlaubsrausch treiben die mobilen Massen unsere Erde in den Umweltkollaps.

Soll ausgerechnet dieses Gesindel jetzt auch noch ein gutes Gewissen bekommen? "Der Schutz der biologischen Vielfalt", behauptet die offizielle deutsche Entwicklungshilfe-Organisation "Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit", "wäre ohne die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr nicht zu finanzieren."

Solche frevlerischen Ansichten sind unter Entwicklungshelfern und Artenschützern immer häufiger zu hören. Ausgerechnet die Fernreisenden, die das Weltklima ruinieren, um ihre schlechten Manieren in Mombasa zu verbreiten, sollen plötzlich verkappte Umweltengel sein?

Doch so schnell geben beharrliche Tourismusverächter ihre guten alten Überzeugungen nicht auf. Ausbeutung und Zerstörung seien geradezu die Voraussetzung der "Produktivkraftentfaltung im Tourismussektor", heißt es etwa beim "Informationszentrum Dritte Welt".

Ein Blick nach Amboseli, Kenias beliebtestem Nationalpark, genügt da schon: Die Savanne ist von Reifenspuren durchpflügt und jeder Löwe von einer Wagenburg aus Landrovern umstellt. Am Pool der Luxuslounge lassen sich rothäutige Fettwänste von Massai-Tanzgruppen die Zeit vertreiben.

So die gängige Tourismuskritik. Sie kann sich auf einen prominenten Ethnophilosophen berufen: "Traurige Tropen" hieß ein Kultbuch der reisenden Kulturkritik, in dem der französische Gelehrte Claude Levi-Strauss schon 1955 die Zusammenhänge von Erforschung und Vernichtung "primitiver", exotischer Kulturen darstellte, den fatalen Grund-Widerspruch der zivilisatorischen Welterkundung.

In unzähligen Rucksäcken der ersten Stranderoberer von Goa und Bali steckte ein zerfleddertes Exemplar der "Traurigen Tropen", stilles Zeichen des Protests gegen den verhängnisvollen Massentourismus. Denn schon damals galt: Tourist ist stets der andere. Noch heute klagt Sylt-Urlauber Konstantin Wecker über den Tourismus auf der deutschen Luxusinsel.

Um so schmerzhafter sind neuere Erkenntnisse, die nicht ins schöne alte Schema passen: Jeder ist Tourist - und es ist kein Verbrechen. Ohne zahlende Urlaubsgäste, so die neuen Kritiker der wohlfeilen Tourismuskritik, hätten Gorillas in Ruanda und Nashörner in Namibia keine Überlebenschance. Mit dem Rückenwind des Fremdenverkehrs hat sich die Zahl der Naturreservate weltweit innerhalb der letzten 50 Jahre fast verzehnfacht. Heute gibt es über 9000 Nationalparks und andere Großschutzgebiete. Seit der Pauschaltourist aus Bottrop Zootiere auch in Afrika sehen will, nahmen die Wildbestände dort schnell zu. Und selbst auf den Balearen, im Hinterland des dröhnenden Sangriatempels "Ballermann 6", stehen 39,7 Prozent der Landesfläche unter Naturschutz.

Der touristische Dollarimperialismus aus dem Norden ist für Entwicklungsländer oft der einzig triftige Grund zum Erhalt ihrer Naturparadiese. "Kein anderes globales Gewerbe", sagt der Münchner Fremdenverkehrsberater Peter Zimmer, "ist so stark von sauberem Wasser, reiner Luft und intakter Natur abhängig." So spricht ein Vasall des weltgrößten Wirtschaftszweiges. Die Tourismus-Apologeten fressen Ökokreide und schielen auf die 255 Milliarden US-Dollar, die die Menschheit jährlich fürs Reisen hinblättert. Doch was ist in den WWF (World Wide Fund for Nature) gefahren? Die Panda-Truppe propagiert "Schützen durch Nützen!" und begrüßt, daß in Tropenländern jährlich 18 Milliarden Mark für Naturreisen ausgegeben werden. "Ohne Tourismus", sagt der WWF-Artenschutzexperte Arnd Wünschmann, "wäre es um viele Naturgebiete der Erde schlechter bestellt." Ins gleiche Horn stößt der IUCN (World Conservation Union), der Weltdachverband des Naturschutzes. "Let''s talk economics!" regt IUCN-Generalsekretär David Mc Dowell an und rechnet vor, daß Zebras Goldesel sind.

