18.08.1997

„Ein Schuß vor den Bug“

Gerade aus der Reha-Klinik entlassen, erzählt TV-Star Manfred Krug von seiner Begegnung mit dem Tod, seiner Freundschaft mit dem im März verstorbenen Schriftsteller Jurek Becker, seiner DDR-Vergangenheit und seinen Zukunftsplänen.
SPIEGEL: Wie geht es Ihnen, Herr Krug?
Krug: Der Herrgott hätte tiefer in die Tasche greifen können. Er wollte noch nicht. Ich habe in der Reha-Klinik Menschen gesehen, denen es schlechter gegangen ist.
SPIEGEL: Was war passiert?
Krug: Ich hatte einen Schlaganfall. Ein bißchen verschlampt mein Herz, mein Herzschlag, mein Herzrhythmus, alles das. Nicht sehr ordentlich gelebt, Zigarren geraucht - tu ich immer noch, wie Sie sehen -, öfter mal einen gezwitschert. Da kann man nicht viel erwarten.
SPIEGEL: Also kein Blitz aus heiterem Himmel?
Krug: Ich bin nie zu einem Kardiologen gegangen, das war mein Fehler. Ich hatte meinen Hausarzt um die Ecke, der hat seine Quickwerte genommen und den Blutdruck gemessen. SPIEGEL: Gab es Warnsignale, das Kribbeln im linken Arm oder Bein?
Krug: Signale gab es nicht, eher schlechte Laune. Ich spürte mein Herz, den gestörten Rhythmus. Vor sieben Wochen ist es dann geschehen. Ich fiel um. Danach lag ich eine Woche in der Charité und anschließend vier Wochen in Wandlitz.
SPIEGEL: Ausgerechnet in Wandlitz, wo die DDR-Bonzen ihr trautes Heim hatten?
Krug: Das hat mich überhaupt nicht gestört. Die hatten da in der Klinik ein Zimmer für mich frei, es gab gutes Essen, gute Schwestern, gute Ärzte. In den vier Wochen habe ich dann Bohnen gegrabbelt, Bällchen gedreht, wieder ordentlich Gehen gelernt. Und jetzt bin ich zu Hause auf meinem Dach, und die Wörter, die mir nicht einfallen wollen, werden immer weniger.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich wiederhergestellt? Krug: Es fehlen noch ein paar Prozent an hundert. Wieviel sage ich Ihnen nicht.
SPIEGEL: Immerhin, die Zigarren scheinen schon wieder zu schmecken. Krug: Ich nehme jetzt die kürzeren und eine weniger, aber ganz aufhören möchte ich nicht.
SPIEGEL: Was steht denn so alles auf der Verbotsliste?
Krug: Ich lass'' mir jenseits der sechzig nicht so gern alles aufzählen, was ich nicht mehr darf. Das ist ja furchtbar. Ein bißchen Leben muß übrigbleiben. SPIEGEL: Also weiter so wie vorher?
Krug: Morgens eine Tasse Kaffee, abends drei Gläschen Wein und ein Zigärrchen. Und wenn die Zeit abgelaufen ist, dann muß man auch mal tschüß sagen.
SPIEGEL: Als ob nichts gewesen sei?
Krug: Nein, sicher war das eine Zäsur in meinem Leben. Ein Schuß vor den Bug. Da wird dir ganz anders, wenn du plötzlich aufwachst und dich fragst: Wie wird das Wort, das dir gerade durch den Kopf geht, eigentlich geschrieben?
SPIEGEL: Konnten Sie lesen?
Krug: Ich konnte zwar etwas lesen, erinnerte mich aber dann nicht, wie es geschrieben wird. Nicht mal meine Unterschrift, die ich abertausendfach auf Autogrammkarten gekritzelt habe, konnte ich noch. Ein Hammer. Der einzige Trost war, daß der Arzt sich zu mir runterbeugte und begütigend sagte: "Das wird wieder."
SPIEGEL: Und das berühmte Krugsche Mundwerk?
