06.08.2012

INDIENBlackout im Wunderland

Lange boomte der Subkontinent, doch nun schwächelt das Land. Mitschuldig daran soll jener Mann sein, der lange Zeit als großer Zauberer galt: Premierminister Singh.
Achtzig Jahre alt wird er im nächsten Monat, für die Maßstäbe indischer Politik mag das nichts Außergewöhnliches sein. Aber die Aura des Besonderen umgibt ihn schon: Manmohan Singh ist der erste Premierminister seit Jawaharlal Nehru und dessen Tochter Indira Gandhi, der die große Nation mehr als acht Jahre lang regiert und der weltweit unter seinesgleichen als äußerst beliebter Kollege gilt.
Auch US-Präsident Barack Obama zählte bis vor kurzem zu den Bewunderern des Premiers, Mitte Juli aber ließ er alle Höflichkeit fahren. Indien behindere in vielen Bereichen "ausländische Investitionen, die nötig sind, um in unseren beiden Ländern Arbeitsplätze zu schaffen", polterte er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Press Trust of India - zudem seien viele Menschen überzeugt, die Zeit sei reif für "eine neue Welle ökonomischer Reformen, um Indien konkurrenzfähiger zu machen". Schon das war nicht besonders diplomatisch. Dann legte das "Time"-Magazin noch mit einer bösen Story über den indischen Premier nach.
Manmohan Singh ist der Mann, der stets den blauen Turban der Sikh-Minderheit trägt, einen hochgeknöpften kragenlosen Anzug und eine Hornbrille. Der ein Land regiert, in dem 1,2 Milliarden Menschen leben - rund viermal mehr als in den USA -, und der trotzdem immer eine stoische Ruhe ausstrahlt. Insofern war auffällig, wie barsch sein Amt auf die Sätze des Amerikaners reagierte.
Per Twitter ließ es mitteilen, Indien sei laut einer Untersuchung das drittbegehrteste Land für ausländische Direktinvestitionen. Und sein Handelsminister schimpfte, Obamas Sichtweise weiche "von der Realität ab". Offenbar hatte der US-Präsident einen Nerv getroffen.
Premier Singh mag es nicht gern hören, aber Indiens Ruf als Wirtschaftswunderland verblasst, wie ein Menetekel schien der gigantische Stromausfall in der vergangenen Woche die Worte Obamas zu bestätigen. Für 700 Millionen Menschen, rund ein Zehntel der Weltbevölkerung, brach plötzlich die Stromversorgung zusammen. Eisenbahnen fuhren nicht mehr, Fabriken standen still, und in den Krankenhäusern brummten Dieselgeneratoren.
Nicht nur Delhi war teilweise lahmgelegt, auch der Punjab und Haryana waren betroffen, Uttar Pradesh und Rajasthan im Nordwesten, Westbengalen, Bihar, Orissa und Jharkhand im Osten - insgesamt 20 Bundesstaaten.
"Wie kann es sein, dass ein so großes Land wie Indien mit einer Milliardenbevölkerung und Atomwaffen nicht einmal seine eigene Hauptstadt mit Strom versorgen kann?", fragte sich Bobby John Varkey, Chefredakteur des "M Magazines" in Delhi.
Vordergründig war ein Versorgungsnetzwerk im Norden Indiens kollabiert, doch da Kraftwerke wie Stromnetze weitgehend vom Staat betrieben werden, sahen viele Inder darin nicht nur einen technischen Betriebsunfall. Sie sahen darin ein Signal, dass die Ära Singh zu Ende geht.
6,5 Prozent betrug das Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr, im ersten Quartal 2012 ist es auf 5,3 Prozent gesunken. Um die Armutsrate aber spürbar senken zu können, benötigt Indien mindestens acht Prozent. Die Rupie schwächelt, das Haushaltsdefizit wächst, eine Rating-Agentur drohte, Indiens Kreditwürdigkeit auf Ramschniveau herabzustufen.
Wenige trauen Manmohan Singh noch zu, die wachsenden Probleme des riesigen Landes in den Griff zu bekommen. Wie versteinert wirkt er in der Krise.
So schnell kann sich die Stimmung drehen: Jahrelang wurde Indien als Hightech-Wunderland gefeiert, das dem Nachbarn China bald Konkurrenz machen würde. Die Wachstumsraten beliefen sich oft auf mehr als acht Prozent. Es schien, als würde das Riesenreich in Südasien den Sprung aus der Armutsfalle schaffen.
