06.08.2012

ESSAY

Smarter Sensenmann

Von Kurbjuweit, Dirk

Deutschland will Kampfdrohnen anschaffen. Sind sie eine humane Waffe? Von Dirk Kurbjuweit

Ein Selbstmordattentäter braucht eine Opferbereitschaft von hundert Prozent. Der Pilot einer Drohne braucht eine Opferbereitschaft von null Prozent. In diesem Spannungsfeld wird derzeit der Krieg des Westens gegen den islamistischen Terrorismus geführt. Nichts drückt die Asymmetrie dieses Krieges besser aus. Nichts steht so symbolhaft für die Kulturen, die ihn führen. Die, die alles geben wollen, kämpfen gegen die, die nichts aufgeben wollen, Verzicht gegen Bequemlichkeit, Körper gegen Technologie, Risiko gegen Sicherheit.

Die Drohne entspringt den Bedürfnissen und Stärken des Westens wie keine andere Waffe. Außer für Bequemlichkeit, Technologie und Sicherheit steht sie auch für einen moralischen Anspruch. Denn in der Welt der Waffen ist die Drohne auf den ersten Blick eine gute. Sie fordert keine eigenen Opfer und relativ wenige beim Gegner, da sie Präzisionswaffen abfeuert. Es liegt daher nahe, dass deutsche Verteidigungspolitiker nun ebenfalls erwägen, bewaffnete Drohnen für die Bundeswehr anzuschaffen. Weil die Bundesrepublik in Kriegsdingen vergleichsweise skrupulös ist, scheint der unbemannte Flugkörper die ideale Waffe für dieses Land zu sein.

Aber stimmt denn, dass die Drohne eine gute Waffe ist? In Wahrheit wirft sie eine Menge ethischer Fragen auf. Es geht dabei um Stolz, Humanität und Recht.

In der Geschichte des Krieges gilt der Nahkampf Mann gegen Mann als besonders edel. Man braucht Kraft und Mut. Die Schwächeren, Vorsichtigeren suchen deshalb ihr Heil in der Distanz. David konnte mit Goliath fertig werden, weil er ihm dank der Steinschleuder nicht nahekommen musste.

Speer, Bogen, Gewehr und Kanone sind Erfindungen, die für Distanz zwischen den Kämpfern sorgen und damit den Schwachen und Klugen eine Chance geben. Aber die Soldaten mussten und müssen mit diesen Waffen immer noch auf dem Schlachtfeld erscheinen, sie müssen sich einem Risiko aussetzen und für den Nahkampf gerüstet sein. Das Flugzeug schuf dann noch größere Distanz, der Pilot muss aber den Mut aufbringen, sich feindlichem Feuer auszusetzen und seiner Angst vor dem Abschuss trotzen.

Der nächste große Schritt waren die Raketen. Sie verlegten die Bedienung der Waffen ins Büro. Nun konnten theoretisch auch Rollstuhlfahrer Krieger werden. Im Zeitalter der Atomraketen tragen diese Soldaten das Risiko des Gegenschlags, also das Risiko aller. Sie brauchen weder Mut noch Kraft und Geschick. Ein Knopfdruck reicht.

Die Piloten, die von den Vereinigten Staaten aus die Drohnen vom Typ "Predator" (Raubtier) und "Reaper" (Sensenmann) über Waziristan steuern, haben nur noch ein minimales Risiko. Ein Selbstmordattentäter müsste es zu ihnen schaffen, und das ist unwahrscheinlich. Gemäß alter Begriffe ist der Krieg mit Drohnen ein feiger Krieg. Feige ist demnach, wer ohne oder mit wenig Risiko gegen den kämpft, der dabei ein hohes Risiko eingeht.

In der Welt der islamistischen Krieger oder Terroristen gelten die alten Begriffe noch. Es herrscht das, was früher universell männliche Tugenden waren: Mut, Kampfeswille, Opferbereitschaft, also Kriegerstolz. Ein Selbstmordattentäter hat wahrscheinlich genau dieses Bild von sich. Allerdings ist er auch feige, weil er oft Zivilisten attackiert, also Unbewaffnete.

Für Teile der islamischen Welt sind die Drohnen Ausdruck unserer Verderbtheit, jeder Angriff befeuert die Wut dieser Leute. Sie verachten, dass ein Automat den gefährlichen Job macht und sich niemand zum Kampf stellt. Aber das muss den Westen nicht kümmern. Es ist ein Gewinn, dass die alten männlichen Tugenden nicht mehr die Gesellschaft beherrschen. Sie haben oft ins Unglück geführt, wie gerade die Deutschen wissen und mit ihnen ihre Nachbarn.