Krug: Ich konnte nicht sprechen. Ich konnte nicht sagen: "Gib mir die Tabletten." Ich wußte genau, was ich wollte, aber wie sie hießen, diese kleinen, weißen Dinger, das wußte ich nicht. Ich mußte erst wieder lernen zu sagen, was ich will und - noch wichtiger - was ich nicht will. Ganz allmählich. Jetzt kann ich''s wieder, und schreiben kann ich auch wieder, mit dem Computer und mit der Hand.
SPIEGEL: Wie steht es mit dem Gedächtnis, erinnern Sie sich noch an alles?
Krug: Wie es passiert ist, das habe ich vor Augen, ich war ja immer bei Bewußtsein. Mein Gehirn arbeitet wieder, freilich nur im Rahmen meiner vorherigen Möglichkeiten. Es gibt nicht mehr Lücken als vorher. Der ganz gewöhnliche Alzheimer saß auch früher schon mit am Tisch. Aber da sind Konzentrationsschwächen, die ich vorher nicht kannte, ein Gefühl der Angestrengtheit.
SPIEGEL: Hatten Sie Todesangst?
Krug: Nee, komischerweise nicht.
SPIEGEL: War Ihnen in dem Moment klar, daß das ein Schlaganfall war?
Krug: Entschuldigen Sie, nein, es war doch das erste Mal. Ich hatte vorher noch nie einen. Ich hatte Angst dazuliegen, alles zu verstehen und nichts sagen zu können. In der Klinik haben sie mich dann aufgeklärt, wie so etwas abläuft. Das verdickte Blut, der Knall im Gehirn, der Ausfall einiger Teile.
SPIEGEL: In Wandlitz haben sich die dann wieder regeneriert. Wie war der Aufenthalt dort?
Krug: Viel an die frische Luft bin ich nicht gekommen, obwohl es dort einen schönen Park gibt. Aber bei mir ist es nun mal so, wenn ich herumspaziere, dann werde ich beobachtet, wenn ich im Park auf einer Bank sitze, dann muß ich quatschen und lauter kleine Interviews geben, das ist nicht immer angenehm. Ich habe mein Zimmer so gut wie nicht verlassen, nur zu den jeweiligen Übungen.
SPIEGEL: Die Medien, insbesondere die Boulevardblätter, haben sich doch sicher rührend um sie bemüht.
Krug: Die haben mir aufgelauert, das war unangenehm. Aber ehe sie wachgeworden waren, lag ich schon acht Tage in der Charité. Ich wollte meine Krankheit für mich allein haben. Krankheit gehört zu den intimen Sachen. Das, was sie dann noch kriegen konnten, haben sie sich aus den Fingern gezutzelt. Ich kann zufrieden sein, diesmal hatten sie Mitleid.
SPIEGEL: Nun traf Sie ja auch der Schlag just in dem Moment, wo sie auf dem Gipfel Ihrer Popularität stehen.
Krug: Was heißt denn das? Da stand ich immer schon, sozusagen seit meinem 23. Lebensjahr.
SPIEGEL: Durch die Werbung für die Telekom-Aktie ist Ihr Sympathiewert in letzter Zeit doch noch deutlich höher geklettert. Es sagen nicht wenige, daß die Telekom ohne die Werbespots mit Ihnen längst nicht den grandiosen Erfolg gehabt hätte. Unter den Deutschen ist neuerdings ein hektisches Interesse am Aktiengeschäft aufgekommen. Daran sind Sie ja wohl nicht ganz unbeteiligt.
Krug: Mit dieser Aufgabe war ich schließlich nicht allein. Ich weiß auch nicht, ob Sie da richtig liegen. Mein Eindruck ist: Freilich ist ein Schauspieler gut beraten, dem das Publikum anmerkt, daß er nachgedacht hat. Darin sehe ich ohnehin meine Hauptaufgabe. Ansonsten mache ich wenig Faxen - wie immer - und das hat genügt.
SPIEGEL: Hatten Sie keinen Bammel, daß Sie da vielleicht auf einen lahmen Gaul setzen?
Krug: Und ob. Ich habe mich vorher eingehend mit diesem Gang der Telekom an die Börse beschäftigt, habe dem Chef meiner Agentur Löcher in den Bauch gefragt. Trotzdem hätte es schiefgehen können. Es ist gutgegangen.
