06.08.2012

INTERNET

Web-Offensive aus dem Osten

Von Bidder, Benjamin

Russische Online-Firmen jagen Google und Facebook Marktanteile ab und drängen nach Westen. Präsident Putin begrüßt den internationalen Expansionskurs - im Inland setzt er mit dem neuen Netzgesetz auf eiserne Kontrolle.

Ein verschwiegener Geschäftsmann aus dem Osten hat mit Mitarbeitern ein Loft im Londoner Stadtteil Soho bezogen, zwischen Schwulenbars und Esoterikläden. Ein großes Ziel treibt den Russen: Er will sein Internet-Start-up zu einem zweiten Facebook formen, "zur nächsten 100-Milliarden-Dollar-Firma", wie er sagt.

Der Mann, Mitte der Siebziger in der Sowjetunion als Andrej Wagnerowitsch Ogandschanjanz geboren, nennt sich heute Andrey Andreev, das geht Investoren leichter über die Lippen. Von seinen Büros in der britischen Hauptstadt lenkt er die Geschicke von Badoo, einem expandierenden digitalen Aufreißschuppen.

In Deutschland hat Andreev schon über 3 Millionen Nutzer. Weltweit sind es 157 Millionen, täglich kommen etwa 100 000 dazu. Badoo ist halb soziales Netzwerk wie Facebook, halb Dating-Service. Website oder Smartphone-App zeigen per GPS-Ortung an, wer gerade in der Nähe Lust hat auf einen Drink, einen Flirt oder einen Seitensprung.

Singles suchen bei Badoo die Liebe, untreue Ehegatten ein Abenteuer und Prostituierte neue Kunden. Andreevs Seite ist wie ein Nachtclub, mit dem Unterschied, dass niemand strippend auf die Bar klettern muss, um auf sich aufmerksam zu machen. Es reicht, ein paar Euro zu bezahlen, damit das eigene Bild besonders vielen Nutzern gezeigt wird. 150 Millionen Dollar Jahresumsatz macht Badoo. Gründer Andreev pflegt indes die Kommunikationspolitik eines Zuhälters: Er spricht nicht gern über sein Geschäft.

Andreev steht beispielhaft für Erfolge und Probleme russischer Internetunternehmer. Mit Kreativität und kühlem Streben nach Gewinn jagen sie US-Riesen wie Google und Facebook Marktanteile ab. Sie tun es mit dem Segen des Kreml.

Wladimir Putin, Oberst a. D. des sowjetischen Geheimdienstes, findet Gefallen daran, dass in Europas Cyberspace Machtverhältnisse herrschen wie im Kalten Krieg. Ähnlich wie Washington und Moskau damals den ganzen Kontinent unter sich in Einflusszonen aufteilten, so fechten amerikanische und russische Firmen heute die Vormacht über das Netz aus. Von den 20 populärsten Websites in Europa kommen Marktforschern zufolge 16 aus den USA, keine aus Deutschland, keine aus Frankreich, keine aus Großbritannien - aber 4 aus Russland. Der IT-Boom ist der bemerkenswerteste Erfolg der russischen Wirtschaft seit dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Putin verfolgt den Aufstieg zur digitalen Großmacht deshalb mit Wohlwollen. Russische Internetfirmen sollen Amerikas Dominanz brechen. Im Inland aber fürchtet er das Netz, in dem sich der Widerstand gegen seine Herrschaft formiert. Putin lässt deshalb heimische IT-Unternehmen von Staatskonzernen und einem kleinen Zirkel loyaler Oligarchen kontrollieren.

Hastig setzte er zudem in der vergangenen Woche das umstrittene Web-Gesetz in Kraft, das der Kreml erst Mitte Juli durch das Parlament gepaukt hatte. Es zwingt Internetanbieter zum Einsatz von Netzfiltern. Die neue Infrastruktur macht die Einführung einer umfassenden Zensur jederzeit möglich.

Das Gesetz ist Teil jener Offensive, mit der Putin drei Monate nach seiner Rückkehr in den Kreml Russlands aufsässig gewordene Bürger in die Schranken weisen will. Vergangenen Montag eröffnete ein Gericht den Prozess gegen Mitglieder der Punk-Band Pussy Riot, die in einer Kirche gegen Putin protestiert hatte. Am Dienstag erhob ein Staatsanwalt Anklage gegen Russlands berühmtesten Blogger Alexej Nawalny. Diesem drohen zehn Jahre Gefängnis.

So überrascht es nicht, dass die Männer, die in diesem Umfeld Geschäfte machen, zur Vorsicht neigen. Der Banker Alexander Mamut, 2,1 Milliarden Dollar schwer und Besitzer der auch in Amerika beliebten Blogging-Plattform Livejournal.com, meidet Interviews. Er fürchtet zu politische Fragen. Jurij Milner, ein Großinvestor bei Facebook, spricht lieber über Geschäfte in Übersee als über die Mail.ru-Gruppe, sein heimisches Web-Imperium, dessen Seiten etwa 70 Prozent der russischen Nutzer besuchen.

