06.08.2012

ISLAM Der Pate

Millionen Muslime weltweit verehren ihn: Der türkische Prediger Fethullah Gülen inszeniert sich als der Gandhi des Islam. Seine Gemeinde findet auch in Deutschland neue Anhänger.
Das Mädchen trifft die Töne nicht, das Publikum tobt trotzdem. Es singt ein türkisches Lied, die Betonung der Wörter klingt deutsch. Der Saal ist geschmückt mit Luftballons, Girlanden in Schwarz-Rot-Gold, Sichelmonden in Rot-Weiß, die Zuschauer wedeln mit deutschen und türkischen Fähnchen.
Der Bildungsverein Academy hat zum Vorentscheid der "Kulturolympiade" ins Audimax der Technischen Universität Berlin eingeladen. Tausend Menschen sind gekommen, um sich den Talentwettbewerb anzusehen. Sie jubeln, als der Chor der deutsch-türkischen Tüdesb-Schule auf der Bühne "Mein kleiner grüner Kaktus" singt. Und sie lauschen andächtig, als eine Schülerin ein Gedicht vorträgt. Auf der Leinwand hinter ihr erscheinen Bilder von Frauen, die Kinder im Arm halten. Das Gedicht heißt "Anne", Türkisch für "Mutter"; für einen Augenblick wird der Name des Verfassers eingeblendet: Fethullah Gülen.
Gülen ist nicht irgendein Dichter, jeder im Saal kennt ihn. Gülen, geboren 1941 in der Türkei, wird von Millionen Muslimen in aller Welt verehrt. Er ist einer der einflussreichsten Prediger des Islam. Seine Anhänger haben in 140 Ländern Schulen gegründet, eine Bank, Medienhäuser, Kliniken, eine Versicherung, eine Universität.
Auch der Bildungsverein, der den Wettstreit in der Berliner Uni ausrichtet, beruft sich auf Gülen. Und so kommt es, dass viele der Teilnehmer Gülen-Schulen besuchen; dass Gülen-nahe Unternehmen die Kulturolympiade sponsern und dass Gülen-nahe Medien darüber berichten.
Deutsche und Türken, die voneinander lernen, miteinander musizieren, tanzen, klatschen - das sind die Bilder dieses Abends. Sie sollen vom friedlichen Miteinander der Religionen künden. "Wir sind die erste Bewegung in der Geschichte der Menschheit, die einzig und allein der Wohltätigkeit dient", sagt der Istanbuler Gülen-Vertraute Mustafa Yeşil.
Menschen, die mit Fethullah Gülen gebrochen haben, die das Innenleben dieser Gemeinde kennen, erzählen eine andere Geschichte. Sie berichten von einem erzkonservativen Geheimbund, einer Sekte wie Scientology. Sie berichten von einer Welt, die mit den gefälligen Bildern der Kulturolympiade nichts zu tun hat.
Die Gemeinde (Türkisch: "Cemaat") ziehe demnach ihre Kader auf der ganzen Welt in sogenannten Lichthäusern heran, einer Mischung aus Wohngemeinschaft und Koranschule. Gülen sei ihr Guru, ein Ideologe, der keinen Widerspruch dulde. Sein Streben gelte Macht und Einfluss, nicht Verständigung und Toleranz. Er träume von einem neuen Zeitalter, in dem der Islam über den Westen herrscht.
Experten kommen zu ähnlichen Einschätzungen. Der niederländische Soziologe Martin van Bruinessen sieht Parallelen zwischen der Gülen-Gemeinde und dem katholischen Geheimbund Opus Dei. Der amerikanische Historiker und Nahost-Kenner Michael Rubin vergleicht den türkischen Prediger mit dem iranischen Revolutionsführer Ajatollah Chomeini. Und US-Diplomaten halten die Gülen-Gemeinde, das geht aus den WikiLeaks 2010 zugespielten Botschaftsdepeschen hervor, für die mächtigste islamistische Gruppierung in der Türkei: "Sie kontrolliert Handel und Wirtschaft und hat die politische Szene tief unterwandert."
Die wenigsten Aussteiger sprechen über ihre Zeit in der Bewegung. Jene, die es tun, bestehen darauf, nicht mit Namen genannt zu werden. Sie haben Angst vor Gülen und seinen Leuten; sie fürchten um ihren Job, ihre Gesundheit, ihre Familie.
Einer dieser Aussteiger - für das Gespräch mit dem SPIEGEL hat er den Namen Serkan Öz gewählt - lebte ein paar Jahre lang in einem Lichthaus in einer deutschen Großstadt. Unmittelbar nach dem Abitur war er dort eingezogen. Die Predigten Gülens, die er im Internet sah, begeisterten ihn, weil sie in seinen Augen die islamische Frömmigkeit mit der westlichen Moderne versöhnten.