SPIEGEL: Waren Sie nur der Darsteller in den Spots oder mehr?
Krug: Ich bin immer mehr als der Darsteller in einer Szene. Ein TV-Spot ist wie ein kleiner Film. Und alles, was mich über die Schauspielerei hinaus beim Film interessiert, interessieren muß, das muß mich auch in der Werbung interessieren. Wir mußten herausfinden, wie diese Werbung klingen soll, wie sie aussehen soll. Und wir waren uns einig, daß sie nicht in 20 Einstellungen zerhackt werden sollte, wie das üblich ist. Ich wollte, daß zusammenhängende Sätze gesprochen werden.
SPIEGEL: Immer wenn Sie ihren Kopf für etwas in der Werbung hingehalten haben, erschienen in der Presse Artikel mit vorwurfsvollen Untertönen, daß da ein Ex-DDRler die kapitalistische Warenwelt bediene und an ihr verdiene - "Litfaßsäule Krug".
Krug: Das ist doch nett, wenn sich die BAMS darüber aufregt, wo sie selber zur Hälfte von Anzeigen lebt. Toll, wenn ein dicklicher, kahlköpfiger Alt-Ossi zur Litfaßsäule wird. Niemand wird dazu, den die Leute nicht leiden mögen.
SPIEGEL: Wie kommen Sie an Ihre Werbeverträge?
Krug: Man schreibt mir. Ich habe keinen Agenten, weil ich ohnehin alles selber lesen muß, einen Werbespot ebenso wie ein Drehbuch. Das macht keiner besser.
SPIEGEL: Nach dem Motto: Mir kann keener.
Krug: Na ja! Wenn ich eine TV-Serie angefangen habe und die Drehbücher werden schlechter, kann ich nicht einfach aussteigen. Im Gegenteil, ich sehe es als besondere Herausforderung an, eine Serie zu Ende zu bringen, notfalls auch durch Drehbuchänderungen. Ansonsten kann ich mit einem Abstand von zwei bis drei Jahren sagen: Gut, das war''s, ich mach'' es nicht mehr. Und in der Werbung ist es genauso.
SPIEGEL: Gibt es weitere Telekom-Werbespots mit Ihnen?
Krug: Das kann ich mir vorstellen, warum nicht. Je älter ein Mensch wird, desto eher muß er mit dieser oder jener Krankheit rechnen. Das schadet seinem Urteilsvermögen nicht. Die älteren Leute sind zunehmend ein wirtschaftlicher Faktor. Auch für sie muß man Werbung machen. Und wenn es für mich keine Werbung mehr gibt, dann gibt es keine.
SPIEGEL: Der wirbt für das Telefon und selber hat er keines, so stand es im FOCUS und in der TAZ.
Krug: Sie sehen, ich habe gelacht.
SPIEGEL: Setzen Sie eigentlich selber solche Enten in die Welt?
Krug: Was soll das? Wenn ich jemandem sage, ich habe kein Telefon, dann brauche ich ihm meine Nummer nicht zu geben. Das wird jeder Mensch verstehen, solange er nur versteht, daß ich nicht jedem meine Nummer geben kann. FOCUS hat sie zum Beispiel nicht.
SPIEGEL: An ihr Privatleben lassen Sie niemanden ran?
Krug: Ich lasse mich nicht gerne nerven. Es gibt Schauspieler, die mögen das, die glauben, wenn man unentwegt in der Presse vorkommt, mit allem möglichen Kram, dann ist man aktuell.
SPIEGEL: Es gab ja in diesem Jahr für Sie schon vor dem Schlaganfall ein Ereignis,
das nicht leicht zu verkraften ist, der Tod Ihres Freundes Jurek Becker.
Krug: Das war im März, als er starb. Und ich kann fast nicht glauben, daß er weg ist. Wenn es klingelt, denke ich immer noch: Jetzt kommt Jurek.
SPIEGEL: Ihre Freundschaft dauerte 40 Jahre und war ungewöhnlich eng. Hat der Tod des Freundes vielleicht auch Ihre Gesundheit angegriffen, sozusagen ihr Herz aus dem Rhythmus gebracht?