Also: Die Drohne ist nach alten Vorstellungen eine feige Waffe, ja, aber das macht nichts. Es geht nicht mehr darum, stolze Antworten auf Herausforderungen zu finden, sondern smarte. Oder man sieht es so: Der Pilot einer Drohne kann durchaus stolz sein auf die Technologie des Westens, auf die Klugheit.

Schon lange gibt es eine Diskussion darüber, ob es humane Waffen geben kann, ob also die Waffe Täter oder Opfer in irgendeiner Weise schont. Human ist in diesem Zusammenhang kein absoluter, sondern ein relativer Begriff: weniger schrecklich als andere Waffen

Die Anführer der Französischen Revolution haben die Menschenrechte in die Verfassung schreiben lassen, und sie haben die Guillotine zu ihrer Waffe gegen Abweichung gemacht. Sie wurde vom Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses, Dr. Joseph-Ignace Guillotin, propagiert und galt als human, weil der Tod schnell eintritt, anders als beim Galgen. Mit dieser "guten" Waffe haben die Revolutionäre ein Massaker angerichtet. Tausende Menschen ließen unter dem Fallbeil ihr Leben. Vielleicht wären es weniger gewesen, hätten Maximilien de Robespierre und Louis-Antoine de Saint-Just ertragen müssen, dass ihre Opfer lange Minuten am Galgen baumeln oder der Kopf erst nach einer Vielzahl von Axtschlägen fällt. Mit anderen Worten: Der Anschein von Humanität kann dazu verführen, eine Waffe oft einzusetzen.

Das Humane der Drohne ist in erster Linie, dass sie die eigenen Leute schont. Der Westen hat sich der Opferkulte zum Glück weitgehend entledigt, es geht ums Überleben, möglichst bis zum Alter von 90 oder 100. Die militärische Forschung trachtet danach, den Menschen aus den Kriegen herauszuhalten, Roboter sollen das erledigen. Die Drohne ist eine Vorstufe der künftigen Kriege, die weniger blutig sein sollen.

Gerade Deutschland ist empfindlich, wenn es um tote Soldaten geht. In ruhigen Zeiten interessiert sich niemand für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Gibt es aber Opfer, werden die Rufe laut, dass die Soldaten abziehen sollen. Die bewaffnete Drohne könnte also ein Beitrag sein, das deutsche Gemüt zu schonen.

Das gilt umso mehr, weil sie auch das Umfeld der Gegner nicht so verheert wie ein Bombardement aus Flugzeugen. Die "Hellfire"-Raketen, die von den Drohnen abgefeuert werden, können ihr Ziel punktgenau treffen und halten damit die Zahl der Opfer relativ klein.

Eine Waffe hat auch eine Psychologie, das heißt, sie wirkt auf ihre eigene Art auf das Gemüt ihrer Nutzer. Die Drohne ist gerade für den Typus des sanften, menschenfreundlichen Politikers eine Versuchung. George W. Bush, der nicht in diese Kategorie fällt, hat in den letzten vier Jahren seiner Präsidentschaft 52-mal bewaffnete Drohnen in Pakistan eingesetzt. Sein sanfter und menschenfreundlicher Nachfolger Barack Obama hat dies 285-mal getan. So wie die Drohne zu Deutschland passt, passt sie auch zu Obama. Weil sie nicht so schrecklich wirkt, liegt die Schwelle vor dem Einsatz niedrig.

Die humanste aller Waffen ist bislang die potentiell grauenhafteste, die Interkontinentalrakete mit atomarem Mehrfachsprengkopf, die eine Millionenstadt auslöschen könnte. Die Zahl ihrer Opfer liegt bei null, weil niemand gewagt hat, sie einzusetzen. Die "guten" Drohnen haben da eine weit traurigere Bilanz. Das Büro für investigativen Journalismus in London ermittelte, dass die USA von 2004 bis 2012 insgesamt 337-mal bewaffnete Drohnen in Pakistan eingesetzt haben. Zwischen 2524 und 3247 Menschen wurden getötet. Davon waren 482 bis 852 Zivilisten, einschließlich 175 Kindern. Von den vielen Übeln des Krieges sind zivile Opfer die schlimmsten.

