11.08.1997

COMPUTERUngewöhnliche Hochzeit

Der Einstieg beim Rivalen Apple macht Microsoft-Chef Bill Gates noch mächtiger. Die Gemeinde der Mac-Anhänger ist entsetzt, doch ihre Kultfirma ist gerettet - vorerst.
Der Andrang zur Apple-Show der Computermesse MacWorld '97 war gewaltig. Schon zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung im Ballsaal des Park Plaza Hotels in Boston bildeten sich lange Schlangen vor den Eingangstüren.
Auf dem Programm stand eine Ansprache des legendenumwobenen Apple-Mitbegründers Steven Jobs, 42. Von dem Mann, der 1976 in einer Garage Apple gegründet und innerhalb weniger Jahre zu einem Weltkonzern gemacht hatte, erhofften sich die von Hiobsbotschaften und Endzeitstimmung geplagten Anhänger des Computersystems Macintosh (Mac) Trost und neue Zukunftsperspektiven.
Mit frenetischem Beifall begrüßte die Menge den Multimillionär. Doch schon nach wenigen Sätzen stockte den rund 5000 Fans in Boston der Atem, denn der Hohepriester der Mac-Gemeinde hatte schier Unvorstellbares verkündet: "Die Ära der Rivalität zwischen Microsoft und Apple ist beendet."
Als dann wenige Minuten später auch noch der Erzfeind Bill Gates wie der Große Bruder in George Orwells Science-fiction-Roman "1984" auf einer überdimensionalen Videowand erschien, waren die Mac-Jünger nicht mehr zu halten. Buhrufe und gellende Pfiffe schlugen dem Microsoft-Chef entgegen als er vom "Beginn einer neuen Freundschaft" sprach.
Die Sensation war perfekt. Mit einer Kapitalspritze von 150 Millionen Dollar steigt Microsoft bei dem schwer angeschlagenen PC-Hersteller aus Kalifornien ein und erhält dafür stimmrechtlose Aktien. Beide Firmen wollen künftig ihre Software besser aufeinander abstimmen und gemeinsam neue Produkte entwickeln. Gegen eine Abfindung in unbekannter Höhe stellt Apple alle Klagen gegen Microsoft ein, jeder kann die Patente des anderen benutzen.
Für eingeschworene Apple-Fans bricht damit eine Welt zusammen: Das Reich des Bösen hat gesiegt. Auf nicht wenigen Apple-Rechnern lief bislang ein beliebtes Computerspiel, bei dem es darum geht, mit einem Maschinengewehr fliegende Windows, das Symbol des Microsoft-Systems, niederzumähen.
"Das ist ein Weg für Bill Gates, die Weltherrschaft zu übernehmen", klagte in Boston ein treuer Apple-Fan über die neue Freundschaft der alten Feinde. Kevin Maney, ein Pädagogikprofessor aus Ohio, verlor im Ballroom gar die akademische Contenance und fluchte nur: "O Gott, ach Scheiße, verdammt noch mal."
Finanzexperten sahen das gelassener: "Dies ist ein guter Tag für Apple", betonte Dataquest-Analyst James Staten, "aber es ist der Tag, an dem Apple seine Seele verkauft hat." Apple sei zwar immer noch ein Sanierungsfall, meint der New Yorker Banker Charles Wolf, "aber immerhin können wir nun Licht im Tunnel sehen".
Auch der neue Verwaltungsrat begeisterte die Kenner. Jobs installierte sich nicht nur selbst, sondern holte noch zwei weitere Vordenker der Softwarebranche in den Board of Directors: Larry Ellison, den polternden Chef des Datenbank-Champions Oracle, sowie Bill Campbell, den Vorstandsvorsitzenden der Finanzsoftwarefirma Intuit. Das neue Expertenteam wird ergänzt durch Jerry York, der einst als Finanzchef bei der Sanierung von Chrysler und IBM entscheidend mitwirkte.
Die ungewöhnliche Hochzeit war zwar erst in letzter Minute vor der historischen Apple-Show in Boston endgültig besiegelt worden. Erste geheime Gespräche, so verriet Gates jetzt, gab es aber schon Anfang 1996, als sich der Microsoft-Gründer mit den damaligen Apple-Vorständen Gilbert Amelio und Heidi Roizen traf.
Gates wollte den jahrelangen Kleinkrieg zwischen den beiden Pionierunternehmen der PC-Branche beenden. Die Gespräche kreisten deshalb vor allem um die gegenseitige Nutzung von Patentrechten. Über das Design und über diverse Techniken der Software war es in den vergangenen neun Jahren immer wieder zu langen, wenn auch letztlich folgenlosen Auseinandersetzungen vor Gericht gekommen.
Doch die Gespräche der beiden Erzfeinde führten zu keinem Ergebnis. Amelio, der erst im Februar 1996 als Sanierer geholt worden war, hatte andere Sorgen. Das einstige Pionierunternehmen fand immer weniger Kunden, die Marktanteile schrumpften, und die Umsätze sanken von Quartal zu Quartal (siehe Grafik Seite 71).
Inzwischen ist die Firma mit dem Apfel-Logo, die noch Anfang der Neunziger mit IBM um die Spitzenposition unter den PC-Herstellern kämpfte, auf Platz zehn zurückgefallen. Der Marktanteil liegt deutlich unter sechs Prozent.
Obwohl Amelio mehr als ein Drittel der Belegschaft entließ, wurden die Verluste immer bedrohlicher. Gleichzeitig mußte er einen Exodus von Spitzenmanagern und Topentwicklern verkraften.