Krug: Ursächlich wohl kaum. Aber einen Zusammenhang kann ich mir vorstellen. Mich hat Jureks Tod umgehauen. Ein tiefer Schmerz und ein Verlust, wie ich zuvor noch keinen erlebt habe.
SPIEGEL: Nicht mehr zu ersetzen?
Krug: Es ist ein kontinuierlicher Prozeß. Mit jedem Jahr, das man älter wird, spürt man, daß man weniger treue, echte Freunde erringen wird. Am dichtesten läßt man die Menschen an sich heran, wenn man jung ist, da riecht keiner nach Schweiß, da nervt keiner, da ist keiner aufdringlich, und je älter man wird - es ist schrecklich, aber es ist so -, desto mehr sortiert man aus und sagt, ach nee, das ist ''ne Nervensäge, ach nee, der ist anstrengend, ach nee, was hat der denn für ''ne Frau. Deshalb ist der Verlust so groß. Man hat die wenigen Menschen ganz dicht an sich herangelassen, und die haben einen auch ganz dicht an sich herangelassen, so entstehen diese wertvollen Freundschaften der Jugend.
SPIEGEL: Im Alter gibt es so etwas nicht mehr?
Krug: Das will ich nicht sagen. Ich schließe auch heute noch Freundschaften, zum Beispiel bei der Arbeit. Aber das ist etwas anderes. Man würde solchen Menschen nicht alles sagen. Nicht jede Pleite, nicht jede Verzweiflung, nicht alles, was einem mißglückt. Für mich ist das eine besondere Qualität, wenn man einem Freund sagen kann, was einem mißglückt ist.
SPIEGEL: In den Anfangsjahren Ihrer Freundschaft haben Sie und Becker sich als Brüder ausgegeben.
Krug: Damals waren wir ein verspieltes Duo, brüderlich verbunden. Er hat mir vieles gegeben, was ich nicht hatte: seine jüdische Art von Humor, seinen Geist. Dafür hatte ich den etwas derberen Humor der preußischen Art zu bieten. Jurek war einerseits komischer, andererseits ernsthafter als ich. Er nahm die Politik wichtiger. Das erklärt, warum er so früh in die Partei eingetreten ist, mit 16 Jahren. Er war kein Bohemien, der sich in den Bars auf der Suche nach Abenteuern herumtrieb. Er war immer eine Stunde früher zu Hause. Ich konnte ihm praktische Ratschläge geben, wie man einen Kahn fährt oder wie man die Zündung an einem Auto einstellt. Wir ergänzten uns prächtig in unserer Unterschiedlichkeit.
SPIEGEL: Wie war das in den letzten Monaten und Wochen vor seinem Tod, als abzusehen war, daß seine Überlebenschancen immer geringer wurden und er seinem Krebsleiden erliegen wird?
Krug: Er hat lange geglaubt, daß die Medizin ihm doch noch Hilfe bringen würde. Bei all den schweren Operationen war er unglaublich tapfer. Er wollte die Krankheit nicht obsiegen lassen. Als ich ihn schon nicht mehr besuchen konnte, schien er noch immer zu kämpfen. Seine letzte Arbeit waren 18 Folgen "Liebling Kreuzberg". Er hat die Arbeit beendet und starb.
SPIEGEL: Haben Sie über seinen Zustand mit ihm gesprochen?
Krug: Er hat mir die nächste Attacke der Mediziner gegen seine Krankheit erklärt. Wir redeten um den Tod herum.
SPIEGEL: Denkt man beim Tod eines so engen, gleichaltrigen Freundes nicht auch daran, daß die Einschläge näher kommen? Der nächste könnte mich treffen.
Krug: Das schreckt mich nicht so sehr. An meine Unsterblichkeit glaube ich schon lange nicht mehr. Ich bin dem Tod schon ein paarmal begegnet, einmal hoch in den Anden, als mich eine schwere Krankheit niederraffte. So manches Mal habe ich schon überlegt, wann er kommt und wie er aussieht. Ich habe schon mal gesagt: Nu mach, komm, mach hinne. Das ist eine Sache, die steckt man vielleicht besser weg, als einen zu verlieren, den man liebt.
SPIEGEL: Vor zehn Jahren haben Sie im FAZ-Fragebogen auf die Frage: Was möchten Sie sein? geantwortet: "Gesund und munter bis ins hohe Alter."
