06.08.2012

CSU

Stille Kämpferin

Von Müller, Peter

Im Ringen um die Nachfolge Horst Seehofers bringt sich Ilse Aigner in Stellung. Die Agrarministerin will sich absetzen vom Raufbold-Image der Partei.

Machtkämpfe werden in der Politik gern über Bilder ausgetragen, das gilt besonders für die CSU. Am vergangenen Freitag war Markus Söder, 45, zu Besuch in New York, an der Wall Street traf sich der bayerische Finanzminister mit Spitzenbankern und Börsenleuten, um über die großen Fragen der Weltökonomie zu reden. Söder mit den mächtigen Männern der Hochfinanz, nicht schlecht für einen Mann, der sich sonst mit den Fallstricken der kommunalen Finanzverfassung herumschlägt.

Dumm nur, dass Ilse Aigner, 47, am selben Tag auch auf Reisen ging. Der Flug der Bundeslandwirtschaftsministerin ging nach Rom. In der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo veranstaltete die Erzdiözese München-Freising einen Heimatabend für Benedikt XVI. Schuhplattler traten auf, Jodler ließen ihre Stimme erklingen, dazwischen Ilse Aigner und der Papst. Finanzjongleure gegen den deutschen Pontifex, am Ende des Tages war klar, wer die Schlacht um den schönsten Auftritt gewonnen hatte.

Es läuft nicht schlecht für Ilse Aigner. Wenn es darum geht, wer die CSU in die Zeit nach Horst Seehofer, 63, führt, ist Aigner zur heimlichen Kronprinzessin aufgestiegen. Zwar hat ihr schärfster Konkurrent Söder noch lange nicht aufgegeben, zu den Stärken des Franken gehört seine Zähigkeit. Aber viele in der CSU beschleicht das Gefühl, dass Söder ebenso wie Seehofer Relikte aus einer untergegangenen Epoche sind, als die CSU noch mächtig war und sie sich ständig mit dem Rest der Republik anlegen konnte.

Jetzt, da die Umfragewerte der CSU stagnieren, bedient Aigner die Sehnsucht nach einem Gegenmodell zu den Raufbolden Seehofer und Söder. In Bayern ist inzwischen aufgefallen, dass Seehofer umso schriller wird, je weniger er in Berlin Gehör findet, und Söders Problem ist sein permanent überhöhter Testosteronspiegel. Aigners Stärke liegt in ihrer demonstrativen Nettigkeit, was aber nicht mit mangelndem Ehrgeiz zu verwechseln ist. Kann sie sich vorstellen, bayerische Ministerpräsidentin zu werden? Sie sagt nicht nein, sie sagt: "Bayern ist fortschrittlicher, als viele denken."

Mittwoch vergangener Woche, Aigner sitzt beim Gipfelkreuz neben der Blaubergalm, von hier aus schweift der Blick über die Alpen im deutsch-österreichischen Grenzgebiet. Wanderer in Lederhosen gruppieren sich um die "Frau Bundesministerin". Den Hosenanzug, mit dem sie vor ein paar Stunden noch am Berliner Kabinettstisch saß, hat Aigner gegen eine dreiviertellange Wanderhose und eine blaukarierte Bluse eingetauscht.

Aigners Talent ist, dass sie bei aller Inszenierung natürlich wirkt. Lange galt sie in der CSU als Frau ohne Eigenschaften. Als sie 2008 von Seehofer die Leitung des Landwirtschaftsministeriums übernahm, wirkte sie wie eine Befehlsempfängerin der bayerischen Staatskanzlei. Zuletzt aber hat sie Härte gezeigt. Als es vor einem Jahr darum ging, den Bezirksvorsitz in der mächtigen Oberbayern-CSU zu übernehmen, griff sie beherzt zu. Und Peter Gauweilers Bewerbung für den stellvertretenden CSU-Vorsitz scheiterte, weil sie im Hintergrund die Strippen zog.

Um eines Tages Seehofer beerben zu können, darf sie aber nicht als Gewächs der Berliner Politik gelten, deswegen sorgt sie für schöne Bilder in der Heimat. Auf der Alm folgt sie geduldig den Anweisungen einer Fotografin: Aigner soll noch "a kloans Schnapserl" trinken. Ein Wanderer hat zum Glück ein Fläschchen dabei, Aigner prostet in die Kamera. "Ist's recht so?"

Aigners Zeit könnte früher kommen als gedacht. Zwar zweifelt niemand daran, dass Seehofer die CSU in die Landtagswahl 2013 führt. Doch wenn er dabei, wie aktuelle Umfragen nahelegen, lediglich ein Wahlergebnis von rund 45 Prozent einfährt, wäre das ein Debakel. Seehofer wäre ein Regierungschef auf Abruf.

Aigner hat auch deshalb Konjunktur, weil sich die Partei nach Normalität sehnt. Einst wollte die CSU Weltpolitik machen; jetzt ist es sogar denkbar, dass sie nach der Landtagswahl auf den Bänken der Opposition landet. Deswegen finden viele es anmaßend, wenn Seehofer weiterhin die alten Machtrituale pflegt. Aigner sagt: "Bürgerliche Wähler wollen Verlässlichkeit und Ruhe."

Am Berliner Kabinettstisch versteht Aigner sich mit den Leisen. Zu ihren Verbündeten zählen die Merkel-Vertraute Annette Schavan und Verteidigungsminister Thomas de Maizière. Als der noch Kanzleramtschef war und Aigner ihr Ministerium gerade von Seehofer übernommen hatte, traten Milchbäuerinnen vor dem Kanzleramt in den Hungerstreik. Aigner und de Maizière standen den Protest gemeinsam durch. Das verbindet.

Ist Bayern bereit für eine Frau an der Regierungsspitze? Aigner hat da keine Zweifel. Sie sitzt nach der Almwanderung in einem Gasthaus mit prächtigem Blick auf den Tegernsee. Sie hat sich in der CSU nach oben geboxt wie in dem Männerberuf, den sie gelernt hat - Elektrotechnikerin für Hubschrauber. Warum soll sie jetzt schon am Ende ihrer Laufbahn sein? "Die größten Schritte in meiner Karriere", sagt Aigner, "kamen immer überraschend."


DER SPIEGEL 32/2012
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