06.08.2012

JAGD„Ganz nah bei Gott“

Tausende Jagdtouristen reisen jährlich nach Afrika, um Großwild zu erlegen. Auf einer Ranch in Texas üben die Amateure den heiklen Abschuss von Elefanten, Nilpferden und Leoparden.
Bob Johnson hat das Gewehr mit beiden Händen fest gepackt. Leicht geduckt pirscht er den Hohlweg entlang. Plötzlich taucht links zwischen den Bäumen die Attrappe eines Elefanten auf.
"Bamm!" Wie Donnergrollen rollt das Echo des Schusses über die Hügel.
"Nachladen, Bob, nachladen!", kommandiert Doug Prichard, Cheftrainer der texanischen FTW Ranch. Ein zweiter Pappelefant klappt urplötzlich aus dem Gebüsch. "Gehirnschuss!", ruft Prichard. Johnson zieht das Gewehr hoch. "Bamm!" Und noch einmal: "Bamm!" Leere Patronenhülsen fliegen aus dem Magazin und klimpern zu Boden.
"Wir versuchen, die Schützen nervös zu machen", erläutert Prichard später, "das Herz rast, der Atem wird schneller, der Körper ist im Alarmzustand - so wird es später auch bei der echten Jagd sein."
Rund 18 500 Jagdtouristen reisen jedes Jahr nach Afrika, um Elefanten, Flusspferde oder Kaffernbüffel zu erlegen. Über 200 Millionen Dollar lassen sie jedes Jahr in jenen 23 afrikanischen Ländern, die derzeit die Großwildjagd erlauben.
Tierschützer bekämpfen diesen Blutsport seit langem. Sie halten die Großwildjagd für ein perverses Gemetzel. Doch das kümmert die wohlhabenden Jäger wenig, die hier im Süden des US-Bundesstaats Texas trainieren.
3950 Dollar muss zahlen, wer auf der FTW Ranch vier Tage lang erlernen will, wie man afrikanische Wildtiere waidgerecht zur Strecke bringt. Intensivtraining für die Begegnung mit "einer Beute, die dich in Stücke reißen will", verspricht Ranch-Eigentümer Tim Fallon. Tausende Dollar hätten die meisten seiner Kunden bereits in ihren Safari-Traum investiert: "Wir bieten ihnen realistische Jagdszenarien, damit sie sich sicher fühlen und optimal vorbereitet sind."
Fallon ist ein kräftiger Mann mit Vollbart und starken, ruhigen Händen. Seit 1996 lebt er in den von Eichen und Mesquitebäumen bestandenen Hügeln von Südtexas. Waffen und Großwildjagd sind sein Lebensinhalt. 20-mal war er selbst auf Safari. 35 Elefanten hat er in seinem Leben schon geschossen. Gewehre sammelt der Jäger "nach Kaliber", inzwischen sind es 265. In Waffenschränken aus dunklem Holz hat Fallon sie im Haupthaus seiner Ranch aufgereiht.
Am nahen Schießstand versammeln sich an diesem Morgen die Teilnehmer des SAAM-Safarikurses ("Sportsman's All-Weather, All-Terrain Marksmanship"), um ihre Gewehre einzuschießen. Bob und Janet Johnson sind aus Kodiak in Alaska angereist. Mit 200 Dollar ging das Paar einst in den Norden. Das Gewehr schulterte Bob damals noch, um das Essen aus dem Wald zu holen. Ein Heizungsinstallationsbetrieb machte die beiden reich. Nun sind sie Ende fünfzig, bereits im Ruhestand und wollen zum Ballern nach Namibia fliegen.
Mit dabei sind auch Mike Boyd aus Mobile in Alabama und seine Ehefrau Ginni. Er ist Direktor eines Krebsinstituts, sie arbeitete als Beamtin. Die Boyds haben so viel Geld, dass sie kürzlich zwei Millionen Dollar für die Krebsforschung spendeten. Nun wollen sie sich einen Lebenstraum erfüllen und zusammen fünf Wochen lang in Afrika auf die Pirsch gehen.
