18.08.1997

COMPUTERDigitales Woodstock

Mehrere tausend Freaks trafen sich in den USA und Holland zum größten Hackertreffen aller Zeiten.
Hypnotisch dröhnt Technomusik aus den Lautsprechern. 14jährige Kids starren gebannt auf Monitore mit geheimnisvollen Unix-Befehlen. Dunkle Gestalten im Piratenlook, auf deren Umhängeschildern Decknamen wie "Snap" oder "Havoc" stehen, geben kluge Ratschläge.
So muß für Computerfreaks das Paradies aussehen: keine schwerfälligen Modems und Sorgen um Telefonrechnungen. Jeder kann seinen Computer an die mächtige Datenpipeline anstöpseln, die mehrere Megabit pro Sekunde ins Internet bläst.
Etwa 1500 Bewohner der digitalen Halbwelt trafen sich vorletztes Wochenende in New York zur "Hope"-Konferenz (Hackers on Planet Earth). Zeitgleich überzogen ebenso viele Freaks einen Campingplatz nahe Amsterdam mit einem Datennetz für das "Hip"-Meeting (Hacking in Progress). Das Doppeltreffen beiderseits des Atlantiks sollte das "größte Hackertreffen der Geschichte" werden.
Das Amsterdamer Computercamping in brütender Hitze geriet zu einer Art digitalem Woodstock, und auch in den heftig klimatisierten Räumen des Puck-Building in Downtown Manhattan herrschte Partystimmung.
"Die Presse hängt uns immer das Etikett von kriminellen Finsterlingen an", klagt Hope-Organisator Emmanuel Goldstein, doch das Klischee scheint auch Spaß zu machen: Die meisten Teilnehmer der Pressekonferenz tragen selbst im abgedunkelten Saal Sonnenbrillen und nuscheln Sätze ins Mikrofon wie "Hi, ich heiße Zap, und ich habe nichts zu sagen."
"Mann, ich habe seit drei Tagen nicht geschlafen", murmelt ein weißhaariger Mann, der rastlos durchs Publikum streift. John Draper, 54, ist immer noch "Cap'n Crunch". In den siebziger Jahren hatte er entdeckt, daß eine Flöte, die dem gleichnamigen Kindermüsli beilag, den Gebührenzähler des Telefonsystems außer Betrieb setzte.
Crunch ist der Ur-Hacker. Noch heute bekommt er leuchtende Augen, wenn er schildert, wie er das mächtige Telefonsystem knackte. Er enträtselte die geheimen Steuerbefehle, mit denen sich Anrufe umleiten und Gespräche mithören ließen. Schließlich bekam er sogar die Nummer des Krisenstabes im Weißen Haus heraus und foppte Staatenlenker Nixon am Telefon.
Viel Beifall erhält "Cyberjunkie", als er in den Internetserver der holländischen Schwesterkonferenz eindringt und deren Homepage im World Wide Web verändert. "Ich hätte nicht gedacht, daß ein Rechnersystem, das von Hackern betreut wird, so schlecht geschützt ist", kommentiert er seinen Erfolg.
Ihre Wühlarbeit, so die Hacker, diene dem Gemeinwohl, denn nur aufgedeckte Sicherheitslücken werden beseitigt. Seit langem findet etwa die Gruppe "LØpht" immer neue Methoden, den Paßwortschutz des Betriebssystems Windows NT auszuhebeln, und zwingt den Softwareriesen Microsoft zu ständigen Updates.
In der Grauzone wächst so manches Talent heran. "Phiber Optik", eine legendäre Figur mit Vorstrafe, sitzt nun als gutbezahlter Sicherheitsberater auf dem Hope-Podium. "Eine Verurteilung ist kein Einstellungskriterium", warnt jedoch Ira Winkler den aufstrebenden Nachwuchs. Der ehemalige Geheimdienstmann liest dem Publikum die Leviten: "Die meisten von euch haben doch keinen blassen Schimmer", redet er sich in Rage, "für jedes echte Verbrechen, das ich aufzuklären habe, muß ich mich mit einem Dutzend von euch herumschlagen, die mit Primitivmethoden in fremden Rechnern herumpfuschen."