Einrichtung und Alltag im Lichthaus, so Öz, glichen eher der Kargheit und Strenge eines Klosters als der Leichtigkeit einer Studenten-WG. In seinem Haus wohnten nur Männer, es gab keinen Damenbesuch und auch keinen Alkohol. Ein Vorsteher, den alle Bewohner "Agabey" (großer Bruder) nannten, bestimmte den Tagesablauf - wann es Zeit war zu arbeiten, zu beten, zu schlafen. "Wir wurden wie in einem Gefängnis bewacht", erinnert sich der Aussteiger. Täglich las Öz im Koran und studierte Gülens Schriften.
Die Lichthäuser sind das Fundament der Bewegung. Junge "Fethullahçis" werden hier zu treuen Dienern erzogen. Lichthäuser gibt es in vielen Ländern: in der Türkei, den USA, allein in Berlin sind es zwei Dutzend. Die Cemaat bietet Schülern und Studenten ein Zuhause, oft kostenlos, und sie erwartet als Gegenleistung, dass sie alle ihr Leben dem "Hizmet" widmen, dem Dienst am Islam.
Im Buch "Fasildan fasila" schreibt Fethullah Gülen, ein Schüler müsse "Tag und Nacht auf Trab sein", dürfe von niemandem beim Schlafen gesehen werden: "Wenn möglich schläft er drei Stunden am Tag, hat zwei Stunden für andere Bedürfnisse, den Rest muss er voll und ganz Hizmet leisten. Im Wesentlichen hat er außer in einigen bestimmten Situationen kein persönliches Leben."
Bewohner der Lichthäuser sollen auch missionieren. Gülen erteilt in seinen
Schriften dafür Ratschläge: Die Schüler sollen die Ungläubigen als Freunde gewinnen, sich notfalls verstellen. "Mit der Geduld einer Spinne legen wir unser Netz, bis sich Menschen darin verfangen."
Je stärker Serkan Öz seinen Alltag nach den Regeln Gülens, den "Hizmet düsturlari", ausrichtete, desto weniger Freiheiten blieben ihm. Die Cemaat wollte ihm vorschreiben, welchen Beruf er ergreifen sollte. Freunde außerhalb der Bewegung hatte er kaum noch.
Andere Aussteiger berichten, wie sie gedrängt wurden, nur innerhalb der Gülen-Gemeinde zu heiraten. In einigen Lichthäusern ist es verboten, fernzusehen oder solche Musik zu hören und Bücher zu lesen, die Gülens Ideologie widersprechen - wie die Werke von Charles Darwin und Jean-Paul Sartre. Manche Bewohner wurden genötigt, den Kontakt zu ihren Eltern abzubrechen, weil diese sich dagegen wehrten, ihre Kinder an die Cemaat zu verlieren.
Serkan Öz beschloss, aus dem Lichthaus auszuziehen. Er war nun ein Abtrünniger, und die Karriere-Türen, die sich ihm geöffnet hatten, schlossen sich. Öz wurde isoliert, er verlor seine Freunde und Bekannten, seine religiöse Heimat und, so sieht er es heute, seinen Platz in der Welt.
Die Deutschen haben sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Islam beschäftigt. Es gibt Islamkonferenzen, Forschungsprojekte über Integration. Über Gülen und seine Bewegung hingegen weiß die deutsche Öffentlichkeit fast nichts. Dabei hat hierzulande wohl kaum jemand so viel Einfluss auf die Muslime wie die Gülen-Gemeinde. "Sie ist die wichtigste und gefährlichste islamistische Bewegung in Deutschland", sagt die Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann. "Sie sind überall."
Mehr als hundert Bildungseinrichtungen betreiben Anhänger der Cemaat: Schulen, Nachhilfezentren. Sie haben um die 15 "Dialogvereine" gegründet, etwa das Forum für Interkulturellen Dialog Berlin (FID). Die Vereine organisieren Konferenzen, auf denen sich Rabbiner, Pfarrer und Imame treffen, sie laden zu Reisen nach Istanbul ein.
Gülen-Anhänger verlegen "Zaman", die auflagenstärkste Zeitung der Türkei, mit einer Europa-Ausgabe und Ablegern in aller Welt, sowie die Monatszeitschrift "Die Fontäne". Sie betreiben die Fernsehsender "Ebru TV" und "Samanyolu TV". Der Unternehmerverein Barex mit 150 Firmen aus Berlin und Brandenburg soll ebenfalls zum Netzwerk gehören.