Das Ehepaar erscheint in olivgrünen Tarnanzügen zum Training. Ginni Boyd ist Jagdnovizin. In Namibia will die 65-Jährige Antilopen schießen. Ehemann Mike dagegen hat es auf Flusspferd und Büffel abgesehen. Deshalb legt er jetzt seine Blaser, Kaliber .458 Lott, zurecht, ein Gewehr mit monströser Durchschlagskraft.
Boyd stabilisiert die Waffe. "God's Pocket", Gottesmulde, nennen die US-Jäger jene Stelle knapp unter dem Schulterblatt, in die sie den Gewehrkolben drücken. Der Schütze atmet aus. "Squeeeeze", sagt Trainer Prichard, und Boyd zieht den Abzug durch. Der Krach ist ohrenbetäubend. Flammen schlagen aus dem Lauf. Tapfer hält Boyd die Waffe stabil. "Während des Schusses müsst ihr eure Welt einfrieren", predigt Prichard. Wer beim Abschuss auch nur zwinkert, verfehlt das Ziel.
Für die nächste Übung haben Prichard und sein Team die Fotos von Büffeln auf Holztafeln gepinnt. Aus etwa 20 Meter Entfernung üben die Schützen den Drill: Waffe hoch, anlegen, ausatmen, Schuss, nachladen, so geht es in einem fort. "Büffeljagd ist wie Nahkampf", doziert Prichard, "die Tiere greifen an; ihr müsst sie mit Blei vollpumpen."
Später sehen sich die Schüler ein Video an, in dem die Lage der "überlebenswichtigen Organe" erläutert wird: Elefant, Zebra, Kudu, Löwe - im Lehrfilm fahren die Kugeln wie Stromstöße in den Körper der Tiere. Einige der waidwunden Kreaturen rennen noch angeschossen weg. "Die Blutspur wird den Jäger zu seiner wunderschönen Trophäe führen", kommentiert der Sprecher.
Wie martialisch das alles klingt, fällt hier niemandem auf. Jagd sei Artenschutz, verteidigt sich Fallon: "In afrikanischen Staaten, in denen die Jagd verboten ist, geht die Wilderei nach oben."
So sieht das auch Kursteilnehmerin Tamela Moss, eine stämmige 49-Jährige, die hauptberuflich Jagdreisen nach Simbabwe organisiert. In wenigen Wochen will sie sich auch selbst wieder eine Exotenpirsch gönnen. Kudu, Elenantilope und Zebra stehen auf ihrer Abschussliste. "Die Großwildjäger versorgen die Leute vor Ort mit Jobs; das Fleisch der Tiere ernährt die Einheimischen", rechtfertig sich Moss. Bis zu 60 000 Dollar würden Jäger für eine Elefantentrophäe zahlen. Ein Großteil des Geldes bleibe im Land.
Dennoch verstört die offen zur Schau gestellte Blutlust. Abends in bierseeliger Runde berichten die Jäger von ihren Abenteuern. Bob Johnson etwa war jüngst in Nepal, um das Blauschaf zu jagen. "Zu dritt haben wir 39 Träger und Scouts beschäftigt", erzählt er. 30 000 Dollar kostete die Reise. Auf fast 4000 Höhenmetern gelang ihm schließlich der perfekte Schuss.
Johnson streckte ein Blauschaf mit rekordverdächtig langen Hörnern nieder. "Das Gefühl, sich an so ein Tier heranzupirschen, ist unvergleichlich", schwärmt der Jäger, "wenn man es dann erlegt, schlägt das Herz bis zum Hals."
