25.08.1997

ZEITGESCHICHTESex, Salons und Stasi-Spitzel

Zwei Kunsthistoriker haben das wilde Treiben der DDR-Bohème erforscht. Ergebnis: das Porträt einer Subkultur von Aussteigern jenseits des politischen Widerstands.
Die beiden Volkspolizisten erschraken, als sie beim Streifengang durch den Dresdner Stadtteil Bühlau aus den Gullys der Straßen ungewöhnliche Geräusche vernahmen: laute Musik, Stimmen und Gelächter. Sofort machten sich die beiden Uniformträger auf die Suche nach den Urhebern der Kakophonie in der Kanalisation, wurden aber erst nach einer Weile fündig.
Direkt unter der Grundstraße, in den Katakomben, durch die der Loschwitzbach seinen Weg in die Elbe findet, feierten Künstler und deren Gäste ein Fest. Mehr als 100 Menschen tobten und tanzten im Untergrund. Das Ambiente war ansprechend. Weiß gedeckte Tische, Kerzen - sogar ein Klavier hatten die Organisatoren an jenem Sommerabend Ende der siebziger Jahre in die mannshoch gemauerte Bachröhre geschleppt. Die mit Taschenlampen anrückende Streife konnte das Gelage nicht beenden, kapitulierte vor der alkoholisierten Übermacht und reihte sich schließlich vorsichtig in die Feierrunde ein.
Die Dresdner Ordnungshüter hatten entdeckt, was von DDR-Medien systematisch ignoriert wurde und West-Journalisten nur selten zu Gesicht bekamen: richtige Bohèmiens im falschen Land. Dissidenten im politischen Sinne waren sie nicht, dennoch galt ihr Wirken den SED-Kulturbürokraten als zersetzend und asozial.
Anfang September eröffnet im Deutschen Historischen Museum die Ausstellung "Bohème und Diktatur", die das Leben von Malern und Literaten, Aktions- und Lebenskünstlern, Hippies und Aussteigern in seiner ganzen Breite dokumentiert.
Auf fast 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche und in einem reichbebilderten Begleitwerk* präsentieren die Kunsthistoriker Paul Kaiser und Claudia Petzold ihre "irgendwo zwischen Ar-
* Paul Kaiser/Claudia Petzold: "Bohème und Diktatur in der DDR". Fannei & Walz Verlag, Berlin; 416 Seiten; 78 Mark.
chäologie und Ethnologie" angesiedelte Forschungsarbeit.
Drei Jahre lang haben sie Archive, Dachböden und Kartoffelkeller durchstreift und gut 140 Interviews mit den Protagonisten von einst geführt.
Anders als Wolf Biermann, der nach der Enttarnung von Stasi-Spitzeln in der alternativen Kulturszene der DDR deren Mitglieder pauschal als "spätdadaistische Gartenzwerge mit Bleistift und Pinsel" diffamierte, lehnen Kaiser und Petzold eine nur am Grad des politischen Widerstands orientierte Bewertung der Bohème ab.
Für sie liegt die "reale Bedeutung" der einstigen ostdeutschen Subkultur nicht "in einer kollektivistischen Antihaltung, sondern vielmehr im massenhaften individuellen Ausstieg aus den Strukturen eines nicht länger als sinnstiftend angesehenen Systems".
Trotz ihrer Sympathie für die Aussteiger, die sich - anders als die Dissidenten - nicht in Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht aufreiben wollten, machen sich die Forscher keinerlei Illusionen über deren politisch-kulturelle Bedeutung: "Die Herausbildung einer angeblich autarken und völlig unabhängig agierenden Kunst- und Kulturszene erweist sich nach heutigem Recherchestand als Fiktion."
Wer wirklich unabhängig sein wollte, ging in den Westen, wie der Maler A. R. Penck. Als der Mann, dessen Bilder heute sechsstellige Beträge kosten, noch Ralf Winkler hieß, lebte er inmitten einer weitverzweigten kulturellen Nische in Dresden-Loschwitz. Dort artikulierten Künstler schon seit Mitte der sechziger Jahre ihre eher frankophil geprägte Sehnsucht nach einem anderen Leben. "Es war traumhaft schön. Das wird sich nicht wiederholen. Das war wie eine Woge, die die Leute umspülte", schwärmt der Dresdner Maler Klaus Dennhardt.
Im Künstlerlokal "Körnergarten" scharten sich Mitte der siebziger Jahre Schauspieler, Musiker und Ballett-Tänzerinnen um Matthias "Matz" Griebel, ein Universaltalent, das selbst den regionalen Adel wie Prinzessin Maria-Christina und Prinz Rüdiger von Sachsen anzog. Der Kreis war bekannt für wilde Feten, der Alkoholkonsum war meist enorm.
Die künstlerischen Aktionen reichten von den ersten sächsischen Multimedia-Versuchen über Kostümfeste bis hin zu sogenannten Mail-art-Aktionen einer Gruppe, die für 35 Pfennig Briefporto Kunstbotschaften dorthin sandte, wo ihre Mitglieder nicht hinfahren konnten - in alle Welt. Mit der Organisation von Fahrradtouren für Nackte verwirklichten die Mailart-Künstler zum Trost für sich und ihre Freunde eine andere Art von Reisefreiheit.
