04.08.1997

„Die Leute lernen nicht“

Interview mit Science-fiction-Autor Douglas Adams über die Zukunft des Internets und wie es die Welt verändern wird
SPIEGEL: Im "Anhalter durch die Galaxis" schreiben Sie noch, die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens laute "42". Heute kann man den Eindruck haben, die Antwort heiße "Internet".
Adams: Wer kann heute schon wissen, was das Internet einmal für die Menschheit bedeuten wird? Edison zum Beispiel dachte, der Phonograph sei ein prima Gerät, um die letzten Worte Sterbender aufzuzeichnen. Musikaufnahmen? Da hätte er nur gelacht. Und Alexander Graham Bell, der Erfinder des Telefons, glaubte, mit seinem Apparat könne man wunderbar Musik übertragen.
SPIEGEL: Aber wer braucht das Internet, und wozu?
Adams: Es gibt zwei Arten von Technik. Wenn ich ein tolles Auto habe, ist es für mich völlig egal, ob andere Leute auch so einen schönen Wagen haben. Beim Telefon ist das anders. Es ist schön, eins zu haben, aber wenn nur wenige andere eins besitzen, ist sein Nutzen beschränkt. Genauso ist es mit dem Internet. Die Technik hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Trotzdem steht die Entwicklung noch ganz am Anfang.
SPIEGEL: Wozu also jetzt schon einsteigen?
Adams: Wer das Internet nicht benutzen will, der kann es ja bleibenlassen. Aber es führt kein Weg daran vorbei, daß es seine Kinder tun werden.
SPIEGEL: Was macht Sie da so sicher?
Adams: Ich habe letzte Woche in Australien einen Vortrag darüber gehalten, wie die Technik die Reiseindustrie verändert. Ich selbst war ein lebendes Beispiel: Ich bin mal kurz nach Australien und zurück gejettet, die ganze Reise dauerte ganze vier Tage. Vor 200 Jahren wäre das die Reise eines Lebens gewesen.
Damals hätte man den Leuten vielleicht klarmachen können, daß das Reisen einfacher wird. Die hätten dann an stabilere Schiffe und genauere Navigation gedacht. Aber für einen Tag in Australien vorbeischauen - das wäre völlig außerhalb ihrer Vorstellungskraft gewesen.
SPIEGEL: Manche erklären, das Internet sei nicht viel mehr als schöne Spielerei.
Adams: Ja natürlich, nur ein Sturm im Wasserglas. Das sagen genau dieselben Leute,
die vor zehn Jahren gefragt haben: "Was zum Teufel soll ich mit einem Computer? Ich hab'' doch meine Schreibmaschine." Heute kann man kaum noch eine Schreibmaschine kaufen. Die Leute lernen einfach nichts. Sie vergessen, wie sehr sich ihre Meinung geändert hat, weil ihr Weltbild dasselbe geblieben ist.
SPIEGEL: Trotzdem sind die Möglichkeiten des Internets gewaltig übertrieben worden. Ist da die Enttäuschung nicht vorprogrammiert?
Adams: Anfang der achtziger Jahre gab es eine ähnliche Situation. Da hieß es immer wieder: Der Computer löst alle Probleme der Welt. Um 1983 brach der Boom dann zusammen. Keine der Versprechungen war eingetreten. Wir waren so aufgeregt gewesen, und nun funktionierte das ganze Zeug gar nicht. Trotzdem ging es danach erst richtig los, und heute sind die Herren der Computerindustrie die reichsten Menschen der Welt.
Es gibt zu Anfang immer diese Phase des Hypes mit Versprechungen, die einfach nicht zu erfüllen sind. Und dann fängt die echte Entwicklung an. An diesem Punkt befindet sich jetzt das Internet.
SPIEGEL: Was muß passieren, damit die "echte Entwicklung" einsetzt?
Adams: Das Netz braucht vor allem viel mehr Bandbreite. Das Internet ist derzeit ständig verstopft, während gleichzeitig vier Fünftel der weltweiten Kapazitäten von Glasfasernetzen ungenutzt sind. Wenn wir wollten, könnten wir die ganze Welt innerhalb eines Jahres komplett verkabeln. Aber die Telekoms müssen erst einmal herausfinden, wie man damit Geld verdient. Ein Telefonat, bei dem im Grunde nur ein minimaler Informationsgehalt übertragen wird, ist heute unglaublich teuer im Vergleich zu digitaler Datenübertragung. Die Telefongesellschaften müssen zu einer neuen Preisgestaltung finden, und das ist sehr riskant.