Wenn er erzählt, glänzen seine Augen fast so sehr wie die Glasaugen jener stummen Zeugen, die den Salon der Ranch schmücken. Moschusochse, Elenantilope, Wasserbüffel, Gnu, Nilpferd und Hyäne glotzen wie Geister ins Rund. Über der hauseigenen Bar hängt der gewaltige Schädel eines Elefanten, den Ranchbesitzer Fallon einst in Simbabwe schoss.
Man ist hier stramm republikanisch. Im Fernsehen läuft der konservative Sender Fox News. Hinter der Bar steht ein aufblasbares Plastikschwein, aus dessen Hintern eine Obama-Puppe ragt.
Derbe Witze gehören zum Geschäft, genauso wie die Leidenschaft für alles, was schießt. Und doch fällt es schwer, sich die meist schon älteren Kursteilnehmer im Blutrausch vorzustellen.
Kindliche Freude vereint die angehenden Großwildjäger, wenn sie sich auf Fallons 5000 Hektar großem Abenteuerspielplatz durch die Büsche schlagen. Bob Johnson und seine Frau Janet beispielsweise wirken genauso sympathisch wie unbedarft. "Wir haben einen Deal gemacht", erzählt Janet Johnson, "er lernt tauchen, und ich lerne schießen."
Am folgenden Morgen liegt die 55-Jährige in dunkler Jeans und schwarz-weiß gemusterter Bluse auf einer Anhöhe im Dreck, die Füße nach hinten in den Boden gestemmt. "Mach dich fertig für das Flusspferd", bellt Trainer Prichard. In einem Teich, gut hundert Meter entfernt, ist eine Attrappe installiert. Johnson streicht sich die roten Locken aus dem Gesicht. Hochkonzentriert entsichert sie das Gewehr.
"Janet, auf was zielst du zuerst, Gehirn oder Wirbelsäule?", fragt Prichard. "Gehirn", antwortet Johnson. Dann spuckt ihre .375 Ruger Blei.
So geht es weiter. Auf Schienen haben die Trainer die Attrappen von Büffeln und Elefanten montiert. Ratternd rollt das mechanische Großwild auf die Schützen zu. Zwischendurch erläutert Prichard den "Zielbereich". "Bei dem hier habt ihr die Herz-Lungen- oder die Kopfschuss-Option", sagt der US-Navy-Veteran und deutet auf einen der Büffel. Ein anderes Tier senkt gerade den Kopf. "Schuss ins Rückenmark", empfiehlt Prichard trocken. Nach den Übungen kontrollieren die angehenden Großwildjäger die Einschusslöcher.
Auch eine Löwenattrappe wird ins Visier genommen. Dann wieder baumelt in luftiger Höhe eine Holzantilope an einem Ast - Köder für einen ebenso hölzernen Leoparden, der alsbald hervorklappt.
Höhepunkt des Kurses jedoch ist der Elefantenparcours. Prichard referiert die Eigenarten der Spezies. Beim frontalen Kopfschuss müsse die Kugel durch etwa einen halben Meter "Flüssigkeit, Fleisch und Knochen" dringen, um das Gehirn zu erreichen. Der Schuss sei schwierig, erläutert der Trainer, "aber wenn die Kugel durchkommt, kippt der Kopf nach hinten, und das Tier ist sofort tot".
Warum nur finden die Kursteilnehmer das Töten so lustvoll? Tamela Moss versucht sich an einer Erklärung. Die Jagdreiseveranstalterin hat schon Hunderte Jäger beim finalen Schuss begleitet. Die Kunden suchten die Grenzerfahrung, erläutert sie - je größer oder gefährlicher das Tier, desto besser.
"95 Prozent der Männer fallen auf die Knie und fangen an zu heulen, wenn sie ihren ersten Elefanten geschossen haben", berichtet Moss. "Ein so großes Tier zu erlegen ist wie der beste Orgasmus, den Sie sich vorstellen können. Da ist man so nah bei Gott, wie man es nur sein kann."
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 32/2012
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