Die hohe Quote toter Zivilisten liegt daran, dass die Amerikaner ihre bewaffneten Drohnen nicht auf einem Schlachtfeld einsetzen, sondern in der Lebenswelt der Leute, die als Terroristen gelten. In deren Nähe halten sich naturgemäß manchmal Zivilisten auf, die dann sterben müssen, obwohl die Drohnen präzise sind.

Dies ist generell ein Dilemma von Luftschlägen. Weil die westlichen Staaten die Zahl ihrer toten Soldaten niedrig halten wollen, nehmen sie zivile Opfer in Kauf. Ein Beispiel dafür ist die Bombardierung der Tanklaster bei Kunduz. Oberst Georg Klein verließ sich auf Luftbilder, statt eine Patrouille zum Fluss zu schicken. Seine Soldaten hätten sehen können, dass die Laster feststeckten, also keine Bedrohung mehr waren, und sie hätten sehen können, dass die Laster vor allem von harmlosen Dorfbewohnern umringt waren, nicht von Kämpfern. Aber dafür hätten Deutsche ihr Leben riskieren müssen, und das wollte Oberst Klein nicht. Er forderte einen Luftschlag an, über hundert Menschen starben, die allermeisten waren Zivilisten.

Die präziseste Waffe für die Jagd nach Terroristen ist immer noch ein Mann wie James Bond, aber der muss bei seinen Einsätzen sein Leben aufs Spiel setzen, weshalb man in der realen Welt die Drohne vorzieht.

Humanität in Kriegsdingen ist also eine komplexe Angelegenheit. Drohnen erscheinen als relativ human, aber darin liegt auch die Versuchung, sie einzusetzen. Sie schonen die eigenen Leute, und das ist gut, aber sie sind eine große Gefahr für Zivilisten, und das ist furchtbar. So gebiert der humane Ansatz eine besondere Inhumanität.

Es kann rechtlich weniger bedenklich sein, tausend Männer zu töten als einen oder zehn. Wenn in kurzer Zeit viele Soldaten sterben, ist das eine Schlacht, und die ist Teil eines Krieges. Das Völkerrecht erlaubt das Töten von Kombattanten in einem Kampf.

Aber ist der Einsatz von bewaffneten Drohnen gegen den Terror ein Kriegsakt? Oder ist das nicht eher die Jagd nach mutmaßlichen Verbrechern, deren Grundlage das Strafrecht sein müsste? Dazu brauchte es dann eine polizeiliche Ermittlung, einen Ankläger, einen Verteidiger, einen Richter, einen Prozess, ein Urteil.

Die Amerikaner machen all das nicht, sondern sehen sich im Krieg gegen den Terror. Allerdings ist auch umstritten, ob solche gezielten Tötungen von einzelnen Menschen im Krieg zulässig sind, da man die mutmaßlichen Terroristen womöglich festnehmen könnte.

Von Juristen gibt es dazu viele Meinungen. Es ist, wie so oft, nicht endgültig zu klären, was Recht ist und was nicht. Man kann allerdings sagen, dass die permanenten Hinrichtungen nicht zu einer demokratischen Rechtskultur passen. Schon die Revolutionäre Saint-Just und Robespierre haben sich damit ihrer Glaubwürdigkeit beraubt (und landeten schließlich selbst unter der Guillotine).

Drohnen sind eine smarte Waffe, aber auch eine tückische, weil die Ethik, die daran hängt, so kompliziert ist. Trotzdem kann es richtig sein, dass die Bundeswehr sich mit bewaffneten Drohnen ausrüstet. Damit dürfen aber keine Terroristen gejagt werden. Deutschland ist ein Rechtsstaat und ein Land ohne Todesstrafe, es sollte sich an solchen Hinrichtungen in der Ferne nicht beteiligen. Unbemannte Flugkörper sind sinnvoll, um Bodentruppen bei deren Kämpfen zu unterstützen. Zudem gehört die Zukunft der Sicherheitspolitik den Automaten, es wäre falsch, sich dieser Entwicklung zu verweigern.

Aber niemand sollte sich von dem Gedanken verführen lassen, diese Waffe sei human oder gut. Gerade die mit Raketen bestückte Drohne offenbart das Wesen des Krieges. Da sie den Einzelnen jagt, verliert das Schlachten seine Anonymität, das Opfer bekommt einen Namen, ein Gesicht, und es wird besonders deutlich, was im Krieg vor allem passiert: die Zerstörung von Menschen. ◆


DER SPIEGEL 32/2012
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