Diese profane, aber ökologisch effiziente Sichtweise machen sich zunehmend die Urlaubsländer selbst zu eigen. Der maledivische Staatspräsident präsentierte seinen Landsleuten ein einprägsames Rechenexempel: Ein Fischer verkauft auf dem Fischmarkt einen Hai für circa 48 Mark. Ein Hai erwirtschaftet als Attraktion für Tauchtouristen jedoch einen Wert von über 50 000 Mark pro Jahr.

Kaum haben die Wirtschaftsgrünen die alten Gewißheiten der Tourismuskritik über Bord geworfen, kratzen sie auch schon an den letzten Tabus. Sie machen gemeinsame Sache mit einer Brut von Brutaltouristen, die um den Globus jetten, um ihre niedersten Instinkte zu befriedigen. Zumeist handelt es sich um reiche, weiße Männer, die sich gern so anziehen, als würde Afrika noch von Lettow-Vorbeck gehören. Kaltblütig ballern sie auf Jumbo, Bambi und Simba. Doch für viele Wildnisgebiete in Afrika sind Großwildjäger eine wichtige finanzielle Ressource geworden.

Im südlichen Afrika, wo die Einheimischen Elefanten und Büffel einst als Ernteschädlinge bekämpften, hegen sie jetzt Wildtiere, um einige Exemplare an ausländische Jäger zu verkaufen. Ein gut betuchter Deutscher, der in Botswana einen Elefanten schießen will, muß dafür eine 14tägige Safari buchen, die ihn inklusive Abschußgebühr und staatlicher Lizenz mindestens 53 000 Mark kostet. So finanziert der tote Elefant den Schutz seiner lebendigen Verwandtschaft.

Ein Expertenteam für Ökotourismus vom Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin formulierte einen Freispruch erster Klasse: "Jagdtourismus mag elitär sein und Naturschützern nicht behagen, erfüllt jedoch die Kriterien des Ökotourismus." David Cumming, WWF-Chef in Simbabwe, sagt: "Die Alternative zu dieser Nutzung heißt Viehzucht, und das bedeutet das Aus für Wildtiere."

Immerhin bewegen sich die Hemingway-Imitatoren nur in Kleinstgruppen durch den Busch. Naserümpfend verschmähen sie den Massentourismus und gleichen darin den Rucksackreisenden aus der Ökoszene. Doch professionelle Naturschützer haben die Neckermann-Geschwader in ihr Herz geschlossen. "Wer Massentourismus und Naturzerstörung gleichsetzt, denkt ökologisch viel zu kurz", sagt Hans Bibelriether, Leiter des Nationalparks im Bayerischen Wald. "Der Tourismus", fährt er fort, "ist unser Verbündeter." Durch Deutschlands ältesten Nationalpark stapfen 1,2 Millionen Menschen im Jahr. Dennoch haben sich die scheuen Schwarzstörche vermehrt. Wenn genügend Parkranger die Besucher lenken, ist es nach Bibelriethers Erfahrung egal, ob ein Waldweg von zehn oder tausend Besuchern benutzt wird.

Hier Wildnis, dort Rummel: Die alte Rechnung geht nicht mehr auf. Urlauber, das galt als gesichert, sind "Landschaftsfresser". Selbst diese eingängige These gerät ins Wanken. Eine Studie der Universität Innsbruck über das touristisch intensiv genutzte Ötztal kommt zu dem Schluß: "Der Flächenanspruch des modernen Tourismus ist wesentlich geringer als der der traditionellen Landwirtschaft. Gegenwärtig nimmt die Waldfläche im Tal zu und der wirtschaftlich genutzte Flächenanteil ab."

Die Alternative zum Tourismus heißt längst nicht mehr unberührte Wildnis. Das Fremdenverkehrsgewerbe steht heute in harter Konkurrenz zu anderen Nutzungsformen. In Entwicklungsländern bedeutet weniger Tourismus mehr Brandrodung, mehr Rinderzucht und mehr Plantagen. Nur wo ein Schutzschild aus touristischer Infrastruktur aufgebaut werden kann, bleibt die Landwirtschaft außen vor.