Krug: Wer möchte das nicht? Gesund und munter bis zum Tod. Ich habe aber in demselben Fragebogen noch eine sehr viel schönere Antwort gegeben. Bei der Frage: Wie möchten Sie sterben? habe ich gesagt: "Ottilie, geh doch mal in die Küche und hol'' mir ''ne Flasche Bi ..."
SPIEGEL: Gesund und munter ...
Krug: ... bis zum i.
SPIEGEL: Jurek Becker, der ein halbes Jahr nach Ihnen der DDR den Rücken kehrte, hat 1990 gesagt: Ich habe mir die Einheit nicht gewünscht.
Krug: Ich halte es lieber mit Willy Brandt und seinem Satz, daß wieder zusammenwachsen wird, was zusammengehört. Und wenn das bisher noch nicht so ganz geklappt hat, dann ist das nicht verwunderlich, nach dem, was die Menschen in der DDR hinter sich haben, den Gröfaz, die Mauerbauer. Und leider sind viele dann auch noch von den eigenen Brüdern und Schwestern über den Tisch gezogen worden. SPIEGEL: Ist das der Grund, warum so viele Ostdeutsche lamentieren?
Krug: Es ist einer der Gründe. Es geht ihnen schlecht, es sollte ihnen besser gehen. Sie haben weniger Arbeit, sie sollten mehr haben. Sie haben aufzuholen, nachzuleben. Der Solidaritätsbeitrag steht ihnen so lange zu, bis sie sich berappelt haben. SPIEGEL: Warum zeigten sich so viele Ostdeutsche überrascht, wie es im Westen zugeht? Das westdeutsche Fernsehen war doch drüben ziemlich präsent. Ist das Fernsehen nicht in der Lage, Wirklichkeit zu transportieren?
Krug: Viele Leute haben sich vom Werbefernsehen entzücken lassen. Die guten, kritischen Sendungen, die deutlich machten, was faul ist im Staate Dänemark, hinterließen offenbar wenig Eindruck.
SPIEGEL: Überrascht Sie das Phänomen der DDR-Nostalgie?
Krug: Nein. Es gab ja auch ein paar Millionen DDR-Einwohner, die wollten die Einheit gar nicht. Die wußten, was sie an der DDR hatten, mollig warm war''s da für viele Leute. Natürlich war das auch ein Gemisch von Motiven und Erwartungen. Sicher war nicht allen Leuten, die im Herbst 1989 für die Einheit demonstrierten, klar, was das auch alles bedeuten konnte: Arbeitslosigkeit auf der einen Seite und andererseits eine Arbeitseffektivität von einem ganz anderen Ausmaß.
SPIEGEL: Und wie stehen Sie zu dem Verdikt Ihres Freundes Becker: "Die Ostdeutschen und die Westdeutschen mögen sich einfach nicht - und zwar aus guten Gründen"?
Krug: Diesen Satz halte ich für Unsinn. Was heißt, sie mögen sich nicht? Die Westdeutschen sind 40 Jahre Westdeutsche gewesen, die Ostdeutschen sind 40 Jahre Ostdeutsche gewesen. Ansonsten wollen sie doch das gleiche. Alle wollen ihren Frieden haben, ihren Job, ihr Brot, ein Häuschen oder ''ne Wohnung, die sie bezahlen können, alle wollen dasselbe.
SPIEGEL: Sie haben ja wie nur wenige andere beide Deutschländer intensiv in unterschiedlichen Lebensphasen erlebt.
Krug: Bis zu meinem 14. Lebensjahr war ich im Westen. Dann kam ich 1951 von meiner Oma aus dem zerbombten Duisburg, meiner Heimatstadt, zu meinem Vater in die DDR. Ich habe das damals nicht als unangenehm empfunden. Denn ich war eine arme Sau, und in der DDR waren irgendwie alle arme Säue. Das gefiel mir besser als im Westen, wo ich in meiner Kindheit in der Schweizer Straße die sozialen Unterschiede sah: Fabrikantensöhne fuhren mit dem Tretroller, und ich mußte mir aus zwei Paar alten Socken einen Hockeyball zusammendrehen.
