18.08.1997

„Es war quasi Liebe“

Manfred Krug und der Dichter Jurek Becker - eine legendäre Männerfreundschaft
Ost-Berlin, 1956. Im "Klub junger Künstler", einer kleinen Bar in der Klosterstraße, begegnen sich zwei hoffnungsfrohe junge Männer, beide noch keine 20 Jahre alt. Sie reden den ganzen Abend miteinander. "Wären wir Mann und Frau gewesen, hätte man das Liebe auf den ersten Blick nennen können", wird sich viele Jahre später der Schriftsteller Jurek Becker erinnern.
Der Schauspieler Manfred Krug kurz und bündig: "Es war quasi Liebe." Er schreibt das jetzt im Vorwort einer Sammlung von Postkarten, die der im März dieses Jahres gestorbene Romancier an Krug und dessen Frau geschickt hat und die Ende dieses Monats in einem illustrierten Band veröffentlicht werden*.
Damals, bei der ersten Begegnung, hatten weder Becker noch Krug ein Stück Papier dabei, um sich die Adressen zu notieren - Krug kritzelte Beckers Anschrift mit einem Bleistiftstummel auf eine Mauer, von der er sie am nächsten Tag abschrieb, Becker vertraute auf sein Gedächtnis und tauchte tatsächlich alsbald im möblierten Zimmer Krugs auf. Von da an waren die beiden unzertrennlich, ihre Freundschaft wurde schon in der DDR zur Legende. Am Anfang gaben sie sich gar als Brüder aus. Und wenn sie fern voneinander waren, bedingt durch den Militärdienst oder einen Ernteeinsatz, schrieben sie einander eben.
Fünf Jahre lang, von 1959 bis 1964, wohnten sie dann zusammen: in einem
* "Jurek Beckers Neuigkeiten". Herausgegeben von Manfred Krug. Econ Verlag, Düsseldorf; 240 Seiten; 39,80 Mark.
ehemaligen Gewürzladen in der Cantianstraße, im Bezirk Prenzlauer Berg.
Die beiden jungen Männer waren alles andere als Musterknaben im DDR-Alltag. Krug war schon von der Schauspielschule geflogen, Becker, von früh auf SED-Mitglied, eckte bald beim Philosophie-Studium an und wurde 1960 von der Uni gewiesen. Der Karriere hat es in beiden Fällen nicht geschadet: Krug brachte es Anfang der sechziger Jahre auch ohne Abschluß zum gefragten Filmschauspieler, Becker absolvierte einen Filmskript-Lehrgang in Babelsberg und arbeitete bald schon als Drehbuchautor (1969 wurde er bei der Defa fest angestellt). Zu gemeinsamer Arbeit kamen die beiden zu DDR-Zeiten indes nicht.
Als Familienväter (bei Beckers gab es zwei Söhne, bei Krugs zwei Töchter und einen Sohn) wohnten die beiden 30 Kilometer voneinander entfernt und besuchten einander regelmäßig - im strengen Turnus. Es wurde viel Skat gespielt. In Krugs Postkartensammlung klafft denn auch bis Mitte der siebziger Jahre eine Lücke. Erst als Becker, mittlerweile ein bekannter Schriftsteller, ins kapitalistische Ausland reisen durfte, gab es wieder Post. Aus Frankfurt am Main schrieb der Privilegierte im September 1976: "Der sterbende Kapitalismus kann uns nicht täuschen, auch wenn er nur Sonntagskleider trägt. Der Zusammenbruch ist nur eine Frage der Zeit, auch meiner, die Koffer sind so schwer."
Im Juni 1977 reiste Krug - nach den Querelen um die Ausbürgerung des Sängers Wolf Biermann - in den Westen aus. Danach hielt es auch Becker nicht mehr lange in der DDR. Seine erste Ehe war kaputt, aus dem Schriftstellerverband war er ausgetreten, und den Freund vermißte er "erbärmlich". Im Westen klappte es endlich auch mit der Zusammenarbeit: 1986 wurde die erste Folge von "Liebling Kreuzberg" gesendet.
Als der Hauptdarsteller dem Drehbuchautor im Jahr drauf nach Texas schrieb, daß Becker weitere Folgen liefern solle, löste das bei dem einerseits "ein freudiges Herzflattern", andererseits Bedenken aus. Die Sache habe schließlich "biographische Dimensionen", notierte er auf einer Karte: "Es läuft ja darauf hinaus, daß ich das Bild, das ich von mir habe, korrigieren soll, und das geht nicht so schnell." Und kurz darauf, Ende 1987, aus Santa Barbara: "Brecht soll hier im amerikanischen Exil gewesen sein. Wenn er sich dasselbe Hotel wie wir hätte leisten können, dann wäre es ihm ziemlich gutgegangen, aber er war sich ja zu schade zum Serienschreiben."
Kommentar von Krug: "Daß er mit sich haderte, ob er nun zu den Unterhaltungsfuzzis abgleiten oder Schriftsteller bleiben sollte, war in versteckten Bemerkungen immer zu spüren."
So richtig ernst wollte Becker auf diesen Karten wohl auch nicht werden. Überhaupt wurden die Sendungen - mittlerweile reiste Becker mit seiner späteren zweiten Frau Christine umher - zunehmend zu kleinen Bravourstücken stilisiert. Deutlich ist das Vergnügen des Schriftstellers zu spüren, einmal ganz unangestrengt und ungeniert zu schreiben.
Die Inszenierung schloß schon bald das Kartenmotiv ein, zumal sich Krugs Ehefrau Ottilie als Sammlerin zu erkennen gegeben hatte. Manche Post ging hinfort direkt an sie ("Liebste Ti"), so im Mai 1990 der Gruß; "Wenn alle um uns herum EIN Volk sind, dann wollen wir beide es doch ganz besonders sein."
Krug, der "Serienlord" (Becker), hat recht, wenn er auf diesen Karten den Beckerschen Witz in einer ganz eigenen Farbe leuchten sieht - und sich von daher auch die Berechtigung holt, diese Gelegenheitswerke nun zu publizieren. "Hat Jurek was Schöneres geschrieben als diese Postkarten?" fragt er im Buch, den Protest der Romanleser nicht fürchtend.
Auf der Abschiedsfeier für den Freund, im April dieses Jahres in der Berliner Akademie der Künste, las Krug einige dieser Karten vor. Und tatsächlich lachten viele der Zuhörer inmitten der Trauer befreit auf. Dann, beim Verlesen der letzten Karte, kamen Krug die Tränen.
"Liebe Ti", hatte Jurek Becker da Ende Januar dieses Jahres, wenige Wochen vor seinem Tod, an Krugs Ehefrau geschrieben, "ich habe ein Problem, bei dem mir niemand raten kann. Nachdem ich mit ,Liebling'' fertig bin, muß ich mich für eins von drei Roman-Projekten entscheiden. Das erste würde mindestens drei Jahre (!) dauern, das zweite etwa zwei, und das dritte kaum mehr als ein halbes, es wäre eine längere Erzählung. Wenn ich der Statistik vertraue, sollte ich mich für das dritte entscheiden; aber wenn ich auf mein Herz höre (also auf Christine), unbedingt für''s erste. Das sind Entscheidungen!
In Liebe Dein Jurek"
* "Jurek Beckers Neuigkeiten". Herausgegeben von Manfred Krug. Econ Verlag, Düsseldorf; 240 Seiten; 39,80 Mark.
Von Hage und

DER SPIEGEL 34/1997
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