Wenn Touristen weniger einbrächten als Bananen, könnte es sich die Regierung Costa Ricas kaum leisten, ein Viertel der Landesfläche unter Naturschutz zu stellen. Wer zahlt, bestimmt die Musik. Und wenn der Zahlmeister am liebsten die Klänge der Wildnis hört, dann dürfen die Elefanten eben weiterhin trompeten. So scheiterte kürzlich ein Vorhaben, den Okawango-Sümpfen in Botswana wertvolles Wasser abzuzapfen, weil die Gegner des Projektes mit einer möglichen Beeinträchtigung des Tourismus argumentierten.

Viele Tierarten genießen bereits ein Leben unter den Fittichen der Reisebranche. Einst zogen australische Pelzjäger den Koa- las zu Tausenden das Fell über die Ohren. Heute bringen die trägen Beutelbären lebendig weit mehr Geld ein. Eine Umfrage der Universität Queensland ergab, daß Koalas die erklärten Lieblinge der Australien-Touristen sind. Reiselustige Tierfreunde kaufen jährlich Koala-Plüschtiere für 1,3 Milliarden Mark. Mehr als 5,4 Millionen Menschen haben 1994 dafür bezahlt, Wale beobachten zu dürfen. Weltweit 65 Länder bieten inzwischen Fahrten zu den Meeresriesen an. Der Wal-Tourismus ist längst lukrativer als die Jagd mit der Harpune.

Historisch betrachtet sind Touristen die harmlosesten Menschen, die sich je in freier Natur herumgetrieben haben. Sogar die vielgepriesenen Naturvölker behandelten Pflanzen und Tiere weitaus ruppiger als einfallende TUI-Truppen. Als Homo sapiens gelernt hatte, Jagd auf Wildtiere zu machen und mit Brandfackeln Wälder zu roden, veränderte er die Landschaft. Selbst die Serengeti war kein unberührtes Gefilde, schreiben die Naturschutzexperten Jonathan Adams und Thomas McShane. Als die ersten Weißen über den Wildreichtum der Savannenlandschaft staunten, wußten sie nur nicht, daß kurze Zeit zuvor Seuchen die Rinderherden der Einheimischen vernichtet hatten. Was sie für Wildnis hielten, waren verlassene Viehweiden.

Langsam dämmert der Reisebranche, daß sie die Macht besitzt, eine weltweite Naturschutzagentur zu werden. Die Zeiten, als Manager vor Tourismuskritikern schuldbewußt den Kopf einzogen, sind vorbei. "Die vielzitierte Marmeladenverpackung am Frühstücksbüfett", sagt der TUI-Umweltbeauftragte Wolf Michael Iwand, "war nur das kleine Öko-Einmaleins. Die große Herausforderung von heute heißt: Inwertsetzung der Natur."

In Griechenland streitet er für einen neuen Meeres-Nationalpark, in der Türkei gegen umweltschädlichen Goldabbau. Der LTU-Umweltbeauftragte Thomas Immelmann drückte Müllentsorgung und Mehrwegsysteme auf den Malediven durch. "Wenn wir den Kerosinverbrauch weiter senken", sagt er, "wird es in Zukunft schwierig, noch stichhaltige Umweltargumente gegen Urlaubsreisen vorzubringen." Zur Zeit verbraucht ein LTU-Fluggast durchschnittlich 3,2 Liter, 1991 waren es noch 4,3 Liter pro 100 Kilometer. Immelmann glaubt, daß mit neuer Technik eine weitere Reduktion um 30 bis 40 Prozent möglich ist.

Einer hatte das ökologische Potential im Tourismus schon lange vorhergesehen: Bernhard Grzimek. In seiner TV-Sendung "Ein Platz für Tiere" verkündete er vor über 30 Jahren, bald schon gebe es organisierte Gruppenreisen zu den Wildreservaten Ostafrikas - eine frei erfundene Meldung. Doch ein paar Monate später gab es solche Touren wirklich - jeder wollte der erste sein. Mit Grzimeks Trick konnte die Serengeti weiterleben. Mag sein, daß Naturschützer bald fordern werden: Flugscharen statt Pflugscharen.

Miersch, 41, Koautor von "Öko-Optimismus", "Wissenschaftsbuch des Jahres 1996", lebt in München.

DER SPIEGEL 32/1997
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