11.08.1997

KONZERNEGeheimgespräche an der Ruhr

Vor wenigen Monaten mußte der Thyssen-Konzern den Versuch einer feindlichen Übernahme durch Krupp abwehren, nun will er den Konkurrenten selbst schlucken - auf friedlichem Wege allerdings. Die Verhandlungen sollen schon bald beginnen.
Berthold Beitz, 83, empfing einen altgedienten Industrieführer im Gästehaus der Villa Hügel zum Mittagessen. Der mächtige Mann im Krupp-Hoesch-Konzern, der so gern über alte Zeiten plaudert, kam diesmal nicht zu seinen Anekdoten. Die beiden Veteranen hatten Wichtigeres zu bereden.
Der 77jährige Günter Vogelsang, Ehrenvorsitzender des Thyssen-Aufsichtsrates, unterbreitete seinem Gastgeber einen kühnen Plan. Thyssen und Krupp sollten, so Vogelsang, nicht nur ihre Stahlfirmen zusammenlegen. Es sei an der Zeit, über die Zusammenarbeit in weiteren Bereichen oder gar eine komplette Fusion beider Konzerne nachzudenken.
Vogelsang hatte bereits konkrete zeitliche Vorstellungen. Wenn Ende August die gemeinsame Tochter Thyssen Krupp Stahl die Arbeit aufnehme, sollten die Gespräche über eine Zusammenlegung der übrigen Konzernbereiche beginnen.
Beitz, Vorsitzender der Krupp-Stiftung, die mit einem Anteil von über 50 Prozent im Essener Konzern das Sagen hat, willigte überraschend ein. Verkehrte Welt: Erst im März hatte Krupp-Chef Gerhard Cromme mit einem Gewaltakt versucht, den weit größeren Thyssen-Konzern zu schlucken.
Der feindliche Übernahmeversuch war gescheitert. Thyssen-Chef Dieter Vogel hatte durch eine gezielte Indiskretion vorzeitig davon erfahren und mit befreundeten Banken eine erfolgreiche Abwehrschlacht gegen den Angreifer aus Essen organisiert.
Nun könnte Crommes Vision vom Weltkonzern an der Ruhr doch noch Wirklichkeit werden. Allerdings unter anderen Vorzeichen: In dem neuen Pakt soll Thyssen die Führerschaft übernehmen.
Das neue Konglomerat könnte von Beginn an seine Stärke ausspielen. Denn bei dem Deal sind keine außergewöhnlichen finanziellen Belastungen zu erwarten. Notverkäufe sind nach dem neuen Modell nicht nötig. Bei der Zusammenlegung einzelner Bereiche könnte es allenfalls zur Schließung oder zum Verkauf unrentabler Betriebe kommen.
Bei Crommes Coup dagegen hätte Krupp zur Finanzierung des Thyssen-Kaufs Kredite in Höhe von neun Milliarden Mark aufnehmen müssen. Zur Tilgung der Schulden sollten nach dem damaligen Plan zahlreiche Firmen und Beteiligungen verkauft werden.
Der vereinigte Thyssen-Krupp-Konzern wäre, wenn er denn zustande kommt, in einigen Bereichen Weltklasse. Mit einem Umsatz von rund 70 Milliarden Mark und gut 190 000 Beschäftigten wäre Thyssen-Krupp der fünftgrößte Stahlhersteller der Welt und einer der bedeutendsten Zulieferer der Automobilindustrie.
Das Zusammengehen der beiden Ruhrkonzerne ist längst überfällig. Das traditionsreiche Essener Unternehmen Krupp hat trotz der Übernahme des Dortmunder Konkurrenten Hoesch im Jahre 1992 ohne Partner im internationalen Wettbewerb auf Dauer keine Chance.
Zwar hat Cromme den Konzern in den vergangenen Jahren auf fünf Kernbereiche konzentriert, Verlustbringer verkauft und den Ertrag gesteigert. Um im Weltmarkt jedoch eine führende Position einzunehmen, müßten die einzelnen Sparten durch gezielte Zukäufe verstärkt werden - und dazu fehlt das Geld.
Wichtige Bereiche werfen seit Jahren nur bescheidene Gewinne ab, wenn überhaupt. Allein beim Qualitätsstahl hatte Krupp 1996 über 200 Millionen Mark Verluste angehäuft.