Solche Biotope der ostdeutschen "Spaßguerrilla" gab es in vielen Städten der DDR. Ein gemeinsames oder gar einheitliches Kunstverständnis gab es nicht, das einzig verbindende Element war, so Kaiser und Petzold, "die affirmative Ignoranz gegenüber den herrschenden Verhältnissen" und die Abneigung gegen Plattenbauten.
Während anständige DDR-Bürger in die Trabantenstädte, in "Fickzellen mit Fernheizung" (Heiner Müller) zogen, blieb die Bohème in den verfallenden Gründerzeithäusern der Innenstädte und erhielt sie, so gut es ging.
In Erfurt erhellten Stephanie und Rolf Lindner in unbeheizbaren Altbauräumen das Dunkel realsozialistischer Tristesse mit Hauskonzerten, Modeschauen und Tangorunden mit alten Schellackplatten. In Jena waren Hofvernissagen subversive Treffpunkte, in Berlin waren es die Keramikwerkstatt von Elfriede und Ekkehard Maaß, das Theater "Zinnober" und die Modegruppe "Allerleirauh" nebst Szenefriseur Frank Schäfer. In Halle gab es schon seit Ende der sechziger Jahre eine vernetzte Wohngemeinschafts- und Hausbesetzerszene. Es entstanden Quartiere, die - trotz Rattenplage und Außenklosetts - für das unangepaßte Milieu zu Inseln der Lebensfreude wurden.
Der Maler Wasja Götze organisierte, damals wie heute, die Petersberg-Rallye, eine tollkühne Wettfahrt über fünf Kilometer. Den wild kostümierten Radfahrern wird statt Muskelkraft vor allem Phantasie abverlangt, um die Gunst der alkoholisierten Jury zu erlangen. Wer zuerst durchs Ziel fährt, hat garantiert verloren. "Die einzige Tour", so Wasja Götze, "bei der Betrug, Manipulation und Gemeinheiten offiziell zugelassen sind."
In den siebziger und achtziger Jahren wirkte die Aktion mit bis zu 500 Teilnehmern zugleich auch als provokanter Gegenentwurf zu den verordneten Aufmärschen und DDR-Jubelparaden.
In Halle erfreute sich der "Freitags-Kreis" des Biochemikers Peter Bohley großer Beliebtheit. Über Jahre hinweg trafen sich dort 40 bis 50 Nonkonformisten zu Lesungen und Diskussionen. Die Bandbreite reichte von Hölderlin bis Kafka.
Zu Beginn jedes Treffens stülpte der Hausherr einen Kaffeewärmer über das Telefon, weil er dort eine Abhörwanze der Stasi vermutete. Doch die MfS-Leute hatten sich vom Dachboden bis in die Zimmerdecke gebohrt und dort ein Mikro installiert. Gehört haben die Lauscher wenig - der Lärmpegel war meist zu hoch. Doch Mielkes Chargen waren nicht nur technisch, sondern offenbar auch intellektuell überfordert. In einem der Abhörprotokolle notierte ein resignierter Tschekist: "Bohley liest wieder Höderlein."
Im benachbarten Leipzig residierte die Bohème zunächst in den östlichen Stadtteilen, seit Mitte der achtziger Jahre im Abrißviertel Connewitz.
In der Rosa-Luxemburg-Straße 7 bot der vom Lehrer zum Hausmeister degradierte Lutz Nitzsche seine Fünf-Zimmer-Wohnung als Treffpunkt an. Sie diente teils als Kneipe, teils als Bleibe für wechselnde Kommunen und der Band "Spontane Volkskunst" als Probenraum. Alles in allem, so erinnern sich Beteiligte, "ein kreatives Chaos aus Hippie-Exzessen, ritualisierten Lyriklesungen auf zwei Meter hohen Leitern und Lockerungsübungen mit viel Alkohol, Sex und Rock ''n'' Roll".
Auch andernorts förderte die bohèmefeindliche Gaststättenkultur der DDR die Zecherei in Künstlerateliers und Privatwohnungen. Die vorherrschenden Rauschmittel waren billige Osteuropa-Rotweine wie "Gamza", "Stierblut" oder "Caberna". Selbstangebauter Hasch-Ersatz aus Stieglitz-Futter blieb eine exotische Attitüde. Wild wuchernde Promiskuität war beinahe die Regel, auf deren Einhaltung auch nach den weltweiten Aids-Warnungen geachtet wurde. "Es waren die ewigen Jagdgründe", erinnert sich der Filmemacher Thomas Roesler.
Erst die Wende sorgte künstlerisch wie sexuell für einen Interruptus. Die Zirkel, die jahrelang dem Alltag des Arbeiter- und-Bauern-Staates getrotzt hatten, brachen jäh auseinander.
Kaiser und Petzold: "Die lose Solidar- und Notgemeinschaft, deren kleinster gemeinsamer Nenner das gemeinsame Feindbild war, verlor mit dem Ende der DDR zugleich ihr Orientierung und Identität stiftendes Bezugssystem." Die Ost-Bohème hatte plötzlich das, was ihr die SED-Kulturbürokraten auf ewig verweigern wollten: Museumsreife.
* Paul Kaiser/Claudia Petzold: "Bohème und Diktatur in der DDR". Fannei & Walz Verlag, Berlin; 416 Seiten; 78 Mark.
Von Peter Wensierski und

DER SPIEGEL 35/1997
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