Etwa hundert amerikanische Hacker, so will er herausgefunden haben, bestreiten ihren Lebensunterhalt damit, im Sold des organisierten Verbrechens elektronischen Bankraub zu begehen oder im Auftrag fremder Geheimdienste sensible Informationen zu beschaffen.
Maskiert und mit stimmverzerrendem Mikrofon tritt "Red Balaclava" auf. Der geheimnisvolle Angestellte der New Yorker Verkehrsbetriebe erklärt, wie die "Metrocard", eine Magnetkarte zum Bezahlen von U-Bahn und Bus, funktioniert. Red riskiert fristlose Entlassung und Verlust der Pension, aber er will vor einem orwellschen Szenario warnen: Jede Benutzung der elektronischen Fahrkarte werde detailliert im Zentralrechner protokolliert.
Spontan organisieren die Hope-Teilnehmer einen allgemeinen Kartentausch, um ihre Spuren in den Datenbanken zu verwischen. "Wir leben zwar noch nicht in einem Polizeistaat, aber man sollte vielleicht rechtzeitig mit Gegenmaßnahmen anfangen", findet Red.
Für Privatdetektiv Steven Rambam ist die elektronische Fahndung längst Alltag. Für ein paar Dollar bekomme er im Datennetz jede Information, die er sich nur wünschen könne. Er findet seine Verdächtigen in den Datensammlungen von Kreditkartenunternehmen, bei Führerscheinbehörden, Abonnentenregistern von Zeitschriften oder den Datenbanken von Fluglinien. "Ein wundervolles Werkzeug", schwärmt der Ermittler.
Seine Schlußfolgerung ist paradox: Datenschutz funktioniere sowieso nicht. Alle Informationen sollten deshalb öffentlich zugänglich sein. Schließlich habe jeder das Recht herauszufinden, ob sein Kindermädchen drogenabhängig oder sein Nachbar ein verurteilter Mörder sei. Eine amerikanische Internet-Firma baut in diesem Sinne eine Datenbank mit den Namen "überführter Kinderschänder" auf.
Das "Informationszeitalter" beginnt seinem Namen gerecht zu werden, und im Spannungsfeld von Politik und Kapital, so scheint es, ist für den romantisch verklärten Freizeithacker kein Platz mehr. Kreditkartendaten, Paßwörter, Konstruktionsdaten - ein paar Bits in den falschen Händen können Millionen wert sein.
Amerikanische Gesetze stellen inzwischen schon den bloßen Besitz von Gerätschaften unter Strafe, die zur Manipulation von Telefon- oder Computersystemen geeignet sein könnten. In einigen Bundesstaaten können sogar Bauanleitungen ihren Besitzer ins Gefängnis bringen.
Scheinbar emotionslos schildert "Bernie S." seine Erlebnisse. Weil er eine "Red Box" gebastelt hatte - einen Signalgenerator, der Münztelefonen den Geldeinwurf vorgaukelt - und Hackersoftware besaß, verbrachte er 18 Monate hinter Gittern. Auf seiner Odyssee durch verschiedene Hochsicherheitsgefängnisse wurde er von Gewalttätern zusammengeschlagen und mißhandelt, vollständig erholt hat er sich bis heute nicht.
"Hackt eure eigenen Rechner, dann bekommt ihr auch keinen Ärger", rät Winkler. Am letzten Tag des Treffens gelingt es einem blassen Jungen tatsächlich, in den vermeintlich gut gesicherten Hope-Rechner einzudringen. "Eine reife Leistung", meint der Betreuer der Hacker-Bastion, "wir haben jeden seiner Tastendrücke verfolgt, und er ist trotzdem reingekommen." Offen bleibt, ob ihm dieses Talent demnächst ein Vorstellungsgespräch oder ein Gerichtsverfahren einbringen wird.
Von J. Scriba und

DER SPIEGEL 34/1997
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