Aber auch Thyssen kann eine Verstärkung gut brauchen. Der Düsseldorfer Konzern ist im internationalen Maßstab zu klein, um beispielsweise im Handel mit Werkstoffen oder beim Autozubehör mit den Branchenriesen aus den USA oder Japan mithalten zu können.
Die Thyssen-Oberen hatten sich die Gespräche mit dem Alten von der Villa Hügel etwas schwieriger vorgestellt. Denn durch den Übernahme-Eklat vom Frühjahr hat das einst gute Verhältnis zwischen den Vorständen und den Aufsichtsräten beider Konzerne gelitten.
Diplomatisches Geschick war gefragt. Vogelsang schien der geeignete Mann für die heiklen Gespräche. Der frühere Vorstandschef von Krupp und spätere Berater der Deutschen Bank wird von Beitz als kompetenter Gesprächspartner hoch geschätzt.
Die Strategie ging auf. Die beiden Konzern-Senioren verabredeten bei ihrer Begegnung Mitte Juni ein weiteres Treffen, an dem rund vier Wochen später auch Thyssen-Aufsichtsratschef Heinz Kriwet und Gerhard Cromme teilnahmen.
Für Thyssen-Chef Vogel hatten die Gespräche inzwischen ein so konkretes Stadium erreicht, daß er am 17. Juli sogar den Aufsichtsrat offiziell davon in Kenntnis setzte. Den überraschten Kontrolleuren teilte er mit, die Vorstände von Krupp und Thyssen würden nun Gespräche aufnehmen, um weitere Fusionsmöglichkeiten zu prüfen.
Auch Krupp bestätigt offiziell, demnächst mit Thyssen Verhandlungen aufzunehmen. Das sei, so heißt es, schon vor Wochen vereinbart worden. Allerdings sei der Ausgang der Gespräche völlig offen. Pläne zu einer Gesamtfusion gebe es bisher nicht.
Es gilt eine Lösung zu finden, die beide Seiten ohne Gesichtsverlust vertreten können. Die Chemie zwischen den einstigen Freunden Cromme und Vogel ist durch die Vorgänge im März gestört, das dürfte die weiteren Verhandlungen bremsen.
Vogel wirft seinem Kontrahenten vor, ihn durch den überraschenden Übernahme-Coup im Frühjahr hintergangen zu haben. Cromme beruft sich hingegen auf eine Notlage des Konzerns. Durch die Aktion, die von ihm unter dem Geheimcode Hammer und Thor vorbereitet worden war, habe er die Fusionsverhandlungen beim Stahl erzwungen. Thyssen habe das vorher stets abgelehnt.
"Wenn wir das jetzt nicht machen", hatte Cromme im Frühjahr sein Vorgehen in Gesprächen mit der Düsseldorfer Landesregierung verteidigt, "gibt es Krupp in fünf Jahren nicht mehr."
Wie realistisch diese Einschätzung war, zeigte sich bei den seit März laufenden Verhandlungen über eine gemeinsame Stahlproduktion. Um den vertraglich vereinbarten Anteil von 40 Prozent an der neuen Gesellschaft zu sichern, muß Cromme die Krupp-Konzernkasse arg strapazieren.
Zum Ausgleich der "unterschiedlichen Ertragsstärke beider Stahlgesellschaften" mußte Cromme dem Düsseldorfer Partner eine Gewinngarantie geben. Unabhängig von der Ertragslage soll die gemeinsame Stahlgesellschaft bis zum Jahr 2001 jährlich 300 Millionen Mark an den Thyssen-Konzern abführen.
Begründung: Die von Thyssen eingebrachte Stahlfirma habe in den vergangenen Jahren einen Gewinn in dieser Größenordnung erzielt und wolle nun auf keinen Fall schlechter gestellt sein. Sobald die neue Firma weniger als 300 Millionen Mark macht, muß Krupp zuzahlen.
Die Wirtschaftsprüfer stellten beim Vergleich der Bilanzen außerdem fest, daß Krupp seine Anlagen um rund 600 Millionen Mark höher bewertet hat als der Konkurrent. Der Betrag muß laut Vertrag ausgeglichen werden. Bezogen auf die Beteiligungsverhältnisse müssen die Essener rund 260 Millionen Mark an Thyssen zahlen - mehr als der gesamte Krupp-Konzern im vergangenen Jahr als Gewinn ausgewiesen hat.
Wie schlecht es um Krupp Stahl bestellt ist, wurde vor allem beim Vergleich der Anlagen deutlich. Die Stahlwerke des Essener Konzerns am Standort Dortmund sind technisch veraltet und völlig unrentabel. Die Modernisierung wird mit 1,2 Milliarden Mark veranschlagt.