Milners wichtigster Geldgeber ist Alischer Usmanow, mit 18 Milliarden Dollar reichster Mann des Landes. Usmanows Ehefrau Irina betreut bei Olympia Russlands Rhythmische Sportgymnastinnen. Der Milliardär verdankt sein Vermögen Geschäften in der Gas- und Stahlbranche, aber auch seinem guten Draht zur Politik. Mit Putins Billigung kaufte Usmanow 2006 die Medienholding Kommersant. Dort vollstreckt er mitunter den Willen des Kreml. Als das ebenso einflussreiche wie rebellische Nachrichten-Magazin "Wlast", übersetzt Macht, im Dezember einen Stimmzettel abdruckte, auf den ein wütender Wähler mit großen roten Buchstaben "Putin, f... dich!" geschrieben hatte, feuerte Usmanow den Chefredakteur noch am Tag des Erscheinens.

Eine andere Internet-Branchengröße residiert in einem futuristischen Neubau im Zentrum von Moskau. Arkadij Wolosch, 48, Chef der Suchmaschine Yandex, sitzt in einem Büro mit Panoramafenstern. In der Ferne schimmern die goldenen Kuppeln des Kreml. Wolosch hat Yandex 2011 an die Wall Street geführt, das brachte 1,3 Milliarden Dollar. Die Russen sind nach Google und Microsofts Bing die Einzigen, die über einen umfassenden globalen Suchindex verfügen.

Umso wichtiger war es dem Staat, sich Einfluss auf Yandex zu sichern. Die von Putins Ex-Wirtschaftsminister German Gref geführte Staatsbank Sberbank besitzt eine goldene Aktie. Sie berechtigt, den Verkauf von mehr als 25 Prozent der Firma zu blockieren. Der Kreml will nicht, dass Yandex in ausländische Hände fällt. Die Firma sei von "strategischer Bedeutung", sagt Wolosch, so wie Gazprom, Pipeline-Betreiber oder Telefongesellschaften. 19 Millionen Russen besuchen täglich die Yandex-Seite, die auch Nachrichten präsentiert. In diesem Jahr erreicht das Unternehmen damit zum ersten Mal mehr Bürger als Russlands größter TV-Kanal.

3500 Menschen arbeiten bei Yandex, fast doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren. Die Suchmaschine ist mit 60 Prozent vor Google Marktführer in Russland, will den Amerikanern aber auch andernorts die Stirn bieten. In der Ukraine haben die Russen gerade von 18 auf 25 Prozent zugelegt.

Im September 2011 hat das Unternehmen erstmals das Gebiet des ehemaligen Ostblocks verlassen. In der Türkei will Yandex Google bis zu 20 Prozent Marktvolumen abjagen und lockt türkische Nutzer mit neuen Funktionen wie der Suche nach Koran-Zitaten und Staumeldungen für das chronisch verstopfte Istanbul.

Das Büro am Bosporus soll zum Brückenkopf werden für den Sprung auf den Weltmarkt. Die Russen wollen Länder mit Google-Vormachtstellung angreifen, in denen sich die Nutzer nach Alternativen zum Giganten aus Kalifornien sehnen: Brasilien, Thailand, Polen, und "auch Deutschland würde passen", sagt Wolosch. Seit Juni tastet Yandex den Markt zwischen Garmisch-Partenkirchen und Flensburg ab, einstweilen als Partner von MetaGer.de, einem Suchmaschinenangebot der Universität Hannover. "Yandex hat Treffer, die Google niemals finden würde", lobt Wolfgang Sander-Beuermann von MetaGer.

Yandex macht mit 622 Millionen Dollar Jahresumsatz 179 Millionen Dollar Gewinn, das entspricht der Umsatzrendite des Gasriesen Gazprom. Und der Markt ist noch lange nicht gesättigt: Im Vergleich zum Vorjahr wuchs der Quartalsgewinn von April bis Ende Juni um 76 Prozent.

Der Siegeszug der Suchmaschine ist beispielhaft für den Erfolg von Russlands New Economy. Im sogenannten Runet, dem russischen Segment des Internets, konnten einheimische IT-Pioniere wie Wolosch lange weitgehend unbehelligt von der Konkurrenz aus Amerika experimentieren. Amazon und Ebay fokussierten sich lieber auf die finanzstarken Märkte in Europa oder Asien, Google hatte mit kyrillischen Schriftzeichen und den Tücken der russischen Grammatik zu kämpfen.

Andrey Andreev konnte so, noch bevor es ihn nach London zog, in Moskau einen russischen Badoo-Vorläufer aufbauen und eine Firma für Internetreklame, die Google 2008 für 140 Millionen Dollar kaufen wollte. Das Geschäft scheiterte am Veto des Kreml. Das Runet sollte russisch bleiben.