SPIEGEL: Fiel Ihnen die Umstellung leicht?
Krug: In der DDR habe ich die ersten Jahre als eine Zeit fruchtbarer Auseinandersetzungen empfunden. Ich habe mich da keineswegs unwohl gefühlt. Mir schien es dort Gleichheit zu geben. Der Sozialismus hat mir damals eingeleuchtet. Den Marxismus-Leninismus in dem Unterrichtsfach Gesellschaftswissenschaft fand ich spannend. Obwohl ich nicht organisiert war, weder in der FDJ noch später in der Partei, habe ich das alles mit Aufmerksamkeit und mit Sympathie beobachtet.
SPIEGEL: Damals war also alles in Butter für Sie?
Krug: In Butter? Natürlich hatte ich als junger Bursche keine Ahnung von den Dingen, die sich parallel abgespielt haben, von den stalinistischen Säuberungen, den Schauprozessen, den Sauereien in Ungarn, und so weiter.
SPIEGEL: Ihr Freund Becker hat sie einmal eine Optimismusmaschine genannt.
Krug: Ja, da ist was dran, ich habe immer vorwärts gemacht und gedacht. Auch damals in der DDR war ich immer positiv gestimmt, bis sich die Regierenden nach dem Biermann-Rausschmiß 1976 plötzlich mir gegenüber von der fiesesten Seite zeigten, was sie ja bis dahin nie getan hatten. Ständig fuhren Autos hinter mir her, Konzerte wurden mit speziellem Publikum besetzt, Rollen gestrichen, Filme abgesetzt und andere Schweinereien angezettelt.
SPIEGEL: Sie waren damals einer der erfolgreichsten Filmschauspieler und Musiker in der DDR.
Krug: Bis dahin hatte ich immer gesagt, es läßt sich aushalten in der DDR. Man kommt da durch. Natürlich gab es einige Punkte, die an die Nieren gingen: Einmarsch in die CSSR oder das 11. Plenum. Was machen die jetzt wieder, fragten wir uns, jetzt hauen uns die wieder auf den Kopf. Dann der Rausschmiß Biermanns. Aber im Prinzip war ich eine Optimismusmaschine. Da hatte Jurek ganz recht. Er konnte es sich nicht leisten, eine Optimismusmaschine zu sein wie ich, er war politisch gebunden, ich war frank und frei.
SPIEGEL: In den öffentlichen Äußerungen von Jurek Becker in den letzten Jahren fiel ein deutlich pessimistischer Grundzug auf. Er sah die Menschheit auf dem Weg in den Abgrund, die Gesellschaft in immer mehr Oberflächlichkeit erstarren. Er glaubte, daß die Zeit der Bücher und der ernsthaften Literatur zu Ende gehe. Teilen Sie diese Befürchtungen?
Krug: Ja. Doch! Sie etwa nicht?
SPIEGEL: Muß es denn immer gleich die ganze Menschheit sein? Trübt einem da nicht die egozentrische Perspektive etwas den Blick?
Krug: Aber es ist nun mal die Menschheit, von der jedes Jahr über 12 Millionen Kinder sterben, das sind nicht Sie und nicht ich. Und einem Schriftsteller geht diese Menschheit vielleicht auch etwas mehr durch den Kopf, die Menschheit in Indien, die Menschheit in Afrika, die Menschheit, die sich immer weniger helfen kann, die immer größer wird, die ihre Ressourcen aufbraucht und alles zerschlägt was mal ein Ganzes war. Diese Menschheit ist wohl gemeint, über die grübele ich auch nach und habe den Eindruck, wenn wir nicht furchtbar aufpassen, wenn wir nicht bald anfangen ...
SPIEGEL: ... das hört sich jetzt wie die Sonntagsreden der Politiker an ...
Krug: ... nein. Ja. Wenn die Sonntagsreden der Politiker so sind, dann sind sie so schlecht nicht.
SPIEGEL: Gerade Künstler retten sich angesichts der Katastrophen und menschlichen Unzulänglichkeiten oft in eine Haltung, alles nur noch als große schwarze Komödie zu betrachten.