Aufgebracht werden sollen die Kosten für die Sanierung durch die bei der Fusion entstehenden Synergien. Allein durch die Zusammenlegung der beiden Einkaufsbereiche mit einem Volumen von 4,3 Milliarden Mark will die neue Stahlfirma jährlich rund 65 Millionen Mark einsparen. Da solche Synergien jedoch erst im Laufe von Jahren anfallen, muß Krupp-Hoesch für die Sanierungskosten eine Bankbürgschaft erbringen. Die Kreditlinie des Konzerns wird dadurch weiter belastet.
Auch für die "Pensionsverpflichtungen und -rückstellungen" für rund 46 000 ehemalige Stahlarbeiter von Krupp-Hoesch muß nach einer Vereinbarung vom 26. März der Essener Konzern weiterhin allein aufkommen.
Maximal "zwei bis drei Millionen Mark", hieß es vor wenigen Monaten in der Essener Zentrale, seien als Ausgleichszahlungen an Thyssen zu leisten. Daß der Betrag sich inzwischen um ein Vielfaches vergrößert hat, findet das Management jedoch nicht tragisch.
Es seien, so die offizielle Verlautbarung, lohnende Investitionen. Schließlich würden die eigenen verlustreichen Stahlwerke gegen eine profitable Beteiligung eingetauscht.
Im Verbund mit Thyssen könnte Krupp-Chef Cromme seine Sorgen beim Stahl tatsächlich bald los sein. Probleme mit seinem Konzern hat er dann aber immer noch reichlich.
Die Sparte Handel mit einem Umsatz von über 5,5 Milliarden Mark warf 1996 bescheidene 17 Millionen Mark Gewinn
* Im Park des Krupp-Stammsitzes Villa Hügel in Essen.
vor Steuern ab. Bereiche wie Anlagenbau und Industrie sind extrem konjunkturanfällig und aufgrund ihrer geringen Größe im Vergleich zu internationalen Wettbewerbern zu krisenanfällig.
Allein Orenstein & Koppel (Bagger, Rolltreppen, Radlader) mit über 3500 Mitarbeitern mußte 1996 Umsatzeinbußen von rund 400 Millionen Mark hinnehmen. Vergeblich sucht Cromme seit Jahren nach weiteren Partnern für die Dortmunder Firma.
Rundum zufrieden kann der Krupp-Hoesch-Chef zur Zeit nur mit dem Bereich Automobiltechnik und der im November 1995 zugekauften Hoechst-Tochter Uhde sein. Um sich gegen den Mitbieter Metallgesellschaft durchzusetzen, hat er den Anlagenbauer nach Ansicht von Managern in Essen allerdings weit überteuert eingekauft.
Gerade Uhde und die Automobiltechnik wären eine gute Ergänzung zum Produktionsprogramm von Thyssen. Im Bereich Automobilzulieferung zählt der Düsseldorfer Konzern bereits zu den größten deutschen Anbietern.
Ob und in welchen Bereichen die beiden Konzerne fusionieren werden, hängt weitgehend von Beitz ab. Schon einmal, im November 1988, hatte der mächtige Vorsitzende der Krupp-Stiftung ein Zusammengehen mit dem Konkurrenten abgelehnt. Der damalige Thyssen-Chef Dieter Spethmann hatte ihm die Übernahme angeboten, doch mit seiner Gönner-Pose den Krupp-Herrn verschreckt.
Wie die Entscheidung über die Zukunft des Essener Konzerns auch ausfällt - Beitz legt großen Wert darauf, seine eigene Unabhängigkeit zu behalten.
Bei einer Fusion mit Thyssen würde die Stiftung zwar ihren dominierenden Einfluß verlieren. Die symbolische Macht aber wird ihr bleiben.
Die Villa Hügel in Essen, Wahrzeichen der ruhmreichen Vergangenheit der Krupp-Dynastie, würde nicht in die neue Gesellschaft eingebracht. Sie bliebe der Sitz von Beitz und der Stiftung.
[Grafiktext]
Hauptgeschäftsfelder von Thyssen und Krupp
[GrafiktextEnde]
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Hauptgeschäftsfelder von Thyssen und Krupp
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* Im Park des Krupp-Stammsitzes Villa Hügel in Essen.
Von Rickelmann, , Dohmen und

DER SPIEGEL 33/1997
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