Um bei der Weiterentwicklung des angejahrten Apple-Betriebssystems (Mac OS) nicht völlig ins Hintertreffen zu geraten, wandte sich Amelio an den charismatischen Apple-Gründer Jobs. Der hatte nach seinem Abgang bei Apple zusammen mit dem texanischen Multimilliardär Ross Perot eine neue Firma gegründet und unter dem Namen Next ein besonders leistungsfähiges und leicht zu bedienendes Betriebssystem kreiert. Doch der Erfolg am Markt war ausgeblieben.
Ende vergangenen Jahres konnte Jobs Amelio überzeugen, daß die Next-Software der Apfel-Firma neuen Schwung geben könnte. Kurz vor Weihnachten übernahm Apple deshalb zum Spitzenpreis von 430 Millionen Dollar die kränkelnde Firma Next. Gleichzeitig heuerte Amelio den 1985 geschaßten Apple-Gründer als Berater an.
Jobs, der immer von einer Rückkehr geträumt hatte, legte sich sofort voll ins Zeug. Innerhalb weniger Wochen übernahm er quasi das Regiment in der Apple-Zentrale in Cupertino.
Anfang Juli rief Jobs wieder seinen alten Rivalen Gates an und teilte ihm mit, daß Amelio demnächst gefeuert werde. Gates war verblüfft, hatte er doch gerade erst einen Brief von Amelio bekommen, in dem dieser den Großen Bruder um Kooperation bat. "Aber Steve sagte mir, dieser Brief sei eh eine fragliche Sache", so Gates. Statt dessen machte ihm Jobs die Beteiligung an Apple schmackhaft.
Als wenige Tage darauf Amelio wirklich entlassen wurde, schickte Gates unverzüglich seinen Finanzvorstand Greg Maffei in geheimer Mission ins Apple-Hauptquartier. Am Mittwoch morgen vergangener Woche war der Deal perfekt.
Prompt schoß Apples Aktienkurs steil nach oben. Denn nun ist klar, daß Apple zumindest in den nächsten drei Jahren einen finanzkräftigen Partner hat. Doch noch ist Apple nicht endgültig gerettet, viele Fragen sind weiterhin ungeklärt.
Vor allem fehlt noch ein Firmenchef, der die Nachfolge von Amelio antritt. Kenner der Szene gehen davon aus, daß der eigensinnige Jobs am Ende selbst das Amt übernimmt.
Der eigentliche Gewinner steht dagegen fest: Bill Gates. Mit dem Engagement von 150 Millionen Dollar, ein Betrag, den seine Firma innerhalb weniger Tage verdient, sorgt er zunächst einmal dafür, daß ein wichtiger Großkunde erhalten bleibt. Pro Jahr, so schätzen Experten, kauft Apple Software im Wert von 400 Millionen Dollar bei Microsoft, etwa der gleiche Betrag kommt noch einmal von den rund acht Millionen Mac-Usern in aller Welt.
Außerdem hält sich Gates mit der Apple-Rettung die Wettbewerbshüter vom Leib. Eine Apple-Pleite hätte Microsofts gefährliche Monopol-Stellung ganz offensichtlich gemacht. Auflagen der US-Kartellbehörde oder gar eine Zerschlagung wie beim Telefonriesen AT&T wären die Folge.
Von großem Wert für Gates ist auch die Patentvereinbarung. Jetzt könne sich Gates in aller Ruhe "die besten Rosinen aus dem Mac-OS herauspicken und in das Windows-System integrieren", meint der Mac-Experte Henry Bortman.
Auch sonst rechnet sich das Engagement. Denn Apple hat sich verpflichtet, künftig auf allen neuen Rechnern den Internet-Browser von Microsoft, den sogenannten Internet Explorer, zu installieren.
Das ist vor allem für den Microsoft-Herausforderer Netscape ein schwerer Schlag. Deren "Navigator" werden die Käufer von Mac-Rechnern künftig extra suchen müssen. Noch gibt sich der Herausforderer, mit dessen Browser immer noch zwei Drittel aller Internet-User surfen, gelassen. Doch die Dominanz von Netscape, da sind sich die Experten sicher, dürfte schwinden.
Eine weitere Gefahr für sein Imperium hat Gates ebenfalls gemindert. Denn Microsoft mußte befürchten, daß Apple sogenannte NC - Billigrechner, die ihre Software aus dem Internet beziehen und nicht unbedingt von Microsoft - produzieren würde. Nun ist das ziemlich unwahrscheinlich geworden, statt dessen wird Apple gemeinsam mit Microsoft spezielle Internet-Software entwickeln.
Dennoch beherrscht Gates die Computerwelt noch nicht ganz allein. Mit einem erklärten Gegner muß er sich nun sogar im eigenen Imperium herumplagen: Der kämpferische Oracle-Chef und neue Apple-Verwaltungsrat Ellison gilt als ein Mann, der alles tun wird, um Apple so zu lenken, wie es Gates am wenigsten paßt.
Unterstützt wird er von seinem Freund Scott McNealy. Der Gründer der Computerfirma Sun, die mit ihrer Programmiersprache Java bislang noch die Standards im Internet setzt, ist weit davon entfernt, im Star War der Computerbranche aufzugeben: "Wir sind nun Luke Skywalker, der gegen den Todesstern marschiert", kündigte McNealy vergangene Woche an.
[Grafiktext]
Geschäftsergebnisse von Apple
[GrafiktextEnde]
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Geschäftsergebnisse von Apple
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Von Kerbusk, , Höges und

DER SPIEGEL 33/1997
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