Die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) sitzt im Beirat des Gülen-Vereins FID in Berlin. Andere Politiker wie der hessische Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP), der Christdemokrat Ruprecht Polenz und der langjährige Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) folgten Einladungen zu Veranstaltungen der Gülen-Gemeinde.
Einer der größten Erfolge der Cemaat ist das Tüdesb-Gymnasium in Berlin-Spandau. Die Schule hat einen guten Ruf: kleine Klassen, motivierte Lehrer, moderne Ausstattung - auf jeden Platz kommen mehrere Bewerber. Die Schüler, die meisten türkischer Herkunft, sprechen Türkisch und Deutsch, der Unterricht folgt dem Berliner Lehrplan, manche Lehrer haben von Fethullah Gülen noch nie etwas gehört. Andere sollen der Bewegung jedoch jeden Monat einen Teil ihres Gehalts überweisen. Lange Zeit gab die Schule an, überhaupt keine Verbindung zu Gülen zu haben. Inzwischen bekennt sich der Vorsitzende des Trägervereins Tüdesb offen zu Gülen.
Die Gülen-Bewegung hat zwei Gesichter: eines, das der Welt zugewandt ist, und eines, das sich vor der Welt versteckt. Undurchsichtig sind vor allem die Finanzen. Reiche Unternehmer geben Millionen, aber auch Beamte und Handwerker beteiligen sich an der Finanzierung von Gülen-Projekten. Durchschnittlich zehn Prozent ihres Einkommens stellen "Fethullahçis" der Gemeinde zur Verfügung, einige bis zu 70 Prozent.
Fethullah Gülen selbst inszeniert sich gern als bescheidener Prediger, er möchte wie ein muslimischer Gandhi wirken. Von ihm kommt das Mantra: "Baut Schulen statt Moscheen."
Bis er selbst in die USA zog, diente der Westen Gülen als Feindbild. "Bis zum jüngsten Tag", schrieb er 1979 in seinem Buch "Çag ve Nesil", werde man "kein menschliches Verhalten von den Westlern sehen". Türken, die sich Europa öffnen, verurteilte Gülen als "Schmarotzer", "Parasiten", "Blutkrebs". In einer Videobotschaft forderte er im November 2011 das türkische Militär zum Angriff auf kurdische Separatisten auf: "Lokalisiert sie, umzingelt sie, zerschlagt ihre Einheiten, lasst Feuer auf ihre Häuser regnen, überzieht ihr Klagegeschrei mit noch mehr Wehgeschrei, schneidet ihnen die Wurzeln ab, und macht ihrer Sache ein Ende."
Auch bestreitet Gülen die Evolutionstheorie; sie sei "unwissenschaftlich", eine "Illusion". Wissenschaftliche Fakten sind für ihn nur dann wahr, wenn sie mit dem Koran übereinstimmen.
Aufgewachsen war Gülen als Sohn eines Dorfimam in Anatolien. Gemeinsam mit Cemaleddin Kaplan, dem späteren "Kalifen von Köln", erhielt er Unterricht in einer Moschee in Erzurum, einer Stadt im Osten der Türkei. Zur gleichen Zeit begegnete er den Lehren Said Nursis, eines kurdischen Sufi-Predigers, und schloss sich dessen Gemeinde an.
Als Ankara in den achtziger Jahren im Kampf gegen den Kommunismus die türkisch-islamische Synthese beschwor, ergriff Gülen die Gelegenheit. Er gründete Schulen in der Türkei und im Ausland und beriet die streng säkulare Ministerpräsidentin Tansu Çiller.
In einer Predigt forderte er damals seine Schüler auf, ein neues muslimisches Zeitalter zu begründen. Er riet seinen Anhängern, den türkischen Staat zu unterwandern und sich konspirativ zu verhalten, bis die Zeit zur Machtübernahme reif sei: "Ihr müsst in die Arterien des Systems eindringen, ohne dabei bemerkt zu werden. Ihr müsst warten, bis der richtige Moment gekommen ist, bis ihr die gesamte Staatsmacht an euch gerissen habt. Wenn wir voreilig handeln, wird die Welt uns die Köpfe einschlagen, Muslime überall werden leiden. Es wäre, wie ein Ei zu zerbrechen, ohne die 40 Tage zu warten, bis das Küken schlüpft."
Als eine Aufnahme dieser Rede 1999 an die Öffentlichkeit geriet, musste Gülen aus der Türkei fliehen. Er behauptet, seine Worte seien manipuliert worden. Gülen lebt seither im Exil in den USA.
