18.08.1997

ERPRESSUNGVages Profil

Mit immer weiter gehenden Drohungen schädigen Verbrecher den Nestlé-Konzern in Millionenhöhe. Die Polizei fahndet nach einem Psychopathen.
Ein Täterprofil ist für die Polizei in einem Kriminalfall so lange hilfreich, wie es greift. Verschwimmen aber die Konturen, verlieren die Fahnder schon mal den Halt. Dieses Mißgeschick ist in Frankfurt am Main offenbar der Ermittlungsgruppe von Polizei und Staatsanwaltschaft im Fall des Thomy-Erpressers widerfahren, der seit August 1996 den Schweizer Nestlé-Konzern zu erpressen versucht. Das Bild vom Täter ist nebulöser denn je.
Was im April dieses Jahres bereits zu einer großangelegten Beschlagnahme- und Rückrufaktion von Nestlé-Waren in Regensburg, Bremen und Saarbrücken führte, wiederholte sich vergangene Woche bundesweit. In einem Erpresserbrief, der am vergangenen Montag eintraf, behauptete der Absender, er habe in 14 Städten vergiftete Nestlé-Produkte ausgelegt - und zwar in gleich mehr als 50 Supermärkten.
In einer Eilaktion räumte die Polizei tonnenweise Nestlé-Waren aus den Regalen und ließ diese auf Gift überprüfen. Über kostenlos geschaltete Informationsleitungen versuchten 20 Beamte und 10 Nestlé-Mitarbeiter mehr als 30 000 verängstigte Verbraucher telefonisch zu beraten.
Bis Ende voriger Woche wurde kein Gift gefunden - was Polizei und Konzern noch ratloser machte. "Das ist der größte, längste und aufwendigste Fall, mit dem wir je zu tun hatten", bekennt Firmenvorstand Klaus Sattler, der einen zehnköpfigen Nestlé-Krisenstab führt.
Die Frankfurter Polizei glaubte zu Beginn der Erpressung, so ihr Sprecher Peter Öhm, an einen "sehr systematisch und berechenbar" agierenden Täter, der "kalkulierbar und überschaubar" arbeitet.
Diese Einschätzung, so ein leitender Ermittler zum SPIEGEL, sei wohl nicht mehr zu halten. Viel eher habe man es "mit einem absoluten Psychopathen" zu tun. Forderte der Mann zunächst Rohdiamanten im Wert von 15 Millionen Mark, stellte er später gar keine Forderungen mehr.
Treu blieb er sich seit einem Jahr nur in einem Punkt: Er forderte, Nestlé dürfe weder Presse noch Fernsehen einschalten - ein Verlangen, das angesichts der Bedrohung immer größerer Bevölkerungsteile und der bisherigen Berichterstattung völlig weltfremd ist.
Die Ermittler irritiert auch, daß die Angaben des Erpressers immer vager werden. Im August vergangenen Jahres hatte er bei seiner Drohung, so Polizeisprecher Öhm, noch "eine klare Nennung von sechs eindeutig bestimmten örtlichen Supermärkten und eine völlig präzise Beschreibung der ausgelegten kontaminierten Artikel" gegeben. Auch hatte er sich auf Nestlé-Produkte der Marke Thomy beschränkt.
Doch am 23. Dezember 1996 ließ vermutlich derselbe Täter die Polizei in einem Drohbrief nur unbestimmt wissen, er habe ein vergiftetes Thomy-Produkt "ohne exakte Bezeichnung" in einem Supermarkt in München-Bogenhausen deponiert.
Damals glaubte die Polizei, die Erpressung "wegen der begrenzten Auswirkungen" noch geheimhalten zu dürfen, um eine "Hysterie der Bevölkerung" (Öhm) zu verhindern. Als der Täter aber im April vorgab, Nestlé-Produkte generell vergiftet zu haben, alarmierten die Fahnder die Öffentlichkeit.
Kurzzeitig wähnte sich die Polizei sogar am Ziel ihrer Ermittlungen, als am 2. Juni in Dortmund ein etwa 50jähriger Mann festgenommen wurde, der am Bahnhofskiosk ein Exemplar der im Ruhrgebiet nur selten gelesenen BERLINER MORGENPOST gekauft hatte. Im Gebrauchtwagenteil des Berliner Blattes hatte Nestlé an diesem Tag auf Verlangen des Erpressers ein Inserat geschaltet, mit dem eine Geldübergabe verabredet werden sollte.
Den Bahnhofskiosk hatte die Polizei observiert, weil mehrere Spuren auf einen Täter aus Dortmund hinwiesen. Die im April vergifteten Produkte waren - wie sich anhand der jeweils auf dem Tubenfalz aufgedruckten Seriennummer zurückverfolgen ließ - in der Stadt gekauft worden. Der Festgenommene mußte jedoch rasch wieder freigelassen werden.
Zusätzlich erschwert die Ermittlungen offenbar ein zweiter Erpresser, der erstmals 1995 auftauchte. Eines seiner Erpressungsschreiben war im nur hundert Kilometer von Dortmund entfernten Bielefelder Raum abgestempelt worden. Bei einem von der Polizei im Spätherbst vorigen Jahres mitgeschnittenen Telefonat sprach der Anrufer mit westfälischem Akzent.
Ein Tonband mit der Erpresserstimme konnte die Bielefelder Bevölkerung im Dezember 1996 wochenlang bei der Polizei abhören. Nestlé, forderte der Unbekannte auf dem Telefonmitschnitt, solle endlich zur Übergabe kommen: "Sie haben alles schriftlich vorliegen. Wir schicken Ihnen noch eine Entscheidungshilfe. Wir melden uns nächste Woche."
Die Stimme wurde von niemandem erkannt. Sowohl Thomy als auch die Polizei beteuern, der Bielefelder Vorgang stehe mit der aktuellen Erpressung in keinem Zusammenhang.
Kein Trost für Nestlé: Allein seit April dieses Jahres verzeichnete der Konzern 30 Millionen Mark Umsatzverlust. "Die neuen Einbußen können wir noch gar nicht beziffern", klagt Nestlé-Vorstand Sattler, "dabei war der Absatz von Thomy-Produkten im Juli fast schon wieder normal."
Von Gamerschlag, , Pieper, , Hilbk und

DER SPIEGEL 34/1997
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