Krug: Wenn es nicht so eine große Tragödie wäre, die da abläuft, könnte ich mich vielleicht auch auf diese Ersatzkonstruktion einlassen. Und in dem Schauspiel, das die Parteien in Bonn zur Aufführung bringen, sehe ich deutlich die realsatirischen Elemente. Aber die Tragödie, die ich sehe und die Jurek sah und über die wir oft gesprochen haben, verschwindet dadurch nicht.
SPIEGEL: Beckers großer Erfolg mit der TV-Serie "Liebling Kreuzberg", die er Ihnen auf den Leib schrieb ...
Krug: ... die er aber auch ein bißchen von meinem Leib heruntergeschrieben hat. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber mein ganzes Leben habe ich offenbar nur Rollen gespielt, die mir auf den Leib geschrieben worden sind ...
SPIEGEL: ... also noch mal, "Liebling Kreuzberg" hat beim Autor selbst zwiespältige Gefühle ausgelöst. Viel lieber hätte er mit seinen Romanen ein solches Echo hervorgerufen.
Krug: Jurek war ein großer Humorist. Vielleicht hätte er noch mehr komisch-tragikomische Sachen schreiben sollen. Ich glaube, das war seine wirkliche Stärke. Vielleicht war so ein Stoff wie "Amanda herzlos" nicht ganz seine Sache.
SPIEGEL: Sie selbst haben, wie es aussieht, keine Probleme damit, ihre Stärken zu erkennen und auszuspielen.
Krug: Ach wo. Wer weiß, ob es Stärken sind. Ich kann nur hoffen, daß es welche gibt, die ich noch nicht wahrgenommen habe - aus Zeitmangel, weil ich viel zu viel Schrott zusammengespielt habe. Ich überlege sehr vorsichtig, noch einmal etwas anderes zu wagen, etwas, das immer zu kurz gekommen ist.
SPIEGEL: Eine neue Ökonomie Ihrer Talente im Alter?
Krug: Ja, auch wenn sich dann herausstellt, daß ich mich überschätzt habe. Die Schauspielerei, jedenfalls eine bestimmte Art davon, das funktioniert ja. Die Mitmenschen sehen es gerne und freuen sich daran. Aber vielleicht glückt mir ja noch etwas anderes.
SPIEGEL: Woran denken Sie da konkret?
Krug: Schreiben. Geschichten schreiben. Das könnte ich mir vorstellen, wenn ich wieder gesund bin und nicht mehr so schaumgebremst, wie ich mir im Augenblick vorkomme.
SPIEGEL: Bei der Gedenkveranstaltung im April zu Beckers Tod haben Freunde von ihm aus seinen Büchern vorgetragen. Sie haben einige Postkarten vorgelesen, die Becker an Sie und Ihre Frau Ottilie geschickt hat.
Krug: Ich hatte bei der Beerdigung von Jurek eine Passage aus "Jakob der Lügner" vorgelesen und bemerkte plötzlich, daß ich etwas anderes hätte finden müssen. Es war sein erfolgreichstes Buch, aber mir schien der eigentliche Jurek, der lachende, der erheiternde Jurek, wie ich ihn kannte, zu kurz gekommen zu sein. Ich wollte den Jurek lesen, der nicht auf Reich-Ranicki oder sonst einen Kritiker schielt, der einfach komisch ist, frei von der Leber weg. Mir fielen seine Postkarten sein. Das war es. Für das Auditorium in der Akademie der Künste schien es wie eine Erlösung zu sein. Viele kannten ihn ja, und sie waren entzückt.
SPIEGEL: Beim Vorlesen der letzten Postkarte von ihm, die er zwei Monate vor seinem Tod schrieb, haben Sie dann das Heulen bekommen.
Krug: Daß mich bei der letzten Postkarte die Tränen übermannt haben, hing damit zusammen, daß sie von besonderer, geradezu erschütternder Brutalität war. Viele heulten. Die heiteren, hübschen Miniaturen - dann der Hammer. Ach, es war eine schöne Veranstaltung. SPIEGEL: Inzwischen haben Sie aus diesen Postkarten, die Sie und Ihre Frau im Laufe all der Jahre erhalten haben, ein Buch zusammengestellt und mit Kommentaren versehen. Der Bogen der Sammlung spannt sich von 1956 bis 1997. Warum haben Sie das gemacht?
