11.08.1997

Am RandeHitlers Nichte

Ungelöste Fälle schwimmen mit der Zeit davon, hinab im Strom des Vergessens. Gras wächst über die Opfer und die üblichen Verdächtigen, und der Fall wird dahin gelegt, wo schon so vieles in Frieden ruht, zu den Akten.
Wie war das wirklich mit der Monroe? Ein vergilbter, gerissener Film; dito ihr Freund Kennedy. Wer mordete doppelt in der waldigen Göhrde und wer mehrfach im Gaslampen-London zu Zeiten des großen Sherlock Holmes? Jack the Ripper wurde das Phantom genannt, Bösartige meinen, Holmes sei es selbst gewesen. Asche zu Akten.
Nicht zur Ruhe jedoch kommt jene kleine Österreicherin, die am 19. September 1931 mit einem Loch in der Brust und einer zerdrückten Nase in einer hochherrschaftlichen Wohnung zu München aufgefunden wurde, Prinzregentenplatz Nummer 16; Wohnsitz Adolf Hitlers.
Geli Raubal hieß sie, mit 23 Jahren dem Tode übergeben, und der angehende Führer und Reichskanzler war ihr Onkel. Ein Onkel freilich, für den die Nichte alles war und den sie offenbar nicht immer als guten Onkel über sich gehen und ergehen ließ.
Selbstmord? Mord? Getürkter Selbstmord? Die Frage steht, in vielen Köpfen, immer noch im Raume, und den betreten nun erneut zwei Detektive, einer aus England, der andere aus Amerika. Des Briten Buch, "Hitler and Geli" von Ronald Hayman, ist schon da, an "Hitler's Niece" feilt Ron Hansen noch.
Hansen ("Atticus"), der schon Jesse James in den Selbstmord trieb, will die Geliade als Roman hinwerfen. Hayman dagegen beschreitet die Walstatt mit dem tastenden Fuß des Historikers, scharrt an Grüften und Archiven, zitiert und ziseliert so lange, bis das Rätsel sieben Lösungen hat.
Erstens: Selbstmord. Zweitens: Hitler war's. Drittens: Hitler im Affekt. Viertens: einer in Hitlers Auftrag. Fünftens: einer ohne Hitlers Auftrag. Sechstens: Geli spielte mit Hitlers Pistole herum. Siebtens: Geli raufte sich mit jemandem um die Pistole.
Der Onkel, jedenfalls, wurde daraufhin böse, beschloß, Vegetarier zu werden und die Welt zu zerfleischen. Manche Fälle sind unlösbar - aber unlösbar mit der Historie verbunden.
Von Rumler und

DER SPIEGEL 33/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 33/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Am Rande:
Hitlers Nichte

  • Doku über Filmemacher Ulrich Seidl: Ist das denen nicht peinlich?
  • Kampf für zweites Brexit-Referendum: Mr. Cobb gibt nicht auf
  • Seidlers Selbstversuch: Abwracken für Anfänger
  • Von wegen stilles Örtchen: Singende Klofrau begeistert Kaufhauskunden