06.08.2012

LANDWIRTSCHAFT

Urlaubsland in Mästerhand

Von Klawitter, Nils

Mecklenburg-Vorpommern gilt als Aufsteiger unter den deutschen Ferienregionen. Riesige Fleischfabriken könnten den Ruf des Landes nachhaltig ruinieren.

Wer abschalten und auftanken will, dem legen Tourismusexperten Mecklenburg-Vorpommern ans Herz. "MV tut gut", lautet der Slogan der Region, ein Land zum "Durchatmen".

Doch seit zwischen Seen und Naturschutzgebieten gigantische Hühner- und Schweineställe emporwachsen, ist das mit dem Durchatmen nicht mehr so einfach in MV. Statt frischer Ostseeluft durchweht das Land ein saurer Gülleduft.

In den betroffenen Gemeinden gärt es. Protestkreuze und -laken hängen an den Zäunen, Bauplätze werden besetzt, auch eine Halle brannte bereits. Sie gehörte einem Betrieb, der Land an den niederländischen Investor Adrianus Straathof verkauft hatte. Straathof hatte in Holland Ärger mit den Behörden, weil er Tierhaltungsvorschriften ignorierte.

In MV, der Heimat der DDR-Schweinefabriken, stieg er zu einem der größten Züchter Deutschlands auf. Vor vier Wochen stallte er an einem seiner umstrittensten Standorte in Alt Tellin seine ersten Tiere ein - über 10 000 Säue sollen hier dichtgedrängt in riesigen Ställen 250 000 Ferkel pro Jahr werfen.

Eine solche Entwicklung wollte Till Backhaus (SPD) eigentlich verhindern. Gern spricht der Agrarminister von nachhaltiger Landwirtschaft, von seinem Auftrag, über Generationen hinweg zu denken, und davon, übergroße Tierhaltungsanlagen zu verbieten.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Über zwei Dutzend neue Mastvorhaben hat Corinna Cwielag vom Bund für Umwelt- und Naturschutz gezählt - riesige Stallkomplexe, in denen pro Durchgang teilweise 400 000 Hühner gemästet werden können. "Mecklenburg-Vorpommern", so ihre Diagnose, "ist auf dem Weg, ein zweites Cloppenburg zu werden." Der niedersächsische Landkreis galt lange als Mekka der Mäster - so lange, bis die Böden mit lauter Gülle verseucht waren und die Menschen zu protestieren begannen.

Der BUND hat nun bei der EU eine Beschwerde gegen die Förderung von Intensiv-Tierhaltungsanlagen in Mecklenburg-Vorpommern eingelegt. Viele der Megaställe wurden auch mit EU-Geld gefördert, und zwar aus dem ELER-Fonds zur Entwicklung des ländlichen Raums. Arbeitsplätze sind dafür ein notwendiges und meist das einzige Argument. Die Umweltschutzorganisation informierte auch das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung: Oft würden große Mastprojekte künstlich in zwei Betriebsteile aufgespalten, um zweimal Förderung zu kassieren.

Die Anlagen in Gallin in der Nähe des Plauer Sees und in Klein Daberkow im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte seien solche Fälle, behauptet der BUND.

In Klein Daberkow bauen zwei Firmen acht Ställe für insgesamt 400 000 Hähnchen. Gehen die beiden Zwei-Millionen-Euro-Bauvorhaben durch, wonach es aussieht, bekommt jeder Investor ein Viertel der Summe geschenkt. Zufällig waren die zwei Millionen Euro bis zur Absenkung im Herbst 2011 genau der geförderte Höchstbetrag. Für Subventionsbetrug sah die Staatsanwaltschaft in Schwerin zwar keine Anhaltspunkte, doch die quasi identischen Förderanträge der Geschäftsführer der beiden Firmen, Friedrich-Ernst Wilfarth und Martijn Ritzema, machen die Anwohner bis heute skeptisch.

Ritzema gab als Anschrift Wilfarths Adresse an, zudem finanziert dieselbe niedersächsische Bank die zwei Projekte. Und beide wollen ihre Hähnchen an denselben Konzern liefern: die niederländische Plukon Royale Group, zu der die deutschen Marken Friki und Stolle gehören.

Werden hier also mit Steuergeldern des Landes und der EU Strohleute internationaler Konzerne kofinanziert? Nein, sagen die Investoren. Ritzema gab bei seinem Bauantrag allerdings seine Kontaktadresse bei Agrifirm an, einem niederländischen Futtermittelmulti, für den er als Geflügelexperte arbeitete und der an Plukon beteiligt ist.

Wer Friedrich-Ernst Wilfarth nach dem Vorhaben befragen will, ist gut beraten, keine Angst vor bissigen Hunden zu haben: Mitunter hetzt ein Schäferhund auf Hofbesucher zu, der erst im letzten Moment zurückgerufen wird. Die Aufregung um die Ställe kann Wilfarth nicht nachvollziehen, er baue schließlich keine Atombombe.

Angesichts der drastischen Überproduktion deutschen Hähnchenfleisches ist nur noch fraglich, wer all die Broiler essen soll. Ursprünglich wollten die Investoren den asiatischen Markt erobern, inzwischen setzen sie auf heimische Käufer. Wilfarth schwärmt vom Getreidehähnchen, das überwiegend Futter auf Basis selbstangebauter Feldfrüchte fressen soll.

Und von Jobs, die geschaffen werden. Genaueres verrät ein Blick in die Antragsunterlagen: Dort ist von 1,5 ständigen Arbeitsplätzen die Rede, für vier Ställe. Dass dies ziemlich wenig ist und dass die Förderung der Mega-Mast nicht ganz zu seinen Versprechen einer nachhaltigen Landwirtschaft passt, scheint inzwischen auch Minister Backhaus aufzugehen - die Förderrichtlinien wurden zumindest leicht überarbeitet.

Trotz des massiven Widerstands und zahlreicher gutvernetzter Bürgerinitiativen können betroffene Gemeinden wenig gegen geplante Riesenställe ausrichten. Es sei denn, sie haben einen Flächennutzungsplan, der solche Ställe ausschließt. Minister Backhaus kündigte zwar an, die Rechte der Gemeinden in dieser Frage zu stärken. Aber auf ein von ihm angekündigtes Entscheidungsrecht warten die betroffenen Bürgermeister bis heute.

Am Ende jedoch dürfen sich die Gemeinden mit den Problemen derartiger Anlagen herumschlagen. Investor Straathof, sagt ein Sprecher des Landkreises Vorpommern-Greifswald, sei beim Bau seines riesigen Schweinestallkomplexes in Alt Tellin nur "mit der Brechstange" und Zehntausenden Euro an Zwangsgeldern beizukommen gewesen. Mehrere Gebäude errichtete Straathof etwa ohne jede Genehmigung. "Er hält sich an nichts."

Straathof sieht das ganz anders. Fragen des SPIEGEL wollte er zwar nicht beantworten. Seine "Begeisterung für Ferkel" aber sei ungebrochen, und die Zusammenarbeit mit den Behörden sei großartig gewesen. Gern betont er, ohne jegliche Subventionen ausgekommen zu sein. Nach Alt Tellin, lässt der Niederländer noch etwas verschwurbelt wissen, sei er im Übrigen sowieso nur gekommen, weil zwei "Institutionen" ihn gerufen hätten. Wer das ist, will Straathof nicht verraten.

Aufschluss geben da vielleicht die Berater, die ihm zur Seite standen: Sie kamen von der Firma LMS, einem Tochterunternehmen des Landes.


DER SPIEGEL 32/2012
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