Seine Bewegung hat keine Adresse, keinen Briefkasten, kein Register, kein zentrales Konto. Gülen-Anhänger demonstrieren nicht für Scharia und Dschihad - die Cemaat operiert im Verborgenen. Fethullah Gülen, der Pate, bestimmt Kurs und Ausrichtung. Einige aus dem inneren Zirkel der Macht dienen Gülen seit Jahrzehnten. Sie kontrollieren die wichtigsten Unternehmen der Bewegung: Verlage, Stiftungen. Jede Weltregion wird in der Cemaat von einem "Bruder" verantwortet, wie Zentralasien und Europa. Über nationale und lokale "Brüder" setzt sich die Hierarchie bis in einzelne Stadtteile fort.
Dass die islamisch-konservative AK-Partei von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan 2002 die türkische Parlamentswahl gewann, mehrte Gülens Einfluss in der Türkei. Die beiden Lager seien zunächst eine strategische Partnerschaft eingegangen, glauben Beobachter: Gülen sicherte der AKP Wählerstimmen, Erdogan schützte die Cemaat. Nach Informationen von US-Diplomaten gehörten 2004 fast ein Fünftel der AKP-Abgeordneten der Gülen-Gemeinde an, unter ihnen der Justiz- und der Kulturminister.
Viele Staatsbeamte würden auf Befehl der "Gülen-Brüder" handeln, berichtet ein hochrangiger Aussteiger. "Sie waren unsere Schüler. Wir haben sie ausgebildet und unterstützt. Wenn diese dankbaren Kinder ihr Amt antreten, dienen sie weiterhin Gülen." Der ehemalige Polizeidirektor Adil Serdar Saçan schätzte 2006, die Fethullahçis würden mehr als 80 Prozent der türkischen Polizei in höheren Positionen stellen. "Es ist unmöglich zu beweisen, dass Mitglieder der Gülen-Bewegung die Polizei kontrollieren", meinte 2009 James Jeffrey, der damalige US-Botschafter in Ankara, "aber wir haben niemanden getroffen, der es bestreitet."
Das Gesicht der Gülen-Gemeinde in Deutschland heißt Ercan Karakoyun. Der 31-Jährige leitet den Berliner Dialogverein FID, dessen Ehrenvorsitzender Gülen ist. Karakoyun, Sohn türkischer Einwanderer, empfängt seine Gäste in einem Büro beim Potsdamer Platz, schmucklose, funktionale Möbel, hellblauer Teppichboden, im Regal stehen Texte von Fethullah Gülen, "Das Tagebuch der Anne Frank", die "Bibel in gerechter Sprache", ein Buch des protestantischen Theologen Heinz Zahrnt. Die Bücher scheinen wohlproportioniert ausgewählt: von allem etwas und bloß nichts Kontroverses. Sie sollen dem Besucher sagen: Seht her, wir sind die guten Muslime. Wir trauern um die Toten des Holocaust, wir sind auf der Höhe der theologischen Diskussion im Christentum, wir sind Demokraten.
Karakoyun fand über einen "Bruder" zur Bewegung, der ihn als Jugendlichen vor einer Moschee in Nordrhein-Westfalen ansprach. Er begann, Bücher Gülens zu lesen. Er begleitete den "Bruder" in die Türkei und engagierte sich in der Cemaat. Er rekrutierte Anhänger an der Universität und am Gymnasium. Er stieg in der Hierarchie auf, bis er selbst ein "Bruder" wurde.
Karakoyun erzählt in wohl gesetztem Deutsch davon, dass er und seine Gülen-Gemeinde bei "jeder Veranstaltung", die sie machen, Briefe, Mails und Anrufe von "den üblichen Verdächtigen" bekommen, die der Gemeinde schaden wollten und sie für eine gefährliche Sekte hielten. Für ihn sind das alles "Verschwörungstheorien".
Die Welt des Berliner Gülen-Anhängers besteht aus zwei Gruppen: den "Kritikern" und den "Sympathisanten". Als Beispiele für die Kritiker fallen ihm westliche Islam-Hasser, türkische Ultranationalisten und die Terroristen der kurdischen PKK ein. Als Unterstützer sieht er alle Menschen, die "an Dialog, Toleranz und friedlichem Zusammenleben zum Wohle aller" interessiert sind.
Das alles klingt harmlos, so tolerant wie friedlich. Aber was Kritikern widerfahren kann, erlebte Ilhan Cihaner in der Türkei: "Wer sich mit Gülen anlegt, wird vernichtet", sagt der ehemalige Oberstaatsanwalt. Er ist unter säkularen Türken ein Held, seit er 2007 gegen die Gülen-Gemeinde ermittelt hat. Cihaner hatte, wie er erzählt, Hinweise auf illegale Geldgeschäfte innerhalb der Cemaat erhalten. Auf Druck der Regierung sei ihm das Verfahren jedoch entzogen worden. 2010 wurde er verhaftet.