Längst ist das Internet in Russland zum Machtfaktor geworden. Im vergangenen Jahr hat das Land Deutschland als größte Web-Nation in Europa abgelöst, 70 Millionen Menschen surfen zwischen Kaliningrad und Wladiwostok im Netz. Als der Kreml im Dezember erneut die Parlamentswahlen fälschte, schlug die Opposition online zurück und veröffentlichte im Internet Aufnahmen von Manipulationen. Das Staatsfernsehen verschwieg zwar die Existenz der Videos. Auf YouTube wurde der Clip, der zeigte, wie ein Vertreter der Wahlkommission Nr. 2501 Stimmzettel gleich reihenweise selbst ausfüllte, rund zwei Millionen Mal angesehen.

Ein Blogger war es auch, der dem Wahlkampf seinen Stempel aufdrückte. Alexej Nawalny, ein damals 35 Jahre alter Anwalt, hatte im Internet Politiker und hohe Staatsbeamte der Korruption bezichtigt. Nawalny nannte Putins Wahlverein "Einiges Russland" eine "Partei der Gauner und Diebe". Er traf damit den Nerv der Wähler, die sich über Filz und Vetternwirtschaft im Riesenreich empören. Trotz massenhafter Wahlmanipulation verlor "Einiges Russland" zwölf Millionen Wähler und stürzte auf unter 50 Prozent.

Seither sinnt die Partei auf Rache. Ende Juli wurde der Zugang zu Websites Nawalnys blockiert, angeblich war das ein Versehen. Der Blogger muss sich zudem vor einem Gericht gegen den Vorwurf wehren, er habe 2009 als Berater eines Gouverneurs Staatsgelder unterschlagen. Nawalny drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Seit Wladimir Putin im Mai das Präsidentenamt von Dmitrij Medwedew übernahm, ist das Klima rauer geworden - auch im Netz. Medwedew hatte sich als Kreml-Chef gern mit dem iPad in der Hand fotografieren lassen, bloggte und gab in Sonntagsreden den obersten Schutzherrn des Internets. Auch Putin pries das Netz noch im Dezember als "frei und im höchsten Maße demokratisch".

Das aber war nicht mehr als Wahlkampfrhetorik. Das neue Internetgesetz ermächtigt seit Anfang August Behörden, Websites ohne Gerichtsbeschluss zu blockieren. Offiziell will der Kreml gegen Kinderpornografie im Netz zu Felde ziehen. Die Technik, die Russlands Internetanbieter anschaffen, gleicht jener, die Chinas Zensoren der KP auch zur Blockade unbotmäßiger Websites einsetzten. Deep Packet Inspection (DPI) heißt das Verfahren, mit dem Homepages blockiert werden können und das die Überwachung von Chat-Programmen wie dem des auch in Russland populären Anbieters ICQ ermöglicht.

Das Bemühen des Kreml, den Einfluss des Internets zurückzudrängen, schürt Konflikte mit der aufstrebenden russischen IT-Branche, die immer selbstbewusster auftritt. So protestierte Yandex öffentlich gegen das Gesetz, weil es "die deklarierte Aufgabe zum Schutz von Kindern nicht erfüllt, aber theoretisch missbraucht werden kann".

In wenigen Ländern der Welt sind soziale Netzwerke so einflussreich wie im Riesenreich. Russische Nutzer verbringen dort im Schnitt rund zehn Stunden monatlich, fast doppelt so viel wie im weltweiten Durchschnitt. Schon fordern Hardliner die Schließung von Russlands größtem Facebook-Klon VKontakte.ru, weil der angeblich als Umschlagplatz für Kinderpornos dienen soll. Die Sicherheitsbehörden ärgert, dass die Seite Putin-Gegnern eine Plattform bietet, um Massenkundgebungen zu planen. Der Kreml fürchtet ein Szenario wie beim Arabischen Frühling, als Facebook und Twitter zum wichtigsten Kommunikationskanal der Demonstranten wurden.

VKontakte hat fast 110 Millionen Nutzer in ganz Osteuropa und einen störrischen Chef. Pawel Durow ist ein 27-Jähriger mit einem blassen Gesicht wie der Cyber-Rebell Neo aus der Kino-Trilogie "Matrix". Als ihn im Winter der Inlandsgeheimdienst FSB aufforderte, Foren zu schließen, in denen sich Zehntausende Russen zu Großdemos gegen Wahlbetrug verabredeten, leistete er öffentlich Widerstand. "Ich weiß nicht, wo das enden wird", twitterte er. "Aber noch stehen wir."

Auch Durow muss behutsam manövrieren, weil 40 Prozent seines sozialen Netzwerks Alischer Usmanow gehören, dem Web-Magnaten mit dem exzellenten Draht zum Kreml. Dennoch hat er ein "Bürgerliches Manifest" geschrieben, in dem er Freiheit für das Netz fordert - und hohe Strafsteuern für Öl- und Gaskonzerne, die wirtschaftlichen Pfeiler des Systems Putin. So will er endlich die Rohstoffabhängigkeit des Landes besiegen. Durows Manifest liest sich wie eine Kriegserklärung des neuen Russland an das alte.

Wie diese Kraftprobe ausgehen wird, ist völlig ungewiss. "Entweder das Internet vernichtet Putins Regime", sagt Julija Latynina, Star-Kommentatorin von Radio Echo Moskau, "oder das Regime zerstört das Internet."


DER SPIEGEL 32/2012
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