Krug: Ich finde, selbst auf die Gefahr hin, mir den Zorn vieler Becker-Leser zuzuziehen, daß die Postkarten zum Schönsten gehören, was Jurek geschrieben hat.
SPIEGEL: Sie scheinen ja mächtig stolz auf Ihre Sammlung zu sein?
Krug: Na klar. Wir sind stolz, daß er uns diese Karten geschrieben hat. Er hat uns seiner Mühe für würdig befunden, verstehen Sie? Als ich ihm sagte, daß es lauter kleine Kunstwerke seien und daß man sie veröffentlichen müßte, hat er geantwortet: "Das wird schwer werden, mein Lieber. Dazu müßtest du mich überleben."
SPIEGEL: Herr Krug, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Rolf Rietzler in Krugs Berliner Dachwohnung. * Am 8. Juli, rechts Ehefrau Ottilie.
Von Rolf Rietzler

DER SPIEGEL 34/1997
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 34/1997
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ein Schuß vor den Bug“

Video 00:33

Waghalsiger Stunt Mountainbiker springt über "Tour de France"-Gruppe

  • Video "Licht aus für Trump: Der Versprecher, die Ausrede, das Desaster" Video 03:37
    Licht aus für Trump: Der Versprecher, die Ausrede, das Desaster
  • Video "Rettungsaktion: Helikopterpilot wagt spektakuläres Manöver" Video 01:27
    Rettungsaktion: Helikopterpilot wagt spektakuläres Manöver
  • Video "Wetterphänomen Habub: Frau von plötzlichem Sandsturm eingeschlossen" Video 01:47
    Wetterphänomen "Habub": Frau von plötzlichem Sandsturm eingeschlossen
  • Video "Land unter in Alcúdia: Mini-Tsunami auf Mallorca" Video 01:02
    Land unter in Alcúdia: Mini-Tsunami auf Mallorca
  • Video "Trump zu Russland-Äußerungen: Alles nur ein Versprecher?" Video 00:00
    Trump zu Russland-Äußerungen: Alles nur ein Versprecher?
  • Video "Wie im Actionfilm: US-Polizist schießt durch eigene Windschutzscheibe" Video 01:11
    Wie im Actionfilm: US-Polizist schießt durch eigene Windschutzscheibe
  • Video "Gefahr am Badesee: Wie man Ertrinkende erkennt - und rettet" Video 03:06
    Gefahr am Badesee: Wie man Ertrinkende erkennt - und rettet
  • Video "Schwarzenegger zu Trump: Weichgekochte Nudel, Fanboy!" Video 01:07
    Schwarzenegger zu Trump: "Weichgekochte Nudel, Fanboy!"
  • Video "Trump-Putin-Gipfel: Melania, nimm das mal!" Video 02:51
    Trump-Putin-Gipfel: "Melania, nimm das mal!"
  • Video "Amateurvideo von Hawaii: Lava-Bombe trifft Ausflugsboot - 23 Verletzte" Video 01:52
    Amateurvideo von Hawaii: "Lava-Bombe" trifft Ausflugsboot - 23 Verletzte
  • Video "Was läuft schief in der SPD? Zwei Genossinnen, zwei Meinungen" Video 05:01
    Was läuft schief in der SPD? Zwei Genossinnen, zwei Meinungen
  • Video "Grönland: Riesiger Eisberg bedroht Dorf" Video 01:06
    Grönland: Riesiger Eisberg bedroht Dorf
  • Video "Prototyp aus dem 3D-Drucker: Aus diesem Reifen ist die Luft raus" Video 03:17
    Prototyp aus dem 3D-Drucker: Aus diesem Reifen ist die Luft raus
  • Video "Überschwemmungen in Indien: Riesenwellen faszinieren Schaulustige" Video 01:02
    Überschwemmungen in Indien: Riesenwellen faszinieren Schaulustige
  • Video "Waghalsiger Stunt: Mountainbiker springt über Tour de France-Gruppe" Video 00:33
    Waghalsiger Stunt: Mountainbiker springt über "Tour de France"-Gruppe