Eine Mittelschicht begann sich herauszubilden, IT-Firmen schossen aus dem Boden, die Universitäten füllten sich mit hochmotivierten jungen Leuten, die Mumbai allemal Berlin vorzogen.
Die mächtigsten Menschen der Welt reisten nach Delhi, niemand wollte es sich mit dem zukünftigen Global Player verscherzen: Wladimir Putin und der britische Premier David Cameron kamen, Barack Obama, Nicolas Sarkozy und Chinas Premierminister Wen Jiabao. Angela Merkel pries das Land, das "zu den ganz großen in den nächsten Jahrzehnten" gehören werde.
Die sogenannten BRIC-Staaten - Brasilien, Russland, Indien, China - galten bereits als Achsenmächte einer neuen Weltwirtschaftsordnung. Für jene, die sich mit der Dominanz des aufstrebenden China nicht abzufinden vermochten, war Indien - die größte Demokratie der Erde - eine Alternative.
Doch dann wurde Indiens Aufschwung gebremst. Das hatte auch etwas mit der weltweiten Abschwächung des Wachstums zu tun, doch halten viele Inder die Regierung für den eigentlich Schuldigen. "Sie ist hochgradig korrupt", klagt Journalist Varkey: "Singh ist zwar ein integrer Mann, aber von den falschen Leuten umgeben."
Durch die Korruption entstand nach Schätzung des indischen Polit-Magazins "Outlook" seit 1992 ein wirtschaftlicher Schaden von über einer Billion Euro. Allein die Ausrichtung der Commonwealth-Spiele im Jahr 2010 hat Indien gut vier Milliarden Dollar gekostet, mindestens 15-mal so viel wie ursprünglich kalkuliert. Auch Kabinettsmitglieder und Parteifreunde wurden der Korruption bezichtigt - alles Männer, die ihr den Kampf angesagt hatten.
Singhs Niedergang ist fast schon tragisch. Der Mann, der in Cambridge und Oxford Volkswirtschaftslehre studiert hatte, dann beim Internationalen Währungsfonds war und schließlich Finanzminister in Neu-Delhi, hatte das Land Anfang der neunziger Jahre vorangebracht. Er galt als Vater des indischen Wirtschaftswunders, er hatte die Wirtschaft liberalisiert und sie für ausländische Investoren geöffnet. Privat blieb Singh bescheiden. 2004, als er Premierminister wurde, feierte ihn die britische BBC als den "saubersten Politiker Indiens".
Doch seit Singh 2009 die Wahl gewonnen hat, scheint ihm die Kraft auszugehen. Seine Pläne, den Einzelhandel für Investoren aus dem Ausland zu öffnen, scheiterten am Widerstand einflussreicher Parteifreunde aus der Kongresspartei und an einem der wichtigsten Koalitionspartner.
Fast zehn mitregierende Parteien bremsen seinen Elan, in vielen Bundesstaaten muss der Schulterschluss mit anderen Parteien gesucht werden. Das ist ein zermürbender Prozess, der zu Kompromissen zwingt. Sonia Gandhi, die große Dame der Kongresspartei, so heißt es, wehre sich zudem gegen eine allzu deutliche Abkehr von alten sozialistischen Idealen. Die gebürtige Italienerin, Witwe des ermordeten Ex-Premiers Rajiv Gandhi und Schwiegertochter Indira Gandhis, führt die Partei wie einen Familienbetrieb.
Sie gilt als Hüterin der Nehru-Gandhi-Dynastie, und sie sähe wohl am liebsten ihren Sohn Rahul als nächsten Parteichef und Premierminister. Doch auch von ihm ist in den Zeiten der Krise nichts zu sehen, viele zweifeln ohnehin daran, dass er ein fähiger Politiker ist.
Jüngeren Talenten gibt der Gandhi-Clan keine Chance, gegen die Parteichefin aber wagt niemand aufzubegehren. Sonia Gandhi ist im Land nach wie vor populär.
Womöglich muss Indien noch bis zum Jahr 2014 auf einen Neuanfang warten, dann finden die nächsten Parlamentswahlen statt. Wohl ohne Manmohan Singh.
Von Thilo Thielke

DER SPIEGEL 32/2012
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