Cihaner wurde vorgeworfen, Mitglied des ultranationalistischen "Ergenekon"-Bundes zu sein, einer Verschwörergruppe, die den Umsturz der Regierung geplant haben soll. Selbst politische Gegner Cihaners halten die Vorwürfe gegen ihn für absurd. Der ehemalige Staatsanwalt hatte sich in der Vergangenheit als entschiedener Kämpfer gerade gegen mafiöse Netzwerke hervorgetan. Nun soll er im Auftrag "Ergenekons"geplant haben, Waffen in Wohnheimen von Gülen-Anhängern zu platzieren, um die Bewegung zu diskreditieren. Die Staatsanwaltschaft stützte sich in ihrer Klage auf die Aussagen anonymer Zeugen. Aufgrund mangelnder Beweise wurde Cihaner aus der Haft entlassen. Heute sitzt er für die Opposition im türkischen Parlament.
Ähnlich wie Cihaner erging es dem Istanbuler Journalisten Ahmet Şik. Kurz bevor sein Buch "Imamin Ordusu", Armee des Imam, über die Gülen-Bewegung auf den Markt kommen sollte, wurde der Autor im März 2011 verhaftet. Sein Verlag wurde von Sicherheitskräften gestürmt, das Buchmanuskript, in dem Şik beschreibt, wie die Gülen-Bewegung Polizei und Justiz in der Türkei unterwandert habe, wurde beschlagnahmt. Der Vorwurf: Der investigative Reporter sei Mitglied von "Ergenekon". Dabei hatte ausgerechnet Şik zusammen mit Kollegen im Wochenmagazin "Nokta" 2007 die geheimen Putschpläne eines "Ergenekon"-Admirals enthüllt und sich immer wieder mit dem Geheimbund angelegt. Vor einigen Monaten wurde Şik nach internationalen Protesten aus der Haft entlassen.
Im September 2010 wurde Hanefi Avci, ein früherer türkischer Polizeidirektor und einstiger Gülen-Sympathisant, festgenommen und beschuldigt, an der "Ergenekon"-Verschwörung mitgewirkt zu haben. Er hatte kurz zuvor in einem Buch Gülen-Kadern in der Polizei vorgeworfen, illegal Telefone ihrer Gegner abzuhören und Gerichtsverfahren zu manipulieren.
Dass Gülen hinter den Verhaftungen steckt, ist nicht zu beweisen. Er lebt zurückgezogen in den Bergen Pennsylvanias und tut gern so, als gingen ihn die Vorwürfe nichts an. Ein Interview mit dem SPIEGEL lehnte er ab.
Andere sprechen für ihn. Mahmut Çebi, der frühere Chefredakteur der Gülen-nahen Tageszeitung "Zaman", hat sein Büro im Haus der World Media Group in Offenbach. Der Journalist hat die Europa-"Zaman" aufgebaut, seit April arbeitet er als Autor für den Verlag. Die Europa-Ausgabe beziehen in Deutschland knapp 30 000 Abonnenten.
Çebi und die "Zaman" erklären den Lesern, wie sich die Welt aus Sicht der Cemaat darstellt. Die Zeitung druckt Texte Gülens und Auszüge aus dessen Predigten und Gedichten. Kritiker werfen "Zaman" vor, gezielt Falschmeldungen zu verbreiten, um Gülen-Gegnern zu schaden. Als Politiker der Partei Die Linke vor einigen Wochen Äußerung Gülens zu den Kurden rügten, behauptete "Zaman", Die Linke unterstütze die verbotene Kurdische Arbeiterpartei PKK. "Die Bewegung steckt bis zum Hals in schmutzigen Machenschaften", sagt Dani Rodrik, Professor für Wirtschaftspolitik in Harvard. "Zaman" unterstütze diese "Mafia" durch "Lügen, Fälschungen, Manipulation". "Es gibt keine Desinformation, die sie auslassen würden, um für ihre Sache zu werben", sagt Rodrik.
Mahmut Çebi widerspricht allen Vorwürfen. Seine Zeitung orientiere sich an den Idealen Gülens, empfange aber keine Aufträge von ihm. Gülen sei kein Sektenführer. "Er ist ein Philosoph wie Habermas."
(*) Beim Finale in Frankfurt am Main.
Von Popp, Maximilian

DER SPIEGEL 32/2012
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