SPIEGEL: Schüren die immer kurzlebigeren Trends nicht die Verdrossenheit? Vor dem Siegeszug des Internets schienen CD-Roms das Medium der Zukunft zu sein. Heute ist der Markt dafür so gut wie tot.
Adams: CD-Roms sind langsam und viel zu klein mit ihren 650 Megabyte Speicherplatz. Aber für die Frage, ob sich digitale Inhalte durchsetzen, ist das Trägermedium nicht das Entscheidende. Rückblickend wird man erkennen, daß die CD-Rom nur ein primitiver Zwischenschritt war.
SPIEGEL: Ist das wirklich nur eine Frage der Datenmenge? Viel wichtiger ist doch die Benutzbarkeit. Bei aller Technik kommen digitale Medien bei weitem nicht an die Bequemlichkeit eines Buches heran.
Adams: Alle Voraussagen, digitale Medien seien der Tod des Buches, sind falsch. Man hat ja immer und immer wieder gehört: Das Kino ist der Untergang des Buches, das Fernsehen verdrängt das Radio, und so weiter. Der Computer verdrängt das Buch? Wenn Sie heute in einen Buchladen gehen, finden Sie eine ganze Abteilung mit Büchern über Computer.
Ich allerdings verlasse mich immer weniger auf bedrucktes Papier, Briefe und Bücher. Ich finde sowieso nichts auf meinem Schreibtisch wieder. Was wirklich wichtig ist, habe ich auf meiner Festplatte, oder es ist irgendwo im Internet. Wenn ich es brauche, kann ich es jederzeit wieder ausdrucken.
SPIEGEL: Werden das wirklich irgendwann alle so machen? Die meisten sind doch schon mit dem Programmieren eines Videorecorders überfordert.
Adams: Bis meine Mutter mit dem Internet umgehen kann, wird es sicher noch etwas dauern. Aber schon heute gibt es keinen Grund dafür, daß Videorecorder so umständlich sein müssen. Wenn wir Rechner mit uns herumtragen, die so leistungsfähig sind wie heute ein Cray-Supercomputer - und das wird passieren -, dann werden 99 Prozent der Rechenleistung dazu verwendet werden, das Gerät einfacher bedienbar zu machen. Videorecorder sind ein Problem, weil sie nicht genügend Rechenleistung haben. Irgendwann wird man dem Ding sagen können: "Nimm heute abend die ,Lindenstraße'' auf." Mehr Technik bedeutet nicht mehr Komplexität. Im Gegenteil, mehr Rechenleistung bedeutet mehr Einfachheit.
Vor den ersten Fernsehern mußte man auch ständig auf den Knien liegen und irgendwelche Regler drehen, damit das Bild nicht flackert. Heute steckt in jedem Fernseher ein Computer. Man packt das Gerät aus und schaltet es ein. In diesem Jahrhundert hat es eine technische Entwicklung nach der anderen gegeben. Aber merkwürdigerweise lernt niemand daraus, daß das auch in Zukunft so weitergehen wird.
SPIEGEL: Also macht der Computer das Buch doch irgendwann überflüssig?
Adams: Derzeit gibt es tausend Gründe, warum man Bücher nicht am Computer lesen sollte. Wer will schon einen Monitor mit ins Bett nehmen - oder in die Badewanne: Wenn er reinfällt, bekommt man einen tödlichen Stromschlag.
Aber das wird sich ändern. All dies Gerede, man brauche den Geruch von Papier, halte ich für Blödsinn. Das einzige, was das Lesen eines Buches angenehm und das Lesen eines Bildschirms unangenehm macht, ist die Auflösung. Wenn wir erst Bildschirme haben, die so scharf sind wie gedruckte Schrift und ungefähr so groß wie ein Buch, wird jeder feststellen, daß es eine ganz gute Art ist, ein Buch zu lesen. Sogar viel besser, denn ich brauche nur noch ein Buch, und es kann alles drinstehen, was ich jemals lesen will.
SPIEGEL: Also alles nur eine Frage der Technik?
Adams: Die Leute vergessen, wie schnell und für alle sichtbar sich die Welt verändert. Im 19. Jahrhundert haben sie gesagt: "Wer will schon ein Auto fahren? Die Hälfte seiner Zeit verbringt man doch eh unter der Motorhaube. Zu einem Pferd dagegen hat man eine Beziehung. Ein Pferd ist was Richtiges."
Das mag damals gestimmt haben. Aber wenn wir jetzt noch Pferde reiten würden bei der Bevölkerungsdichte, die wir heute haben, steckten wir bis zum Hals in der Scheiße.
* In der Fernsehserie von 1981.
Von J. Scriba und

DER SPIEGEL 32/1997
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